Samstag, 16. Oktober 2010

[Buch im Test] "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" von Judith End

Zu meiner großen Überraschung erreichte mich Anfang September wieder ein Buch im Rahmen einer Testleseaktion von Droemer-Knaur, und weil es in diesem Monat auch thematisch passt, hebe ich diesen alten Post vom 10. September wieder nach oben.

Der Postbote, dem ich in Kürze wohl bei einem Kaffee das Du anbieten werde, brachte mir folgendes Buch.


Kurzbeschreibung (lt. Amazon)

Judith End ist eine junge, alleinerziehende Mutter, mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet und ihre Welt aus den Fugen gerät. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben, jetzt quält sie sich mit der Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwachsen soll, falls sie sterben sollte. Operation folgt auf Operation, Chemo- und Strahlentherapie schließen sich an. An den guten Tagen vor dem nächsten Infusionstermin versucht Judith mit Paula in den alten, unbeschwerten Alltag zurückzukehren. Und sie lernt trotzig auf ihr Examen und legt die Prüfungen ab. Am Schluss der Prozedur hat sie beides: Hoffnung, den Krebs überwunden zu haben, und ein Einserexamen. Judith End ist eine Autorin, deren Erzähltalent, deren Sinn für Dramatik, deren offene Nüchternheit und deren großes Maß an Selbstironie Leserinnen und Leser von der ersten Seite an in ihren Bann schlagen.

Klappentext

Jung, glücklich, schön - und Krebs

"Als ich nach Hause komme, sehe ich als Erstes dich, kleine Paula. Du kommst an Doros Hand gerade aus dem Kindergarten. Stehst vor dem Haus und wartest auf mich. Du bist wie immer ein kleiner Fels in der Brandung, und es ist seltsam, dich aus der Ferne zu sehen. Für dich geht alles weiter. Mit deiner gestreiften Mütze und deiner festen Stimme. Und du freust dich über mich. Für dich muss ich leben. Ich muss, ich muss, ich muss!"

Der Schicksalsbericht einer taffen jungen Frau und ihrer Tochter, die gemeinsam der Krankheit trotzen.

Das Buch (und ich)

Dieses Buch kann ich nicht besprechen, rezensieren oder was auch immer.
Ich kann einem Schicksal keine Punkte geben.
Es gibt keinen Plot, den man beurteilen kann, denn diesen Plot mit all seinen Fehlentscheidungen, Schwächen, Wut, Tränen, Liebe hat das Leben geschrieben.
Und es gehört sich (für mich) nicht, Texte, die die Gefühle der Betroffenen widerspiegeln, einer Wertung zu unterziehen.

Dennoch möchte ich "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" kurz vorstellen, auch wenn die Kurzbeschreibung im Grunde bereits alles sagt. 

Ich muss gestehen, dass ich das Buch nicht lesen wollte und sogar ein wenig erschrocken war, als ich den Umschlag öffnete.

Bücher solcher Art lese ich nicht.

Das klingt hart und ungerecht, das gebe ich zu.

Es liegt mir fern, diesem Genre die Berechtigung abzusprechen oder die niedergeschriebenen Schicksale herabzuwürdigen, sondern meine Abstinenz von Krankheitsschicksalen ist eher eine Art Selbstschutz, mit der ich egoistisch vermeide, den privaten Tränen, die ich in der Vergangenheit habe vergießen müssen, noch Tränen um fremde Schicksale hinzufügen.

Nun gehöre ich aber auch zu den Menschen, die sich verpflichtet fühlen, ein Buch zu lesen, wenn sie einmal vom Testleselos getroffen wurden, worüber ich mich grundsätzlich freue, denn so kommt auch einmal etwas in meinen Haushalt, was ich im Laden vielleicht nicht wahrgenommen hätte.
Also habe ich meinen "Das lese ich nicht"-Schwur gebrochen, angefangenen Lesestoff beiseitegelegt und "Sterben kommt nicht in Frage, Mama!" in nur einem Tag durchgelesen.

Judith Ends Schicksalsbericht drückt nicht auf die Tränendrüse, sondern reflektiert von Anfang bis Ende schonungslose Echtheit ebenso wie Verzweiflung und Kraft.
Vermutlich ist das zwar der letzte Schicksalsbericht, den ich in nächster Zeit lesen werde, aber ich muss sagen, dass er mich von Anfang bis Ende berührt hat, ohne dass ich ein Taschentuch brauchte. Judith End hat mich mit offenem Mund und aller Bewunderung zurückgelassen.

