Montag, 22. November 2010

[Hörbuch] "Engelsnacht" von Lauren Kate

Lauren Kate: Engelsnacht 

Produktinformation (lt. amazon)
Audio CD: 1 Seiten 
Verlag: Jumbo Neue Medien (7. Oktober 2010) 
Sprache: Deutsch 
ISBN-10: 3833726830 
ISBN-13: 978-3833726835 
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 15 Jahre
Preis: 19,95

Kurzbeschreibung (lt. amazon)
Wieder geboren, um wieder zu lieben
Lucinda Price ist 17 und den ersten Tag auf dem Internat, als sie ihn sieht: Daniel Grigori, den unglaublich attraktiven, aber auch unglaublich distanzierten Jungen, von dem sie sicher ist, dass sie ihn schon einmal gesehen hat. Doch Daniel behauptet, sie nicht zu kennen er scheint sie sogar zu hassen und weicht ihr aus, wo immer er kann. Doch immer wenn Luce etwas Schlimmes widerfährt, sobald die gefährlichen Schatten sie wieder umtanzen, die sie seit ihrer Kindheit umgeben, ist er zur Stelle. Mehrfach rettet er ihr Leben. Allmählich kommen die beiden sich näher, und da erst erfährt Luce, welches Geheimnis sie beide umgibt: Daniel ist ein gefallener Engel, dazu verdammt, für immer auf der Erde umherzuwandern. Luce aber ist dazu verdammt, alle 17 Jahre wiedergeboren zu werden, sich jedes Mal aufs Neue unsterblich in Daniel zu verlieben und den Tod zu finden, sobald sie und Daniel sich näherkommen.

Meine Meinung
Lauren Kates "Engelsnacht" ist in vielerlei Hinsicht eine Premiere für mich.
Dieses Buch zählt ganz klar zu denen, die ich als reinen Coverkauf einstufe. 
Das Bild bzw. die auf dem Cover abgebildete Dame habe ich schon in vielen Fotomontagen bei DeviantArt gesehen, weshalb mir dieser Jugendroman überhaupt erst aufgefallen war. 
Da wären wir also schon bei Premiere Nr. 1. 
Eigentlich, ja, eigentlich, lese ich keine Jugendliteratur mehr, aber dann kam mir sozusagen Premiere Nr. 2 dazwischen. Weil ich in der nächsten Zeit für das wahre Medium Buch, also das duftende Etwas aus geheimnisvoll knisterndem Papier keine Zeit haben werde (im Marktstand liest es sich nicht so gut, dafür sind aber Hörbücher eine willkommene Abwechslung beim Ein- und Auspacken usw.) belebte ich nach mehreren Monaten der Abstinenz mein audible-Abo neu.
Premiere Nr. 3 ist die Tatsache, dass "Engelsnacht" mein allererster Engelsroman ist, obwohl noch ein paar andere auf meinem SuB liegen. 
Nachdem ich ursprünglich nur kurz in die Geschichte hineinhören wollte, war ich schließlich rasch mitten drin und das Buch vergleichsweise schnell zu Ende. 
Das Hörbuch ist gekürzt.
Da ich aber die schriftliche Version nicht kenne, fehlt mir der Vergleich, und ich hatte beim Hören nicht das Gefühl, dass ich etwas verpasste. Die fehlenden Auflösungen sind plottechnisch bedingt, denn die Geschichte wird in Torment fortgesetzt, wofür "Engelsnacht" unmissverständlich die Grundsteine legt.
Und jetzt folgt Premiere Nr. 4, nämlich mein bisher wahrscheinlich längster Beitrag hier, dessen Langatmigkeit meiner Unsicherheit in Bezug auf das Medium Jugendbuch geschuldet ist. Vielleicht sollte ich da einmal tiefer in mich gehen ...

