Freitag, 23. Juli 2010

[Musik] "D'Elles" von Céline Dion

Nach meinem schändlichen Freitagsaufall der letzten Woche möchte ich diese Woche mal wieder pünktlich sein und meinen musikalischen Französischen Freitag fortsetzen.

Die Auswahl für heute ist mir nicht schwergefallen, denn erst gestern lief mir die betreffende CD ganz zufällig (ja, wirklich, ungelogen!) in die Hände.
Da ich momentan so gar nicht zum Lesen komme - vom Schreiben wollen wir mal gar nicht reden - brauche ich hin und wieder etwas auf die Ohren, und da kam sie mir gerade recht. 

Voilà, an der Reihe ist Céline Dion (man bemerke den Accent aigu im Vornamen) mit ihrem bislang letzten französischsprachigen Studioalbum "D'Elles".


Spätestens James Cameron sei Dank muss ich die Künstlerin nicht mehr vorstellen.

Kennengelernt habe ich Céline Dion Mitte der Neunziger, und zwar nicht über einen ihrer englischen Titel, sondern über ihr Album Dion Chante Plamondon - Celine Dion Sings The Songs Of Luc Plamondon, das mir in einem Geschäft in Montréal zurief: "Kauf mich!" Nachdem ich die CD bei meiner Gastmama in den Player einschieben durfte, bin ich am nächsten Tag als brave Kundin in selbiges Geschäft zurückgekehrt und habe all ihre Alben gekauft, die verfügbar waren.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle ein liebes Dankeschön an meinen Partner in die virtuelle Welt pusten, denn er hat mich und meine Neusammlung nach meiner Rückkehr erstaunlich lang mit Engelsgeduld seinen CD-Player nutzen lassen, ohne die Flucht zu ergreifen. Junge Liebe eben ...

Jedenfalls habe ich mich zu einem glühenden Fan entwickelt, bin in den letzten Jahren aber kritischer geworden und bejubele keineswegs bedingungslos jede Neuerfindung der Maschinerie rund um die Künstlerin.

Auch das 2007 erschienene Studioalbum "D'Elles" ist eine dieser Inventionen, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man bei den französischen Alben Céline Dions einfach sorgfältiger und bewusster wählt und ganz gezielt nicht auf Mainstream setzt. Vermutlich mag ich deshalb ihre französische Arbeit mehr. Ihre französischen Alben sind in letzter Zeit rar gesät; zuvor war 2005 ein Best-of erschienen (On Ne Change Pas (2 CDs + DVD) [Box set]), das Altbekanntes und nur wenig Bonus-Neues enthielt und deutlich den Stempel "Vergesst mich nicht, Las Vegas ist irgendwann auch vorbei" trug, und davor 2003 Une Fille et 4 Types, eine wunderbare Zusammenarbeit mit Jean-Jacques Goldmann, bei der sich Céline Dion sozusagen "réinventée" zeigen durfte. Gerüchten zufolge soll das nächste französische Album nicht mehr lange auf sich warten lassen.


Der Titel "D'Elles" bildet eine Analogie zu ihrem Album D'Eux-Edition 15eme Anniversaire (CD+Dvd), das vor kurzem in Jubiläumsausgabe neu erschien. Dem Konzeptalbum "D'Elles", also "Von ihnen" oder "Über sie" in der weiblichen Form, ging ein Aufruf an Texterinnen voraus.
Somit wurden sämtliche Titel von Frauen verfasst, während für Vertonung und Produktion auch Mann Hand anlegte.


Herausgekommen sind 13 Titel - wie gewohnt rund um die Liebe, Beziehungen und die Frau -, die zwar musikalisch nicht so wagemutig sind wie beim Vorgänger "Une fille et trois types", dafür aber mit wunderbaren Texten aufwarten und Céline Dion die Möglichkeit geben, zu zeigen, dass sie zu Recht zu den technisch besten Sängerinnen der Welt zählt. Insbesondere hatte ich den Eindruck, dass sich ihre Diktion deutlich verbessert hat (was übrigens auch im Englischen auf dem Album Taking Chances (CD + DVD) unverkennbar ist). Alle Texte sind ausgezeichnet zu verstehen und bewusst vorgetragen.
Die lange Wartezeit auf ein neues französischsprachiges Album wird dadurch auf jeden Fall wieder wettgemacht.

