Donnerstag, 7. Oktober 2010

... über "First Drop of Crimson" von Jeaniene Frost

Jeaniene Frost

Erster Ableger einer erfolgreichen Urban-Fantasy-Reihe, der zunächst nach Pflichtprogramm aussieht, aber schnell ein überraschendes Eigenleben mit unverkennbarem emotionalem Gepäck und viel Gefühl entwickelt.

Aus dem Inhalt: Wer Jeaniene Frosts bislang 4 Bände umfassende Reihe um die Night Huntress Catherine "Cat" Crawfield und Crispin "Bones" Russell verfolgt, weiß natürlich, wer die Protagonistin von "First Drop of Crimson" ist, noch bevor man das Buch aufschlägt. Für die, die es aber nicht wissen, gibt die Autorin im Prolog einen kleinen Einblick und lässt auf nur 2 Seiten die letzten Augenblicke Revue passieren, die Denise MacGregor mit ihrem Ehemann Randy verbringen durfte, der kurz darauf der dunklen Welt der Vampire und anderen Geschöpfe aus Jeaniene Frosts Universum zum Opfer fiel. Nach dem tragischen Tod des Ehemannes ist es nur zu gut verständlich, dass sie genau dieser Welt den Rücken kehren möchte, auch wenn Halbblut Cat noch so sehr ihre beste Freundin ist. Ein Jahr später wird Denise, die aufgrund dieses Verlustes und eines weiteren Ereignisses, das sich bald darauf anschloss, unter posttraumatischer Belastungsstörung und Panikattacken leidet, wieder mit dem Tod konfrontiert. Sie erfährt von ihrem Cousin Paul, dass dessen Schwester und Mutter an einem Herzinfarkt verstorben seien. Im nächsten Moment segnet auch Paul im festen Griff eines Wesens, das Denise im ersten Moment für einen Vampir hält und mit Silbernitrat zu bekämpfen versucht, das Zeitliche.
Denise gibt ihrem Impuls nach und versucht, Cat zu erreichen, um von diesem merkwürdigen Ereignis zu berichten, aber die einzige Person, die sie erreicht, ist Spade, ein alter Freund von Bones, den wir natürlich bereits aus den vier Bänden der "Mutterserie" kennen. Da sich Cat in Neuseeland aufhält, beschließt Spade, die Sache in die Hand zu nehmen, schließlich will er seine beiden Freunde nicht wegen einer Nichtigkeit, die vielleicht lediglich dem trauervernebelten Geist einer Sterblichen entsprungen ist, aus dem Ausland antanzen lassen.
Als er allerdings bei Denise eintrifft, muss er feststellen, dass diese längst nicht irgendwelchen Hirngespinsten erlegen ist,  sondern Besuch von diesem Wesen hatte, das sich als Gestaltwandlerdämon herausstellt, der sich sozusagen durch Denises Verwandtschaft getötet hat, bis er bei ihr ankam und sie für eine besondere Aufgabe auserkoren hat.
Einer ihrer Vorfahren, Nathanial, hatte sich nämlich einst mit diesem Dämon, der im Englischen den Namen Raum trägt, im Deutschen aber wohl sinnvollerweise umbenannt wurde, eingelassen, es dann aber verabsäumt, seinen Part des Deals einzulösen, und es vorgezogen, sich aus dem Staub zu machen, und zwar so, dass selbst dieser Dämon ihn nicht finden konnte. Und genau dafür braucht er nun Denise, und Denise braucht Hilfe aus der Welt, mit der sie eigentlich nichts mehr zu tun haben will. Und diese Hilfe heißt Spade, der, als er mit ihr von einem Ort zum nächsten zieht, bald feststellen muss, dass der Dämon die Frau nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich auf besondere Weise gekennzeichnet hat, sodass sie nun auch für seine Spezies von Interesse ist ...  

