Dienstag, 28. Dezember 2010

Im Namenssumpf

Angeblich sind sie nur Schall und Rauch, die Namen, für mich aber stellen sie momentan einen undurchdringlichen Morast dar, voller Hindernisse und Zweifel. 
Auch Cornelia Franke befasste sich vor kurzem mit der Namensfrage, und ja, liebe Cornelia, seither fühle ich mich zusätzlich von Namen verfolgt. 
Ach, was sage ich. 
Eigentlich bin ich von Namen besessen. 

Die Entstehung einer Geschichte fühlt sich manchmal an wie eine Schwangerschaft in Zeitraffer. Man laviert um die Charaktere herum, reduziert sie, nur damit man überhaupt etwas schreibt, auf Personalpronomen, bis zu jenem Zeitpunkt, zu dem Prof. Dr. X mit schlauem Blick auf den Monitor starrt und vorsichtig fragt, ob man das Geschlecht wissen möchte oder nicht. Spätestens dann bekommt die Namenssuche eine neue Dimension, und irgendwann muss man sich schließlich entscheiden. 

Schön ist es natürlich, wenn der Name schon vor dem Kinde da ist.
Ich liebe es, wenn ich meine Charaktere vom ersten Moment an ansprechen kann. 
Leider aber laden sich manchmal Namen ein, die nicht passen wollen, sei es aufgrund ihrer Bedeutung oder der Generation. 
Ich habe einen nahezu pathologischen Drang, Namen zu vergeben, die sehr bedeutungsschwanger sind, es sich dann aber gerne herausstellt, dass in der anvisierten Generation kein Mensch so heißt.
Angeblich. 
Ich habe nämlich den Eindruck, dass wir von fremden Namen so überhäuft werden, dass wir gar nicht mehr wahrnehmen, welche Namen uns täglich umgeben.
In meiner Generation hatten wir in jeder Klasse zwei Exemplare von Nicole, Thorsten (auch in der Sparvariante ohne "h"), Peter, Ronny, Daniel, Daniela, Diana, Katja, Jana, Thomas oder Ines (übrigens mein zweiter Vorname).
Ich erinnere mich an eine heftige Diskussion in einen der zahlreichen Foren eines großen Online-Versandhauses, in der eine Autorin in Grund und Boden gestampft wurde, weil sie es wagte, ihre Protagonistin Monika zu nennen. Auf einen Link zur Diskussion verzichte ich an dieser Stelle, da diese rasch das erträglich und auch gewünschte Maß des Konstruktiven verließ und nur noch der Demontage diente.
Da muss ich als Leser gestehen, dass ich in einem deutschen Setting lieber von einer  dreißigjährigen Monika statt einer Lucia lese, denn, auch wenn keine Monika, sondern eine Jutta nebenan wohnt, so könnte sie doch meine Nachbarin sein. 
Nun habe ich es selbst gewagt, den Gipfel der Profanität zu erklimmen, und meine Protagonistin in einer Vampirromanze Anne Müller genannt. 
Warum?
Weil sie sich eingeladen hat. Weil es sie tatsächlich geben könnte. Weil sie das reale, bodenständige Element des vornehmlich im ländlichen Roman angesiedelten Romans ist. Weil jeder andere Name bedeutete, mit Kanonen auf Spatzen zu schießen, nämlich einem unspektakulären Menschen, der nichts als seine Ruhe und seine Liebe will, einen Stempel aufzudrücken, dem er nicht gerecht werden kann. 
Nach fast zwanzig Jahren habe ich noch die Kritik im Ohr, warum ich meine Geschichten immer im englischsprachigen Raum ansiedele. Lange Zeit projizierte ich Reiselust und Reisefrust in Schauplätze und Namen, bis mir eine Autorin den Kopf wusch und sagte, ich solle erst einmal über das schreiben, was mich umgibt. 
Und das habe ich getan.
Deshalb gibt es sie nun, Anne, Helma, Hans und Rosa. 

