Freitag, 10. September 2010

... über "Mit Erstaunen und Zittern" von Amélie Nothomb

Im Rahmen meiner Französischen Freitag habe ich bislang nur Musik vorgestellt, sodass ich heute einmal von der Norm abweichen und ein Buch vorstellen möchte.

Dieser Roman einer belgischen Autorin ist zwar schon etwas älter, aber ich habe es erst vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt bekommen, auf Französisch.
Da ich nie Übersetzungen französischer Romane lese, geht der Literaturmarkt in dieser Hinsicht an mir vorbei, sodass ich zu meiner großen Überraschung festgestellt habe, dass es tatsächlich eine Übersetzung gibt.


Ich glaube, Amélie Nothombs Roman wurde mir geschenkt, weil ich mal in grauer Vorzeit mit dem Studium der japanischen Sprache begonnen habe, und genau die Erfahrung "Japan" thematisiert sie hier.
 
Die Autorin wurde selbst in Japan geboren und verbrachte ihre Kindheit und Jugend in verschiedenen Ländern, vornehmlich des fernen Ostens, bevor sie mit 17 nach Belgien kam.
Nach dem Studium in Brüssel zog sie es allerdings nach Japan zurück, wo sie eine Beschäftigung in einem Großunternehmen aufnahm.
 
Dem Internet sei Dank weiß ich nun auch, dass dieser Roman ihre eigenen Erfahrungen widerspiegelt.
Während ich das Buch las, habe ich mir nicht die Mühe weiterer Recherchen gemacht, mich aber unablässig angesichts der Authentizität (die ich natürlich nicht beurteilen kann) überrascht gezeigt.
 
Die Ich-Erzählerin, die bezeichnenderweise wie die Autorin Amélie heißt, wird also bei Yumimoto (einer fiktiven Firma mit einem echten japanischen "Hochhausnamen") beschäftigt und wird bereits zu Beginn der Hierarchien im Unternehmen gewahr. Sie kommt zu dem Schluss, dass sie bei Yumimoto "allen untergeordnet ist".
Nach und nach werden diese Hierarchien und der soziale Verhaltenskodex, die ebenso unverständlich wie profan sind, zu Stolpersteinen und Hürden.
Nachdem sie zunächst nur Getränke servieren darf, überschreitet sie eigenständig eine Grenze und verteilt unter anderem die Post. Das geht natürlich gar nicht und wird von ihren Vorgesetzten als Schande empfunden.
Sie macht Fehler, legt z. B. Kopien nicht akribisch genau aufeinander, etc.
Zum Eklat kommt es, als sie von einem höheren Vorgesetzten ohne Beachtung des Hierarchieweges um Ausarbeitung eines Berichts ersucht wird und hochwertige Arbeit abliefert. Das nützt ihr natürlich gar nichts: Ihre Vorgesetzte, die sie als Verbündete im Unternehmen glaubte, verpetzt sie und sie fällt schneller, als sie schauen kann, bis sie schließlich auch etwas managen darf, nämlich die Toiletten.
 
Meine französische Ausgabe hat 186 Seiten, und die sind vollgestopft mit so ziemlich allen Klischees, die man von Japan haben kann, und zwar ganz bewusst, wie man meinen mag.
Inwieweit die Darstellung der Verhältnisse in einem derart geformten System überzeichnet sind, vermag ich angesichts meiner Japankenntnis, die sich auf drei je zweiwöchige Vollzeitkurse beschränkt, nicht zweifelsfrei zu beurteilen. Schenke ich aber meinen Dozenten Glauben, darf man einen Gutteil der Geschehnisse durchaus für bare Münze nehmen.
 
Immer wieder sagt man sich, die Protagonistin müsse es doch besser wissen, schließlich hat sie sich die Suppe selbst eingebrockt und war zudem nicht blauäuig nach Japan, wo sie ihre Kindheit verbracht hatte, zurückgekommen.
Trotzdem stolpert sie zielstrebig von einem Fettnäpfchen ins nächste, ist dann aber auch so japanisch-entschlossen, dass sie eben nicht kündigt, sondern ihren Jahresvertrag bis zum bitteren Ende der Schmach erträgt, sich aber nicht ganz kampflos geschlagen gibt.
 
Amélie Nothomb hat, wie ich meine, den "Grand Prix du roman" für diesen Roman nicht umsonst bekommen, denn ihr gelingt eine wunderbare, humorvolle, wenn auch schlichte und geraffte Darstellung eines Kulturschocks.
 
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch weitere Bücher der Autorin, die nach eigenen Angaben pro Jahr 3,7 Romane schreibt, aber nur einen veröffentlicht, ungelesen im Regal stehen habe.
Zum Glück können Bücher zwar brennen, aber nicht laufen, sodass sie ganz sicher irgendwann noch an der Reihe sein werden. 
 
"Mit Erstaunen und Zittern" wurde im Übrigen auch verfilmt:
 

1 Kommentar:

sayuri's exile hat gesagt…

Oh, das hört sich sehr spannend an :) Danke für eine neuerliche Inspiration - das Buch ist gerade in meinem Einkaufswagen gelandet.
Das ist ja spannend, dass Du begonnen hast, japanisch zu studieren. Das hatte ich auch mal überlegt, aber bin dann aus persönlichen Gründen davon abgekommen. Lg von Sayuri

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...