Samstag, 6. November 2010

Wiedergefunden

Wiedergefunden habe ich ein Buch.

Und das war so.

Vor vielen Jahren, ich glaube, 16 oder 17, bekam ich von meiner ehemaligen Deutschlehrerin ein Buch geschenkt. Der Grund war sicherlich, dass ich damals ein unstillbares Interesse für den französischen Film hegte.
Was ich da aber bekam, ist, wenn ich es rückwirkend betrachte, sicherlich die Ursache für meine Abstinenz von Schicksalsberichten, die ich erst kürzlich ansprach.
Es handelte sich um eine intensive Auseinandersetzung mit der Liebe, dem Tod und der Trauer, der ich damals aufgrund mehrerer privater Verluste emotional nicht gewachsen war.
Ich habe mich durch die vergleichsweise wenigen Seiten durchgehangelt und -geweint. Danach verschwand das Büchlein in meinem Bestand, aber es folgte mir nie auf meinen Umzügen, sondern blieb - tatsächlich auch vergessen - in meiner Heimat zurück.

Als ich gestern nun mit meiner Mutter telefonierte, berichtete sie mir von ihrem aktuellen Lesestoff und dass sie nicht wisse, wo das Buch herkomme.
Wie es der Zufall wundersamerweise so wollte, orakelte ich, wie aus der Pistole geschossen, Autorin und Titel, an die ich all die Jahre nicht gedacht habe.

Unser Wiederfund ist:


Weil ich meine Mama nicht zum Diktieren nötigen wollte und auch nicht sicher bin, ob der auf allen Ausgaben identisch ist, habe ich den Klappentext hier entnommen.

"Anne Philipe, Journalistin und Mitarbeiterin an einem Museum für Völkerkunde, schrieb ein Buch über ihren Mann, Gérard Philipe. Aber nicht der gefeierte Filmstar steht im Mittelpunkt, nicht Fanfan und Julien Sorel, sondern der geliebte, zuverlässige Lebensgefährte.
Dieses schmale Bändchen ist mehr als bloße Erinnerung. Es ist Meditation über die Begrenztheit des menschlichen Daseins, es ist Klage über eine Trennung für immer, und es ist zugleich Aufbegehren gegen einen übermächtigen Schmerz. Ein Spaziergang, ein Spiel mit den Kindern, eine Taxifahrt durch Paris rufen unwiderruflich verlorene Stunden des Zusammenseins ins Gedächtnis, geben aber auch die Kraft und die Zuversicht, mit der Einsamkeit fertig zu werden. Anne Philipes Trauer ist tief und leidvoll, doch hat sie sich den Blick für das Leben nicht trüben lassen. Auf ganz persönliche Art kündet ihr Buch von einer Tapferkeit, die Welt zu sehen, wie sie ist, und sie dennoch zu lieben. "Nur einen Seufzer lang" ist ein Zeugnis menschlicher Größe und Schlichtheit. Von einer Jury, der u.a. Louis Aragon, Michel Butor, Maurice Druon, Vladimir Pozner und Jean-Paul Sartre angehörten, wurde das Werk mit dem "Prix de l'Unanimite" ausgezeichnet, einem Preis, der nur nach einstimmiger Beschlußfassung vergeben werden kann."
 
Anne Philipe beschreibt in "Nur einen Seufzer lang" die kurze Zeit vor dem Krebstod ihres Mannes, des bekannten und beliebten Schauspielers Gérard Philipe, und das Jahr danach, Zeiten, die von Liebe und Verbundenheit, Verlorenheit, Zerrissenheit und Trauer geprägt sind.
Nach all der Zeit habe ich keine Erinnerung mehr an Details, sondern lediglich an die Intensität der Sprache und Emotionen. Ich erinnere mich an Wahrnehmungen, die für den Trauernden mit einem Male deutlicher und präsenter sind, als sie es im normalen Alltag wären, Empfindungen, die in eine sehr ausgewählte Sprache verpackt sind.
Während in diversen Rezensionen von "schlicht" und "nüchtern" oder gar "gewöhnungsbedürftig" die Rede ist, kann ich diesen Eindruck nicht teilen.
Mein sehr alter Eindruck deckt sich mit dem aktuellen meiner Mutter, die sagte, sie habe noch nie etwas so Berührendes gelesen, das in solch treffende, bildhafte Worte verpackt sei, ohne mitleidheischend verblümt zu sein. Sie sagte auch, einerseits rufe das Buch unweigerlich Schmerz hervor, den man nicht hervorholen möchte, aber andererseits biete es starkes Identifikationspotenzial, man erkenne sich wieder und könne Verhaltensweisen (wie die Entscheidung, dem geliebten Mann nicht über den bevorstehenden Tod zu informieren) und Haltepunkte, nach denen man sucht (die eigenen - noch kleinen - Kinder, die das Leben repräsentieren), und inneren Widersprüche (in Verbindung mit dem Sichzeigen in der Öffentlichkeit, dem Allen-Augen-Ausgeliefertsein) nachvollziehen und damit gewissen Trost empfinden.
 
"Nur einen Seufzer lang" ist auf jedem Fall mit unserem Bücherhaushalt verwachsen, und vielleicht werde ich dieses Buch eines Tages wieder einmal zur Hand nehmen.

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