Dass Namen zu einem unerträglichen Hemmschuh werden können, erlebe ich momentan. 
Die berühmte Crux ist, dass sämtliche coolen Vampirnamen schon vergeben sind. 
Sobald man die Frechheit besitzt, sich von einer Vampirromanze so einnehmen zu lassen, dass man sie aufs Papier bringt, setzt man sich Vergleichen aus.
Wie soll ich also einen neuen Charakter in Band 2 benennen, ohne verbale Schläge wegen mangelnder Kreativität einzustecken?
Er ist Franzose, hat mehr Jahre als John auf dem Buckel, und ist der klischeehafte Inbegriff des gastfreundlichen, hyperfröhlichen Baguettewerbungsmannes mit Schnurbärtchen. Also das Gegenstück zu dem brütenden Einsiedler John, das dem Amerikaner mal ordentlich auf die Füße tritt.
Aber wie soll ich den französischen Kopfwäscher nur nennen?
Alles ist schon dagewesen: Louis, Armand, Thierry, Etienne, Lucien, Bastien, Damian, Lucien und und und. 
Jean schießt sich schon selbst aus dem Rennen, weil man ihn zu leicht mit John verwechseln kann. 
All die Listen der populären Namen sind eine wahnsinnig unsinnige Hilfe, denn sie bieten mir für die betreffenden Jahre natürlich die Standardnamen, die kein Mensch mehr lesen will. 
Daneben sollte es auch ein Name sein, den man hierzulande halbwegs aussprechen bzw. im Gedächtnis behalten kann. Es ist ja keinem mit einem spektakulären Namen geholfen, den am Ende keiner mehr weiß, weil er eine zu komplizierte Schreibweise hat. 
André war somit schon in der engeren Auswahl, fiel aber wieder raus, weil ich a) einen Schulkameraden dieses Namens habe, mit dem ich sehr lustige Episoden verbinde, die ich einfach nicht aus dem Kopf bekomme und b) vor kurzem einen weiteren André kennengelernt habe, dessen Bild ebenfalls nicht zu meinem Vampir passt.
Und nun?
Mache ich meinen Franzosen zum Italiener oder Russen, weil mir kein Name einfällt? 
Plotte ich um und nehme den Handlungsstrang Frankreich komplett raus?
(Wenn mich die Verzweiflung ergreift, könnte ich schon zu einem radikalen Schritt tendieren, aber dann muss ich ja Rosa an einen anderen Ort verpflanzen ...)

Ach, wo wir von Rosa sprechen  ...
Ist es nicht eine Frechheit, dass die Vampire Diaries nun einen Charakter namens Rose aus dem Boden gestampft haben? 
Tja, meine Rosa muss  bleiben. 
Da wird nicht dran gerüttelt.

Fragen über Fragen, die mich immer weiter in den schlierigen Sumpf rudern lassen.

Also werde ich mich wieder im Internet herumtreiben, Straßennamen durchforsten, Filmabspänne analysieren und am Ende Monsieur Gaieté dann doch Maurice nennen?

Lange Rede, kurzer Sinn: 
Für Vorschläge bin ich höchst empfänglich.

Kommentare:

Cassy.K hat gesagt…

Hallo :)
Ih bin CassyK aus dem Panem in Flammen dem ersten Fanblog von die Tribute von Panem von Fans für Fans ^^ auf unserem Blog findest du die neusten Informationen über die Trilogie von Suzanne Collins : Die Tribute von Panem ;)
Undf wenn du die Trilogie noch nicht kennst, noch ein Grund mehr reinzuschauen ^^
Wir haben ganz ganz neu aufgemacht :)
lg
CassyK
http://paneminflammen.blogspot.com/

Charlousie hat gesagt…

Huhu! Also ich würde Frankreich definitiv drin lassen und einen französischen Namen suchen!
Oder vielleicht mal nach einem bretonischen googeln? Das ist im weitesten Sinne auch Französisch, nur ein wenig anders... und sehr schöne, so wie aßergewöhnliche Namen! Ich habe auch immer so Probleme mit den Namen... Liebe Grüße, wünsche dir noch viel Erfolg!
PS: Mein Austausch Franzose hieß: Pierre-Yves :)

Sinje hat gesagt…

Siehste Pierre und Yves habe ich schon wieder verdrängt ;-)
Benoît war auch schon im Rennen, da kommt wieder das Sonderzeichenproblem.
Baptiste ist in der engeren Auswahl, Ambroise und Guillaume gefallen mir auch. Klar muss man sich entscheiden, blöd ist nur, wenn man bei jedem Namen ein anderes Bild vor Augen hat als das des betreffenden Charakters.

