Donnerstag, 8. Juli 2010

... über "Sieben verdammt lange Tage" von Jonathan Tropper

Ich bedanke mich bei Droemer-Knaur für die Bereitstellung des Leseexemplars im Rahmen der Testleseaktion.   

Jonathan Tropper
"Sieben verdammt lange Tage"

Ein trauriger Anlass, um die Scherben der Vergangenheit zusammenzukehren

Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
Verlag: Knaur (20. August 2010)
Sprache: Deutsch
Übersetzung: Birgit Moosmüller
ISBN-10: 3426662736
ISBN-13: 978-3426662731
Originaltitel: This is Where I Leave You
Preis: 16,95

Kurzbeschreibung

Die Familientreffen der Foxmans enden stets mit zuschlagenden Türen und quietschenden Reifen. So schnell wie möglich versuchen die vier erwachsenen Kinder, einen Sicherheitsabstand zwischen sich und ihr Elternhaus zu bringen. Doch nun ist ihr Vater gestorben und dessen letzter Wunsch treibt seinen Lieben den Angstschweiß auf die Stirn: Sie sollen für ihn Schiwa sitzen, sieben Tage die traditionelle jüdische Totenwache halten. Das bedeutet, dass sie auf ausgesprochen unbequemen Stühlen in einem kleinen Raum gefangen sind und nicht davonlaufen können. Nicht vor dem, was zwischen ihnen passiert ist, und nicht vor dem, was die Zukunft für sie bereithält.

Aus dem Inhalt

Das Wichtigste sagt bereits die Kurzbeschreibung. Wie es sich gehört, fasst sie kurz und bündig das Chaos zusammen, in dem sich Protagonist und Ich-Erzähler Judd Foxman befindet. Viel erzählen darf ich nicht, denn das Buch erscheint erst im August, und man will schließlich nicht schon im Vorfeld alle Karten offenlegen, aber versuchen kann ich es ja mal:
Der Ausgangspunkt der Geschichte ist traurig, denn Vater Morton Foxman musste sich nach langem Kampf dem Krebs geschlagen geben. Sein letzter Wunsch kommt für die gesamte Familie doch recht überraschend, denn keiner hat ihn als sattelfesten Juden in Erinnerung. Nur lässt sich eben der letzte Wunsch des Verstorbenen nicht so einfach auswischen, und deshalb finden sich nun die vier Geschwister im Elternhaus ein.
Es besteht von Anfang an kein Zweifel, dass die Familie Foxman heillos verkorkst ist, sich liebt und hasst und es keine Minute miteinander aushält.
In jenem Haus in Elmsbrook, in dem alle aufgewachsen sind und in dem es ständig Stromprobleme gibt, weil der Papa, seines Zeichens Elektrofachmann, getreu dem Klischee es nicht auf die Reihe bekam, es ordentlich zu verdrahten, treffen nun ein:
- die älteste Tochter Wendy, die mit Portfolio-Manager Barry verheiratet ist, der mehr Zeit am Telefon verbringt als mit den überaus liebreizenden gemeinsamen Kindern (ist die Ironie lesbar?),
- Kind Nr. 2, Paul, der leidenschaftslos das Familienunternehmen weiterführt, weil Lebensplan A nicht umgesetzt werden konnte, woran sein jüngerer Bruder Judd nicht unschuldig ist, mit Ehefrau Alice, die einst von Judd entjungfert wurde und sich nichts sehnsüchtiger wünscht als ein Kind (Hormonbehandlungen und filmreifer Sex nach Plan),
- Judd, der Hauptdarsteller der Geschichte,
- und schlussendlich Nesthäkchen Phillipp, der gleichermaßen verwöhnt wie ignoriert aufgewachsen ist, alle Drogen des Planeten probiert haben dürfte und über nutzlose Fähigkeiten, wie das Einklemmen von 8 Schnapsgläsern zwischen seinen Fingern, verfügt und mit einer deutlich älteren Frau, Tracy, im Schlepptau anrückt.  
Ja, und da ist ja noch die silikonausgestopfte Mama Hillary Foxman, die bezeichnenderweise Psychiaterin ist und in grauer Vorzeit einen Bestseller mit dem wunderbaren Titel "Wiege & Co.: Ein Wegweiser zur aufgeklärten Mutterschaft" verbrochen hat, woraus sich natürlich ableiten lässt, dass die Familie aus psychologisch-psychiatrischer Sicht nur saniert sein kann.
Während alle Geschwister mit Kind und Kegel zum Schiwa-Sitzen hereinschneien, kommt Judd allein, denn er wurde jüngst von seiner Ehefrau betrogen.
Wie es das Schicksal so wollte, hat er seine Angetraute, Jen, just an deren Geburtstag mit seinem Chef im Bett erwischt und durfte obendrein erfahren, dass das keine Einzelvorstellung war. 
Judd bekommt somit Gelegenheit, auf dem unbequemen Schiwa-Stuhl nicht nur die foxmannsche Vergangenheit aufzubereiten, sondern auch seine Ehe, wobei man beides durchaus als Scherbenhaufen bezeichnen kann.
Da sitzen sie nun alle, versuchen hin und wieder auch einmal, auszubrechen, hangeln sich durch Wiedersehen verschiedenster Art und sind vor der einen oder anderen Überraschung nicht gefeit. Ob man wohl alles für bare Münze nehmen kann?