Dieses Buch verdient es, gelesen zu werden.
In nachvollziehbaren, nicht abgenutzten Bildern erzählt Judith End, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wurde, als sie mit Mitte 20 die Diagnose Brustkrebs erhielt.

Es drängt sich ein leises Gefühl auf, dass in den letzten Jahren vermehrt über Brustkrebsfälle berichtet wird, was vor allem den betroffenen Prominenten zu verdanken ist, die ebenfalls vermehrt an die Öffentlichkeit gehen.
Dass es wichtig ist, die Öffentlichkeit zu sensibilisieren, zeigt eben auch der Fall von Judith End, und das Erscheinungsdatum Anfang Oktober, also im Brustkrebsmonat, ist ganz sicher nicht zufällig gewählt. 

Judith End ist eine "normale" Frau wie Du und ich, eine von den fast 60.000 Frauen in Deutschland, bei denen jährlich diese Diagnose gestellt wird.
Und sie ist jung, mitten im Examen, alleinerziehend, irgendwie noch unfertig mit ihrem Leben.  
Mit ihrem Bericht lässt sie das Kartenhaus zusammenbrechen, ein Kartenhaus, das man sich als junger Mensch aufbaut und denkt, der böse Krebs sei dem Alter vorbehalten.

Der Beitrag, den die Autorin zur Brustkrebsaufklärung leistet, ist nicht zu verleugnen.

Sie lässt nichts aus, sie spricht über die Phasen des Alleingelassen- und Geschnittenwerdens ebenso wie über die medizinische Hölle, die bei ihr das "volle Programm" umfasste.

Dabei verwendet sie eine Sprache, die zu Beginn zwar ein wenig distanziert wirkt, aber, zumindest bei mir, nicht das Gefühl erweckt, man wolle nichts anderes, als Mitleid erheischen, und zugleich für alle Altersklassen geeignet ist.

Sie macht betroffen, keine Frage.
Und das ist auch gut so, denn ihr Weg durch die Krebserkrankung ist kein Spaziergang, der bunt bebildert beschönt werden darf.

Sie erschreckt und bewirkt Kopfschütteln, weil man nicht glauben mag, wie sich manch gesunder Mensch gegenüber einem Kranken benimmt, und regt damit zum Nachdenken an.

Auf bewundernswerte Art und Weise beantwortet sie anschaulich und kindgerecht die Fragen der damals vierjährigen Tochter. 

Und mit Sarkasmus und schwarzem Humor tritt sie uns allen in den Arsch, dass der Krebs eben nicht die Krankheit der anderen ist.

Mein nächster Vorsorgetermin ist jedenfalls gemacht!

Kommentare:

Tanja hat gesagt…

Hallo Sinje! Ich war lang nicht mehr hier *mich duck* , aber ich hoffe es geht dir gut.
Momentan fällt es mir eh auf, dass viel über Schicksal und Tod geschrieben wird. Dabei empfand ich den Roman von Cordula Stratmann mit "Sie da oben, er da unten" sehr erfrischend, was allerdings auch daran lag, dass die Geschichte fiktiv ist. Wenn es so toll im Himmelreich wäre, dann hätte keiner mehr Angst davor, was einem nach dem Leben erwartet . Aber irgendwie ist es auch so, dass ein jeder irgendein tragisches Schicksal mit sich herumträgt. Und jedes ist anders. Doch hat man nicht mit sich selbst schon so viel zu tun? Mit Familie und Freunde? Warum liest man so ein Buch? Um zu heulen? Ich frag mich das selber auch, denn in meinem Regal steht noch "Bevor ich sterbe" und ganz Neu "Rabenliebe"! Vielleicht gibt es uns auch Kraft, wenn wir das Leid von jemanden verstehen und mitfühlen können. Bei mir ist es jedenfalls so. Typisch für eine Waage.
Aber ich sehe es ähnlich wie du. Wie soll man eine Geschichte, die der Wahrheit entspricht und überaus traurig ist - bewerten? Aber umsonst werden diese Bücher ja auch nicht geschrieben und jeder der schreibt, muss auch mit negativen Äußerungen - was vielleicht den Stil etc etc angeht - rechnen. Biographien sind da nicht anders. Rabenliebe hab ich zum Geburtstag bekommen. Warum? Weil es mein Wunsch war. Der Autor hatte solch eine traurige Vergangenheit hinter sich, das mir schon bei einer Lesung die Tränen in den Augen standen. Andererseits schreibt er mit so viel Poesie, dass diese einen beflügelt und das Herz erwärmt. Man sagt ja nicht um sonst: Schreib dich frei! Die beste Medizin.
Ich finde es gut, dass auch Prominente offen über Krankheiten wie zuletzt "Brustkrebs" andere Frauen dazu animieren zur Vorsorge zu gehen. Hach, wenn ich was schreibe, dann komm ich nie zum Ende.
Lass dich knuddeln und ich wünsch dir einen schönen Sonntag.