Zunächst aber zum Inhalt: 

Die siebzehnjährige Lucinda Price hat es nicht leicht. 
Seit ihrer Kindheit wird sie von Schatten verfolgt, die nur sie sehen kann und die sie letztendlich in psychiatrische Hände und die Gewalt von Medikamenten brachten. 
Später erkannte sie, dass sie nur lügen musste, um der geschlossenen Anstalt zu entgehen und in Frieden eine normale Schule zu besuchen. Dort lernte sie einen Jungen, Trevor, kennen, doch bevor sich mehr entwickeln konnte, kam er bei einem Brand ums Leben, für den vermeintlich Lucinda, genannt Luce, verantwortlich war. 
Per Gerichtsbeschluss darf sie von nun an in einer Besserungsanstalt  leben.
Sword & Cross heißt ihr neues Zuhause, in dem sie ein Zelle mit vergittertem Fenster bewohnt, nebst kameraverwanzter Schule und angrenzendem, nicht sonderlich einladendem Friedhof. 
Bereits am ersten Tag muss sie allen Kontakt zur Außenwelt aufgeben. Ihr Handy, und damit die Verbindung zu ihrer besten Freundin, wird konfisziert.
Zum Glück begegnet sie Ariane, die sie sofort mit Beschlag belegt,  dass man meinen  möchte, sie führte etwas  im Schilde, und Penn, die als Einzige nichts ausgefressen hat, sondern nur an der Schule ist , weil ihr inzwischen verstorbener Vater der Schulgärtner war. Aber auch unangenehme Begegnungen muss sie bereits an diesem ersten Tag erleben und Peinlichkeiten bleiben ihr ebenfalls nicht erspart.
Und da ist noch Daniel Grigori, der sich ihr gegenüber abweisend verhält und ihr sogar den Stinkefinger zeigt. 
Trotz aller Ablehnung und Distanz seinerseits rückt er in den Mittelpunkt Luces Interesse, und sie kann das Gefühl, sie kenne Daniel bereits, nicht abschütteln.
So dauert es nicht lang, bis sich ein erster Unfall ereignet und Daniel ihr das Leben retten darf ... Daneben wird Luce außerdem von dem frechen, gut aussehenden Cam angegraben, dessen Absichten unergründlich scheinen.

Sehr schade finde ich, dass der Klappentext dieses Engelsromans eigentlich schon alles verrät. 
Der schöne Prolog, im Hörbuch vorgetragen von Jacob Weigert, stellt eine Rückblende dar und gibt sich ausreichend geheimnisvoll. Er zeigt die Geschehnisse in der Vergangenheit aus männlicher Sicht und macht einfach Lust auf mehr, wenn man nur nicht diese verräterische Kurzbeschreibung gelesen hätte ... 
Die Geschichte, die in der Gegenwart spielt und die Erlebnisse der Protagonistin Luce  in dritter Person verfolgt, wird von Julia Nachtmann gelesen, die ihr Sache gut macht. 
Ihr gelingt es, den verschiedenen Charakteren von gleichgültig bis aufmüpfig eigenes Leben einzuhauchen und den Vortrag somit nicht eintönig zu gestalten. 
Da ich im Vorfeld kaum etwas zu diesem Buch gelesen habe, muss ich allerdings sagen, dass ich zunächst Schwierigkeiten hatte, mir die Schreibweisen der Namen vorzustellen. Die musste ich nämlich nachträglich noch einmal nachschauen. 
Ich führe mir recht selten Hörbücher zu Gemüte und zumeist verfolge ich eher Serien, sodass ich, was die Sprecher anbelangt, einerseits verwöhnt, andererseits aber auch einseitig belastet bin. Gerade deshalb empfand ich es als Wohltat, einmal andere, für mich neue Sprecher zu hören. 

