Dienstag, 11. Januar 2011

Märchentantendienstag

oder: 

Wenn die Inspiration nicht kommen will, muss man sie selber holen oder einfach mal in Nostalgie herumpaddeln.

Davon abgesehen, dass ich mich mit so schnöden Dingen, wie Buchhaltung befassen müsste, rückt ein Einsendeschluss immer näher, den ich schon an mir vorüberziehen sehen kann. 
Um neben der erhofften märchenhaften Inspiration auch noch den Arbeits-, Weiterbildungs- und Sprachauffrischungsvorwand zu bedienen, habe ich also eine DVD in den Player geschoben und meine linguistischen Ohren gespitzt. 

Objekt der Begierde war die russische Aschenputtelversion aus dem Jahr 1947: Zolushka.

Man darf mich gerne eines Besseren belehren, aber ich bilde mir, dass ich diesen Film erstmals als Kind gesehen habe. Theoretisch müsste es ihn also auf Deutsch geben. Bislang habe ich allerdings vergeblich nach einer deutschen Fassung gesucht, was für den Sprachauffrischungsvorwand natürlich perfekt ist. 

Ganz sicher aber weiß ich, dass wir uns während des Studiums in einer freiwilligen Arbeitsgemeinschaft außerhalb des regulären Unterrichts einmal näher mit diesem Film befasst haben. 
Seitdem, und da ist wirklich schon jede Menge Wasser den Bach runtergerauscht, hatte ich mir vorgenommen, ihn mir zuzulegen. Welch Wunder, dass ich es endlich geschafft habe. 

So flimmerte heute Vormittag eine etwas angestaubte s/w-Version über den Fernseher. 
Der Märchenklassiker wurde zwar unter großem Aufwand restauriert und sogar koloriert,  trotzdem habe ich nur die weniger aufwändige Version.

Hatte ich erwähnt, dass ich Ascheputtel einfach liebe?
Und ganz besonders hat es mir neben der unumgänglichen Defa-Variante eben Zolushka angetan. 
So nebenbei weckt das russische Aschenputtel zusätzlich den s/w-Nostalgiker in mir, sodass ich natürlich höchst geneigt bin, über die leicht antiquierten gemalten Hintergründe, die bühnenhafte, aber nicht minder liebevollen Inszenierung und die Spezialeffekte hinwegzusehen, die heute sicherlich ebenso angestaubt wirken, wie die echten Staubflecken, die sich und und wieder im Bild zeigen. 