Astrid hat gesagt…

Ich liebe es mich mit Namen zu beschäftigen. Mir ist spontan Rémy eingefallen. So hieß mal ein französischer Austauschschüler den ich mit 17 süß fand. Es bedeutet übrigen der Ruderer oder auch Rettung der Seele.

Sinje hat gesagt…

Rémy ist gar nicht so schlecht, wenn man die Eigenschaften betrachtet, die diesem Namen zugeschrieben werden: http://www.signification-prenom.com/prenom/prenom-REMY.html

Natira hat gesagt…

Bei Frankreich fällt mir halt immer auch Alain ein, Rene, Robert und natürlich Jean-Luc *lach*

Hm... ansonsten fallen mir beim Anschauen der Bücher hier ins Auge: César, Antoine, Alphonse, Dominique, Jules und Edmond ein

Remy klingt übrigens, wie ich finde, toll!

Sinje hat gesagt…

René war bei uns "Rennee", *schauder*. Ich erinnere mich, dass ich immer alle verbessern wollte :-)
Jean-Luc ist ein toller Name, aber "Jean-Luc reichte John die Hand ..." wird fürchterlich.
Ich weiß gar nicht warum, aber bei César stelle ich mir immer ein Kind vor. Vielleicht liegt das an der Hundefutterwerbung? Himmel, was hat man nur manchmal für Assoziationen. Jules fällt wegen des J raus. Dominique hat einen zu modernen Touch. Edmond ist wieder zu Edward-mäßig ... Alphonse ist übrigens im Buch schon vergeben.
Und um Ausreden bin ich auch nicht verlegen ...
Rémy ... ich spüre leise Schmetterlinge :-)

Natira hat gesagt…

:)

Oh, Alphonse war schon dabei. Bei Jean-Luc kam halt mein Trekkie-Herz durch :)

Léon (wie der Profi), Èmile (wie Zola) und hmm Arsené (wie Lupin) :)
Falls Du neben Rémy noch Namen brauchst *g*

Sinje hat gesagt…

*gg*
Den Jean-Luc hab ich als Nicht-Trekkie auch noch erkannt :-)
Ich werde einfach mal einen Auszug nehmen, darin die Namen ersetzen und vorsichtig auf mich wirken lassen.

Natira hat gesagt…

:) Viel Spaß dabei ... und Erfolg

Astrid hat gesagt…

Mich freut ja, dass Dir Rémy so gefällt. Leider kann ich kein Französisch(drei Jahre Untericht sind nahezu spurlosan mir vorübergezogen), wäre lieb wenn Du mal kurz erzählst was in Deinem Link zu dem Namen gesagt wird. Lass es mich wissen wenn es Rémy wird.

Sinje hat gesagt…

@Natira
Vielen Dank :-)

@Astrid
Er erscheint ruhig, manchmal sogar phlegmatisch, dahinter verbirgt sich aber ein nervöses, komplexes und auf den ersten Blick undefinierbares Wesen. Er ist ein Denker und Intellektueller. Er ist neugierig, interessiert sich für alles, neigt zu kritischem und analytischem Hinterfragen und zu Skepsis und so weiter und so weiter.
Das passt schon mal alles auf besagte Person.
Rémy liegt also gut im Rennen.

Astrid hat gesagt…

Na dann bin ich mal gespannt. Das hört sich gut an und macht noch neugieriger auf die Fortsetzung. Ich freu mich schon so darauf, wann auch immer Du damit fertig bist.

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