Donnerstag, 1. Juli 2010

[Challenge: 5 Bücher = 5 Länder] Weltreise-Buch 1: Russland

Natiras SuB-Abbauaktion (http://natiraszeit.blogspot.com/2010/06/tub-challenge-ii2010.html), in deren Rahmen eine literarische Reise durch die Welt unternommen wird und für den Rest des Jahres insgesamt 5 Bücher aus 5 Ländern aus dem vorhandenen Stapel ungelesener Bücher durchgeschmökert werden wollen, startet zwar erst heute, aber ich bin mit meinem ersten Buch bereits fertig. 
Das Schöne ist, dass man sich nicht an die gepostete Reihenfolge der Bücher halten muss, sondern frisch fröhlich lesen kann. 

Dass ich nun ausgerechnet dieses erste Buch schon fertig habe, hat den Grund, dass es mich gewurmt hat, dass es seit 13 Jahren in meinem Regal steht und leider vor sich hingilbt.
Ich meine, nach alledem, was dieses Buch durchgemacht hat, verdiente es, endlich gelesen zu werden, und da kommt mir doch diese Challenge gerade recht.

Darüber hinaus ist dieses Buch vielleicht sogar der beste Start, weil es zusammen mit mir selbst eine Reise hinter sich hat.

Oh, ich sollte an dieser Stelle doch einmal verraten, um welches Buch es eigentlich geht.

Voilà oder pozhaluista:




Ich besitze allerdings die russische Ausgabe, und wie die  mir in die Hände gelangt ist, will ich einmal voranstellen.
Vor 13 Jahren, wie gesagt, hatte ich das große Vergnügen, einige Zeit in Moskau zu weilen (nun ja, es war nicht immer ein Vergnügen, aber nähere Ausführungen erspare ich mir lieber).
Im Rahmen dieses Auslandsaufenthaltes haben wir uns natürlich sehr gern und, wenn wir nicht gerade goldene Kuppeln bestaunten bzw. im Unterricht am kleinen Institut in historischen Mauern schwitzten, vornehmlich in Buchläden herumgetrieben.
So auch am 21.03.1997.
Woher ich das so genau weiß?
Weil ich es fein säuberlich - ja, damals befand ich mich in einer akribisch-pendantischen Phase - im Buch notiert habe.
Um genau zu sein, befanden wir uns an diesem Tag nicht in einem echten Buchladen, sondern im sogenannten Bücherclub, Knizhnyj Klub, einem riesigen Bücherbasar, der vom Schulbuch bis zum Erotikkracher alles zu bieten hatte.
In den Wochen davor war ich bereits um dieses Buch herumgeschlichen, weil mich das Cover leis gelockt hat, allerdings eher in der Richtung: "Oh, Schmerz lass nach!", denn in Gedanken versuchte ich, das universitätsanfängerballettkursgestärkte Beinchen zu heben. (Ich bewerbe mich hiermit um das längste Wort des Jahres!)
Von einer Maija Plisetskaja (Transkription und Transliteration sind mir an dieser Stelle einmal schnuppe, denn Schreibweisen scheint es wie Sand am Meer zu geben) hatte ich bis dato noch nie was gehört, was eigentlich peinlich ist, wenn man Russisch studiert und eine geheime Schwäche für klassisches Ballett hat. 
An jenem 21.03.1997 konnte ich also nicht länger widerstehen und erstand das Hardcover mit Schutzeinband für läppische 35.000 Rubel, was damals so um die 10 DM waren. 
Nebst 20 weiteren mehr oder weniger schweren und wichtigen Bücher reiste also auch Maija Plisetskaja im Zug mit mir zurück in die Heimat und wurde vergessen.
Halt, nicht ganz. Ich habe sehr oft die zahlreichen s/w-Fotografien und Zeichnungen bestaunt.
 
