Donnerstag, 27. Januar 2011

... von abgründigen Schwänen

Nachdem ich mich gegen den cineastenunfreundlichen öffentlichen Verkehr durchsetzen konnte, habe ich es nach Jahren wieder einmal ins Kino geschafft. Ziel war ein Kinderfilm, danach aber verkaufte ich Mann und Kind für einen schwarzen Schwan. 

Normalerweise eile ich (selbst wenn es die Verkehrslogistik mir Nichtbesitzerin eines Pkws zuließe) nicht in Filme, die aktuell in aller Munde sind. 

Aber bei "Black Swan" konnte ich schlichtweg nicht widerstehen. 

Ich liebe Schwanensee (ja, meine Protagonistin Anne lässt grüßen), schon seit ich als Kind die animierte Interpretation des Märchens gesehen habe. Sollte übrigens jemand wissen, wie der Trickfilm, der in den Achtzigern im - in meinem Falle - ostdeutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, heißt und ob er auf gewöhnlichem Wege zu bekommen ist, bin ich für Hinweise sehr dankbar. 
Seit den Aufführungen, die ich im Petersburger Mariinsky-Theater und im Moskauer Kreml-Palast gesehen habe, in denen Odette und Odile übrigens nicht von derselben Tänzerin interpretiert wurden, bin ich regelrecht schwanenseesüchtig. Ja, ich belästige meine Mitmenschen mit Inbeschlagnahme des Fernsehers, wenn Ballettaufführungen ausgestrahlt werden. 
Wahrscheinlich bin ich tief in mir eine potenzielle Ballettmutter und daher sehr froh, dass ich einen liebenswerten Sohn mit Babyspeck und vollkommenem Ballettdesinteresse habe. 

So stand es also gar nicht zur Debatte, dass ich "Black Swan" nicht ansehe. 

Nachdem ich schon seit Tagen mit meinem Online-Cineasten den Film zerpflücke, und das tue ich nur dann, wenn mich eine Umsetzung wirklich beschäftigt, schneite mir gestern die aktuelle Ausgabe der Nautilus - Abenteuer & Phantastik ins Haus, in der es ein Interview mit Regisseur Darren Aronofsky zu lesen gibt. 

Also kommt heute und an dieser Stelle doch auch mein Senf zu einer der diesjährigen Oscar-Hoffnungen.
 
In meinen Augen ist "Black Swan" kein Ballettfilm, will es auch nicht sein, sondern schreibt sich Psychothriller auf die Fahnen. 
Wenngleich ich den Thrill-Faktor persönlich vergeblich gesucht habe (kein Zusammenschrecken, kein Verstecken hinter dem Vordermann, kein Nägelbeißen angesichts nervenaufreibender Kamerafahrten in düsteren Gefilden ...), ist er doch eine Psycho-Studie, die sich nicht nur geschickt des Balletts, sondern auch - zwangsläufig - des Schwanenseethemas bedient, um psychologische Abgründe zu beleuchten.