Meine Meinung

Ich bin ein Fan der Night-Huntress-Reihe von Jeaniene Frost, auch wenn mich die letzten beiden Bände nicht vom Hocker gerissen haben, mich aber immer noch auf das große Gesamtbild, das ich bei der Autorin stets vermute, hoffen lassen. Ich muss einräumen, dass ich noch nicht eine Zeile dieser Bücher auf Deutsch gelesen habe. Auf Empfehlung bin ich in diese Reihe hineingerutscht, und da ich gerade in meiner englischen Phase war und gesehen habe, dass es hier zum damaligen Zeitpunkt gerade einmal zwei Bücher zu kaufen gab, hatte ich sie mir Ende letzten Jahres gleich alle vier in einem Rutsch gekauft. Um die Wartezeit auf Band 5, der im Februar 2011 erscheinen soll, zu verkürzen, sind in diesem Jahr zwei Spin-offs, nämlich im Winter "First Drop of Crimson" und im Sommer nun noch Eternal Kiss of Darkness erschienen. Wieder habe ich beide im Original besorgt, tue mich aber momentan mit dem zweiten Buch etwas schwer, nachdem ich die Denise-Geschichte schon vor einiger Zeit gelesen hatte. Leider zählt Mencheres zu den Charakteren, die mich nun nicht wirklich interessieren, aber vielleicht werde ich ja noch überrascht ... 

Ich sehe Ablegern meist höchst skeptisch entgegen, weil mir Geschichten, die "mal ganz anders sind" einfach lieber sind, als immer nur Geschichten aus einer Welt lesen zu müssen.
Nun ist aber die Welt, die Jeaniene Frost um ihre eigentlichen Hauptcharaktere Cat und Bones in nur vier Bänden bereits sehr umfangreich geworden.
Sie hat viele Nebencharaktere eingeführt, die mehr oder weniger wichtig und interessant sind.
Über manche Entscheidungen habe ich mich zunächst künstlich aufgeregt, so beispielsweise über Vlad und vor allem über die Ghule, und mich dann aber wieder revidieren müssen, weil sie tatsächlich den Plot vorantrieben.
Mittlerweile vermute ich, misstrauisch wie ich bin, hinter jedem neuen Charakter mehr.

So war ich auch nicht überrascht, dass Denise und Spade ihre Geschichte bekamen, und dass sie gleich den ersten Ableger mit Leben füllen durften, hat mich ebensowenig überrascht. Immerhin sind beide Charakter die jeweils besten Freunde der eigentlichen Haupthelden der Frostschen Urban-Fantasy-Welt.

Skeptisch machte mich allerdings die Tatsache, dass zunächst ganz offensichtlich auf eine der beliebten wie gehassten Mensch-Vampir-Beziehung hingearbeitet wurde, denn Protagonistin Denise ist nun mal einer der sehr wenigen Menschen, die bei Jeaniene Frost eine Rolle spielen und ihre Plots bislang auch als Mensch überlebt haben.
Spade ist der rettende Vampir der Stunde mit alle Attributen, die sich die Leserin wünschen mag. Er ist dunkel, sexy und natürlich auch nicht ungefährlich. 

Nach ihrem Erlebnis, das eben nicht in die Welt der Sterblichen einzuordnen ist, blieb Denise nichts anderes übrig als sich an einen "Untoten" zu wenden. Alles andere hätte sie vermutlich in die Klapsmühle gebracht.
Als Spade als Cat-Lückenbüßer auf den Plan trat, war natürlich mit Problemen zu rechnen, denn für ihn sind Menschen eher zu einem Zeitvertreib geworden, als dass er sie wirklich ernst nehmen würde. Gleichzeitig aber ist er so gar nicht wie Bones und gehörte für mich schon immer in die Kategorie der Vampire, die ein (bis zu diesem Buch noch nicht ganz klares) gewaltiges Päckchen mit sich herumtragen und das mit irgendwelchen besonderen Attitüden überspielen müssen.
So war es doch recht überraschend für mich, dass er sich von Sekunde 1 an um Denise kümmerte, als gäbe es keine anderen oder wichtigeren Aufgaben auf Erden.
Mit einer Engelsgeduld, die schon fast übertrieben ist, macht er ihre vollkommen menschlichen und nachvollziehbaren Panikattacken mit, erträgt es, dass sie sich auf ihn übergibt, und schafft es nebenbei auch noch, sich halbwegs im Zaum zu halten, als er merkt, dass er eigentlich auch noch was von ihr will, und zwar nicht nur unbedingt ihr Blut.

Im Laufe der Geschichte, in der die beiden zwangsläufig viel Zeit miteinander verbringen und sich besser kennenlernen (sie sind ja nicht unbekannt aufeinander getroffen, wie das in anderen Romanen der Fall ist), wachsen sie auch mehr und mehr zusammen.
Überhaupt konzentriert sich Jeaniene Frost in "First Drop of Crimson" wie gewohnt stärker auf die Interaktion ihrer Charaktere, sie lässt sie etwas tun und  miteinander reden, ohne viel Wert auf Beschreibungen der externen Umstände zu legen. So erfahren wir zwar, wie die Protagonisten jeweils aussehen und was sie anhaben, müssen uns das Setting, in dem sie sich befinden, aber meist selbst vorstellen.