"Et s'il n'en restait qu'une (je serais celle-là)" bildet den Auftakt und war auch erste Auskopplung des Albums. Erfreulicherweise gibt es dazu Informationen auf Wikipedia, sodass ich mal ganz faul einen Link (auf Englisch) setzen kann: http://en.wikipedia.org/wiki/Et_s'il_n'en_restait_qu'une_(je_serais_celle-l%C3%A0
Dieser Song startet elektronisch angehaucht, wechselt dann zu balladischen Klängen, wird aber schnell zu einem melodisch-kraftvollen Popsong, der auf Ausschöpfung aller stimmlichen Fähigkeiten verzichtet.
Das offizielle Video ist hier zu sehen: Dailymotion

"Immensité" hat sich sofort als mein Lieblingslied eingeschlichen. Es ist ebenfalls keine Schmalzballade, wartet zwar mit den obligatorischen Streichern auf, ist aber einfach eine schöne Liebeserklärung. (http://en.wikipedia.org/wiki/Immensit%C3%A9)
Auch hierzu gibt es ein offizielles Video auf Dailymotion.

Der Titel "A cause" kommt auf dem Album zwei Mal vor, und man muss schon genau auf den Text hören, um es zu bemerken. An dieser Stelle wird der Text nämlich poppig interpretiert, sodass man geneigt ist, ihn zu vernachlässigen. Umso überraschter ist man dann, wenn man feststellt, dass Titel 12, "On s'est aimé à cause", eine wunderbare Gitarrenballade, die einmal mehr zeigt, wie sehr Céline Dions Interpretationsfähigkeit mit den Jahren gewachsen ist, tatsächlich denselben Text aufweist.
Normalerweise reagiere ich leicht allergisch auf das doppelte Verpacken eines und desselben Titels auf einem Album, aber hier wird eindrucksvoll bewiesen ist, dass ein Text und ein Thema problemlos unterschiedlich vertont werden können, ohne an Wirkung zu verlieren.


"Je cherche l'ombre" ist zur Abwechslung eine folkloristisch angehauchte Ballade, bevor "Les paradis" uns erklärt, dass das Paradies nicht auf Erden liegt, und uns im Rhythmus mitwippen lässt.

Ein höchst schwieriges Stück ist "La diva". Es bildet eine Hommage an Maria Callas, und ich muss zugeben, dass es für mich recht gewöhnungsbedürftig ist, Céline Dion Opernnoten interpretieren zu hören.

"Femme comme chacune" sorgt wieder für ein etwas poppigeres Element, ohne besonderen Eindruck zu hinterlassen. Man hat das Gefühl, der Titel ist rasch vorbei, bevor zu "Si j'étais quelqu'un" übergegangen wird, einem poetischen Stück, das von einer jungen Autorin mit Trisomie 21 verfasst wurde und von ihrer Sicht der Welt erzählt. Erfreulicherweise setzt dieser Titel musikalisch nicht auf Schmalz und triefende Emotion, sondern ist überraschend flott und positiv.

Mein "Indifferenz-Song" ist "Je ne suis pas celle", der mich weder vom Hocker haut noch zur Weißglut treibt.
Da kann gerne "Le temps qui compte", "Die Zeit, die zählt", folgen, denn der ist wieder locker flockig und viel zu schnell vorbei (2:54 ist doch keine Länge für einen Dion-Song!). 
  
Als Nächstes startet ein Versuchsballon mit "Lettre de George Sand à Alfred de Musset", denn hier wurde ein Brief der französischen Schriftstellerin George Sand an ihren kurzzeitigen Geliebten Alfred de Musset vertont. Ich meine, der Versuch ist gelungen, und besonders zu Beginn des Liedes, der nicht durch Gesang, sondern Vorlesen eines Teils des Briefes geprägt ist, wird ganz deutlich, das Céline Dions Sprache und Ausdrucksweise mit ihr erwachsen geworden ist.

Nach dem wunderbaren "On s'est aimé à cause" klingt das Album mit dem Schlaflied "Berceuse" aus, das mich innerlich fluchen lässt, dass ich nicht ordentlich singen kann, denn ich hätte es gerne meinem Sohn vorgesungen, denn bezeichnenderweise hat mein Schreibaby tatsächlich immer friedlich geschlafen, sobald ich das Konzeptalbum Miracle eingelegt habe. 

Alles in allem ist "D'Elles" in meinen Augen rundum gelungen und bietet eine facettenreiche musikalische Betrachtung femininer Texte, präsentiert von einer erwachsenen, zufriedenen, selbstbewussten Céline Dion, der man hier wirklich nicht vorwerfen kann, sie singe nur für ihren Ehemann.

Mit Spannung erwarte ich neues Französisches von Céline Dion, während mich das Englische, Konzeptalbum hin und her, nach wie vor vergleichsweise kalt lässt. 

Hörproben gibt es selbstverständlich auf Amazon und iTunes.   

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