Also zurück zur Geschichte. 
Ich bin einen Tag danach noch immer zwiegespalten. 
Sehr mochte ich beispielsweise die Beschreibungen der Umgebung des Internats, die sich als vielfältiger entpuppte, als auf den ersten Blick angenommen.
Die Schatten und die bedrohliche Atmosphäre gegen Ende des Romans haben mich sehr angesprochen, während die Engel doch einigermaßen klischeehaft und teilweise auch etwas kitschig waren. Allerdings störte mich das nicht, weil es der Autorin in meinen Augen durchaus gelungen ist, ein fantasievolles Ganzes zu erschaffen. 
Massiv gestört hat mich aber Luces Geschmachte.
Während sie sich einerseits den Kopf zerbricht, woher sie Daniel kennt, sodass man auf eine tiefergehende Hinterfragung der Gefühle hofft, verfällt sie immer wieder in pubertäres Gegaffe.
Nun gut, vielleicht war ich schon immer zu gesetzt und auf die "wesentlichen Dinge" konzentriert, um davon angesprochen zu werden, aber immerhin ist hier von einer jahrtausendealten "großen Liebe" die Rede und selbst für die müsste es doch einen Grund geben. Theoretisch. 
Diese Anziehung spiegelt sich in unzähligen Wiederholungen wieder, beispielsweise in der unerklärlichen Wärme, die Luce durchströmt, sobald Daniel sie berührt, oder in der Beschreibung seiner Haut oder Haare.
Die Romantik, die einige Szenen mit ihrem Ambiente und der zarten Annäherung der beiden Protagonisten bieten, vermisse ich leider sehr oft in Luces Gefühlen, die mir größtenteils auf äußerliche Schwärmereien reduziert scheinen.
Während sie zu Beginn unter dem Verlust Trevors, den sie ja nie wirklich hatte kennenlernen dürfen, sichtbar leidet und, obwohl sie natürlich nicht Schuld an dessen Tod hat, von leisen Schuldgefühlen geplagt wird, findet sie für meine Begriffe viel zu schnell und exklusiv Gefallen an Daniel. Ihre halbherzige Zuneigung zu Cam, dessen Geschenke sie immer ebenso halbherzig zurückzugeben versucht, wirkt auf mich erzwungen, genauso wie die Dreiecksgeschichte Luce, Daniel, Cam.
Ebenfalls störend empfand ich die Häufung von "sagte er", "fragte er" oder "sagte er flüsternd" in den Dialogen und die häufig distanzierte Betrachtung des Geschehens, wie "eine Hand näherte sich" oder "irgendwo ertönte" irgendwas. Eine aktivere Einbeziehung der Protagonistin, also dass sie aktiv sieht, hört und fühlt, habe ich etwas vermisst.
Merkwürdig kam mir außerdem vor, dass Luce und ihre Freundin Penn überall herumschnüffeln konnten.
Bereits zu Beginn wurden alle Schüler auf die gut sichtbaren Kameras aufmerksam gemacht, sodass es mir rätselhaft erscheint, dass die beiden Mädchen nicht bemerkt wurden, als sie mehr über Daniel herausfinden wollten.
Wenn die Schule schon mit Kameras gespickt ist, müsste es die Bibliothek ja auch sein, sodass man von außen hätte bemerken müssen, dass sich dort noch Personen aufhalten. Allerdings hätte dann Daniel nicht hereinfliegen können.
Ebenso wird in der ach so strengen Besserungsanstalt eine Party nach der anderen geschmissen, ohne dass es von Aufsichtspersonen bemerkt, geschweige denn geahndet wird. (Ich habe meine Internatszeit, und das war ein stinknormales Internat, sehr anders in Erinnerung, und auch wir waren 13-/14-jährig, fern der Heimat, ganz bestimmt keine Engel.)
Dass Daniel Luce nicht alle Geheimnisse preisgeben kann, nachdem sie bereits selbst an deren Oberfläche gekratzt und Daniel als Engel enttarnt hat, war jedoch nachvollziehbar, denn jede Information kann für Luce den Tod bedeuten.
Jede Wiederbegegnung der beiden Liebenden ist auf ihre Weise einzigartig, so auch diese in der Neuzeit, aber dennoch kann Daniel nie Gewissheit haben, dass ihm Luce nicht beim nächsten Kuss, bei der nächsten Offenbarung usw. wieder entgleitet.
Natürlich wird im Laufe der Geschehnisse deutlich, dass es sich um eine Fortsetzungsgeschichte handelt, sodass bewusst an tiefgehenden Informationen gespart wird. So erfahren wir nicht die kleinsten Details von Lauren Kates  Engelmythologie und auch nicht die eigentlichen Wurzeln der Liebe zwischen Daniel und Luce.
In diesem Zusammenhang mochte ich den Charakter des Daniel, der sich bewusst auf Distanz hält, aber nicht in Dauergejammer nach dem Motto "Wir dürfen uns nicht lieben" verfällt. Obwohl ich ihm eine gewisse Genervtheit zugestanden hätte, wenn man bedenkt, dass er Luce über unzählige Jahre nie entkommen kann, so sehr er auch seine eigene Liebe abschütteln oder verleugnen will, sondern ihr eben alle 17 Jahre wiederbegegnet und sie sich immer wieder in ihn verliebt, empfand ich ihn als angenehm gesetzt und ruhig. Selbst ein Engel dürfte ja einmal irgendwann die Nase voll haben, dass seine Liebe immer unerfüllt bleibt, aber Daniel fügt sich seinem Schicksal, sodass man es ihm gönnt, dass er zumindest in "Engelsnacht" Luce ein wenig länger als üblich behalten darf. Wer weiß, was noch kommt ... hoffentlich aber ein bisschen mehr als die dramatisch verpackte, aber dann doch langweilige Engelsschlacht.
Überrascht hat mich die Autorin mit der Tatsache, dass es neben Daniel und einer Protagonistin, bei der ich von Anfang an sicher war, dass sie zu ihm gehört, noch mehr Engel in Sword & Cross gab.
Ihren Umgang mit der erfrischend bodenständigen, menschlichen Penn kann ich ihr allerdings kaum verzeihen.
Aber wie gesagt, wer weiß, was noch kommt.

