Mittwoch, 27. Oktober 2010

... Kleiner Lückenfüller

Da mich momentan ein seltsam unentschlossener Infekt quält, der nicht weggehen, aber auch nicht mit aller Macht ausbrechen will, hält meine Buchstabenmüdigkeit noch an. 
Die momentane Lektüre habe ich beiseite gelegt, da sie mich eher aufregt als entspannt. 

Um nicht wieder eine beitragslose Durststrecke anbrechen zu lassen, gibt es heute wieder mal ein Gedicht als Lückenbüßer oder -füller (alles eine Frage der Betrachtungsweise :-))

(Ein Klick dürfte zu mehr Größe verhelfen.)

Sonntag, 24. Oktober 2010

... über "Didn't I feed you yesterday?" von Laura Bennett

Laura Bennett
"Didn't I feed you yesterday?"
A Mother's Guide to Sanity in Stilettos


Wie man mit sechs Kindern im Großstadtdschungel Manhattans überlebt und dabei nicht den Verstand verliert.





Gebundene Ausgabe: 224 Seiten
Verlag: Ballantine Books; Auflage: 1 (6. April 2010)
Sprache: Englisch
ISBN-10: 0345516370
ISBN-13: 978-0345516374


Kurzbeschreibung:
Laura Bennett is not a soccer mom or a PTA mom or a helicopter mom—and she’s certainly not mother of the year. Another breed of mother entirely, Laura is surely more Auntie Mame than June Cleaver. As a busy mother of six, Laura is on an impossible mission: raising a brood of fast-moving, messy, wild sons in the jungles of Manhattan. So what other choice does she have than to sit back, grab a martini, and let the boys be, er, boys?
In Didn’t I Feed You Yesterday?, Laura gives her irreverent take on modern motherhood and proves that a strong sense of humor and an even stronger sense of self are the mother’s milk of sanity. In a series of refreshingly candid and hilarious anecdotes, she unapologetically breaks every rule in the Brady Bunch playbook: She gives her kids junk food, plays favorites, and openly admits to having “a genetic predisposition to laissez-faire parenting.” Children, she observes, don’t need constant supervision from neurotic, perfectionist parents. Allow kids to make mistakes and entertain themselves and they’ll turn out just fine—even if you do sometimes forget to pick them up from school.
Beyond the mayhem of a life among males, Laura celebrates the glories of womanhood with a generous helping of wit and style. She gives thanks to the fashion gods for the essentials—red lipstick, Manolo Blahniks, and Lycra shapewear—but reminds us that true style comes from an inner compass that points directly at oneself. In every aspect of life, Laura gives one simple, powerful piece of advice: “Dress like you want it or stay home.”
Brutally honest, outrageous, and sure to raise a few eyebrows, Didn’t I Feed You Yesterday? is a riotously funny read—and it’ll go fabulously well with your new handbag.

Meine Meinung:
"Didn't I feed you yesterday?" ist wahrscheinlich das erste Buch, das ich gekauft habe, weil ich den Titel witzig fand, denn die Autorin sagte mir gar nichts, auch wenn ich schon einmal entfernt von "Project Runway" gehört habe. 
Diese Show, in der Heidi Klum, Tim Gunn, Michael Cors und diverse Gäste vornehmlich nach Nachwuchsdesignern suchen, machte Laura Bennett bekannt, auch wenn sie nicht gewann.
Da sie im Rahmen der Show sozusagen öffentlich schwanger war und wegen ihrer "wahnsinnigen" Kinderanzahl und Offenheit nicht in der Versenkung verschwunden ist, sondern nach wie vor in Interviews nicht nur zu ihrer Tätigkeit als Designerin, sondern auch unablässig zu Erziehungsfragen verhört wird, ist dieses Buch sozusagen eine logische Folge.

Ich habe mir keinen Ratgeber erhofft, wie der Untertitel andeutet, schließlich habe ich keine adäquate Kinderzahl und bin weitestgehend resistent gegenüber Elternratgebern.
Wie sich herausstellte ist Laura Bennetts Buch auch kein wirklicher Ratgeber, sondern eher ein einfacher Bericht über ihr verrücktes, durchorganisiertes Leben mit sechs Kindern (eigentlich 5, denn die Große ist bereits aus dem Haus).
Dabei gibt die heute 47-Jährige auch offen zu, dass sie nicht unbedingt in der Position ist, Ratschläge zu erteilen.
Sie hält nicht damit hinter dem Berg, dass sie sehr wohl verlässliche Hilfe mit der männlichen Fünferschar hat, aber sich dennoch nicht in der Wellness-Oase aalt, während sich Fremde um ihre Kinder kümmern.
Auf amüsante Weise schildert sie, wie sie ihren 12 Jahre älteren (zweiten) Ehemann kennenlernte und ihm dann über einen Zeitraum von 10 Jahren insgesamt 5 Jungs schenkte. Das letzte Kind, Finn (für "finished"), kam 2006 zur Welt, nachdem sie einen Großteil der Schwangerschaft mit Project Runway verbracht hatte. Überhaupt nimmt die Show einen Teil des Buches ein, glücklicherweise keinen zu großen, sodass man ganz gut mitkommt, ohne sie je gesehen zu haben.
Laura Bennett lässt es sich nicht nehmen, Seitenhiebe an die Elternforengeneration zu verteilen, nach dem Motto: "Wenn du dich über meine Mutterqualitäten beschwerst, sag mir doch, wer auf deine Kinder aufpasst, während du hier im Netz belanglose Beiträge verbreitest!" Von modernem Erziehungswahn hält sie wenig und wird  nicht müde, ihre Meinung mit einer ordentlichen Prise Ironie kundzutun. Allerdings erliegt auch sie der großstadttypischen "Verplanung" der Kinder mit Förderunterricht diverser Art, was natürlich zu einem hohen familieninternen Organisationsbedarf führt.
Daneben scheut sie sich auch nicht, zuzugeben, dass sie hin und wieder auch mal eines ihrer Kinder bevorzugt. Schließlich hat man auch Lieblingsessen, Lieblingsfarben usw. Warum also nicht auch mal ein Lieblingskind?
Mit allem Mutterstolz berichtet sie aber von jedem ihrer Kinder.
Es gibt viele kleine Anekdoten, die eben landläufig mit Kindern passieren und im ersten Moment nach Katastrophe aussehen, hinterher aber fast immer amüsant sind.
"Didn't I feed you yesterday" ist eine lockere Lektüre für Zwischendurch und nicht immer ganz ernst zu nehmen. Ein bisschen beruhigt das Buch, denn es vermittelt, dass auch besser situierte, arbeitende Familien mit Loft in Manhattan nur mit Wasser kochen (und in 99-Cents-Läden einkaufen) und mal ein Kind in der Schule vergessen.
Die Botschaft ist weder neu noch unbekannt, aber ganz klar: Auch Eltern sind nur Menschen und müssen auch mal an sich denken.
Danke an Laura Bennett, dass sie uns daran erinnert.
Trotzdem kann ich mich schlecht mit einer Mutter in Highheels identifizieren, sodass für mich der Unterhaltungsfaktor deutlich vor dem Ratgebercharakter im Vordergrund steht.

Ungeachtet einer gewissen Oberflächlichkeit hat mich das Buch mit seiner Ehrlichkeit und seinem flotten Stil wunderbar unterhalten.
Ich habe den Kopf geschüttelt, die Brauen hochgezogen, und ich habe nicht nur gegrinst, sondern manches Mal ordentlich gelacht.

Auch wenn das jetzt oberflächlich klingt, bekommt "Didn't I feed you yesterday" von mir "nur" 4 von 5 Weißdornzweigen, weil es uns nicht ganz ein Otto-Normal-Familienleben darstellen kann und manolobedingt an Identifikationspotenzial einbüßt.