Auch in dieser Märcheninterpretation unter Regie von Michail Schapiro steht Aschenputtel (dargestellt von Janina Shejmo) unter der Fuchtel der Stiefmutter und ihrer beiden Stiefschwestern. Und nicht nur sie, sondern auch ihr Vater, der sich vorzugsweise mit Waldaufgaben in selbigem herumtreibt, um seiner nervtötenden Ehefrau und deren ebenso nervtötenden Töchtern aus erster Ehe zu entkommen.
Das zierliche blonde Aschenputtel sorgt für das Haus, trägt schmutzige Kleidung und klobige Holzschuhe. Vom wahren Glück träumt es, ist aber dennoch recht lebensfroh und tanzt, wenn keiner zusieht, gerne einmal fröhlich durch die Küche. 
Sie alle leben in einem Märchenreich, das von einem König regiert wird, der, ähnlich der Disney-Animation, das komische Element der Geschichte darstellt. 
Er ist nicht ganz so ernst zu nehmen und beschließt bei jeder Widrigkeit, und sei sie noch so geringfügig, abzudanken und ins Kloster zu gehen.
Dabei schmeißt er die Perücke von sich und benimmt sich wie ein kleines Kind.
Selbstverständlich ändert er bei Klärung seine Meinung und lässt sich Haar und Würden umgehend zurückgeben.
Zu Beginn begegnen sich der König und Aschenputtels Vater im Wald und klagen einander ihr Leid.
Insbesondere beklagt Aschenputtels Vater, wie sehr im die Frau zusetze, weil sie unbedingt zu dem geplanten Ball wolle, hinter dem natürlich die hoffentlich baldige Vermählung des Königssöhnchens (dargestellt von Aleksei Konsovsky) steckt.
Auf besagten Ball dürfen jedoch nur jene Damen, die im Verzeichnis der führenden Schönheiten des Reiches geführt werden. Dass nun Stiefmutter nebst ihren Töchtern da nicht verzeichnet ist, wundert wahrlich keinen. 
Entsetzt über derartige Ereignisse in seinem Märchenland bekommt der König einen seiner Abdankabfälle und um die häuslichen Wogen zu glätten, lädt er nicht nur die Nervensägen, sondern auch Aschenputtel ein.
Sogar Aschenputtel wird eingeladen, aber wie wir wissen, bekommt sie von der Stiefmutter, die ihr von früh bis spät Undankbarkeit vorwirft, so viele Aufträge, dass sie es sowieso nicht schaffen würde, selbst wenn sie ein Kleid hätte. So schuftet das Mädchen also den ganzen Abend, bügelt, sortiert säckeweise Korn ...
Aber auch in der Lenfilm-Produktion gibt es eine gute Fee, die in Begleitung eines kleinen Pagen auf einer Wolke herbeigeflogen kommt. Sie ist dem fleißigen Mädchen wie eine Patin sehr zugetan und meint, jedes Mädchen müsse auf einen Ball gehen dürfen, wenn es dies verdiene. Also beschließt sie, dass Aschenputtel die viele Arbeit abgenommen wird, zaubert ein wenig in Perraultscher Manier und lässt Aschenputtel  mit den bekannten Zeitvorgaben in der Kürbiskutsche zum Schloss bringen.
Dort begegnet das aufgeputzte Mädchen zunächst dem König, der es persönlich überschwänglich in Empfang nimmt und dem es noch auf der Treppe die defekte Halskrause flicken muss, damit er nicht sofort ins Kloster geht.
Dann wird Aschenputtel dem Prinzen vorgestellt, und dank ihrer unbeschwerten Freude, mit der es (Kinderlieder) singt und tanzt, wird die bis dahin steife Veranstaltung zu einem amüsanten Fest.
Mit dem Prinzen versteht sie sich sofort gut, doch als beide sich zum (typisch russischen) Eisessen auf die Terrasse zurückziehen wollen, ist es kurz vor zwölf.
Bekanntermaßen entwischt die vermeintliche Prinzessin und hinterlässt einen gläsernen Schuh.

Janina Shejmo war bereits 38 Jahre alt, als sie die Rolle des Aschenputtels erhielt, und dank ihrer zierlichen Gestalt nimmt man ihr das jugendliche Aschenputtel auch größtenteils ab. Allerdings muss man sagen, dass der nur drei Jahre jüngere Aleksei Konsovsky ungleich jünger wirkt, man ihn in seiner ersten Szene beinahe für einen kindlichen Thronfolger halten möchte.
Trotzdem tut das der charmanten Umsetzung der Geschichte keinen Abbruch.
Aschenputtel ist so liebenswert und unüberheblich, dass man ihr einfach gerne zuschaut.
Auch der König hat so gar nichts Steif-Royales und sorgt für den einen oder anderen Schmunzler.
Amüsant sind auch kleine Szenen, wie die, als die Steifmutter mit den Töchtern im Ballsaal sitzt und minutiös verzeichnet, wie oft der König bzw. Prinz welche Tochter angelächelt und wie oft er was gesagt hat (z. B. "zu mir hat der König einmal "Hier zieht es." gesagt), oder als der König seine Minister vorstellt.

Einen pädagogischen Unterton kann man in diesem Familienfilm zwar wahrnehmen, aber die Werte Höflichkeit gegenüber Älteren (bzw. hier auch Höhergestellten), Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit sind ja nicht wegzudenkender Bestandteil von Märchen.

Vorwürfe einer regimefreundlichen Märchenumsetzung kann ich übrigens nicht nachvollziehen, denn "Zolushka" ist schlichtweg eine herzerwärmende, auch in s/w funkelnde Kostbarkeit, die man nicht versäumen sollte (wenn man Russisch kann bzw. sich an Russisch mit englischen Untertiteln wagen möchte).


Dem Internet sei Dank gibt es im Anschluss noch einen Einblick in die sehr schöne, aufpolierte Farbfassung.

Ich aber fühle mich wieder etwas mehr inspiriert und werde mich nun tatkräftig an eine aschenputtelfremde Geschichte setzen.



Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...