Freitag, 6. August 2010

Warum schreibe ich? aka Antwort Nr. 4

Soleil hat mir ja 3 Fragen gestellt.
Die Antwort auf Frage Nr. 1 gab es gestern, Antwort auf Frage Nr. 2 folgt auf dem Fuße.
Gefragt wurde:

Wie bist Du zum Schreiben gekommen?

Als Antwort kopiere ich Teile meines allerersten Blogeintrages und ergänze ein wenig.

Oft werde ich gefragt, warum ich überhaupt schreibe, denn das sei derzeit quasi eine Modeerscheinung und es schreibe einfach jeder. Zwischen den gesprochenen Zeilen sind ein vergleichsweise vorwurfsvolles "Et tu Brute?" und ein augenrollendes "Hast du nichts Besseres zu tun?" oft kaum zu überhören.

Die Frage, ob ich nichts Besseres zu tun habe, lässt sich mit einem „Doch, durchaus“ beantworten, denn ich schreibe, wann immer ich ein Quäntchen Freizeit erübrigen kann, aber da gibt es ein Paar fröhlicher, blauer Kinderaugen und einen Job, die immer vorgehen (müssen).

Trotzdem möchte ich dem Beispiel vieler Autorenkollegen folgen und ein wenig aus meinem Schreibstübchen plaudern.

Wie kam es dazu, dass auch ich zunächst zum Bleistift griff und dann später in die Tasten haute, um Ideen festzuhalten?

ODER

Wie kam ich vom Lesen zum Schreiben?

Obwohl ich zweifelsohne in die Kategorie der leidenschaftlichen, stets gut benoteten Schulaufsatzschreiberinnen fiel, liegt mein eigentlicher Schreibstart gerade einmal 20 Jahre zurück.

An dieser Stelle muss ich ein altersbedingtes Hüsteln einwerfen und mich entschuldigen, denn ich habe die 30 bereits überschritten.

Ich hoffe, ich darf ein wenig ausholen, und will zunächst zugeben, dass ich eine Internatsschülerin war, nicht etwa aus elitären Gründen, sondern weil ich auf genau diese Schule wollte, da sie eben Anfang der 1990er noch erweiterten neusprachlichen Unterricht bot und ich mich somit wunschgemäß mit drei neuen und einer toten Sprache beschäftigen durfte.

Damit war natürlich wöchentlich vermehrter Fahrtaufwand verbunden, und da ich aus meinem Landkreis die einzige Schülerin war, die sich freitags und sonntags im öffentlichen Verkehr auf dem Schulweg befand, galt es, allein Zeit totzuschlagen.

Eine Leseratte war ich schon damals, und meinen Bibliotheksausweis in der neuen, fremden Stadt hatte ich bereits in der ersten Woche in der Tasche.

Weil ich mich in Bus und Bahn nicht mit Schulstoff quälen wollte, begleitete mich also immer ein Buch.
Ich erinnere mich, dass es mir das letzte Regal hinten rechts im Belletristikbereich der Bibliothek besonders angetan hatte, denn dort standen die Wälzer von Anne Golons Romanreihe „Angélique“, die mich dann eine Weile gefangen hielt, zumal ich mich als Französischfrischling verpflichtet fühlte, diesen Klassiker kennenzulernen, und es nicht einen Augenblick bereute.
Nun ja, so ganz stimmt das nicht. Ich bereute es durchaus, nämlich als ich am Ende dieser ersten Woche am Busbahnhof stand und meine Schulter höllisch wehtat, weil ich neben Schulmaterial auch noch Lesestoff mit nach Hause schleppte und dieses natürlich am Sonntag wieder zurück ins Internat schleppen musste, nebst einer Wochenration an Obst und Getränken.

Tja, eReader gab es damals noch nicht, also beschloss ich, der Krankenkasse nicht mit orthopädischen Leiden zur Last zu fallen und meiner Schulter zuliebe am Wochenende auf Angélique zu verzichten. Nur fand sich nichts Äquivalentes, dem es gelang, mir zwei Stunden Fahrzeit zu vertreiben, also schlief ich bald freitags und langweilte mich sonntags … bis ich eines Tages meinen Hausaufgaben-Spiralblock aufschlug und mir dachte, ich könne doch einfach mal aufschreiben, was mir so durch den Kopf ging.

Und das Unheil nahm seinen Lauf: Ich versuchte mich an Gedichten.

Ich gebe zu, das Lyrische verschloss sich mir, und ich suche es noch heute, trotzdem war ich überaus emsig und füllte Seite um Seite mit sehr emotionalen Niederschriften, die ich hier ganz bestimmt nicht breittreten werde, es sei denn, ich werde mit ausgesuchter Höflichkeit angefleht.