glg, Tanja

mirjam hat gesagt…

Dem Buch begegne ich zur Zeit überall.
Doch ich hab es (noch) nicht gekauft. Wieso?
Weil ich mich oftmals zu sehr in die Protagonisten hineinversetzen, so dass ich anschliessend ein paar Augenblicke (oder eher Tage) in der Gefühlsverfassung jener verharre.
So halte mich Geschichten über schreckliche Schicksale eher auf Abstand. Aber nur für eine Weile. Sie bleiben in meinem Hinterkopf bestehen, beharrlich. Arbeiten in meinem Innern, bis das Buch schliesslich zu mir findet.

Schöne Worte, mit gefühlsstarken Gedanken!

lieber Gruss, mirjam

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Hallo Tanja,
ist ja nicht schlimm :-) Ich bin gerade auch etwas eingeschränkt und komme wenig zum Blogrundendrehen und schon gar nicht zum Posten.
Ich weiß gar nicht, ob es einen Trend zu mehr "Schicksalsberichten" gibt. Ich habe mir im Laufe der Jahre eher eine Mauer in dieser Hinsicht errichtet, denn ich bin ohnehin nah am Wasser gebaut. Manch einer mag so etwas aus Sensationsgier lesen, andere aus Empathie.
Ich kann auf jeden Fall mit Fiktion besser umgehen.
Trotzdem halte ich Schreiben auch als Verarbeitungsform für wichtig, und umso positiver ist es natürlich, wenn der Betroffene, wie hier, noch am Leben ist. Und in diesem Fall weiß die Autorin auch, wie sie ihre Geschichte verpacken kann, denn sie ist ja sozusagen vom Fach.
Und es ist ein wichtiger Beitrag. Ich glaube schon, dass Prominente viel zur Sensibilisierung beitragen, Berichte von Otto-Normal-Patient aber mehr Identifikationspotenzial bieten. Judith End setzt sich ja schon seit Jahren in der Brustkrebsaufklärung ein.
Bevor ich mich aber wieder einmal an dieses Genre wage, werde ich wohl weiter an meinem SuB arbeiten.
Lass es dir gut gehen.
LG
S.

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Hallo Mirjam,
mich hat das Buch ja von alleine gefunden, allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich es anderweitig zur Kenntnis genommen hätte. Ich neige dazu, sehr resolut zu sein, wenn es um ablehnende Haltung geht ;-)
Es regt mich zwar nicht an, noch mehr Geschichten dieser Art zu lesen, aber ich bereue nicht eine Lesesekunde.
Ich wünsche dir eine schöne Woche.
LG
S.

Tanja hat gesagt…

Hallo liebe Sinje!
Mir geht es auch so. Nach einem super traurigem Roman brauch ich was lustiges oder greife im Anschluss daran - oft zur phantastischen Literatur.
Aufklärung ist wichtig und auch die Begegnung mit dem, wovor sich die Menschheit fürchtet - ist wichtig. Ich lese gerade im "Zauber der Sirenen" und bin hin und weg. Auch wenn der Klappentext nicht wirklich gut gewählt ist. Denn die Erkenntnis tretet ziemlich spät ein. Ein schöner mystischer Roman mit phantastischen Elementen. Einfach SPANNEND!

Um auch mal vom Thema abzukommen. Ich schicke dir per Twitter einen LINK zu einer Seite, der dich sicherlich interessieren wird. Im Bezug auf das Handwerk des Schreibens. glg, Tanja

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Ja, ja, die Fantastik, die schönste fiktionale Flucht aus der Realität ;-)
Ich lese immer noch Nybbas Träume. Momentan habe ich wieder so eine Phase, wo ich von Buchstaben träumen könnte ...
Tweet mich mal an :-)
LG
S.

Tanja hat gesagt…

Hab dir eine Nachricht geschickt ;)
Nybbas Träume - ist das die Trilogie?
Wie du siehst, die Reihe hab ich noch nicht gelesen...
So ich melde mich dann irgendwann mal wieder!
See you soon - liebe Sinje
Wünsch dir schöne Träume, denn ich spring jetzt in die Koje ;)

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