Dienstag, 7. September 2010

... über Streifzüge

Ist es nicht schön, wenn die berühmten Sommererkältungen endlich verschwunden sind?
Einmal virtuell tief durchgeatmet und gefreut, dass der Schnupfen besiegt ist!

Und noch schöner ist es, wenn sich der Sommer dann doch für einen Tag zeigt.
Genauso fühlte es sich nämlich an. Endlich Sommer, hätte man fast stöhnen können.

Schreibe ich hier, dass meine Muse in den vergangenen Wochen kurz vor dem Ertrinken stand, so ist das keine Untertreibung. Nein, noch viel schlimmer, ich glaube, sie ist tatsächlich ertrunken und es musste eine neue Muse eingestellt werden.
Diese neue Muse, die ich nun erst einmal vorsichtig beschnuppern muss, führte ich also am vergangenen Sonntag nebst Kind und Kegel aus in die Natur.
Falsch, ich ließ mich von Kind und Kegel hinauszerren, denn eigentlich war ich nach all den nassen, kalten Tagen - hatte ich erwähnt, dass das Thermometer 9°C anzeigte? - sehr miesepetrig gelaunt und hatte keine Lust auf Stock und Stein.

Dass es Herbst wird, ist nun nicht mehr zu verleugnen.
Es fühlt sich für mich seltsam an, dies bereits Anfang September zu schreiben, denn, soweit ich mich erinnere, war der September der vergangenen Jahre in meiner neuen Heimat immer romantisch-spätsommerlich. Ich vermisse die tiefer stehende Sonne und ihre letzte freundliche Wärme. Derzeit drängt sich nämlich mit aller Macht ein Novembergefühl auf, mit der Ausnahme, dass alles rundherum grün ist. Von Spätsommerimpressionen kann da keine Rede sein.

Nun, was nicht ist, kann ja noch kommen.

Ich möchte behaupten, dass ich den Herbst mag, und er zählt zu meinen kreativsten Zeiten, denn der Winter wiederum bedeutet für uns Stress.
Ich genieße es, mich ergonomisch ungünstig mit dem Laptop auf dem Schoß aufs Sofa zu verkrümeln, mich in eine Decke einzumummeln und zu schreiben.

Zurück zum Spaziergang:
Meine neue Muse war ziemlich neugierig und ließ mich wieder mit neuen Augen sehen.
Ja, die Farben sind bereits verändert, aber um es zu bemerken, muss man wahrscheinlich hin und wieder neues Musenpersonal einstellen.
Der sanfte Dampf, der morgens aus den Wäldern aufsteigt, wirkt dichter und feuchter.
Die Blätter sind noch grün, aber das Licht des Tages scheint nicht mehr ganz so strahlend, sodass auch der Wald mitten am Tag satter und dunkler auftritt.
Unsere Picknickwiese ist ebenfalls noch grün, doch ihre violetten und gelben Farbtupfer verlieren sich nach und nach und machen dem Braun der in diesem Jahr zahlreich anzutreffenden Pilze Platz.
Der Boden wurde in den letzten Wochen durchfeuchtet, sodass Schritte und Kinderlachen gedämpft werden, während auch das im trockenen Sommer noch geheimnisvolle Knistern der Buchenkronen zu einem immer noch geheimnisvollen, aber eher dumpfen Rauschen wird.
Feuchte Blätter pappen an den Schuhsohlen und sorgen in unserer hügeligen Gegend gerne einmal für eine Rutschpartie.

Während wir so durch den Wald wanderten und die Welt zu unseren Füßen betrachteten und im Bild festhielten, nutzte meine neue Muse - wie soll ich sie nur nennen? - die Gelegenheit, um mir eine kräftige Ohrfeige zu verpassen.
Sie erinnerte mich nämlich, und das nicht gerade freundlich, dass auf meinem besagten Sofakuschellaptop noch ein Roman fertiggestellt werden will, den, meines Wissens, mindestens drei Menschen lesen möchten.
Also schön Augen auf, tief durchgeatmet und Handlungsstränge gewoben!

In der Zwischenzeit war mein Sohn mal wieder auf der Suche nach Elfenunterschlüpfen, die derzeit vornehmlich aus Pilzen bestehen. Wie zu erwarten war, sind wir wieder keiner Elfe begegnet, dafür aber über einen alten Stein gestolpert.
In vergleichsweise großer Entfernung zum breitgetretenen Waldweg lag ein alter Grenzstein, der die Fantasie gleich ein Stückchen ausschlagen ließ.
Da ich noch nicht lange hier wohne und demzufolge nicht weiß, wer wann wie wo welches Grundstück sein Eigen nannte, kann ich nicht sagen, welche Gemarkung damit gekennzeichnet war.
Jedenfalls liegt er nun einsam und vergessen mitten im Wald herum.
Na ja, eigentlich liegt er nicht, sondern steckt etwas im Boden.
Vielleicht hat man ihn einfach an seinem ursprünglichen Platz stehen und den Wald um ihn herum wachsen lassen.

Ich liebe einfach solche Fundstücke, und meine Muse hat so heftig in die Hände geklatscht, dass sie fast von meiner Schulter geplumpst wäre.

Jedenfalls bin ich Kind und Kegel dankbar, dass sie mich aus meiner Après-Schnupfenhöhle gezerrt und in die Natur geschleppt haben. Jetzt bin ich wieder um einige Gigabyte an Fotos und Ideen reicher, sodass bald wieder mehr Schreibergüsse meinerseits zu Papier fließen.

In diesem Sinne wünsche ich euch (verspätet) einen schönen September!

(Ein Klick macht die Bilder größer. Wie immer habe ich die Bilddateien komprimiert, denn die sind im Original jweils um die 6 MB groß, sodass die Seite vermutlich stundenlang laden würde.)

1 Kommentar:

sayuri's exile hat gesagt…

Das hört sich nach einem sehr schönen, sehr inspirierenden Streifzug an. Und die neue Muse scheint sich ja ganz gut zu machen :)
Ich kenne das gut, dieses Gefühl, nicht aus dem Trott heraus-, nicht vom Sofa herunterzukommen. Aber dabei kann das so toll inspirierend sein, vor die Tür zu gehen. Ich sollte nachher auch in den Wald, nachdem der Paketmann da war. Danke für den Anstupser :)
Der Grenzstein sieht mystisch aus, auch wenn er es vermutich nicht ist :) Gut, dass Du im Wald warst und viel Spass beim Schreiben und kreativ sein!

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