Freitag, 14. Mai 2010

... Tag 5 – Ein Buch, das du immer und immer wieder lesen könntest

Leider habe ich inzwischen so viele Bücher auf dem Wunschzettel und im Regal, dass ich höchst selten noch dazu komme, ein Buch mehrmals zu lesen, auch wenn es mich regelrecht in den Fingern juckt.

Zu diesen "Fingerjuck-Büchern" gehört:

"Aufforderung zum Tanz" von Christa Grasmeyer

Verlag: Verlag Neues Leben Berlin, 1986.
Beschreibung: 174 S., Paperback, Taschenbuchformat
Gewicht in [g]: 200
ISBN: 3355009512
Bemerkung: Band 384, Illustrationen von Gitta Kettner

Vorausschicken muss ich, dass es sich um ein DDR-Jugendbuch handelt, das vermutlich noch in Bibliotheken und antiquarisch zu bekommen ist.

Kurzbeschreibung:

Bettinas Freundin Nathalie meint, dass es altmodisch sei, immer bloß einen Mann zu lieben und dem auch noch ständig treu zu sein. Für moderne Liebe ist Bettina auch. Aber Arne, wie denkt er darüber?

Aus dem Inhalt:

Die Protagonistin Bettina Stoll ist bereits sechzehn, als sie die Ausbildung an der Berliner Ballettschule beginnt. In drei Jahren muss sie nun lernen, wofür die jüngeren Schüler deutlich länger Zeit haben, und sie, die mecklenburgische Landpomeranze, die aus einem behüteten Elternhaus kommt, muss nun zusätzlich mit der neuen Umgebung und neuen Menschen zurechtkommen.

Sie, die Konflikte schlichtet und mit jedem gut auskommen möchtet, findet sich wieder zwischen der ausgelassenen Zimmergenossin Julia, die das Leben und die Liebe leicht nimmt, und der ehrgeizigen Nathalie, die aus einem Künstlerhaushalt stammt und im Gegensatz den anderen als Berlinerin zu Hause wohnen darf und entsprechend als Außenseiterin beäugt wird.

Gleich zu Beginn des Buches steht die Leserin mit Bettina im Ballettsaal und schwitzt, kurz darauf begegnen wir ihr im Wohnheim, wo sie vor Heimweh vergeht, Eltern und Freundin Vivi(ane) vermisst, sich aber einschärft, sie wolle Tänzerin werden und müsse sich deshalb in Härte üben. Mit ihr lernen wir nun "Fachfranzösisch" und schließen langsam Freundschaft mit den anderen Mädchen.

Und wir lernen Nathalie kennen, die schön und geheimnisvoll ist und einen Freund namens Chris(tian) hat, der schon studiert. Bettina ist zwar trotz allen Heimwehs und Großstadtunerfahrenheit recht selbstbewusst und nicht unbedingt auf den Mund gefallen, aber die Tatsache, dass die neue Freundin sexuell aktiv ist, schockiert sie doch einigermaßen.

Auf dem Weihnachtsmarkt begegnet sie schließlich dem neunzehnjährigen Bauarbeiter Arne, der sie auf unverschämte, unwiderstehliche Weise angräbt, und die Begegnung ist so frech und gleichzeitig "süß" beschrieben, dass die Leserin vermutlich selbst gern mit Arne in die Gruselbahn gestiegen wäre und sich in seine Arme geschmiegt hätte. 

Sie beginnen eine Beziehung, die an der Schule zunächst mit Skepsis beäugt wird, denn jede Emotion des Tänzers findet Ausdruck in seinem Tanz, sodass befürchtet wird, negative Emotionen könnten Bettinas Ausdruck und Lernkonzentration schaden. Doch Arne tut der Elevin und ihrer Ausbildung gut, und sie sagt überzeugt zu Nathalie, deren Beziehung mit Chris beiderseitig nicht exklusiv ist, sie werde ihn immer lieben.

Dann aber muss Arne weg. Einberufen wird er zur Armee, an der Grenze soll er dienen, und Bettina hofft leise, er könne in Berlin bleiben. Die langen Sommerferien können sie noch relativ nah beieinander verbringen, denn seine Kaserne befindet unweit von Bettinas Heimatstadt. 