[Filmklassiker] Three on a match

Ich habe mich in die kalten Gefilde unseres Dachbodens gewagt und doch eine meiner drei DVD-Boxen mit Precode-Filmen herausgekramt.
Auf der "Forbidden Hollywood Collection Vol. 2" sind "The Divorcee" (1930), "A Free Soul" (1931), "Night Nurse" (1931), "Three on a match" (1932) und "Female" (1933), eine Dokumentation und zwei Audiokommentare zu finden. 
Ich bin noch nicht dazugekommen, alle Filme zu sehen.
"The Divorcee" und "A Free Soul" kenne ich bereits und werde ich bei Gelegenheit vorstellen, denn "A Free Soul" ist der Film, den ich meine Protagonisten in "Blutsuche" schauen lasse.
Seit ich Bette Davis' erste Autobiographie gelesen habe, hatte ich mir vorgenommen, "Three on a match" zu schauen.
Also habe ich den Kamin geschürt, mich mit Schlaftee aufs Sofa gemummelt, damit ich nach der Kramerei in der Kälte wieder warm werde, und gestern spätabends dann doch noch dieses Vorhaben in die Tat umgesetzt.

"Three on a match" zählt zu den sogenannten Precode-Filmen. Das sind Filme, die vor der obligatorischen Durchsetzung des Production Codes ("Hays Code") entstanden. Diese Richtlinien, die die moralisch vertretbare Darstellung krimineller, sexueller und anderweitig moralisch bedenklicher Inhalte regeln, wurden zwar bereits 1930 eingeführt, dienten bis 1934 allerdings lediglich als freiwillige Selbstkontrolle.
In Stummfilmtagen und in den frühen Jahren des Tonfilms bis 1934 entstanden eine Reihe von Filmen, die während der Geltungsdauer des Hays Codes entweder stark zensiert oder gänzlich eingestampft wurden. Einige Filme verschwanden für lange Zeit in der Versenkung. (Für weiterführende Informationen zum Precode-Hollywood bemühe man bitte wikipedia
Turner Classic Movies hat nun vor ein paar Jahren eine Reihe dieser Filme wiederentdeckt und veröffentlicht in regelmäßigen Abständen Box-Sammlungen, die neben einem Wiedersehen mit bekannten Stars auch interessante Extras, wie Dokumentationen oder Audiokommentare von Filmwissenschaftlern bieten.
In diesem Jahr ist allerdings noch keine neue Sammlung erschienen.
Schaut man diese Filme heute, mag man manches Mal nur müde lächeln angesichts der Moralvorstellungen.


Zu diesen Filmen gehört auch "Three on a match".
Der Titel spielt auf einen im ersten Weltkrieg entstandenen Aberglauben an, demzufolge der letzte von Dreien, die mit einem und demselben Streichholz ihre Zigaretten angezündet haben, sterben wird. 


Hauptfiguren des 1932 unter der Regie von Mervyn LeRoy (Produzent von "Der Zauberer von Oz") entstandenen Dramas sind: Mary Keaton (Joan Blondell), Vivian Kirkwood (Ann Dvorak) und Ruth Wescott (Bette Davis).
Die drei Protagonistinnen kannten sich bereits als Kinder.
In einer Rückblende werden die jungen Mädchen gezeigt und erzählt, was aus ihnen geworden ist:
Mary schwänzte lieber die Schule, um mit den Jungs zu rauchen, woraufhin sie ihre Zeit in einer Besserungsanstalt verbringen durfte. Als Erwachsene ist sie - Joan Blondell auf den Leib geschneidert - ein Showgirl.
Vivian, die Hochnäsige aus gut situiertem Hause, ging aufs Internat und ist schließlich mit Robert, einem nicht unvermögenden Anwalt verheiratet, mit dem sie einen Sohn hat.
Ruth, die Strebsame, war fleißig, absolvierte eine Ausbildung und ist nun als Stenographin beschäftigt.


Als Erwachsene begegnen sie sich nach ihren unterschiedlichen Wegen wieder, und als sie so gemeinsam im Kaffee sitzen und sich mit einem Streichholz ihre Zigaretten anzünden, ist Vivian als Letzte an der Reihe.


Auch wenn Bette Davis vielleicht die heute noch Bekannteste des Dreiergespanns ist, muss man klar sagen, dass ihre Rolle so winzig ist, dass man sich wundert, dass sie überhaupt als Hauptdarstellerin geführt wird.


Die Geschichte ist auf Vivian ausgerichtet.
Sie ist verwöhnt und gelangweilt, und weißt die amourösen Annäherungsversuche ihres Angetrauten Robert zurück.
Der Holde wird wohl in einem Moment der geistigen Umnachtung von einem wahnwitzigen Ideenblitz getroffen und schlägt ihr vor, sie solle sich doch eine Auszeit für sich selbst nehmen.
Welch grandiose Idee!
Vivian schnappt sich ihren Sohn und geht auf Europa-Kreuzfahrt, wo sie den Spieler Michael trifft, den ihr auch noch Freundin Mary vorgestellt hat.
Sie beginnt eine Affäre mit ihm und brennt letzten Endes mitsamt Sohn mit ihm durch.
In der Welt des notorischen Spielers wird Vivian drogenabhängig.
Dies wird zwar nicht explizit gezeigt, ist aber an ihrem Verhalten und kleinen Gesten anderer Charaktere erkennbar.
Mary, die sich um Vivians Sohn sorgt, informiert Robert schließlich, wo er ihn finden kann. Er holt sich seinen Sohn zurück und lässt sich scheiden. Während Vivian bei Michael bleibt und ihn ganz offensichtlich aushält, heiratet Robert Mary.
Aufgrund Michaels Spielsucht und ganz sicher auch Vivians Drogenkonsums sind ihre finanziellen Mittel bald erschöpft. Als Michael ein paar Gangstern die für damalige Verhältnisse enorme Summe von 2000 Dollar schuldet, versucht er Robert mit Marys Vergangenheit in der Besserungsanstalt zu erpressen.
Der Versuch schlägt fehlt, sodass Plan B in Kraft tritt.
Kurzerhand wird Vivians Sohn entführt und gemeinsam mit ihr als Geisel gehalten.
Ihr geht es zu diesem Zeitpunkt bereits sehr schlecht (die wunderschöne Ann Dvorak sieht in diesen Szenen einfach grauenhaft aus) und sie erkennt, dass ihr Leben im Grunde so oder so verwirkt ist. Um ihren Sohn zu retten, opfert sie sich selbst.


"Three on a match" hat jede Menge Elemente, die laut Production Code als unmoralisch anzusehen sind:
Zum einen ist da das Showgirl Mary, die sich keiner besonders damenhaften Vergangenheit rühmen kann.
In einer Szene nähert sich Robert seiner Ehefrau, die im Nachthemd im Bett liegt.
Auf den ersten Blick ist daran natürlich nichts Verwerfliches zu erkennen, aber damals galt es eben als unmoralisch bzw. sexueller Inhalt, wenn sich ein Ehemann seiner nur mit einem Nachthemd bekleideten Ehefrau näherte, um sie zu küssen (natürlich mit der Absicht, noch weiter zu gehen). Im Nachthemd sehen wir Ann Dvorak dann auch am Ende.
Ein nächstes Thema ist "Ehebruch", den Vivian ja zweifelsohne begeht und der schlussendlich in einer Scheidung mündet.
Der kriminelle Themenkreis wird mit Spiel- und Drogensucht, die in ein Gangstermilieu und zu Erpressung und Entführung und nicht zuletzt Selbstmord führen, abgedeckt.


