Montag, 20. Dezember 2010

[Dokumentarfilm] Die Frau mit den 5 Elefanten

Am gestrigen Abend sendete 3Sat den Dokumentarfilm Die Frau mit den fünf Elefanten
Schon seit ich von dessen Premiere in Leipzig im letzten Jahr, von der ich leider nur über zehn Ecken und viel verspätet erfahren hatte, wollte ich ihn sehen, hatte leider bislang aber keine Gelegenheit dazu. 
Swetlana Geier, die hier eindrucksvoll von Vadim Jendreyko mit der Kamera auf einer Reise zu ihren Wurzeln begleitet wird, verstarb im vergangenen Monat.  
Spätestens die gestrige Ausstrahlung der Dokumentation ist mir nun einen Beitrag wert. 
Leider hatte ich - im Gegensatz zu einer lieben Kollegin - nie das Glück, Swetlana Geier kennenzulernen. Eine Unbekannte war sie für mich als Übersetzerstudentin mit Russisch als erstes Hauptfach aber nie. 
Sie steht nicht nur für Kongenialität, Hinterfragung des Klangs und der Konnotation von Worten, sondern sie zeigt auch, entgegen allen Predigten von Heerscharen von Übersetzungsdozent, dass es durchaus möglich ist, den Elefant der Übersetzung in die Fremdsprache zu zähmen. Mit und aus Liebe zur Sprache, mit Achtung vor dem Urheber, mit Disziplin und der Fähigkeit, über das Wort und den Satz hinauszublicken und ein Ganzes zu erfassen. Und mit der, wie sie selbst in etwa sagte, schier unstillbaren Sehnsucht nach dem, was sich einem unablässig zu entziehen versuche, dem scheinbar unerreichbaren Original, und nicht zuletzt mit dem Wissen, dass Übersetzungen mit ihrer Entstehungszeit verwachsen und nicht unsterblich sind.
Swetlana Geiers 5 Elefanten, die in Sachen Komplexität, Anspruch und Umfang diese Bezeichnung sehr wohl verdienen, sind neben zahlreichen anderen Werken Dostojewskijs dessen große Romane Verbrechen und Strafe, Der Idiot, Böse  Geister, Die Brüder Karamasow und Ein grüner Junge. (Die beiden ersten habe ich auf Russisch gelesen und eine gefühlte Ewigkeit dafür gebraucht.)
Jendreykos Dokumentation verleiht dem literarischen Übersetzen eine künstlerische, nahezu magische Anmutung, was ich nicht abstreiten möchte, obwohl ich gerade diese Form des Übersetzens selbst nie betreiben wollte, lässt aber auch einen leicht realitätsfernen Eindruck entstehen, denn mein Übersetzeralltag lässt Kongenialität und vor allem auch Zeit für eine tiefgehende Kontemplation und Reflektion von Schönheit und Intention der Sprachen vermissen; allerdings muss ich auch vom Übersetzen leben. Dennoch vermittelt sie, auch wenn das Übersetzen sozusagen eine Nebenrolle, einen unterstützenden Part spielt, da es nun mal eine der Tätigkeiten der Swetlana Geier war, die sie prägte und gleichermaßen von ihr geprägt wurde, eine klare Vorstellung davon, was Übersetzen und Unübersetzbarkeit bedeuten.
Im Mittelpunkt der Dokumentation steht die Reise der Übersetzerin zu ihren Wurzeln; in Anbetracht ihres Todes nur ein Jahr nach Erscheinen, ist diese Reise umso mehr eine Reise der Suche und des Abschiednehmens. 
In Begleitung ihrer Enkelin und des Filmteams reist Swetlana Geier mit dem Zug in ihre Geburtsstadt Kiew, die sie 1943 verlassen und seither nicht wiedergesehen hatte, und erzählt ihre Geschichte, die den Zuschauer berührt und bewegt. 
Zumeist verfolgt Jendreyko die 85-Jährige sehr einfühlsam,  hält beim Filmen Abstand, wenn sie in Kiew vor einem Haus steht, von dem sie sich nicht zu 100 Prozent sicher ist, ob es genau das ist, in dem sie als Jugendliche lebte, oder wenn sie, stets von der Enkelin gestützt, auf dem Bahnsteig eines ländlichen Bahnhofes steht, enttäuscht, dass sie den Storchenteich, an dem sie unbeschwertere Datscha-Tage verbrachte und aus dem sie so gern noch einmal trinken wollte, nicht wiederfinden konnte. Dann aber gibt es Momente der unausgesprochenen Gefühle, in denen die Kamera einen Tick zu lang auf dem faltigen, stummen Gesicht ruht, sodass dem Zuschauer die Stille beinahe unerträglich wird, weil er gezwungen ist, ungezeigten Erinnerungen und Schmerz beizuwohnen. 
"Die Frau mit den 5 Elefanten" ist ein leiser Dokumentarfilm über eine Frau, die "intelligentnost", "umnost" (unübersetzbar) und die Liebe zu Literatur und Sprache in sich vereint und mich sprach- und schlaflos, mit dem Klang ihrer russischen Sätze im Ohr, zurückließ. Er ist ein Film über ein berufliches Vorbild, das durch sterbliche Übersetzungen unsterblich ist und dennoch eine große Lücke zurücklässt.

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