Ich sehe die von Natalie Portman einzigartig dargestellte Tänzerin Nina Sayers als typisches Opfer einer "Stage Mom". 
In ihrem Falle war die Mutter selbst Tänzerin, hat es aber nie aus dem Corps de ballet herausgeschafft, denn sie wurde mit 28 schwanger (Nina ist also ein Unfall) und musste ihre Karriere aufgeben. 
So steckt sie also all ihre Energie in die Tochter, die als Erwachsene immer noch zu Hause wohnt und von der Mutter überfürsorglich gepampert, gleichermaßen aber auch unter Druck gesetzt wird.    
Und bereits dort, und nicht etwa erst in der nervenaufreibenden, schweißtreibenden Vorbereitung auf die große Rolle, liegt der Hund begraben, der im weiteren Verlauf des Films dazu führt, dass weder Nina noch der Zuschauer noch in der Lage ist, Realität und Wahnsinn zu unterscheiden. 
Auffällig ist, dass Natalie Portman im Film wenig Text hat. Ihre Darstellung lebt von Körperlichkeit und unterstreicht die seelische Unterdrückung ihres Charakters. Häufig folgt ihr die Handkamera oder beobachtet sie ohne musikalische Untermalung, wodurch sich rasch Beklemmung breitmacht. 
Ninas Stimme, und ich nehme hier Bezug auf die englische Originalversion, die ich erfreulicherweise nachträglich noch sehen durfte, ähnelt der eines kleinen Mädchens, wenn sie morgens der Mutter von ihrem Märchentraum erzählt und sich unangemessen euphorisch über die pinke Grapefruit freut, die sie zum Frühstück serviert bekommt. 
Perfektion strebt sie an, und es wird rasch klar, dass sie sich seit vier Jahren in der Company buchstäblich den Arsch abtanzt, sich aber mit netten, kleinen Rollen begnügen muss.
Und genau dieser Perfektionismus stellt ihr ein Bein, wie ihr auch Ballettdirektor Thomas Leroy (dargestellt von einem wunderbaren Vincent Cassel) unmissverständlich zu verstehen gibt: "I don't care about your technique ..." 
Obwohl Nina von Kindesbeinen auf Schwanensee getrimmt ist (eine Spieluhr in ihrem  rosa Mädchenzimmer lullt sie allabendlich mit den bekannten Melodien Tschaikowskis in den Schlaf), ist sie zu schüchtern (und innerhalb der Company vermutlich auch rückhaltlos alleingelassen), um mit fester Stimme ihre Chance einzufordern. Ein kläglicher Versuch endet in einer höchst unangemessenen Annäherung Leroys, die Perfektionistin Nina aber einmal so aus der Reserve lockt, dass sie tatsächlich die Rolle bekommt. 
Für Nina beginnt eine Gratwanderung, der sie emotional und psychisch nicht gewachsen ist. 
Auf der einen Seite ist da ihre Mutter, die sie als erste informiert, dass sie wirklich und wahrhaftig ausgewählt wurde. Verstohlen zieht Nina sich dafür mit dem Handy zur Toilette zurück, um ihrer Mutter mit piepsiger Kinderstimme mitzuteilen: "He picked me, Mommy!" Die Schwanenprinzessin, die stolzen Hauptes über diesen Etappensieg nach Hause fahren sollte, kauert sich innerlich zusammen, weil es in der Company niemanden zu geben scheint, der sich wirklich, ohne Neid und freundschaftlich mit ihr freuen kann. 
Am allerwenigstens freut sich die Ex-Primaballerina Beth (Winona Ryder, die hier zeigen kann, dass Hollywood sie nicht abschreiben sollte). Diese steht am Ende ihrer Karriere und wird die Company verlassen. Nina sieht, dass es für Beth offenbar kein Danach gibt. Beth verkörpert Ninas Ängste vor dem Abtreten, ohne auch nur einmal eine große Rolle getanzt zu haben. Obwohl die Primaballerina sich Nina gegenüber abfällig und gemein verhält, sie für frigide hält und ihr ein Verhältnis mit dem Ballettdirektor unterstellt, wird sie von ihrem drastischen Schicksal angezogen wie ein Gaffer am Tatort. 
Und da ist auf der anderen Seite Ballettdirektor Thomas Leroy, der sich die Rothbart-Rolle mit Ninas Mutter teilen darf und dessen Verhalten absolut unangemessen ist. In seinem eigenen Streben nach einer perfekten, emotionsgeladenen Aufführung will er Nina aus der Reserve locken. So fordert er sie nicht nur schlicht auf, aus sich herauszugehen, sondern fragt sie auch unverblümt, ob sie noch Jungfrau sei, und verlangt von ihr, zu masturbieren. Später legt er sogar selbst Hand an, nur, um Nina hungrig nach mehr im Ballettsaal stehen zu lassen. 
Lily, der Freigeist, der es mit der Strenge des Tänzerinnendaseins nicht so hat (rauchen, Cheeseburger essen, ausgehen, trinken, Drogen ...), aber aufgrund ihrer natürlichen Interpretation zu Ninas Zweitbesetzung bestellt wird, ist letzten Endes nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein im Leben der nervös-anorektischen Nina. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass Lily in der Schwanenseegeschichte einerseits der Prinz ist, der Nina zu retten versucht, andererseits aber auch der schwarze Schwan, der die Prinzessin in Rothbarts Auftrag betrügt. Aber das ist nur eine vage Vermutung ...