Ergebnis ist ein sehr intensiver Film, in dem sich Ann Dvorak von ausdrucksloser Langeweile bis hin zu verzweifelter Abhängigkeit durch alle Facetten spielen darf. 
Die emotionale Gratwanderung zwischen der Liebe zu ihrem Sohn und der Abhängigkeit von dem Geliebten, die sie präsentiert, ist auch nach 78 Jahren erschreckend.
Während die Geschichte vergleichsweise harmlos startet und nicht anders anmutet als andere Filme der Dreißiger, was natürlich stark an Kostümen und Spielweise liegt, wird er später schon fast unerträglich nervenzerrend und überraschend brutal.


Humphry Bogart hat übrigens einen kleinen Auftritt als einer der brutalen Gangster.
Wer sich für alte Filme und Filmgeschichte interessiert und mal etwas abseits der bekannten Standards sehen will, dem sei dieser Film empfohlen.
Anstelle des Trailers habe ich Folgendes gefunden:

... über "Nybbas Träume" von Jennifer Benkau

Jennifer Benkau
"Nybbas Träume: Schattendämonen 01"


Dämonisch-erotische Liebesgeschichte zweier Problemcharaktere, die Lust auf mehr macht.


(c) Sieben-Verlag

Taschenbuch: 408 Seiten
Verlag: Sieben-Verlag (12. Juni 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 394154702X
ISBN-13: 978-3941547025

Klappentext:
Sie nennen ihn Nicholas, doch wer er wirklich ist, ahnt niemand. Sein Aussehen ist atemberaubend, sein Charme lässt allerdings zu wünschen übrig. Seine Berührungen sind so absolut unwiderstehlich, wie sein Schatten tödlich sein kann. Er ist ein Wesen, das nur einen Feind kennt: die Clerica, Dämonenjäger, die seine Art seit Jahrhunderten jagen, bannen und töten. Nach einem herben Schicksalsschlag verfällt Joana mehr und mehr der Gleichgültigkeit, und merkt erst wie wertvoll ihr das Leben ist, als Nicholas es in ernsthafte Gefahr bringt. Denn im Körper des faszinierenden Mannes verbirgt sich der Nybbas. Ein Dämon, der sich von Emotionen ernährt und nichts so sehr liebt, wie das Spiel mit seinem Opfer. Nach ihrer Begegnung gerät Joana zwischen die Fronten von Gut und Böse, und muss eine schwere Entscheidung treffen.

Aus dem Inhalt:
Die dunkelhäutige Joana hat in ihrem jungen Leben schon Einiges durchmachen müssen: Ihren Vater hat sie nie kennengelernt, denn er kam bei einem Unfall in einer Karsthöhle ums Leben. Und genau davon träumt sie nachts unaufhörlich, sie sieht, wie die Höhlendecke über ihrem Vater und dessen Kameraden zusammenbricht, und sie sieht seltsame Schatten, für die ihre Psychologin selbstverständlich eine professionelle Erklärung hat.
Vor inzwischen drei Jahren wurde dann auch noch ihr Verlobter, Sascha, ermordet, woraufhin sie eine folgenschwere Entscheidung traf, an der sie noch immer zu kauen hat.
Mit stoischer Gleichgültigkeit verdient sie ihr Geld mit Taxifahren, während in Hamburg ein Serienkiller sein Unwesen treibt. Ihr ständiger Begleiter ist ihr Asthmaspray.
In dieser Stimmung begegnet sie Nicholas, der sie mit seiner ansprechenden Erscheinung und seiner Art so durcheinanderbringt, dass sie nachts einen ungehörigen Traum von ihm hat.
Das kommt aber nicht von ungefähr, denn Nicholas Nyrr ist nur die menschliche Hülle für einen Dämon, der vor über zweihundert Jahren von einer Roma-Hexe heraufbeschworen wurde. Er versteckt sich in wechselnden menschlichen Körpern und ernährt sich von den Emotionen der Menschen, manchmal sogar in solchem Maße, dass von diesen nichts als ein verstörtes Häufchen Elend zurückbleibt. Er liebt es, die Menschen seelisch auszusaugen, ihnen Schmerz zuzufügen und seine Spielchen mit ihnen zu treiben.
Ganz ungefährlich ist sein Dämonenleben nicht, denn wo es Dämonen gibt, gibt es auch Jäger. Aber auch in den eigenen Reihen ist es nicht unbedingt sicher.
Doch das alles soll Nicholas erst einmal weniger stören, denn da ist ja Joana, und auf den ersten Blick ist Joana perfekt. In ihr brodelt ein Chaos der Emotionen, was für den Nybbas ein wahrer Leckerbissen ist. Aber er muss feststellen, dass er nicht ganz so leicht an den begehrten Gefühlsambrosius herankommt, wie er es sich vorgestellt hätte.
Er lässt angesichts der Herausforderung nicht locker, und so dauert es auch nicht lange, bis Joana in seinen Armen liegt, sodass er sexuellen und emotionalen Durst gleichermaßen zu stillen hofft. Dass damit ein altes Familiengeheimnis zutage tritt, ist für beide eine unangenehme Überraschung. 