Später befasste ich mich mit ab-, aber kaum tiefgründigen Kurzgeschichten und begann, die Fahrtzeit als echte Schreibzeit zu schätzen. Ja, es ist möglich, im Bus zu schreiben, auch wenn ich das sanfte Wiegen der Bahn deutlich bevorzugte.
Bald genügten mir diese vier Stunden in der Woche nicht mehr, und ich schrieb, wann immer sich Gelegenheit bot.

Frei nach Flaubert schrieb ich für mich selbst und dachte nur daran, eine Idee umzusetzen, nicht mehr und nicht weniger.

Ja, so kam ich also zum (Auf)Schreiben (meiner Gedanken).

Das Schreiben ist inzwischen mein Beruf, nur verfasse ich keine Geschichten, sondern übersetze ganz Nüchternes und Alltägliches aus meinen Arbeitssprachen ins Deutsche und schlage damit Kommunikationsbrücken.

Auf dem Weg dahin hatten mich zwar Lese- und Schreiblust einmal verlassen, aber nun sind beide Leidenschaften wieder da, und ich bin emsig mit Schreiben beschäftigt.
Dass ich jemals einen kompletten Roman fertigbekomme, habe ich allerdings nie gedacht, denn meinen berühmt-berüchtigten grünen Ordner und die virtuelle füllen einige Romanfragmente, die dann doch irgendwie versandeten.

Warum ich schreibe?

Weil ich lese.
Weil mein Kopf voller Ideen ist, die ich nicht für mich behalten möchte.
Weil es Spaß macht, mit diesen Ideen und Worten zu jonglieren.

Kommentare:

Soleil hat gesagt…

Ich erinnere mich an diese Antwort! Sie hat mir schon damals gefallen ;)
Angelique kenne ich nur aus der verfilmung, wo es mir nicht ganz so gut gefiel, weil ich auch vieles in meinem damaligen zarten Alter nicht verstanden habe.
Ich freue mich, so kreative Menschen kennenlernen zu dürfen und muss immer grinsen, wenn wieder ein Leser(in) gesteht, dass sie gerne mal was schreibt ...

Sinje Blumenstein hat gesagt…

LOL!
Ich war mir nicht sicher, ob sie jemand gelesen hat :-), weil das mein allererster Eintrag war.
Ich habe die Angélique-Verfilmungen ewig nicht mehr gesehen. Die Bücher wollte ich mir auch schon immer mal holen, aber noch sehe ich sie nicht in meinem Regal. Auch den hehren Plan, sie im Original zu lesen, habe ich bislang nicht umgesetzt :-)
Ich muss gestehen, dass einem das Schreibgeständnis durchaus im Halse steckenbleiben möchte, wenn man sich länger im Amazon-Forum und dergleichen aufhält. Man bekommt rasch das Gefühl vermittelt, man belästige seine Umwelt, und die schrägen Blicke ernte ich tatsächlich. Seltsam, aber mir mittlerweile - pardon - schnuppe.

sayuri's exile hat gesagt…

Hallo Sinje,
das ist aber eine interessante Antwort auf die Frage, wie Du zum Schreiben gekommen bist.
Spannend, spannend.... Die Angelique-Romane kenne ich gar nicht, die muss ich mir mal anschauen.
Es ist schon merkwürdig, mit dem Schreiben - ich bin mittlerweile auch eher zurückhaltend dabei, meine Schreibereien zu zeigen, oft genug stößt man auf Desinteresse (oh, ich bin noch gar nicht dazu gekommen...) oder bekommt gar kein Feedback. Allerdings habe ich eh erst kürzlich wieder angefangen damit - das Studium blockiert mir zu viel Zeit ...

Ich schau bei Dir jetzt öfter mal rein und packe Dich in meinen Feedreader - ich mag die Art und Weise, wie Du hier schreibst sehr gern :)
Lg, Sayuri

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Hallo Sayuri!
Dann sag ich mal "Herzlich willkommen" bei mir :-)
Wie schon in meiner Antwort an Soleil gesagt, habe ich weniger den Eindruck, dass das Schreiben Desinteresse bewirkt, sondern dass sich das Umfeld tatsächlich belästigt fühlt. Schade.
Wirkliches und hilfreiches Feedback bekomme ich allerdings von meinem wenigen Testlesern, die aber nicht zum berüchtigten Freundeskreis zählen.
Das Studium hat mich auch von vielem angehalten, in meinem Falle sowohl vom Lesen als auch vom Schreiben. Dafür habe ich getanzt und war nie wieder in meinem Leben so schlank. *Grins*
Momentan wünschte ich, ich hätte mehr Zeit zum Schreiben. Eigentlich sehne ich mich nach vier Wochen nur für mich und meine Geschichten.
Lottogewinn her und schon ist das realisierbar :-)
Wünsch dir eine schöne Woche!
LG
S.

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