Aronofskys Film ist eine Geschichte voller Extreme, die sich sowohl in Charakteren als auch Handlung wiederfinden. 
Allein Ninas Mutter ist dermaßen ambivalent, dass sie schon  beinahe irreal ist. Sie hütet ihre Tochter, die als Erwachsene in Körper und Seele eines Kindes steckt, wie ihren Augapfel, kümmert sich um ihre geschundenen Füße, schneidet ihr die Nägel, weil das Kind in extremem nervösem Verhalten dazu neigt, sich die Haut vom Körper zu kratzen. Einerseits will sie, dass Nina etwas erreicht, achtet auf ihre Ernährung, setzt sie psychisch unter Druck, in dem sie ihr ständig vor Augen führt, dass sie nicht möchte, dass Nina ihr "Schicksal" erleiden muss. Andererseits nimmt sie im selben Atemzug den Druck mit einem "Ich wusste, dass es zu viel für dich werden würde" zurück. Sie malt und zeichnet Bilder von ihrer Tochter, pampert sie mit einem rosa Zimmer und Bergen von Kuscheltieren, sodass man sich fragt, wie alt Nina denn eigentlich ist. Und während sie an einem Tag noch Pink Grapefruit zum Frühstück serviert, wartet sie am Tag der frohen Botschaft, dass Nina die Rolle erhalten hat, mit einer fetten, rosa Torte auf, die die Tänzerin, deren Magen an streng dosierte Nahrung gewöhnt ist, überhaupt nicht essen kann. 
Dass Nina bei diesem Hin und Her überhaupt nicht mehr weiß, was sie wollen sollte oder tatsächlich will, und - laienhaft diagnostiziert - schizophrene Züge an den Tag legt, ist nicht verwunderlich. 
Sie will die Mutter nicht enttäuschen, aber sie will auch Leroy zeigen, dass sie so sein kann, wie er es will. 
Das Ausbrechen unterdrückter Sexualität generell, und zwar nicht etwa von lesbischen Neigungen, wie der Trailer glauben machen will, denn Nina sind Sinnlichkeit und Sexualität offenbar grundsätzlich fremd, ist eine logische Konsequenz, um die das als prüde verschriene Amerika wieder mehr Wind macht als notwendig.
Die Eskalation, in der "my sweet girl", wie Nina von ihrer Mutter genannt wird, tatsächlich zum schwarzen Schwan, der das Sich-Gehenlassen und Sich-Übergrenzenhinwegsetzen repräsentiert, verwandelt, ist vorprogrammiert. 
So drastisch, wie der Film sich in einem rasanten Dauerlauf nach den ersten eher verhaltenen 20 Minuten zeigt, so schockierend muss er enden. 

"Black Swan" erzählt, zugegeben auch mit einigen Klischees, dass Kunst harte Arbeit ist und Perfektion wohl nur unter Inkaufnahme von Verlusten verschiedener Art zu erreichen ist. 
Und er zeigt auch, dass Spiegel nicht lügen. Der Ballettspiegel ist Freund und Feind zugleich, denn er wird nicht blind gegenüber Fehlern und zeigt die unbeschönte Wahrheit. 
Deshalb sollte man den Spiegeln im Film eben nicht nicht vertrauen, sondern genau hineinschauen, denn sie zeigen ein Spiegelbild des Inneren.

Ein Film, der in meinen Augen der allgemeinen Oscar-Euphorie nicht ganz gerecht werden kann, aber Natalie Portman zu - Vorsicht! - Perfektion auflaufen lässt und sich erfreulich vom Einheitsbrei abhebt.

Kommentare:

Natira hat gesagt…

Meinst Du die japanische Version? http://www.youtube.com/watch?v=8XOqC9KZnz8&feature=related

Ich habe aber keine Ahnung, wo dieser Film zu bekomnmen ist ...

Sinje hat gesagt…

Hallo Natira,
mir schwant, dass das genau dieser Film ist.
Das Schlimme ist, dass wir ewig einen Schwarzweißfernseher hatten und ich den Film vielleicht nur ein oder zwei Mal gesehen habe, sodass meine Erinnerung arg ergraut ist.
Er kam aber definitiv im DDR-Fernsehen, weswegen ich ihn wohl für einen russischen Film gehalten habe und lange vergeblich in dieser Richtung gesucht habe.
Schnief, dass es ihn nirgends gibt.
Danke dir!
Sinje

Natira hat gesagt…

Wie es scheint, gibt es diesen Film noch für teures Geld auf VHS! Bei amazon.com ;) http://www.amazon.com/Swan-Lake-VHS-Nancy-Link/dp/6301005236/ref=sr_1_2?ie=UTF8&s=video&qid=1296157582&sr=8-2
Und es scheinen noch einige Fans darauf zu hoffen, dass er irgendwann mal auf dvd erscheint

LG Natira

Charlousie hat gesagt…

Wow, du hast dich aber wirklich ausführlich zu "Black Swan" geäußert. Ich habe ihn eben gerade im Kino angesehen und ich war echt geschockt! Aber ich hatte auch vorher schon richtig viel Angst, denn meine Freundin hatte ihn vor Monaten in Amerika gesehen und immer wieder davon erzählt und das hörte sich alles so.... "böse" an. Jedenfalls fand ich ihn toll und habe ihn wirklich gerne geguckt!
Ich wollte dir nur einmal sagen, dass ich dein Buch echt schön fand und mich schon riesig auf die Fortsetzung von Anne und John *seufz* und *schmacht* (!) freue! Ich wollte dir auch den Rezensionslink dalassen, damit du in allen Einzelheiten lesen kannst, was ich gut und oder weniger gut fand!(Falls du die Rezi noch nicht gesehen hast) http://leselustleseliebe.wordpress.com/2011/01/26/blutsuche-annes-reise-von-sinje-blumenstein-rezension/ Nur vorneweg, du schreibst wirklich schöne Geschichten mit ordentlich Überrschungseffekt, erging mir in der Anthologie auch schon so! Lasse dir noch einen wunderschönen Abend da und natürlich die liebsten Grüße!
Charlousie :D