Meine Meinung:
"Nybbas Träume" hat mich vor allem interessiert, weil dieser Roman vampirfrei ist und ich eine Schwäche für Dämonen habe, da sie so wunderbar wandelbare und böse Wesen sind, die mir Spannung versprachen. Außerdem mag ich die Vorstellung, dass fantastische Wesen dieser Art auch einmal (zumindest größtenteils) in Deutschland angesiedelt werden, anstatt den fremdsprachigen Raum unsicher zu machen.
Allerdings habe ich mich geschlagene vier Wochen durch die ersten zweihundert Seiten gequält, nicht nur, weil ich so wenig Zeit hatte, sondern auch, weil mir sowohl Nicholas als auch Joana unsympathisch waren, was sich auf den verbleibenden zweihundert Seiten, die ich dann in einem Rutsch gelesen habe, leider nicht wirklich geändert hat.
Nicholas ist von vornherein keine Gestalt, die man bedingungslos liebt, denn Gefühle sind für ihn ja nichts weiter als Nahrung, seine eigenen scheinen auf Triebe reduziert zu sein.
Er ist eben ein Dämon, und man darf sich von seiner menschlichen Erscheinung nicht täuschen lassen.
Vielleicht bin ich von Vorurteilen zerfressen, aber es gelang mir bis zum Schluss nicht, Vertrauen in diesen Charakter zu entwickeln und ihm zu glauben, dass er Joana liebt. 
Zugute halten muss ich ihm allerdings, dass er mit der Zeit offenbar wirklich Gefühle zu entwickeln lernt, und wenn es auch nur Schuldgefühle sind.
Obwohl Joana schon so viel mitgemacht hat, jammert sie nicht.
Im Gegensatz zu ihrer Vermutung, ihre Gleichgültigkeit kratze schon leicht an einer Depression, denke ich, dass sie tatsächlich schon mitten in einer Depression sitzt.
Sie kommt nicht aus dem Knick, dreht ihre Anmeldeformulare fürs Studium zwanzig Mal hin und her, kriegt es aber nicht hin, sich wieder einzuschreiben.
Außerdem hat sie nach Saschas Tod eine zwar nachvollziehbare, aber auch ziemlich dumme Entscheidung getroffen, die zusätzlich zu ihrem inneren Albtraum beiträgt. 
Obwohl sie ihrer Mutter regelmäßig Besuche abstattet und bei diesen Gelegenheiten auch immer der undurchsichtigen Tante (väterlicherseits), Agnes, begegnet, habe ich das Gefühl, dass sie mit ihren Problemen alleine dasteht bzw. sie sich auch nicht unbedingt helfen lassen will.
Mit der Überraschung, die sie bald nach der Liebesnacht mit Nicholas erwartet, geht sie vergleichsweise unerschrocken um, allerdings zeigt sie dort, dass sie durchaus in der Lage ist, sich zu wehren, und sie wird ein Stück weit aus ihrer Gleichgültigkeit gelockt. 
Während sich herausstellt, dass der Nybbas nicht den Einfluss auf Joana ausüben kann, wie er gerne möchte, unterwirft sie sich ihm doch. Gleichgesetzt wird dieses Verhalten mit Liebe. 
Sie akzeptiert, an der Seite eines Mannes zu sein, der ohne Umschweife sagt, er könne nicht garantieren, sich nicht an ihrem näheren Umfeld zu vergreifen, weil er ja nun einmal auf Emotionen angewiesen ist, und an anderer Stelle gibt sie sich ihm hin, um seinen vermeintlichen Kummer zu dämpfen.
Alles in allem denke ich, dass die Beziehung der beiden unter keinem guten Stern steht, wodurch genügend Fortsetzungspotenzial gegeben ist.
Die Idee der Welt der Dämonen hat mir sehr gut gefallen, und böse und kontrovers waren sie allemal.
Der Autorin ist es gelungen, lebendige Bilder entstehen zu lassen, sodass ich mir die Dämonen in ihrer Urgestalt wunderbar vorstellen konnte.  
Die menschlichen Gegenspieler, die Dämonenjäger, die sie Clerica nennt, erscheinen mir hingegen noch etwas blass und unorganisiert, und ich gehe davon aus, dass sie in den Fortsetzungen eine umfangreichere Rolle spielen werden. Im Übrigen hatte ich angesichts der Szenen im Clerica-Hauptquartier Giles' Bibliothek in Buffy vor Augen.
Dass die Serienkiller-Geschichte tatsächlich zum Plot gehörte, hat mich eher überrascht, und ich empfand sie als etwas deplatziert, zumal sie ebenso kurz eingeführt wie abgehandelt wurde, aber es musste ja irgendein Grund gefunden werden, um die Clerica auf die richtige Spur zu lenken. Na ja ...
Unter dem frischen Eindruck einer Weiterbildung haben mich einige sprachlichen Elemente gestört, unter anderem Ausdrücke, wie "mehr als erregt", den ich momentan in vielen Texten als überpräsent empfinde, aber auch der Hang zu prädikatlosen Sätzen und Einwortsätzen sowie Kommafehler.
Positiv ist aber, dass die Sprache der Autorin insgesamt frisch und individuell wirkt.  
Die allgemeine Begeisterung für das Cover kann ich nur bedingt teilen, aber ich bin sowieso kein Coverkäufer. Die Ornamentik verleiht fast den Eindruck einer Prägung und auch der dunkle Hintergrund ist durchaus ansprechend, die Schriftfarbe im Titel für meine Begriffe aber ein bisschen zu rosa. (Das kann allerdings auch von Exemplar zu Exemplar unterschiedlich sein.) Die Fortsetzung wird, wie man der Vorschau entnehmen kann, ähnlich gestaltet sein. Ein gewisser Wiedererkennungswert ist auf jeden Fall gegeben.
Mir hat das Buch jedenfalls gefallen, denn ich habe mich, trotz meiner Aversionen gegenüber den Protagonisten, nicht gelangweilt und will wissen, wie es mit ihnen und den Problemen, die zwischen ihnen stehen bzw. die sie verfolgen, weitergeht.

Fazit:
Schöner Reihenauftakt, der Charaktere, die sich nicht in ein Schema pressen lassen, heiße, aber ansprechende Erotik und flotte Kampfszenen in unverbrauchter Sprache und ohne nennenswerte Längen bietet.
Schade, dass wir auf Nybbas Nächte: Schattendämonen 02 bis nächsten Sommer warten müssen.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen

Samstag, 23. Oktober 2010

[Filmklassiker] Mildred Pierce (Solange ein Herz schlägt)

Ursprünglich wollte ich einen anderen Film vorstellen, musste dann aber feststellen, dass ausgerechnet dieser aufgrund Regalmangels in einer Kiste auf dem Dachboden schlummert, die ich in der wunderbaren Herbstkälte nicht durchsuchen wollte.
Wo wir von der Kälte sprechen ... Ich weiß zwar nicht, warum, aber bei solchem Wetter fühle ich mich immer vor den DVD-Player gelockt, und da ich gerade etwas buchstabenmüde bin, schaue ich also ein paar Filme noch einmal oder zum ersten Mal.

Herausgeholt habe ich folgenden Film, der, soweit ich mich erinnere, vor nicht allzu langer Zeit im Fernsehen lief:  


Vor einiger Zeit habe ich mir aus einer Laune heraus zwei Sammlungen mit Joan-Crawford-Filmen gekauft, unter anderem eben auch diesen.
 
"Mildred Pierce", so der Originaltitel, markiert das Ende von Joan Crawfords Hollywood-Durststrecke und erfolgreiches Comeback wie auch erneuten Imagewechsel. B
evor sie die Rolle der Mildred Pierce übernahm, hatte sie zwei Jahre mit Ausnahme eines kleinen Gastauftrittes überhaupt nicht in Filmen mitgearbeitet, weil ihr kein Material nach ihrem Geschmack, sondern eher Zweite-Wahl- bzw. Letzte-Wahl-Material angeboten wurde.
Dass der Weg zu dieser Charakterrolle durchaus steinig war, beschreibt sie in ihrer 1962 erschienenen Autobiographie "A Portrait of Joan".
 
Ausgangspunkt von "Mildred Pierce" ist ein (sehr typischer, unblutiger Film-Noir-)Mord bei Nacht, der Gipfel einer Lebensgeschichte, in der so Einiges schief gelaufen ist. 
In der Gegenwart werden zunächst eine Reihe von Personen ein- und zusammengeführt, die mehr oder weniger verdächtig sind, bis der Fokus auf die Ehefrau des Toten, die filmtitelgebende Mildred Pierce, fällt, die nun auf dem Polizeirevier ihre Lebensgeschichte erzählt. Dabei wird die für den Film Noir aber typische Voice-over-Erzählung eingesetzt, die heutzutage in diversen Serien doch ein wenig überstrapaziert wird. 
Diese Lebensgeschichte beginnt mit der Zerrüttung einer Familie.
Mildred Pierce ist Ehe- und Hausfrau und zweifache Mutter. Sie ist recht unzufrieden in ihrer Hausfrauenrolle, lebt aber für die Familie.
Als sie schließlich erfährt, dass ihr Mann sie betrügt, wirft sie ihn aus dem Haus und steht mit beiden Kindern alleine da.
Bereits als junges Mädchen ist die ältere Tochter, Veda, sehr materialistisch eingestellt, sodass Mildred, immerhin die Erwachsene, die überaus engagiert ist und sich für die Kinder abrackert (so sagt sie zu ihrem Mann, in ihrem Haushalt kämen die beiden Kinder vor allem anderen), regelrecht Angst hat, ihr zu sagen, dass sie tagsüber ihr Geld mit Kellnern verdient. Mit allen Mitteln versucht sie, es dem Mädchen, das nicht müde wird, der Mutter ihre einfache Herkunft vorzuwerfen, stets recht zu machen. 
Die Entscheidung, ein eigenes Restaurant zu eröffnen, wird aus diesem Bemühen um die Gunst der eigenen Tochter geboren und treibt Mildred nach der Scheidung, obwohl sie sich zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau mausert, letzten Endes in die Arme des falschen Mannes.
Nachdem die jüngere Tochter, Kay, an Lungenentzündung stirbt, lebt Mildred nur noch für Veda und heiratet schlussendlich Monte Beregon, einen Schürzenjäger mit Rang und Namen, der auf größeren Füßen lebt, als ihm angewachsen sind, und Mildreds hart erarbeitetes Geld durch-, aber Veda (die von allem, das nach Fett stinkt, weg will) den erwünschten gesellschaftlichen Stand bringt.
Monte Beregon ist das Mordopfer und Mildred scheinbar unbelehrbar bereit, für diese Tat ins Gefängnis zu gehen.
 
