Dienstag, 4. Mai 2010

... über Meer und mehr

Obwohl ich das Gefühl habe, noch nicht oft genug am Meer gewesen zu sein, blicke ich auf immerhin fünfzehn Reisen zurück, die mich dorthin geführt haben.

Ich gebe zu, ich habe ein gewisses Reisedefizit in Bezug auf meine Kindheit, das aber rein gar nichts mit der viel kritisierten eingeschränkten Reisefreiheit zu DDR-Zeiten zu tun, sondern familiäre Gründe hatte.

Warum muss es aber eigentlich immer das Meer sein?
Ich brutzele nicht gerne in der Sonne, weil ich mich zu Tode langweile und im Nu einen Sonnenbrand bekomme. Ebenso bin ich eher ein Poolplantscher, als dass ich mit den Wellen kämpfe.
Dazu kommt, dass mein erster Kontakt mit einem Meer, es war das Mittelmeer und ich war so aufgeregt, endlich an ein Meer zu kommen, eher getrübt war.
Um genau zu sein, glich der sogenannte Strand eher einer Müllkippe als einem Ort der Urlaubsfreude, und es stank erbärmlich, während die Wellen etwas an Land schwappten, das nach Damentoilettenartikeln aussah und keineswegs zu näheren Betrachtungen animierte.

Aber es wurde besser, nur rufen hörte ich das Meer noch nicht.

Doch dann stand ich eines Tages, an einem lauwarmen Oktobertag, auf der Krim am Fuße des Aj-Petri, um genau zu sein nicht wirklich zu seinen Füßen, sondern ein ganzes Stück entfernt auf dem weitläufigen Grundstück des Sanatoriums Jasnaja Poljana und war viel zu früh dran für meinen Ukrainisch-Unterricht.
Da hörte ich es rufen.
Dort unten bergabwärts, hinter dem bewaldeten Gelände, funkelten die Wellen in der Vormittagssonne und glitzerten so, dass ich es zwischen den Bäumen sehen konnte.
Entgegen allen gut gemeinten Ratschlägen nahm ich also meinen Mut zusammen, verdrängte die Warnung in Bezug auf Herumlungernde und stieg die schier endlose Treppe durch den Wald hinunter, überquerte die schmale Straße, ging wieder bergab, vorbei an verfallenen Gebäuden, die wohl einmal zu einem der zahlreichen Sanatorien gehört hatten, bis ich schließlich das Schwarze Meer erreichte.
Ich setzte mich auf eine Bank und starrte auf die Rusalka, die dort dem Wasser entsteigt.

Während ich so beobachtete, wie das Wasser die Skulptur umspielte, begann ich plötzlich zu träumen.
Ich lehnte mich zurück, und auf einmal wurde alles ganz leicht.
Ich hörte nicht die Musik aus dem nahegelegenen Restaurant, die so nervtötend laut war, dass ich mich immer fragte, ob es dort verboten sei, sich zu unterhalten, sondern ich hörte nur das Wasser.
Und wie es sich bewegte und angenehmen Duft mit sich brachte, trug es irgendetwas von mir weg, etwas, das mich bedrückte und von dem ich scheinbar gar nicht wusste, dass es auf mir lastete.
Aber irgendetwas muss dagewesen sein, denn hinterher war es weg, und ich fühlte mich befreit. Das Klischee stimmt also doch.
Etwas muss dran sein, an der großen Freiheit des Meeres oder des Wassers.
An diesem Tag im Oktober kam ich zu spät zum Unterricht.

Danach zog es mich in den zwei Wochen, die ich auf der Krim verbringen durfte, immer wieder zurück ans Wasser, und meine Notizen, die ich damals machte, hatte ich schon längst wieder vergessen, bis sie mir vor ein paar Tagen in die Hände fielen. Neben den Notizen nahm ich auch meine Fotografien wieder her und erinnerte mich an eine schöne Reise.

In den Jahren danach habe ich noch ein paar Mal am Meer gesessen, einfach nur hinausgeschaut und seine reinigende Wirkung, die es unweigerlich auf mich hat, genossen.
Vermutlich sende ich deshalb häufig meine Protagonisten ans Meer.

Wenn ich heute meine Notizen betrachte, frage ich mich, wie ich die Nixen vergessen konnte, die eine Rusalka-Statue in meine Gedanken gepflanzt hat.
Die Geschichte jener speziellen Rusalka, die eine alte Geschichte ist, die man sich in Mischor erzählt, werde ich demnächst hier nacherzählen.

Worauf ich aber hinaus will, ist, dass wir wohl alle Lieblingsorte haben, Orte, die uns durchatmen lassen und auf besondere Weise glücklich machen, Orte, nach denen wir uns immer wieder zurücksehnen.

Auf mich haben Gewässer diese Wirkung, in erster Linie das Meer, aber ich stelle fest, dass ich mich heute auch mit dem See nebenan begnüge, mit seinen Libellen, die mit flimmernden Flügeln durch die Luft surren, seinen Fröschen, die im Frühjahr nach dem Ablaichen entspannt alle Viere von sich strecken und an einem Stück Holz im Wasser treiben.
Dann ist mein Kopf frei, und ich bin ein anderer Mensch.

Welche Orte bringen euch zum Träumen, machen euch frei oder inspirieren euch?

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