Sinje hat gesagt…

Hallo Charlouise,
danke, dass du reinschaust und auch den Link gleich da lässt. Ich habe in den letzten Tagen nicht viel nach links und rechts schauen können.
Ja, Black Swan hat mich schon sehr beschäftigt und irgendwie musste das einfach in einem großen Gedankenschwall raus :D
Schnauf, und jetzt kann ich wieder besser schlafen.
Ich glaube, vor ein paar Jahren hätte ich vielleicht auch noch mehr geschockt reagiert. Nun hatte ich weniger Schreckmomente als vielmehr eine Art psychologische Beklemmung.
Als Kontrastprogramm hatte ich vorher ja Rapunzel :-)
Liebe Grüße
Sinje

Charlousie hat gesagt…

Habe dir den Link sehr gerne vorbeigebracht! tut mir übrigens leid, dass ich nicht im Wonderworld Forum an der Leserunde teilnahm, doch letztlich habe ich momentan echt viel zu tun und bin froh, dass das Lesen dennoch nicht zu kurz kommt. Dafür spare ich mir aber die Internetzeit extrem ein. Wünsche dir viel Erfolg beim Schreiben der Fortsetzung, bin ehrlich gespannt darauf, wie du diese ganzen Geheimnisse und losen Fäden verknüpfen wirst! ;)
Du hatest ja mal ein Problem mit der Namensfindung und da war irgendetwas mit Frankreich. Ich fände es schön, wenn es bei Frankreich bleiben wird. Wenn nicht, so oder so, ich freue mich EINFACH nur auf das aufklärende Ende und weiteren Szenen zwischen Anne und John, der sie BITTE doch finden mag, wo immer sie gerade ist! Gute Nacht!

mirjam hat gesagt…

Hallo Sinje,

Deinem Bericht nach zu urteilen, geht einem der "Black Swan" Film wirklich unter die Haut. Ich bin eine regelmässige Kinogängerin, trotzdem habe ich bislang nichts von diesem Film mitbekommen *kopfkratz* Ob es an mir liegt, oder vielleicht meinem Land? Dem werde ich nun mal nachgehen, denn ich muss zugebn, du hast mich neugierig gemacht. Ausserdem sehe ich Natalie Portman sehr gerne in Filmen. Kennst du "Mr. Magoriums Wunderladen"?

Rapunzel habe ich auch gesehen mit meinen beiden Sprösslingen, und sie haben sich sehr amüsiert. Vor allem meine Tochter hätte den Film gleich nochmals schauen wollen *g*

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende,
lg mirjam

Sinje hat gesagt…

Hallo Mirjam,
ich muss sagen, dass ich von dem Film erst erfahren habe, als ich mit meinem Online-Cineasten aus New York über verschiedene Filme gesprochen habe. Er erwähnte Black Swan, und ich fragte mich, wieso ich noch nichts davon gehört habe. Dann wollte ich einfach mitreden können.
Dafür kenne ich Mr. Magoriums Wunderladen nicht. Ich bin auch ziemlich sicher, dass er hier in der Provinz nicht lief.
Zuvor waren wir in Rapunzel, und ich habe noch einen Beitrag auf "Entwurf".
Ein Stromausfall stoppte mich beim weiterphilosophieren.
Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende!
LG
Sinje

Charlousie hat gesagt…

Ich bin es noch mal! Ich habe eben die Informationen zur Entstehung von "Blutsuche" gelesen und wollte dich fragen, ob du schon einmal etwas von epubli.de gehört hast?
Dort kannst du ähnlich wie bei BoD auch Bücher selbst veröffentlichen und eine ISBN haben, damit man es im normalen Buchmarkt auch kaufen kann UND das Format ist dort auch ein normales! ;)

Sinje hat gesagt…

Ja, kenne ich. Das Problem ist, dass die Preise bei allen POD-Anbietern seitenabhängig sind. Je mehr Seiten, umso teurer das Buch. Normales Format = kleiner = mehr Seiten. Ist bei Shakers so, epubli, lulu, BOD und und und.

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...