Ungeachtet aller privaten Gerüchte um Joan Crawford, die von ihrer Adoptivtochter Christina losgetreten wurden und die Schauspielerin seither in einem sehr kontroversen Licht erscheinen lassen, sehe ich ihre Filme aus den 1930ern und 1940ern doch recht gern.
Besonders in "Mildred Pierce" ist sie wenig glamourös, kaum geschminkt und gibt sich sehr zurückhaltend. Während in ihren Filmen der frühen 1930er Jahre noch deutlich das Stummfilmerbe sehbar und die damals übliche übertriebene Diktion nicht überhörbar waren, bietet sie 1945 hier wohl eine ihrer natürlichsten Darstellungen, die zurecht mit einem Oscar belohnt wurde.
Wenn sie sagt, sie könne nicht einfach vergessen, dass Veda ihr Fleisch und Blut ist, auch wenn sie sich nicht so entwickelt hat, wie sie es sich bei ihrer Geburt erhofft hätte, nimmt man es ihr diese Liebe ab, obwohl man sie eigentlich rütteln möchte, weil sie lange Zeit nicht sieht, was für einen Menschen sie da großgezogen hat, und nicht in der Lage ist, auch einmal an sich zu denken.
Im Zusammenspiel mit Ann Blythe, die den selbstsüchtigen, gestörten Charakter der Veda verkörpert, verleiht sie der Figur die notwendige Würde und Glaubhaftigkeit.
Außerdem zu sehen sind unter anderem Jack Carson, den man sonst eher aus amüsanteren Parts kennt, als Unternehmer Wally Fay, Zachary Scott in einer seiner typischen Playboy-/Unsympathrollen und Eve Arden als Mildreds Freundin und Geschäftspartnerin Ida.

Obwohl der SW-Film ein paar Elemente hat, die mich unwillkürlich grinsen lassen (gemalte Hintergründe, die deutlich als solche erkennbar sind, Nahaufnahmen mit unvermeidlicher Antifalteneffektlinse und weicher Ausleuchtung, immense Schulterpolster, eine Mörderin, die nicht zielen kann und das Opfer sicherlich nicht mit einem Schuss ins Herz getötet hat ...) , ist er doch vor allem wegen der zerstörerischen Mutter-Tochter-Beziehung ein sehenswerter Klassiker.

Hier der Trailer:

Freitag, 22. Oktober 2010

Zettelei oder nicht? aka Antwort 12

Vor inzwischen mehr als zwei Monaten hatte ich hier zur Fragestunde aufgerufen und auch einige Fragen gestellt bekommen. Leider fehlte mir im Anschluss dann die Zeit, alle zeitnah ausführlich zu beantworten. So blieben unter anderem noch ein paar Fragen von Tanja unbeantwortet.

Hier sind sie:

Nutzt du Karteikarten für neue Einfälle oder hängst du überall Zettel hin?
Oder nutzt du auch andere Methoden, wie die Mind- oder die Cluster-Methode?

Ich starte mal so: Im Rahmen meines Schreibkurses habe ich so ziemlich alles ausprobiert, was vorgeschlagen wurde, dann aber festgestellt, dass ich mein eigenes System brauche.

Das war dem Dolmetschunterricht sehr ähnlich, wofür wir eine Einführung in Notizentechnik besuchen mussten, was sich bei mir als vergebene Liebesmüh herausstellte. Habe ich einmal ein für mich selbst funktionierendes System gefunden, komme ich selten und nur widerwillig davon los.

Mit Karteikarten verhält es sich bei mir wie mit Socken:
Egal, wie gut man sie zusammenpackt und aufbewahrt, es fehlt immer eine.

Zettel sind logistisch nicht machbar, denn die trägt mir mein sonst ordnungsresistenter Sohn, für den auch das Arbeitszimmer kein Sperrgebiet ist, akribisch hinterher, sodass ich am Ende nicht mehr weiß, was wie zusammengehört.

Ich glaube, mein Notizbuch kommt von der Struktur her dem Mind-Mapping am nächsten.
In einer früheren Antwort habe ich geschrieben, dass ich nie drauflos schreibe, wenn die Geschichte nicht von Anfang bis Ende in meinem Kopf existiert.
Das bedeutet nicht, dass ich jeden einzelnen Schritt im Kopf habe, aber ich weiß, wo meine Geschichte anfängt und wie sie ausgehen soll. Bisher ist es noch nie vorgekommen, dass ich mich zu einem anderen ungeplanten Ende gehangelt habe.
Wie beim Clustering konzentriere ich mich erst einmal auf die Idee und halte sie fest.
Das mache ich allerdings eben nicht ungeordnet, sondern Schritt für Schritt.
So sind die vier großen Abschnitte, in die "Blutsuche" unterteilt ist ("Lichtreise", "Schattenwürfe", "Dämmerungsboten" und "Nachtmahr"), identisch mit den großen Handlungsschritten, die ich von Anfang an mit Anne vorhatte. Im Grunde war das wie ein Foto mit unterschiedlichen Beleuchtungsverhältnissen, die von optimalem natürlichen Licht bis zu Dunkelheit, die künstliche Beleuchtung benötigt, um die Protagonistin klar sehen zu lassen, reichen.
Diese großen Abschnitte habe ich dann in meinem Notizbuch in kleinere Handlungen unterteilt, fast wie ein Inhaltsverzeichnis ... also wieder weg vom Clustering.
Ich brauche dieses strukturierte Vorgehen, um mich nicht zu verzetteln, außerdem erzähle ich gern und viel (auch drumherum), sodass ich mich auf diese Weise selber bremse.
Wenn ich diese Struktur fertig habe, notiere ich mir das Wichtigste zu meinen Charakteren, soweit das in diesem Stadium möglich ist. Meistens habe ich ein grobes Bild vom Aussehen der Charaktere und vergesse, dass ich so etwas auch notieren müsste. 
Dass das aber hilfreich ist, habe ich bei "Blutsuche" festgestellt, weil ich mich nach zweihundert Seiten oder so plötzlich nicht mehr an Eunices Augenfarbe erinnern konnte bzw. Anne ursprünglich viel kürzere Haare hatte, sodass nach dem Besuch im Beauty-Salon eigentlich gar keine Hochsteckfrisur mehr möglich gewesen wäre.
Eine Notiz hätte mir viel Blätterei erspart, außerdem merke ich mir Dinge besser, die ich mit der Hand aufgeschrieben habe. 
In Kurzgeschichten kommt es übrigens schon mal vor, dass ich es ganz unterlasse, das Aussehen von Charakteren zu beschreiben (so in "(Nimmer)Wiedersehen", wo Marcus quasi gesichtslos bleibt).

Diese Notizen gehen meist relativ flott, sodass ich nicht lange herumplotte, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Während des Schreibens notiere ich mir neue Einfälle ebenfalls. Das mache ich aber auch schon mal in einer Datei.
Obwohl ich das Autorenprogramm Papyrus habe, nutze ich es als Word-Gewohnheitstier kaum, auch wenn man solche Dinge dort sehr bequem realisieren kann. Trotzdem bevorzuge ich nach wie vor das gute alte Papier und Bleistift oder Kugelschreiber für handschriftliche Notizen.
Dasselbe mache ich übrigens auch bei Kurzgeschichten.

Kurz gesagt, ich bin ein organisierter Chaot, der Karteikarten und Zettel verlegt, aber an seinem Notizbuch hängt und sich zwischen Clustering und Mind-Mapping nicht entscheiden kann.


Dienstag, 19. Oktober 2010

Buchstabenmüde ...

... bin ich momentan.

