Samstag, 8. Januar 2011

Erinnerungsscherben

 
Gerade habe ich dir ungehalten "Zähneputzen!" befohlen. 
Nach deinem Blick bin ich froh, dass ich noch lebe. Ein lautes Scheppern im Badezimmer ist meine Strafe. 
Mit einem Stöhnen mache ich mich auf den Weg ins 5-m2-Seifenparadies. 
Vor dem Schlafengehen Aufregung vermeiden, höre ich im Geiste deine pädagogisch diplomierte Oma sagen und quetsche mich zwischen Waschbecken und Wanne, um die Glasmisere zu betrachten.
"Entschuldigung, Mama!"
"Ist nicht schlimm."
Das meine ich auch so. 
Hauptsache, du trittst nicht in den Unfall. 
Dein Beinbruch hat uns genügt.
Mehr Krankenhaus brauche ich nicht. 
Du auch nicht.
Mit kindlicher Treffsicherheit hast du beim Griff nach der Zahnbürste das (fast) einzige Glas in diesem Raum erwischt. Nur gut, dass es nicht der Spiegel war. 
Ich fange an, die großen Scherben zusammenzulesen, während du hinter mir stehst und pflichtbewusst deine Zähne malträtierst. 
"War dasch koschtbar?", willst du wissen, aber ich antworte nicht, weil ich mittlerweile flach auf dem Boden liege und halb unter die Toilette rutschen muss, um an ein fieses Stück zu gelangen, das wohl den Preis im Verstecken gewinnen wollte. 
"Mama, dasch war nicht koschtbar, oder?", lässt du nicht locker.
Ich stoße mir den Kopf am Waschtisch, als ich mich aus meiner Lage hieve, denn ich will dich ansehen, bevor ich antworte. 
Natürlich muss ich dich erst anweisen, dass du noch mal richtig an die obere Kauleiste ran musst. Geschludert wird hier nicht. 
"Doch, irgendwie schon", sage ich mütterlich-mysteriös.
Dann erzähle ich dir, dass wir es am Tag vor deiner Geburt gekauft haben. 
Während ich scheinbar weiter mehr Scherben einsammle, als ein gläserner Zahnputzbecher je produzieren kann, beginnen meine Erinnerungen beim Urschleim, den ich in meiner Erzählung auslasse, weil er dich kaum interessieren dürfte. 

Trotzdem höre ich wieder die Hebamme, die auf meinem Bauch herumdrückt, was immer so unangenehm ist, dass ich ihr gern eine funken möchte. 
"Das Bübchen ist noch nicht soweit, Frau", stellt sie fest und ich will ihr das "Bübchen" um die Ohren hauen, weil ich Rückenschmerzen habe. 
An Berechnungen willst du dich nicht halten, denn an diesem Tag, der dein Entbindungstermin sein soll, machst du keine Anstalten, dich auf den Weg zu machen. 
Mit hochroten Köpfen sitzen dein Vater und ich im Sprechzimmer der noch jungen und einschüchternd hübschen Ärztin. Sie rät uns,  "uns noch einmal ordentlich lieb zu haben", das würde dich schon überzeugen. Wenn nicht, müsse ich eben am Samstag ins Krankenhaus zur CTG-Kontrolle. Alles normal. Kein Grund zur Aufregung. Das "Bübchen" werde schon selbst entscheiden. 
Dann schickt man uns heim, aber anstatt der empfohlenen Inniglichkeit nachzugehen, schippern wir zum schwedischen Möbelhaus, planen den Umzug. 

Stundenlang diskutieren wir über Küche, Schlafzimmer, Büro. 
Typisch: Ich will das, er nicht. Er rustikal dunkel, ich modern hell. 
Irgendwie bist du gar nicht dabei. 
Meinem Rücken geht es wieder prima, aber meine Füßen zeugen von Elefantenverwandtschaft.
Langsam verlässt mich die Lust, aber ein paar Kleinigkeiten und ein Hot-Dog müssen sein, bevor wir tatsächlich noch zum neuen Heim losfahren. 
Die Nachricht, du seiest noch nicht bereit, macht uns Mut für die 100-km-Fahrt. 

Weit kommen wir nicht, denn einer der übertragungsnotwendigen Riemen am Auto gibt den Geist auf. 
Mitten auf der Autobahn. 
Auf telefonisches Geheiß des Pannendienstes verlasse ich das Auto, schwinge mich wie ein Rehlein über die rechte Leitplanke und suche Schutz auf dem Feld hinter der Senke. Dein Vater folgt mir nervös, aber wir witzeln, was wäre, wenn es keine Handys gäbe oder du nun deine Meinung ändertest. Insgeheim bin ich stolz auf deine Engelsgeduld. Die hast du schon mal von mir. Glaub ich.
Lange warten wir auf den gelben Wagen. 
Behoben ist das Problem an Ort und Stelle, und wahnsinnig, wie wir sind, fahren wir nicht nach Hause, sondern weiter. 
Ich fühle mich ausgelaugt, habe keine Lust mehr auf die neue, leere Wohnung. Die Arbeit, die uns nach deiner Ankunft erwartet, will ich nicht sehen, also bezirze ich den Riemen, ein weiteres Mal aus der Passung zu flutschen. 
Eine Zauberin bin ich, ehrlich, denn mein Boykott gelingt noch weitere fünf Mal, bis dein Vater schließlich aufgibt und eine Übergangslösung findet, die uns ins angestammte Heim zurückbringt. 
Schlafen will ich. 
Nur noch schlafen. 

