Mittwoch, 12. Januar 2011

Nachtschreck am Mittwoch

  oder: 

Man kann sich auch über Geschichten freuen, die vermeintlich auf derselben Idee fußen!

Was für eine Nacht!
Da meint man, den Stress des Tages endlich abgestreift zu haben, und gleitet unbemerkt hinüber ins Traumland. 

Doch plötzlich klopft der Wind mit aller Macht an, stößt gegen nur angelehnte Fenster und lässt sie bis zum Anschlag aufspringen. 
Das Herz macht Krach wie ein Presslufthammer, und man muss sich erst einmal vom Schreck erholen, die Augen nur langsam durch den dunklen Raum suchen lassen, bis man die Konturen wiedererkennt. 
Ja, und dann ist man wach, schleicht durch das alte Haus, folgt dem Wind, der durch die Ritzen keucht, auf der Suche nach allen Fenstern, die nicht mehr geschlossen sind. 
Nach und nach sperrt man einen Teil des Windes wieder aus. 
Soll er doch schimpfen und Regentropfen gegen die Fenster schleudern und die alte Eiche vorm Haus ins Wanken bringen. 

Ein Ziel aber hat er erreicht: Schlaflos hat er mich gemacht. 

Vergeblich liege ich neben einem erkälteten Schnarchen, die Arme vor der Brust gekreuzt, und merke, wie meine Finger ungeduldig auf der Bettdecke trommeln. 
Ich weigere mich, das Licht anzuschalten und den Schnupfenmann zu wecken. 

Barfuß schleiche ich mich somit aus der unmittelbaren Ansteckungszone zu meinem Rechner. 
Ein Fehler, sicher, das muss mir keiner sagen. 
Zum Buchlesen und Fernsehen habe ich allerdings so gar keine Lust. 

Kaum ist das Internet gestartet, fällt mir auch wieder ein, dass ich in dieser schlaflosen Nacht nicht auf meinen eifrigen Kommentarpartner aus New Mexico hoffen kann. 
Dort ist noch Dienstag, und das bedeutet bei ihm: Hausputz. 
Also keine Gespräche über verräterische Vorboten des Eintreffens bedrohlicher Außerirdischer, keine Diskussionen darüber, wie sich Drachenhaut anfühlen könnte. 
Option Nr. 2, mein Filmfan, hat Nachtschicht und sitzt nicht vor dem Rechner. 
Also auch hier keine eifrigen Dialoge über die Wirkung der zurückgenommenen Farben bei Supernatural oder Ridley Scotts Einsatz von natürlichem Licht in "Legende". 

Enttäuscht seufze ich auf, denn ich bin putzmunter. 
Na ja, Bäume ausreißen könnte ich nicht, aber ich bin auch nicht so müde, dass ich im nächsten Moment mit der Nase auf die Tastatur aufschlage. 
In diesem Moment beschließe ich, die bisher zur Anthologieausschreibung eingetroffenen Beiträge endlich selbst zu lesen. 
Bislang habe ich davon Abstand genommen, um meine eigene Idee umzusetzen. Das habe ich allerdings immer noch nicht getan, sondern meiner kritischen Jury etwas vorgelegt, was ich sozusagen noch auf Halde hatte. 

Hatte ich zum Buchlesen zuvor keine Lust, zieht mich die Geschichtenvielfalt doch schnell in den Bann.

Dabei treffe ich auf eine Geschichte, die bestätigt, dass sich mehrere Menschen gleichzeitig oder zeitversetzt wohl aus derselben Quelle Inspiration holen können. 
Ganz gleich, ob bewusst oder unbewusst.

Als ich im Sommer über Susanne O'Connells Stellvertreter-Ausschreibung brütete, war mir eine Geschichte in den Sinn gekommen und ich legte los: 
An einem meiner Lieblingsschauplätze, dem Strand, kniet nachts eine Frau im Sand. 
Während das Mondlicht (Lieblingsthema Nr. X) über ihren Rücken quillt, formt sie die feuchte Masse eifrig und gewissenhaft mit den Händen und lässt den Wind gemurmelte Worte durch die Nacht tragen. 
Als der Mann sie nach langer Suche endlich findet, hat er Mühe, sie von ihrer Skulptur loszureißen. Er legt den Arm um sie und führt sie weg vom Strand, zurück zum kleinen Ferienhaus. 
Nachdem sie hinter der Düne verschwunden sind, schwappt das Meer herüber und holt sich die kleine Skulptur, die aussieht wie ein Kind. 

Weitergeschrieben habe ich nicht, denn plötzlich erinnerte ich mich, dass die Idee aus einem russischen Märchen stammt, das mich immer, obwohl es gar nicht diese Absicht verfolgt, ein wenig traurig stimmt.
Es erzählt von einem kinderlosen Paar, das sich eines Tages im Winter ein Kindchen aus Schnee formen. Eine Sternschnuppe hat Erbarmen und erweckt die Schneeskulptur zum Leben. Einen Winter lang darf das blasse Mädchen bleiben, bevor es die warmen Jahreszeiten heimholen in das Sternenreich. 

Seltsam und fast schon ein wenig unheimlich ist es, wie Ideen wiederkehren, und schön ist es, zu sehen, wie unterschiedlich sie realisiert werden. 
Irgendwie bin ich fast dankbar, dass sich doch jemand dieser Idee erbarmt und sie  in neuem Gewand aufgeschrieben hat. 

Ich freue mich sehr über all die Geschichten, die uns bislang erreicht haben, und die Entscheidung wird sehr schwer fallen. 
 Nur gut, dass ich die ganze Last nicht alleine tragen muss, denn sonst verfolgt mich der Nachtschreck nicht nur am Mittwoch, sondern womöglich an sieben Tagen in der Woche.

1 Kommentar:

mirjam hat gesagt…

Liebe Sinje,

Da hätte ich gestern Nacht nicht in deiner Haut stecken wollen! Ich bin ja ein furchtbarer Schisshase *g*
Aber dafür wäre ich gerne an deiner Stelle gewesen, als du dir die Geschichte zu Gemüte führen durftest.
Wirklich interessant, dass gleich mehrere Schreiberlinge dasselbe Thema aufgegriffen haben. Manchmal sind die Wege der Fantasie unergründlich ;)

liebe Grüsse, mirjam

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