Mittwoch, 19. Januar 2011

Kleine Leseprobe aus "Avatare, Roboter & andere Stellvertreter"

 Nach der Leseprobe aus meiner in "LeseBlüten Prosa 2010" erschienenen Kurzgeschichte "Sternenkind" gibt es heute einen kleinen Auszug aus meiner Kurzgeschichte "Fruchtmond", die in Susanne O'Connells Anthologie "Avatare, Roboter und andere Stellvertreter" aufgenommen wurde. 

Im wöchentlichen Wechsel gibt es auf Susannes HP derzeit noch Leseproben aus allen Geschichten dieser vielfältigen, für den Vincent Preis nominierten Sammlung. 

In meiner Kurzgeschichte "Fruchtmond" geht es eigentlich um zwei "Stellvertreter", einer davon ist der Mond.

„Nein, lass sie offen!“
Marama verharrte mit ausgestreckten Armen, als die Aufforderung mit seinem sinnlichen Atem ihre Schulter streifte. Langsam legte sie dennoch die Hände auf das spröde Holz der Fensterläden und strich darüber, bis sie den Griff fand, an dem sie nur ziehen musste, um den runden Mond, der klar und blendend über dem Berg strahlte, auszusperren.
„Aber heute ist Vollmond. Ich werde kein Auge zutun, wenn er weiter hereinschaut“, erwiderte sie, ließ sich jedoch von ihrem Vorhaben ablenken, als sie spürte, dass er langsam die winzigen Ösenknöpfe entlang ihrer Wirbelsäule öffnete.
„Heute sollst du nicht schlafen“, flüsterte er und knabberte sich über die zarte Haut ihres Halses bis zu ihrem Ohrläppchen empor. Brennende Röte explodierte auf Maramas Nacken und bahnte sich rasend einen heißen Weg zu ihren alabasterweißen Wangen.
„Todd … die Gäste …“, wies sie ihn schwach zurecht und versuchte, sich vom Fenster wegzudrücken.
Er knurrte genüsslich, als das cremefarbene, viel zu teure Seidenkleid von Maramas Körper glitt und ihr Korsett offenbarte, und erinnerte sie: „… beide Mütter abgereist ...“
Während er sie behutsam aus ihren Wäschestücken schälte, berührte sie verträumt den Ehering, der seit dem Mittag trotz seiner Schlichtheit Sonnen- und Mondlicht Konkurrenz machte.
„Mein Füchslein …“, murmelte er in ihr Haar, nachdem er den festen Knoten gelöst hatte und es füllig über ihren nackten Rücken floss.
Sie kicherte ob des Kribbelns und maßregelte ihn halbherzig: „…nenn mich nicht immer so, Todd Voss!“ Dann ließ sie sich von ihm mit einem sanften Ruck aufs Bett ziehen, sodass ihr kupferfarbenes Haar sie beide einhüllte wie ein Meer aus kühlender Seide. Marama schloss die Augen und genoss die Gänsehaut, die sie immer befiel, wenn Todd sie küsste. Als er sie zur Frau nahm, spürte sie, wie die langen, silbernen Strahlen des Mondes über ihren Rücken glitten und sie im Wechselspiel von sengender Hitze und kühlem Prickeln gleichsam neckten wie lockten.
Später stand Marama am Fenster und beschloss, dass es ihr gefiel, verheiratet zu sein. Endlich, dachte sie und seufzte, während sie ihrem Herzschlag lauschte. Aufgeregt und überhastet pumpte es Blut durch ihren Körper, ein Umstand, den sie auf das unbeschreibliche Glück ihrer ersten Nacht zurückführte. Verträumt ließ sie sich vom lauen Nachtwind streicheln und dachte vorfreudig an die Zeit, die ihr mit diesem Mann bevorstand.
Ja, endlich ist er ganz mein, kam es ihr in den Sinn, und sie gewährte der Erinnerung an den ersten Vollmondabend, an dem sie ihrem Helden begegnet war, Einlass. Sie war auf dem Heimweg mitsamt Wäschekarren in den winterlichen Bach gefallen, weil der große Fremde urplötzlich aus dem Wald getreten war und ihr Pferd verschreckt hatte. Sie erfuhr nie, was Todd damals dort tat, wichtig schien einzig und allein, dass er nicht nur eine fiebrige Erinnerung geblieben war, sondern gemeinsam mit ihrer Mutter dafür gesorgt hatte, dass sie die Lungenentzündung überstand. Seither war er in ihrem Leben - klug, für einen einsiedlerischen Wildhüter bemerkenswert eloquent und stets mit offenem Ohr. Drei Jahre lang hatte er sie kunstvoll und altmodisch zurückhaltend umgarnt, bis sie endlich eingewilligt hatte, seine Frau zu werden, im Spätsommer ihrer Großjährigkeit, an einem Tag, dem eine Vollmondnacht folgte, genau wie am Tage ihrer Geburt.

Eine Ehefrau, wie es sich geziemte, wollte sie sein. Sie würde sich um sein – ihr – heimeliges Haus in den bewaldeten Bergen kümmern, wo sie allein waren, nachdem ihre Mutter sicher war, dass sie es im ehelichen Heim gut hatte, und mit der neuen Eisenbahn abgereist war. Und sie würde dieses Haus mit seinen Kindern füllen.
Sie betrachtete ihre Finger, die angespannt auf dem Fensterrahmen lagen, als warteten sie auf einen Moment, in dem sie sich festklammern müssten. Der Mond spielte mit ihr. Seine Strahlen krochen zwischen ihren Fingern nach oben, wanden sich um ihre Handgelenke, und bald zerrten sie an ihr.
„Ich fühle mich seltsam“, gestand Marama und konnte die leichten Schauer, die durch ihren Körper vibrierten, nicht verhindern. Todds Lächeln sah sie nicht, als er aufstand und sich fest an sie schmiegte. „… irgendwie betrunken“, fuhr sie fort und schüttelte den Kopf, denn sie erinnerte sich, dass sie beim bescheidenen Hochzeitsessen lediglich ein Glas Met getrunken hatte.
Sie strich ihr welliges Haar nach vorn, um ihre Blöße zu bedecken und lehnte den Kopf an Todds Brust. Eine Hitzewelle durchfuhr Marama, während ihr Herz auffällig stolperte, obgleich dieses Mal nicht die Erregung in Gegenwart des festen Männerkörpers schuld daran war.
Ihre Haut brannte wie Feuer, und als Blut in ihren Ohren stürmische Wellen zu schlagen begann, entfuhr es ihr: „Oh, mir geht es gar nicht gut!“
Ihr Oberkörper krümmte sich nach vorn, als müsse sie sich übergeben. Todd fuhr mit der flachen Hand über ihren weißen Rücken und berührte sacht die Erhebungen der Knochen, die ihre schmale Gestalt preisgab.
„Das ist normal, mein Füchslein“, murmelte er abwesend und sah ebenfalls hinauf zum Himmel, wo der Mond scheinbar näher rückte. „Deine Verwandlung beginnt nun.“
 
Mehr gibt es natürlich in Avatare, Roboter & andere Stellvertreter


(c) SB, 2010

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