Selbst als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich müde, schleppe mich durch den Arbeitstag und gehe in Gedanken durch, wie ich am Samstag allein mit der Straßenbahn zum CTG komme. 
Das Essen will mir nicht schmecken und mittags liege ich im Bett wie ein Kleinkind, träume  neugierig von einem verschwommenen Gesicht.
Übel ist mir am späten Nachmittag und mein Rücken tut weh. 
Dein Vater hat Termine, muss los, bleibt aber, weil ich ein warmes Bad brauche. 
Entspannung ja, Absaufen nein.
Die Wanne läuft über, als ich aus meiner Umnachtung erwache. 
Tropfnass wanke ich im 90°-Winkel gebückt ins Schlafzimmer, um mich anzuziehen. 
"Ruf im Kreißsaal an!", schreie ich deinem Vater zu und klaube die Nummer aus den Tiefen meines Gedächtnisses. 
Die Minuten  zwischen den merkwürdigen Schmerzen hat natürlich keiner gestoppt.
Geburten  kündigen sich schließlich nie mit Schmerzen an. 
Woher soll ich denn wissen, wie sich Wehen anfühlen?
Ich bin gnatzig und ärgere mich nicht über meine Ignoranz, sondern meine Wasserverschwendung. 
Frisch gebadet, schwitze ich nun wie ein Pferd. 

Alles klebt an mir, als mich die fremde Hebamme eine halbe Stunde später in Empfang nimmt. 
Selbstverständlich hat meine Geburtshelferin an diesem Abend keinen Dienst. 
"Ich hab morgen einen Termin zum CTG", stammele ich und entschuldige mich, als ich mit pränatalem Kampfgewicht in ihre zierlichen Arme sinke, weil mich eine fiese Wehe aus den Latschen kippt. 
Sie grinst. 
"Den brauchen Sie nicht mehr!"
Nur noch zweieinhalb Stunden Wutgeheul und sofortigen Entschuldigungen ins Ohr des Nachtdoktors, der quer auf mir liegt und meint, dich so aus mir herauspressen zu müssen, und schon bist du da. 

Fast sechs Jahre später knie ich in meinem putzfreundlichen Minibad, vor mir auf einem Stück Zeitungspapier die Scherben des letzten Glases, das von jenem letzten kinderlosen Tag übriggeblieben ist. 
An das Möbelhaus erinnerst du dich nicht. 
Du warst zu klein, hast dich in der Stillecke gütlich getan. 
Heute stehst du vor mir, neunmalklug, und findest von weitem jedes Stäubchen Glas, das ich übersehen habe. 
Gehorsam hältst du deine nackten Füße fern, überwachst mich, bis der Staubsauger alles gierig aufgefressen hat. 
Gemeinsam entsorgen wir die improvisierte Zeitungstüte. 
Zufällig schauen wir zum Hochschrank, der Omas kristallene Erbstücke beherbergt. 
Stilbrecher, die wir sind, bewahren wir sie in der schwedischen Küche auf, nennen sie "Gebrauchsgegenstände", obwohl wir sie nie benutzen. 

Die sind kostbar, will ich sagen, beiße mir aber rechtzeitig auf die Zunge, denn wirklich kostbar bist nur du.

Kommentare:

Cornelia hat gesagt…

Ein wunderbar geschriebener Text!
Ich musste sofort an meine Kindheit zurückdenken, wenn ich ein Glas zerbrochen habe. ;)
Die Liebe zu deinem Sohn umarmt einen praktisch durch den Computerbildschirm.
Viele Grüße,
Cornelia

sayuri's exile hat gesagt…

Du schreibst wirklich wunderschön! Ich habe den Text im Reader gelesen und war hin und weg - heute schaffe ich es endlich, zu kommentieren.
Dein Text hat mich in den Bann gezogen, ich musste ihn an einem Stück zu Ende lesen, obwohl ich eigentlich nur "kurz" in den Reader schauen wollte.
Sehr schön, die Liebe zu Deinem Sohn klingt zwischen den Zeilen wieder und lässt mir einen wohligen Schauer über den Rücken rieseln. Vielen Dank fürs Zeigen!

mirjam hat gesagt…

Liebe Sinje,

Ich kann mich meinen Vorrednerinnen nur anschliessen. Ein wunderschöner Erinnerungsscherben!

Eine unvergessene Erinnerung für dich und deinen Sohn. Stell dir vor, eines Tages wird er in diesen liebevollen Erinnerungen schwelgen können, in den Zeilen deine Gefühle spüren, in den Worten deine Mutterliebe fühlen. Was für eine Freude!

Starte schön in die neue Woche, liebe Grüsse
mirjam

Sinje hat gesagt…

Vielen Dank für eure lieben Kommentare.
Ja, manchmal gibt es die Augenblicke, da nimmt er mir einfach den Wind aus den Segeln.

Liebe Grüße an euch
Sinje

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...