Meine Meinung

Als bestsellerabstinenter Mensch kannte ich natürlich Jonathan Tropper überhaupt nicht. Darüber hinaus liegt mein Lektürebeuteschema doch mehr als drei Meter von dieser Art Belletristik entfernt.
Ich muss sagen, dass ich sehr misstrauisch angesichts des Themas Tod war. Da das Cover nun aber keinen Taschentuchkaufrausch versprach, habe ich mich also herangewagt, weil ich neugierig war, a) was man so macht, wenn man Schiwa sitzt und b) warum denn die Foxmans so gar nicht miteinander können.

Was soll ich sagen? Dieses Buch hat begeistert.
Vermutlich hat es mich angesprochen, weil ich als nahezu Mitdreißigerin vom Identifikationspotenzial der Protagonisten eingelullt werde.
Da sitzt man so in seinem Leben, denkt, nun ist man erwachsen, verheiratet, dem ganzen Jugendchaos erfolgreich davongelaufen, wähnt sich in einer Friede-Freude-Eierkuchen-Sicherheit, aber dann kommt es knüppelhart.
Ein Elternteil stirbt, und als wäre das noch nicht genug, geht auch noch die Ehe den Bach runter.
Nach 25 Seiten flutschte mir direkt ein "Au Backe, du arme Sau" heraus, und das obwohl der Protagonist ein Mann ist und eigentlich mal kräftig für die vielen literarisch gehörnten Ehefrauen herhalten müsste, und dabei will Judd eigentlich gar kein Mitleid heischen. 
Als dann nach kurzer Zeit noch ein näheres, höchst schmerzliches Ehedetail zutage trat, dachte ich einen kurzen Moment, soviel Drama ginge nicht gut, zumal die Foxman-Familie auch ohne Anhang weder intern noch extern unbelastet ist.
Aber es funktioniert, flott und unterhaltsam, ohne die Fingerspitzenthemen des Romans herabzuwürdigen. Man fühlt mit, ohne in Mitleid zu zerfließen, atmet überrascht ein und erleichtert wieder aus, redet mit dem Buch, wie es mit dem Leser redet (denn ab und zu wird der Leser mit Sie direkt angesprochen) und lacht in unpassenden Momenten, weil es die Protagonisten auch dürfen.
Jonathan Tropper ist direkt, weiß aber mit treffenden Bildern und köstlichem Wortwitz zu erzählen und den Leser damit über die sieben Wochentage und einzelnen Stunden von Anfang bis Ende bei der Stange zu halten.
Obwohl er seine Charakter (bewusst) überspitzt darstellt und man sich denkt, dass soviel Verkorkstheit auf einem Haufen schon gar nicht mehr möglich ist, lässt er sie vollkommen menschlich und nachvollziehbar hinter die Mülltonne kotzen und Fehler begehen bzw. in selbige hineinrutschen, die man bereitwillig verzeiht.

Ich habe "Sieben verdammt lange Tage" verschlungen und bin mir sicher, das war nicht mein letzter Tropper.

Ohne Umschweife und Punktezerpflückerei gibt's von mir

5 von 5 Weißdornzweigen



1 Kommentar:

Alexandra hat gesagt…

Guten Morgen Sinje

Wie du ja weisst hab ich das Buch ja grade als Testlesebuch bekommen *gg* Schon als ich es in Händen hielt fühlte es sich gut an und eigentlich mag ich solche Themen. Ich find es spannend wie verschieden die Autoren an das "Tabu" Thema ran gehen, den einen gelingt es gut, den anderen nicht so gut, und bei dem bin ich echt gespannt.

UZnd nach deiner Rezi jetzt umso mehr *g*

Werde dann berichten, denn ich denke heute, spätestens Morgen, werd ich damit beginnen :D

Wünsch dir noch einen wunderschönen Tag und starte gut ins Weekend ;)

Liebe Grüsse
Alexandra

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