Sonntag, 19. Dezember 2010

Winterliche Kindheitserinnerungen

Als ich in einem früheren Post heute meinen Lieblingstrickfilm Die zwölf Monate vorgestellt habe, erwähnte ich, dass ich mit Drei Haselnüsse für Aschenbrödel - DEFA ganz besondere Kindheitserinnerungen verbinde, aufgrund derer mich dieser Märchenfilmklassiker nie übersättigen kann. 
Zu Weihnachten darf man ja ruhig ein wenig nostalgisch werden, und bei diesen Erinnerungen muss ich immer schmunzeln. Weil sie nicht furchtbar privat sind, dafür aber irgendwie niedlich sind, will ich sie heute mit euch teilen. 

Wie berichtet, gab es in unserem kleinen Kino häufig Kinderfilmvorführungen, und zu Weihnachten stand, wie heute und damals im Fernsehen, über ein paar Wochen auch "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auf dem Programm. 

Zunächst, also in der Zeit, in der die meisten von uns am Nachmittag noch in den Hort gingen und dort so lange blieben, bis wir von einem Erziehungsberechtigten abgeholt wurden, durften wir selbstverständlich noch nicht allein Mittwochs gegen 14.30 oder 15.00 Uhr (so genau erinnere ich mich nun nicht mehr) ins Kino gehen. Für die Erst- bis Drittklässler wurde also alljährlich ein gemeinsamer Kinonachmittag organisiert, sodass wir in Begleitung der Hortnerin, mit dem Schulranzen auf dem Rücken, geschlossen im kleinen Kinosaal anrückten. Übrigens wurde so etwas mehrmals im Jahr durchgeführt, meist natürlich mit deutlich pädagogischerem Hintergedanken. 

Trotz meiner immer kurzen Haare und obligatorischen Hosen war ich doch ein typisches Mädchen, wenn es um Romantik und Funkeln ging. 
So tauchte ich also an jenen Mittwochen ein in die magische Winterwelt der deutsch-tschechischen Koproduktion. Mit Bildern der aufwändigen, strahlenden Kostüme im Kopf und der eingänglichen Melodie auf den Lippen summte ich mich an Muttis Hand nach Hause. 
Nach ein paar Jahren blieb die Aschenbrödel-Tradition immer noch bestehen. 
Inzwischen war der Film zum unumstößlichen Lieblingsfilm von uns allen avanciert und wir auch alt genug, um die Mittwochnachmittagsvorführung allein zu besuchen. Wenn ich auch sonst nicht mit Taschengeld ausgestattet war, weil es einfach nicht notwendig war, bekam ich mittwochs bereitwillig von meiner Mutter die notwendigen 50 Pfennig und noch einmal 20 Pfennig oder so für einen Kinella-Fruchtsaft (der übrigens nicht im Kinosaal verzehrt werden durfte). 
Im Trupp ging es also ins Kino, und das, wenn Aschenbrödel lief, jede Woche. 
Als wir dann nicht mehr in den Hort gingen und nach der letzten Stunde selbständig zum Mittagessen gehen durften, hatte plötzlich jemand in unserer üblichen Clique eine Idee. 
Das Aschenbrödel-Thema summten oder trällerten die meisten sowieso schon automatisch, sobald die Weihnachtszeit nahte. Warum also spielten wir unser Aschenbrödel-Stück nicht einmal selbst?
Wir gingen somit zum Mittagessen in die Maschinenfabrik (wir hatten keine Schulküche und wurden daher von drei Betrieben vor Ort in den Kantinen mitversorgt) und schmiedeten Pläne. 
Die Intention bestand nicht darin, Aschenbrödel auf die Bühne zu bringen, sondern es einfach nachzuspielen, und zwar sofort und ohne Proben.
Und das taten wir dann auch, direkt vor der Maschinenfabrik, eingemummelt mit Mütze und Schal, die Schulranzen im Schnee. 
Gegenüber des Betriebes befand sich eine Gründerzeitvilla, an die ein kleines rasenbegrüntes Plateau angeschlossen war. Dieses war öffentlich zugänglich und verfügte über eine Sitzbank und eine große Betonschale für saisonale Anpflanzungen. 
Das war unsere Bühne.
Die Rollen waren schnell verteilt, und wir vereinbarten, dass jedes Mal ein anderer an der Reihe sein sollte, um dem thüringischen Aschenbrödel Leben einzuhauchen. 
Wie sich herausstellte, hatten wir damals Gedächtnisse wie die Elefanten und konnten vollkommen problemlos den Film zusammenrezitieren.
Selbst die kleinste Rolle wurde verteilt, was natürlich dazu führte, dass fast alle Doppel- und Dreifachrollen am Hals hatten, da nur ein kleiner Teil unserer 20 Schüler umfassenden Klasse anwesend war. Kleinste Rolle bedeutete bei uns auch Pferde und Kostüme. 
Wann immer also durch den Schnee geritten werden musste, warf sich einer auf allen vieren in den Schnee und mimte das Fortbewegungsmittel. Warf Aschenbrödel eine der Nüsse von sich, wurde einer von uns zum juwelenbesetzten Ballkleid usw. Da fällt mir auf, dass wir gar niemandem die Rolle der Nuss zugedacht haben. Besagte Gewandung sprang dann der Protagonistin für einen kurzen Moment auf den Rücken, erlöste sie dann aber wieder, damit sie ohne Ballast die Szenen fortsetzen konnte. 
Der Klassengesangsstar wurde zur musikalischen Untermalung verdonnert. Das machte sich allerdings immer an den Tagen schlecht, wenn das Mädchen selber zum Aschenbrödel berufen wurde. 
Eine Zeitlang wurden wir nicht müde, unser Spiel Tag für Tag in Angriff zu nehmen, auch zur Belustigung der Passanten. 
Auf dem Nachhauseweg hatten wir dann meistens tierisch kalte Füße, feuchtkalte Hosen, aber knallrote heiße Wangen, aber der Spaß war es wert. 
Natürlich schlief diese kindliche, kindische Wintertradition irgendwann ein, aber wann immer ich den Herrn Zeremonienmeister durch den Schnee waten sehe und "Eure königliche Hoheit ..." rufen höre, sehe ich vor meinem geistigen Auge meine Schulkameraden, die ich schon eine ganze Weile nicht gesehen habe, wie sie um einen verschneite Betonschale tanzen oder auf allen vieren durch den Schnee reiten, bevor der Prinz seinem Aschenbrödel einen züchtig-angedeuteten Kuss gibt. 
Deshalb habe ich immer ein Lächeln auf den Lippen, wenn ich die Filmankündigung im Fernsehen sehe. Auch wenn der erste Schnee um Weihnachten (was ja eher selten ist) oder Neujahr tatsächlich liegen bleibt, denke ich an das winterliche Ambiente des Märchenfilms. 

Die gedankliche Winterromantik bleibt natürlich nur so lange erhalten, bis ich schwitzend die Einfahrt vom Schnee befreien muss und rastlos zu Hause warte, bis der Imker von Marktfahrten heil zurückgekehrt ist, aber unser Kinderlachen wird mir immer im Gedächtnis bleiben.

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