Mittwoch, 12. Mai 2010

... Valetta, St. Julians und Mdina (Gastbeitrag von Cornelia Franke)

Valetta, St. Julians und Mdina

Auf die Frage, welcher Ort mich inspiriert, musste ich nicht lange nachdenken. Wie von selbst schossen die Namen Valetta, St. Julians und Mdina in meinem Kopf.

2007 führte mich meine LK-Fahrt auf die schöne Insel Malta. Ich war schrecklich aufgeregt, denn das letzte Mal, als ich das Meer gesehen hatte, lag schon Ewigkeiten zurück und war nur noch eine verschwommene Erinnerung. Verständlich, dass vier Tage auf einer Insel mein Herz höher schlagen ließen.

Die Kultur, die Orte und die ganze Atmosphäre haben mich derart hingerissen, ich entwickelte in einem meiner Romane eine ganze Stadt nach ihnen. In Valetta, ich erinnere mich noch gut daran, kommt man sich vor wie die Figur auf einem Schachbrett. Die Straßen wurden zu Verteidigungszwecken wie ein solches Spielbrett angelegt. Egal wohin man auch schaute, am Ende der Straße, links, rechts, alle Wege endeten im Meer. Die Gebäude ragen weit nach oben, man sah stets nur einen schmalen Streifen Himmel. Doch von jedem höher gelegenen Punkt aus konnte man stets die Balustrade, die den Stadteingang markierte, erkennen. Auf ihr flatterten fünf Fahnen im Seewind. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das selbst noch jetzt, bald drei Jahre danach. Ich fühle den Wind, höre die Menschen in einem fremden Dialekt rufen, wie auf einem abendländischen Basar.

Unser Hotel in St. Julians lag direkt an der Promenade. Keine zehn Schritte und die Wellen brandeten an der Hafenmauer. Tagsüber sah man Segelschiffe in der Ferne, doch abends, als der turbulente Verkehr abstarb, saß ich im Licht einer Laterne auf einer Bank und beobachtete den Sonnenuntergang. Allein. Die meisten meiner Mitschüler waren auf der Partymeile einen Kilometer weiter und tranken den Rest ihrer Zurechnungsfähigkeit weg. Doch ich saß auf meiner Bank, lauschte den Wellen und wusste, an diesem Ort war ich richtig. Ich hätte dort Stunden sitzen können, ruhig, zufrieden und vollkommen ausgeglichen, während die bunt beleuchtete Kirche auf der anderen Seite der Bucht in die Nacht strahlte.
Ich fragte mich, wer schon vor mir auf dieser Bank gesessen hatte. Wie sah er aus? Was war seine Geschichte? Hatte er wie ich den Sonnenuntergang beobachtet und das Gleiche empfunden? Wie war es, ein Leben in St. Julians zu führen? Eine Antwort habe ich während meines kurzen Aufenthalts nicht gefunden.

Mdina ist wiederum eine Stadt, aufgebaut wie eine Burg, im Landesinneren. Das Besondere an ihr ist (abgesehen von einer unheimlich breiten Stadtmauer), dass die Straßen absolut verwinkelt sind. Man kann immer nur einen Pfeilschuss weit sehen.
Mdina ist alles andere als groß. Nach einer Stunde hat man alles gesehen, manches sogar doppelt. Aber dieses Gefühl, nie zu wissen, was hinter der nächsten Biegung wartet, lässt einen mitfiebern. Ich bin immer weiter gegangen, immer weiter, neugierig darauf, was als Nächstes kam. Ein paar Einheimische? Ein verstecktes Lokal oder nur eine leere Straße? Die glatten Sandsteinwände der Straßenzüge gaben nie Aufschluss.

Nur eins entdeckte man mit absoluter Sicherheit: Feuerrote, tief violette und schrill pinke Bougainvillea. Seit meiner Reise, meine absolute Lieblingsblume. Würden Sie auf meinen Balkon überleben, ich hätte einen ganzen Busch davon.

Zwar habe ich Malta bisher noch keinen weiteren Besuch abgestattet, aber kein Ort hat mich bisher so inspiriert wie die drei genannten. Vielleicht liegt es daran, dass das sonnige Malta ganz anders als Deutschland ist. Zuhause war das Erste, das mich am Düsseldorfer Hauptbahnhof erwartete feiner, eiskalter Nieselregen. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch nicht viel von der Welt bereist habe. Dennoch frage ich mich wie andere Orte, weit entfernt, Brasilien, Hokkaido oder Chicago auf mich wirken würden und was meine Fantasie dann aus ihnen anfertigt.

(c) Text und Fotos: Cornelia Franke
http://corneliafranke.com/


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