Mit "Ich, Maija Plisetskaja ..." (so der russische Titel) bringt die große Primaballerina also ihre Autobiographie an den Leser, und sie hat jede Menge zu erzählen und zu zeigen, wie auch die Kurzbeschreibung der deutschen Ausgabe weiß:
 
Zum ersten Mal erzählt die Künstlerin aus ihrem Leben, von ihrem Werdegang, ihren größten Triumphen, von ihren Begegnungen mit bekannten Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, darunter Maurice Béjart, Ingrid Bergman, Salvador Dalí, Marc Chagall, Pierre Cardin, Richard Avedon, Coco Chanel, Rudolf Nurejew, John F. Kennedy und Robert F. Kennedy. Und sie rechnet ab mit dem politischen System der ehemaligen UdSSR, das ihr und ihrem Mann - dem Komponisten Rodion Schtschedrin - nicht genügend Raum für künstlerische Entfaltung ließ. Ein ehrliches, ein erschütterndes Buch, das sich trotzdem so leicht und spannend wie ein Roman liest.
 
Geboren wurde Maija Plisetskaja 1925 in Moskau als Kind einer jüdischen Intelligenzlerfamilie.
Schon als Kind war sie bewegungsfreudig und konnte nie still sitzen.
Kein Wunder also, dass sie früh mit dem Ballett begann.
Nach eigenen Angaben besaß sie bereits in jungen Jahren einen eisernen Willen und war höchst strebsam.
Die besten Voraussetzungen, um es bis ans Bolschoi-Theater zu schaffen.
Ein Übriges leistete die tänzerisch-choreographische Gegenwart von Tante und Onkel, Sulamith Mikhailovna Messerer und Assaf Messerer, bei denen Maija aufwuchs, nachdem Mutter und Bruder (der noch ein Säugling war) im Rahmen der Großen Säuberung verhaftet und in ein Gulag verbracht worden waren.
Im Zuge dessen war auch ihr Vater verschwunden, ein sehr einschneidendes Kapitel im Leben der späteren Primaballerina.
1934 wurde sie in die Ballettschule des Bolschoi-Theaters aufgenommen, wo sie mit großem Ehrgeiz studierte, um zu virtuoser Kunst zu gelangen, damit ihre Eltern stolz auf sie sein konnten.
Trotz alledem ist die Autobiographie am Anfang ziemlich langweilig, weil mich die ganzen Familienbande nicht wirklich interessierten und Plisetskaja haufenweise Verwandte aufzählt, dass einem rasch der Kopf schwirrt. Die familiären Reibungen mit dem Regime sind - für einen Außenstehenden und weil man nicht immer sicher sein kann, wie sattelfest Kindheitserinnerungen sind - oftmals nicht ganz nachvollziehbar.
In jedem Fall aber sorgten sie dafür, dass Maija Plisetskaja a priori als politisch unzuverlässig galt und daheim bleiben durfte, während das Bolschoi-Ballett in der Welt gastierte.
Was natürlich besonders bitter war, denn Maija Plisetskaja hatte quasi einen kometenhaften Aufstieg zur Primaballerina des namhaften Ensembles hinter sich und war nicht zuvor jahrelang im Corps de ballet untergegangen.
Dazu kommt, dass sie auch äußerlich immens hervorstach. Leider geht ihr leuchtend roter Schopft aus dem Buch nur im Text hervor, da die Fotografien ausschließlich schwarz-weiß gehalten sind.
1959 durfte sie schließlich doch nach Amerika reisen, wo sie pro Arbeitstag 40 Dollar bezog, an arbeitsfreien Tagen aber leer ausging. 
Ich muss sagen, dass ich mich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass ein großer Teil der Autobiographie mit einer gehörigen Portion Verbitterung geschrieben ist. Wenngleich alle Künstler der damaligen Sowjetunion im Ausland als Botschafter der russischen Kunst und Kultur eingesetzt wurden und in diesem Zusammenhang immer im Visier des KGB waren, lag auf Maija Plisetskaja noch etwas schärferes Augenmerk. Dennoch hat sie im Gegensatz zu berühmten Künstlerkollegen nie die Gelegenheit beim Schopfe gegriffen, um der Sowjetunion den Rücken zu kehren, denn ihr Ehemann und ihre sonstige Familie blieben natürlich als Pfand zurück.
In ihrer 60 Jahre überspannenden Tanzkarriere gelang es Maija Plisetskaja, unzählige Male den "Sterbenden Schwan" aufzuführen und sich selbst dennoch immer wieder neu zu erfinden, nicht zuletzt im Wege eigener Choreographien.
Als sie im November 1993 die letzten Zeilen ihrer Autobiographie schrieb, hatte sie zwar die Spitzenschuhe des Bolschoi-Balletts an den Nagel gehängt, war aber noch längst nicht in Rente. Ihre letzte Vorstellung gab sie erst 1996.
 