Als Bettina nach Berlin zurückkehren muss, leidet sie nicht nur unter der räumlichen Entfernung zu Arne, sondern stellt fest, dass sie trotz Tennisspielens mit Vivi "eingerostet" ist, und kommt sich wie eine plumpe, dicke Ente vor. Doch am meisten hemmt sie die Sehnsucht nach dem Freund. Lehrer wie Eltern sorgen sich. Bettina steckt in der Krise und denkt ans Aufhören, bis die Schule sogar Arne herbeibeordert. Sie fängt sich wieder, und unterhält eine Fernbeziehung mit Arne, der in Benneckenstein stationiert ist.

Als er schließlich wieder zu Besuch kommt, wird deutlich, wie sehr sie sich entfremdet haben. Arne mag Nathalie nicht, die für Bettina immer mehr zum Bezugspunkt wird, da sie einerseits ein tänzerisches Vorbild darstellt und andererseits einen illustren Freundeskreis unterhält, der nicht nur für Bettina reizvoll ist. Arne erkennt, dass Nathalie ein Mensch ist, der nur sich selbst treu ist, und er versteht auch, dass Bettina sich so sehr an sie klammert, dass sie, gäbe es sie einmal nicht mehr, unweigerlich zusammenbrechen würde. Bettina aber tut Arnes Bedenken ab. Auch scheint der Wehrdienst den jungen Mann verändert zu haben, er ist misstrauisch und hat Angst, Bettina könnte einen anderen kennenlernen. Er höre von seinen Kameraden viel zu viele Geschichten über Untreue, berichtet er ihr, doch für Bettina ist das alles Unsinn.

Den Mann, der ihr dann über den Weg läuft, als Arne längst wieder in seiner Kaserne ist, kennt sie bereits. Mit Nathalie, deren neuen Bekanntschaften und deren altem Freund Chris macht Bettina einen Ausflug, und nach feuchtfröhlicher Runde, in der sie ihren achtzehnten Geburtstag nachfeiern, endet sie in Chris' Armen.

Das Ende ist unausweichlich. So bedeutungslos die Nacht mit Chris für Bettina auch war, bricht für Arne, den soliden, treuen Arbeiter, eine Welt zusammen. Seine Befürchtungen, Bettina könne in eine leichtlebige Künstlerwelt entgleiten, scheinen sich zu bewahrheiten.
Als er sich von ihr verabschiedet, sagt er ihr, er könne sich für längere Zeit verpflichten, um nicht nach Berlin zurückkehren zu müssen.

Bettina versteht, dass sie die Verantwortung zu tragen hat, doch am Ende steht sie, wie am Anfang, an der Stange, nimmt Nathalie wahr, will sich nicht mit ihr vergleichen, tut es aber trotzdem. Die Verlassen- und Verlorenheit erfassen sie, sie bringt die Übung durcheinander, aber dann stellt sie sich wieder in Position.

"Aufforderung zum Tanz" ist ein Jugendbuch, mit dem es der Autorin gelingt, die Entwicklung einer Tanzschülerin, die eben nicht nur eine aufzehrende Ausbildung durchläuft, sondern auch zu einer Frau heranwächst, authentisch darzustellen. Die Härte der späten Ballettausbildung ist allgegenwärtig, sodass die Erzählung im Grunde nicht den "Ich will Tänzerin werden"-Effekt bei der Leserin auslösen dürfte.
Einige Elemente sind natürlich DDR-spezifisch, in erster Linie Arnes Wehrdienst und die FDJ-Aktivitäten, aber am Schulalltag dürfte sich kaum etwas geändert haben. Diese Passagen wirken sehr real und gut recherchiert. 
Auf nachvollziehbare Weise schildert die Autorin die Hin- und Hergerissenheit der Ballettschülerin zwischen strenger Ausbildung und erster Liebe. An beides klammert sich die Protagonistin und gerät dabei in Schwierigkeiten, die leicht nachzuempfinden sind.  

Besonders aufgewühlt hat mich bei diesem Buch, dass es kein Happy End hat. Arne und Bettina sind am Ende getrennt, sie steht an der Stange, vermutlich erfüllt von Tausenden Gedanken um Arne und ihre eigene Dummheit, während er Dienst in Benneckenstein tut. 
Leider gibt es keine Fortsetzung, sodass wir  nicht erfahren, ob Arne doch noch nach Berlin und zu Bettina zurückgekehrt und sie wirklich Tänzerin geworden ist.

Das war mein laaaanger Beitrag zu meinem "immer wieder lesen"-Buch.

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