Sehr gut gefallen hat mir, dass "First Drop of Crimson" in meinen Augen die Liebesgeschichte besser bedient als die Mutterserie. Denise ist erfrischend normal, weil sie eben ein Mensch ist. Man darf sie von vornherein nicht mit Cat vergleichen, schließlich sind Charaktere nicht austauschbar. Man kann ja auch im Obstsalat nicht den Apfel durch die Zwiebel ersetzen. Wer auf eine Kick-Ass-Geschichte nach dem Schema von Cat hofft, ist mit "First Drop of Crimson" wohl nicht gut bedient.

Daneben geht die Autorin sehr behutsam mit dem Thema Verlust um, was die Geschichte deutlich realistischer macht.
Denise und Spade dürfen erleben, dass es in der Liebe nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern dass eine neue Liebe möglich ist, wenn man eine verloren hat, und zwar ohne dass das dem Fortbestand der ersten Liebe schaden muss.
So sagt Spade zu Denise: "You'll always love him ... That doesn't die just because he did, or because you now love me. Your love for him is part of who you are. It's a beautiful part, Denise. Don't be sad of it, and I will never be jealous of it."
Szenen wie diese machen den Roman "First Drop of Crimson" in meinen Augen tiefer und gefühlvoller als die action- und erotikgeladene Mutterserie.

"First Drop of Crimson" ist in vieler Hinsicht anders, und gerade das hat mir sehr gut gefallen.

Einen besonderen Pluspunkt bekommt die Erzählperspektive, denn die Ich-Perspektive bleibt Cat vorbehalten, sodass man Denise und Spade mit einiger Distanz beobachten kann, trotzdem in die Gefühlswelten beider eintauchen kann und damit nicht der eindimensionalen Betrachtung, die zwangsläufig beim Ich-Erzähler entsteht, erliegt. Die Entscheidung, die Erzählperspektive zu wechseln, ist durchaus zu begrüßen und lässt keine Verwirrung oder gar Vergleiche mit Cat und Bones aufkommen.

Der Roman funktioniert mit den Hauptcharakteren der Mutterserie (die natürlich genau zur rechten Zeit und wohldosiert mit ins Geschehen eintreten, bevor die Welt wieder nur Denise und Spade gehört), aber er funktioniert auch ohne sie. Man muss sie nicht kennen, um dem Plot folgen zu können, auch wenn bekannte Charaktere auftreten. Die zusammenfassenden Informationen dürften für Neueinsteiger und Kenner gleichermaßen ausreichend sein und wirken nicht störend.

Natürlich empfiehlt es sich für all jene, die die ursprüngliche Reihe bereits angelesen haben, aber Band 4, also Destined For An Early Grave bzw. auf Deutsch Der sanfte Hauch der Finsternis: Roman, noch nicht kennen, erst einmal diesen und erst im Anschluss das Spin-off zu lesen, denn es gibt einen kleinen, aber nicht ganz unwichtigen Spoiler.

Die Titelwahl im Deutschen finde ich wieder einmal - Achtung: Ironie! - überaus gelungen, da er wieder einmal irreführend ist, denn die "Nachtjägerin" in Jeaniene Frosts übersinnlicher Welt ist und bleibt nun einmal die rothaarige Catherine "Cat" Crawfield.
Jeaniene Frost wäre aber nicht Jeaniene Frost, wenn sie nicht auch für Dennis MacGregor eine Überraschung parat hätte und damit die vermeintliche Mensch-Vampir-Liebesgeschichte mal ganz flott aushebeln würde. Trotzdem macht diese Überraschung Denise keineswegs zur "Nachtjägerin".