Es gibt sie immer wieder, diese Zeiten, in denen mich die buchstaben-, lese- und schreiblastige Tätigkeit des Übersetzens zwar nicht mengenmäßig erschlägt, aber mich quasi mental auslaugt, sodass es mir gelingt, nach drei Zeilen arbeitsfremder Lektüre einzuschlafen.

So geht es mir momentan.

Deshalb mache ich derzeit auch eine kleine Schreibpause und gehe lieber, sofern es das Wetter gerade zulässt, hinaus und lasse mich visuell inspirieren.

Normalerweise wäre jetzt das beste Schreibwetter; ich kann den Kamin anwerfen, mich in meine Decke mummeln, das Laptop rückenunfreundlich auf den Schoß nehmen und losschreiben, wäre da nicht diese bleierne Unlust auf Wörter und Sätze, ach, was sage ich, Buchstaben!
Während mich als Leseaushilfe mein audible-Abo über Wasser hält, sollte ich für den schriftlichen Part vielleicht über eine Sekretärin nachdenken ... 

Ich arbeite zwar noch in freien Minuten am Layout von "Blutsuche: Annes Reise", inkl. Kürzungen, um die Schriftgröße einen Punkt heraufsetzen und lesbarer machen zu können, drifte aber größtenteils in den Ausnahmezustand, der sich in unserem Haushalt alljährlich im letzten Quartal breitmacht.

In einem früheren Post hatte ich ja bereits erwähnt, dass mein Mann Imker ist, und natürlich muss das entsprechende Produkt, in erster Linie Honig, auch an den Kunden gebracht werden.
Weihnachten ist für uns Geschäfts- und Stresszeit, und die muss vorbereitet werden.

Während der Imker viele große und kleine Gläser mit der gesunden Süßigkeit füllen, ein leckeres Gesöffchen namens Met brauen und ein ebenso klebriges wie leckeres Likörchen zubereiten muss, bin ich mit einer Freundin im kreativen Innendienst eingespannt.
Gut, ich gebe öffentlich zu, dass ich in den vergangenen Wochen arbeitsbedingt durch Abwesenheit geglänzt habe, werde aber nächste Woche wieder aktiv an die Sache herangehen.

Unsere Frauenhändchen dürfen Bienenwachskerzen produzieren, unter anderem gegossene, die mithilfe einer Silikonform entstehen, die mit flüssigem, heißem Bienenwachs gefüllt wird.

Hier ein kleiner Ausschnitt der Arbeit, die mich in den nächsten Wochen erfolgreich vom Schriftlichen abhalten wird (die Fotos entstanden vor zwei Jahren in meiner noch makroobjektivfreien Zeit).
   

Samstag, 16. Oktober 2010

[Buch im Test] "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" von Judith End

Zu meiner großen Überraschung erreichte mich Anfang September wieder ein Buch im Rahmen einer Testleseaktion von Droemer-Knaur, und weil es in diesem Monat auch thematisch passt, hebe ich diesen alten Post vom 10. September wieder nach oben.

Der Postbote, dem ich in Kürze wohl bei einem Kaffee das Du anbieten werde, brachte mir folgendes Buch.


Kurzbeschreibung (lt. Amazon)

Judith End ist eine junge, alleinerziehende Mutter, mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben, jetzt quält sie sich mit der Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwachsen soll, falls sie sterben sollte. Operation folgt auf Operation, Chemo- und Strahlentherapie schließen sich an. An den guten Tagen vor dem nächsten Infusionstermin versucht Judith mit Paula in den alten, unbeschwerten Alltag zurückzukehren. Und sie lernt trotzig auf ihr Examen und legt die Prüfungen ab. Am Schluss der Prozedur hat sie beides: Hoffnung, den Krebs überwunden zu haben, und ein Einserexamen. Judith End ist eine Autorin, deren Erzähltalent, deren Sinn für Dramatik, deren offene Nüchternheit und deren großes Maß an Selbstironie Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in ihren Bann schlagen.

Klappentext

Jung, glücklich, schön - und Krebs

"Als ich nach Hause komme, sehe ich als Erstes dich, kleine Paula. Du kommst an Doros Hand gerade aus dem Kindergarten. Stehst vor dem Haus und wartest auf mich. Du bist wie immer ein kleiner Fels in der Brandung, und es ist seltsam, dich aus der Ferne zu sehen. Für dich geht alles weiter. Mit deiner gestreiften Mütze und deiner festen Stimme. Und du freust dich über mich. Für dich muss ich leben. Ich muss, ich muss, ich muss!"

Der Schicksalsbericht einer taffen jungen Frau und ihrer Tochter, die gemeinsam der Krankheit trotzen.

Das Buch (und ich)

Dieses Buch kann ich nicht besprechen, rezensieren oder was auch immer.
Ich kann einem Schicksal keine Punkte geben.
Es gibt keinen Plot, den man beurteilen kann, denn diesen Plot mit all seinen Fehlentscheidungen, Schwächen, Wut, Tränen, Liebe hat das Leben geschrieben.
Und es gehört sich (für mich) nicht, Texte, die die Gefühle der Betroffenen widerspiegeln, einer Wertung zu unterziehen.

Dennoch möchte ich "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" kurz vorstellen, auch wenn die Kurzbeschreibung im Grunde bereits alles sagt. 

Ich muss gestehen, dass ich das Buch nicht lesen wollte und sogar ein wenig erschrocken war, als ich den Umschlag öffnete.

Bücher solcher Art lese ich nicht.

Das klingt hart und ungerecht, das gebe ich zu.

Es liegt mir fern, diesem Genre die Berechtigung abzusprechen oder die niedergeschriebenen Schicksale herabzuwürdigen, sondern meine Abstinenz von Krankheitsschicksalen ist eher eine Art Selbstschutz, mit der ich egoistisch vermeide, den privaten Tränen, die ich in der Vergangenheit habe vergießen müssen, noch Tränen um fremde Schicksale hinzufügen.

Nun gehöre ich aber auch zu den Menschen, die sich verpflichtet fühlen, ein Buch zu lesen, wenn sie einmal vom Testleselos getroffen wurden, worüber ich mich grundsätzlich freue, denn so kommt auch einmal etwas in meinen Haushalt, was ich im Laden vielleicht nicht wahrgenommen hätte.
Also habe ich meinen "Das lese ich nicht"-Schwur gebrochen, angefangenen Lesestoff beiseitegelegt und "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" in nur einem Tag durchgelesen.

Judith Ends Schicksalsbericht drückt nicht auf die Tränendrüse, sondern reflektiert von Anfang bis Ende schonungslose Echtheit ebenso wie Verzweiflung und Kraft.
Vermutlich ist das zwar der letzte Schicksalsbericht, den ich in nächster Zeit lesen werde, aber ich muss sagen, dass er mich von Anfang bis Ende berührt hat, ohne dass ich ein Taschentuch brauchte. Judith End hat mich mit offenem Mund und aller Bewunderung zurückgelassen.

Dieses Buch verdient es, gelesen zu werden.
In nachvollziehbaren, nicht abgenutzten Bildern erzählt Judith End, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, als sie mit Mitte 20 die Diagnose Brustkrebs erhielt.

Es drängt sich ein leises Gefühl auf, dass in den letzten Jahren vermehrt über Brustkrebsfälle berichtet wird, was vor allem den betroffenen Prominenten zu verdanken ist, die ebenfalls vermehrt an die Öffentlichkeit gehen.
Dass es wichtig ist, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, zeigt eben auch der Fall von Judith End, und das Erscheinungsdatum Anfang Oktober, also im Brustkrebsmonat, ist ganz sicher nicht zufällig gewählt. 