"Ich, Maija Plisetskaja ..." bietet dem Ballettfreund und -kenner (zumindest bis 1993) all jene Informationen, die inzwischen auch im Internet in diversen Sprachen (wobei das Deutsche erstaunlich spärlich ausfällt) zu finden sind. Die Stationen ihrer Tanzkarriere und die Eckpunkte ihres Lebens sind gemeinhin bekannt.
Daneben gibt es vergleichsweise wenig Privates, dennoch ist die tiefe Verbundenheit mit Ehemann Rodion Schtschedrin allgegenwärtig.
Aber Maija Plisetskajas Autobiographie soll auch kein Gossip-Schinken sein, in meinen Augen ist es auch keine echte Abrechnung mit politischen Gegebenheiten, sondern der mitunter distanzierte Rezit einer Grande Dame des Balletts über ein Leben voller Tanz und die Liebe zum Tanz, der hin und wieder ein wenig menschliche Nähe vermissen lässt.
 
Sehr zu empfehlen für Ballettfans.
 
Und ein altes Lesezeichen von damals war auch noch drin und ließ mich in Erinnerungen schwelgen.

Kommentare:

Natira hat gesagt…

Oh, das ging ja schnell :)

Ich erinnere mich, da ich als Kind von meiner Schwester ein relativ schmales Jugendbuch erhalten hatte über die Ballerina Galina Ulanova. Ich habe versucht, es bei Amazon zu finden, aber keine Chance :)

Jedenfalls (keine Ahnung, ob die Lautschrift so stimmt, also siehe es mir nach bitte)
spazibo!

Sinje Blumenstein hat gesagt…

Das Buch musste sozusagen weg :-)
Jetzt werf ich mich wieder an die Belletristik.
Ja, stimmt, über Ulanova schreibt sie auch, denn sie folgte ihr ja als Star nach.
Ist das Buch schon älter?
Also richtig alt? Ich habe vor Jahren in der Deutschen Bücherei mal "Die Schule einer Balletttänzerin" in den Händen gehabt, aber ein Jugendbuch im eigentlichen Sinne ist das nicht.
Aber es war dünn ;-)

Natira hat gesagt…

Hm... Ich war damals vielleicht 10, also habe ich das Buch vor *schluck* ca. 30 Jahren in der Hand gehabt. Es war dünner, aber ansonsten erinnere ich mich kaum an das Buch. Bei dem Titel "Die Schule einer Ballettänzerin" klingelt aber auch nicht wirklich etwas bei mir.

Außerdem wird es ein "sozialistisches" Verlagsbuch gewesen sein... Ich habe heute noch einmal gegoogelt und habe "Galina Ulanowa" von Franz Fühmann als Titel gefunden (Literatur der DDR) mit nur 80 Seiten aus dem Jahre 1961. Zum Inhalt (außer Biographie) und Lesealter habe ich nichts gefunden, wer weiß, vielleicht ist das wirklich das von mir erinnerte Buch ;)

Lg Natira

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