Insgesamt und auch rückblickend gesehen, ist "Engelsnacht" ein Jugendbuch, das ich im empfohlenen Alter von 12 bis 15 Jahren vermutlich nicht gelesen hätte.
Trotz des Genres Fantasy wünsche ich mir immer einen Hauch Realität (ja, ich wiederhole mich). Ich vermisse das Leben, das es neben dem Schwarm ja auch noch gibt, und habe mich oft gefragt, ob Luce denn keine anderen Probleme als Daniels goldene Haut hat.
Charaktere, die mit Übergewicht zu kämpfen haben und unter Akne leiden oder wegen Bergen von Hausaufgaben oder Problemen mit dem Busfahrplan einfach nicht täglich zu Dates rennen können, dann aber trotzdem in den Armen des gewandelten Schul-Beaus landen, sagen mir trotz des Klischees mitunter mehr zu als von Mysteriösem verfolgte Protagonisten, die ansonsten vielleicht nur mit Mathe und der Entscheidung zwischen zwei Jungs zu kämpfen haben.

Wenngleich mir das fantastische Ambiente, das die Autorin zweifelsohne gut erschaffen hat, gefiel, bleibt bei mir doch ein Gefühl zurück, dass "Engelsnacht" ein recht oberflächliches Buch ist. Oberflächlich in zweideutigem Sinne, nämlich, da es nur an der Oberfläche der Geschichte kratzt, daneben aber auch die Thematik des Aufenthalts in einer Besserungsanstalt nach einem dramatischen Ereignis durch eine kitschige Liebesgeschichte in den Hintergrund rücken lässt und das reale Leben der Protagonistin verharmlost. Das aber wollen wird doch lesen. oder? Liebesgeschichten.
Gleichzeitig habe ich auch den Eindruck, dass ich selbst mit meinen zarten 34 Jahren und dem in den letzten Jahren selbst errichteten Abstand zu Jugendliteratur nicht wirklich in der Lage bin, "Engelsnacht" schlüssig zu bewerten.
Müsste ich Punkte vergeben, so rangierte "Engelsnacht" in dieser angenehm und mitreißend vorgetragenen, wenn auch gekürzten Hörbuchfassung bei 3 von 5 Weißdornzweigen.

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