Fazit:
"First Drop of Crimson" ist ein gelungener Auftakt zu vollkommen eigenständigen Geschichten aus der Night-Huntress-World und sollte auch als eigenständiger Roman ohne Vergleich mit der Hauptserie betrachtet und gelesen werden.
Hier gibt es kein Original und keine Fälschung, es gibt eine Hauptserie mit ihren Hauptcharakteren, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und nun gibt es eben zusätzliche Geschichten um Charaktere aus diesem Universum, die ebenso original oder originell sind und für sich selbst funktionieren.
Jeaniene Frost zeigt hier, dass sie auch Nebenfiguren, die vollkommen andere Charakterzüge zeigen, mit genügend eigenem Material ausstatten kann und nicht zwanghaft in der Ich-Perspektive schreiben und aufsässige, in Slang und Argot vor sich hin fluchende Personen sprechen lassen muss, um den Leser in ihre Welt eintauchen zu lassen.
Auf der Flucht vor dem Dämon Raum und der Suche nach Nathanial, die die Protagonisten nicht nur nach Las Vegas und Monaco führt, passiert nicht gerade wenig. Es wird gekämpft, gestritten, gehadert, gegessen, gebissen, aber es geht eben auch mit weniger rasanter Action und seltenerer und weniger einfallsreicher Erotik, dafür aber mit menschlichen Macken und Ängsten und umso mehr Gefühl.

Mein Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen

Kommentare:

Soleil hat gesagt…

Ich habe vor kurzem die gesamte Serie plus dieses Einzelbandes gewonnen und freue mich schon sehr darauf. Müsste diese Woche noch ankommen. Ich wollte mit dem Einzelband anfangen, einfach, um die Autorin mal kennenzulernen. Klingt, als könnte ich das getrost tun, ohne groß etwas zu verpassen. Oder?
Bin jetzt noch gespannter, als vorher!

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Oh, da hast du aber ein Glück gehabt!
Toll! Gratuliere.
Wir hatten letztens im Buchclub die Diskussion, wann man den Einzelband lesen soll. Das ergab sich vor allem aus der sehr nahen Erscheinungsfolge der Bände im Deutschen. Die meisten hatten beide Bücher sehr zeitnah bekommen und waren nun hin- und hergerissen, was zuerst gelesen werden soll. Diese Frage stellt sich nicht, wenn man mit der englischen Reihenfolge mitliest. Für die, die Band 4 nicht kennen, gibt es, wie gesagt, einen Spoiler, und der betrifft die Hauptperson der Serie. Ich bin ja der Meinung, dass man den leicht überliest, weil der Gastauftritt wirklich sehr behutsam dosiert ist. Vermutlich vergisst man es auch wieder, wenn man die Mutterserie weiterliest, denn da wird das natürlich stärker thematisiert.
Allerdings fände ich es verwirrend, erst den Einzelband zu lesen und dann mit der Serie anzufangen, zum einen, weil die Ereignisse, die Denise zu dem machen, was bzw. wie sie ist, in Band 3 stattfinden. So gesehen spoilerst du dich also mehr, als wenn du vor der Entscheidung Band 4 oder Einzelband stündest.
Die Erzählperspektiven sind verschieden, und mit dem Einzelband zeigt Jeaniene Frost eben, dass sie auch anders kann, vor allem eben auch ihre Figuren differenziert und den Leser nicht durch gleichbleibenden Erzählstil verwirrt.
Man ist schon sehr gewöhnt an die Aufässigkeit von Cat, und im Englischen musste ich echt manches nachschlagen, weil Bones Sprache wirklich unter der Gürtellinie ist. Da war der Einzelband schon eine wunderbare Abwechslung.
Denise bedient eher die Romanzen-Shipper, mit Herz-Schmerz und so.
Verpassen an sich wirst du nicht viel, da kaum auf Ereignisse, die die Einzelgeschichte und Mutterserie verbinden würden, Bezug genommen wird, mit Ausnahme natürlich der Geschichte um Denise, bei der Cat und Bones dabei waren. Da liest man so oder so quasi doppelt.
Andererseits denke ich aber, dass diese Bände natürlich mit dem Hintergedanken entstanden sind, neue Leser für Cat und Bones zu bekommen (die ja nun auf 9 Bände erhöht wurden).
Ich persönlich würde bei der Originalerscheinungsfolge bleiben. Aber ich gehöre nun mal zu denen, die sowohl Mutterserie als auch Spinoff sehr lesbar finden, während wir im Club einige Mitglieder haben, die mit Cat gar nichts anfangen können und Denise wahrscheinlich auch eher links liegen lassen, weil sie denken, dass das Buch ähnlich ist.
Steht dir der Sinn nach Romantik, stürz dich in "Nachtjägerin", willst du Abwechslung, Action und Sprüche, fang mit "Blutrote Küsse" an.

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