Judith End ist eine "normale" Frau wie Du und ich, eine von den fast 60.000 Frauen in Deutschland, bei denen jährlich diese Diagnose gestellt wird.
Und sie ist jung, mitten im Examen, alleinerziehend, irgendwie noch unfertig mit ihrem Leben.  
Mit ihrem Bericht lässt sie das Kartenhaus zusammenbrechen, ein Kartenhaus, das man sich als junger Mensch aufbaut und denkt, der böse Krebs sei dem Alter vorbehalten.

Der Beitrag, den die Autorin zur Brustkrebsaufklärung leistet, ist nicht zu verleugnen.

Sie lässt nichts aus, sie spricht über die Phasen des Alleingelassen- und Geschnittenwerdens ebenso wie über die medizinische Hölle, die bei ihr das "volle Programm" umfasste.

Dabei verwendet sie eine Sprache, die zu Beginn zwar ein wenig distanziert wirkt, aber, zumindest bei mir, nicht das Gefühl erweckt, man wolle nichts anderes, als Mitleid erheischen, und zugleich für alle Altersklassen geeignet ist.

Sie macht betroffen, keine Frage.
Und das ist auch gut so, denn ihr Weg durch die Krebserkrankung ist kein Spaziergang, der bunt bebildert beschönt werden darf.

Sie erschreckt und bewirkt Kopfschütteln, weil man nicht glauben mag, wie sich manch gesunder Mensch gegenüber einem Kranken benimmt, und regt damit zum Nachdenken an.

Auf bewundernswerte Art und Weise beantwortet sie anschaulich und kindgerecht die Fragen der damals vierjährigen Tochter. 

Und mit Sarkasmus und schwarzem Humor tritt sie uns allen in den Arsch, dass der Krebs eben nicht die Krankheit der anderen ist.

Mein nächster Vorsorgetermin ist jedenfalls gemacht!

Donnerstag, 7. Oktober 2010

... über "First Drop of Crimson" von Jeaniene Frost

Jeaniene Frost

Erster Ableger einer erfolgreichen Urban-Fantasy-Reihe, der zunächst nach Pflichtprogramm aussieht, aber schnell ein überraschendes Eigenleben mit unverkennbarem emotionalem Gepäck und viel Gefühl entwickelt.

Aus dem Inhalt: Wer Jeaniene Frosts bislang 4 Bände umfassende Reihe um die Night Huntress Catherine "Cat" Crawfield und Crispin "Bones" Russell verfolgt, weiß natürlich, wer die Protagonistin von "First Drop of Crimson" ist, noch bevor man das Buch aufschlägt. Für die, die es aber nicht wissen, gibt die Autorin im Prolog einen kleinen Einblick und lässt auf nur 2 Seiten die letzten Augenblicke Revue passieren, die Denise MacGregor mit ihrem Ehemann Randy verbringen durfte, der kurz darauf der dunklen Welt der Vampire und anderen Geschöpfe aus Jeaniene Frosts Universum zum Opfer fiel. Nach dem tragischen Tod des Ehemannes ist es nur zu gut verständlich, dass sie genau dieser Welt den Rücken kehren möchte, auch wenn Halbblut Cat noch so sehr ihre beste Freundin ist. Ein Jahr später wird Denise, die aufgrund dieses Verlustes und eines weiteren Ereignisses, das sich bald darauf anschloss, unter posttraumatischer Belastungsstörung und Panikattacken leidet, wieder mit dem Tod konfrontiert. Sie erfährt von ihrem Cousin Paul, dass dessen Schwester und Mutter an einem Herzinfarkt verstorben seien. Im nächsten Moment segnet auch Paul im festen Griff eines Wesens, das Denise im ersten Moment für einen Vampir hält und mit Silbernitrat zu bekämpfen versucht, das Zeitliche.
Denise gibt ihrem Impuls nach und versucht, Cat zu erreichen, um von diesem merkwürdigen Ereignis zu berichten, aber die einzige Person, die sie erreicht, ist Spade, ein alter Freund von Bones, den wir natürlich bereits aus den vier Bänden der "Mutterserie" kennen. Da sich Cat in Neuseeland aufhält, beschließt Spade, die Sache in die Hand zu nehmen, schließlich will er seine beiden Freunde nicht wegen einer Nichtigkeit, die vielleicht lediglich dem trauervernebelten Geist einer Sterblichen entsprungen ist, aus dem Ausland antanzen lassen.
Als er allerdings bei Denise eintrifft, muss er feststellen, dass diese längst nicht irgendwelchen Hirngespinsten erlegen ist,  sondern Besuch von diesem Wesen hatte, das sich als Gestaltwandlerdämon herausstellt, der sich sozusagen durch Denises Verwandtschaft getötet hat, bis er bei ihr ankam und sie für eine besondere Aufgabe auserkoren hat.
Einer ihrer Vorfahren, Nathanial, hatte sich nämlich einst mit diesem Dämon, der im Englischen den Namen Raum trägt, im Deutschen aber wohl sinnvollerweise umbenannt wurde, eingelassen, es dann aber verabsäumt, seinen Part des Deals einzulösen, und es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen, und zwar so, dass selbst dieser Dämon ihn nicht finden konnte. Und genau dafür braucht er nun Denise, und Denise braucht Hilfe aus der Welt, mit der sie eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Und diese Hilfe heißt Spade, der, als er mit ihr von einem Ort zum nächsten zieht, bald feststellen muss, dass der Dämon die Frau nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich auf besondere Weise gekennzeichnet hat, sodass sie nun auch für seine Spezies von Interesse ist ...  

Meine Meinung

Ich bin ein Fan der Night-Huntress-Reihe von Jeaniene Frost, auch wenn mich die letzten beiden Bände nicht vom Hocker gerissen haben, mich aber immer noch auf das große Gesamtbild, das ich bei der Autorin stets vermute, hoffen lassen. Ich muss einräumen, dass ich noch nicht eine Zeile dieser Bücher auf Deutsch gelesen habe. Auf Empfehlung bin ich in diese Reihe hineingerutscht, und da ich gerade in meiner englischen Phase war und gesehen habe, dass es hier zum damaligen Zeitpunkt gerade einmal zwei Bücher zu kaufen gab, hatte ich sie mir Ende letzten Jahres gleich alle vier in einem Rutsch gekauft. Um die Wartezeit auf Band 5, der im Februar 2011 erscheinen soll, zu verkürzen, sind in diesem Jahr zwei Spin-offs, nämlich im Winter "First Drop of Crimson" und im Sommer nun noch Eternal Kiss of Darkness erschienen. Wieder habe ich beide im Original besorgt, tue mich aber momentan mit dem zweiten Buch etwas schwer, nachdem ich die Denise-Geschichte schon vor einiger Zeit gelesen hatte. Leider zählt Mencheres zu den Charakteren, die mich nun nicht wirklich interessieren, aber vielleicht werde ich ja noch überrascht ... 

Ich sehe Ablegern meist höchst skeptisch entgegen, weil mir Geschichten, die "mal ganz anders sind" einfach lieber sind, als immer nur Geschichten aus einer Welt lesen zu müssen.
Nun ist aber die Welt, die Jeaniene Frost um ihre eigentlichen Hauptcharaktere Cat und Bones in nur vier Bänden bereits sehr umfangreich geworden.
Sie hat viele Nebencharaktere eingeführt, die mehr oder weniger wichtig und interessant sind.
Über manche Entscheidungen habe ich mich zunächst künstlich aufgeregt, so beispielsweise über Vlad und vor allem über die Ghule, und mich dann aber wieder revidieren müssen, weil sie tatsächlich den Plot vorantrieben.
Mittlerweile vermute ich, misstrauisch wie ich bin, hinter jedem neuen Charakter mehr.

So war ich auch nicht überrascht, dass Denise und Spade ihre Geschichte bekamen, und dass sie gleich den ersten Ableger mit Leben füllen durften, hat mich ebensowenig überrascht. Immerhin sind beide Charakter die jeweils besten Freunde der eigentlichen Haupthelden der Frostschen Urban-Fantasy-Welt.

Skeptisch machte mich allerdings die Tatsache, dass zunächst ganz offensichtlich auf eine der beliebten wie gehassten Mensch-Vampir-Beziehung hingearbeitet wurde, denn Protagonistin Denise ist nun mal einer der sehr wenigen Menschen, die bei Jeaniene Frost eine Rolle spielen und ihre Plots bislang auch als Mensch überlebt haben.
Spade ist der rettende Vampir der Stunde mit alle Attributen, die sich die Leserin wünschen mag. Er ist dunkel, sexy und natürlich auch nicht ungefährlich. 

Nach ihrem Erlebnis, das eben nicht in die Welt der Sterblichen einzuordnen ist, blieb Denise nichts anderes übrig als sich an einen "Untoten" zu wenden. Alles andere hätte sie vermutlich in die Klapsmühle gebracht.
Als Spade als Cat-Lückenbüßer auf den Plan trat, war natürlich mit Problemen zu rechnen, denn für ihn sind Menschen eher zu einem Zeitvertreib geworden, als dass er sie wirklich ernst nehmen würde. Gleichzeitig aber ist er so gar nicht wie Bones und gehörte für mich schon immer in die Kategorie der Vampire, die ein (bis zu diesem Buch noch nicht ganz klares) gewaltiges Päckchen mit sich herumtragen und das mit irgendwelchen besonderen Attitüden überspielen müssen.
So war es doch recht überraschend für mich, dass er sich von Sekunde 1 an um Denise kümmerte, als gäbe es keine anderen oder wichtigeren Aufgaben auf Erden.
Mit einer Engelsgeduld, die schon fast übertrieben ist, macht er ihre vollkommen menschlichen und nachvollziehbaren Panikattacken mit, erträgt es, dass sie sich auf ihn übergibt, und schafft es nebenbei auch noch, sich halbwegs im Zaum zu halten, als er merkt, dass er eigentlich auch noch was von ihr will, und zwar nicht nur unbedingt ihr Blut.

Im Laufe der Geschichte, in der die beiden zwangsläufig viel Zeit miteinander verbringen und sich besser kennenlernen (sie sind ja nicht unbekannt aufeinander getroffen, wie das in anderen Romanen der Fall ist), wachsen sie auch mehr und mehr zusammen.
Überhaupt konzentriert sich Jeaniene Frost in "First Drop of Crimson" wie gewohnt stärker auf die Interaktion ihrer Charaktere, sie lässt sie etwas tun und  miteinander reden, ohne viel Wert auf Beschreibungen der externen Umstände zu legen. So erfahren wir zwar, wie die Protagonisten jeweils aussehen und was sie anhaben, müssen uns das Setting, in dem sie sich befinden, aber meist selbst vorstellen.

Sehr gut gefallen hat mir, dass "First Drop of Crimson" in meinen Augen die Liebesgeschichte besser bedient als die Mutterserie. Denise ist erfrischend normal, weil sie eben ein Mensch ist. Man darf sie von vornherein nicht mit Cat vergleichen, schließlich sind Charaktere nicht austauschbar. Man kann ja auch im Obstsalat nicht den Apfel durch die Zwiebel ersetzen. Wer auf eine Kick-Ass-Geschichte nach dem Schema von Cat hofft, ist mit "First Drop of Crimson" wohl nicht gut bedient.

Daneben geht die Autorin sehr behutsam mit dem Thema Verlust um, was die Geschichte deutlich realistischer macht.
Denise und Spade dürfen erleben, dass es in der Liebe nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern dass eine neue Liebe möglich ist, wenn man eine verloren hat, und zwar ohne dass das dem Fortbestand der ersten Liebe schaden muss.
So sagt Spade zu Denise: "You'll always love him ... That doesn't die just because he did, or because you now love me. Your love for him is part of who you are. It's a beautiful part, Denise. Don't be sad of it, and I will never be jealous of it."
Szenen wie diese machen den Roman "First Drop of Crimson" in meinen Augen tiefer und gefühlvoller als die action- und erotikgeladene Mutterserie.

"First Drop of Crimson" ist in vieler Hinsicht anders, und gerade das hat mir sehr gut gefallen.

Einen besonderen Pluspunkt bekommt die Erzählperspektive, denn die Ich-Perspektive bleibt Cat vorbehalten, sodass man Denise und Spade mit einiger Distanz beobachten kann, trotzdem in die Gefühlswelten beider eintauchen kann und damit nicht der eindimensionalen Betrachtung, die zwangsläufig beim Ich-Erzähler entsteht, erliegt. Die Entscheidung, die Erzählperspektive zu wechseln, ist durchaus zu begrüßen und lässt keine Verwirrung oder gar Vergleiche mit Cat und Bones aufkommen.

Der Roman funktioniert mit den Hauptcharakteren der Mutterserie (die natürlich genau zur rechten Zeit und wohldosiert mit ins Geschehen eintreten, bevor die Welt wieder nur Denise und Spade gehört), aber er funktioniert auch ohne sie. Man muss sie nicht kennen, um dem Plot folgen zu können, auch wenn bekannte Charaktere auftreten. Die zusammenfassenden Informationen dürften für Neueinsteiger und Kenner gleichermaßen ausreichend sein und wirken nicht störend.

Natürlich empfiehlt es sich für all jene, die die ursprüngliche Reihe bereits angelesen haben, aber Band 4, also Destined For An Early Grave bzw. auf Deutsch Der sanfte Hauch der Finsternis: Roman, noch nicht kennen, erst einmal diesen und erst im Anschluss das Spin-off zu lesen, denn es gibt einen kleinen, aber nicht ganz unwichtigen Spoiler.

Die Titelwahl im Deutschen finde ich wieder einmal - Achtung: Ironie! - überaus gelungen, da er wieder einmal irreführend ist, denn die "Nachtjägerin" in Jeaniene Frosts übersinnlicher Welt ist und bleibt nun einmal die rothaarige Catherine "Cat" Crawfield.
Jeaniene Frost wäre aber nicht Jeaniene Frost, wenn sie nicht auch für Dennis MacGregor eine Überraschung parat hätte und damit die vermeintliche Mensch-Vampir-Liebesgeschichte mal ganz flott aushebeln würde. Trotzdem macht diese Überraschung Denise keineswegs zur "Nachtjägerin".

Fazit:
"First Drop of Crimson" ist ein gelungener Auftakt zu vollkommen eigenständigen Geschichten aus der Night-Huntress-World und sollte auch als eigenständiger Roman ohne Vergleich mit der Hauptserie betrachtet und gelesen werden.
Hier gibt es kein Original und keine Fälschung, es gibt eine Hauptserie mit ihren Hauptcharakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und nun gibt es eben zusätzliche Geschichten um Charaktere aus diesem Universum, die ebenso original oder originell sind und für sich selbst funktionieren.
Jeaniene Frost zeigt hier, dass sie auch Nebenfiguren, die vollkommen andere Charakterzüge zeigen, mit genügend eigenem Material ausstatten kann und nicht zwanghaft in der Ich-Perspektive schreiben und aufsässige, in Slang und Argot vor sich hin fluchende Personen sprechen lassen muss, um den Leser in ihre Welt eintauchen zu lassen.
Auf der Flucht vor dem Dämon Raum und der Suche nach Nathanial, die die Protagonisten nicht nur nach Las Vegas und Monaco führt, passiert nicht gerade wenig. Es wird gekämpft, gestritten, gehadert, gegessen, gebissen, aber es geht eben auch mit weniger rasanter Action und seltenerer und weniger einfallsreicher Erotik, dafür aber mit menschlichen Macken und Ängsten und umso mehr Gefühl.

Mein Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen
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