Samstag, 22. Mai 2010

... Tag 14 – Ein Buch aus deiner Kindheit

Für mich entwickelt sich diese Aktion allmählich in eine Zeitreise.
Ich habe nun schon "Der kleine Angsthase", "Nimmerklug im Knirpsenland" und das Jugendbuch "Aufforderung zum Tanz" vorgestellt, und nun kommt erst die eigentliche Frage nach dem Buch aus meiner Kindheit.

Obwohl es zu dem Terminus "Kindheit" nicht wirklich passt, denn ich war schon ein Teenie, als ich das Buch las und die Novelle auch nicht für Kinder gedacht ist, will ich nun doch endlich zu meiner "Unromantischen Annerose" kommen.
Dieses Buch ist ein typisches DDR-Buch und funktioniert für den heutigen Leser ohne Hintergrund wahrscheinlich nur bedingt, darüber hinaus moralisiert es stark entsprechend den damaligen politischen und moralischen Vorstellungen.
Das Setting muss man heute zwangsläufig mit anderen Augen sehen, denn es ist ebenso wie die veralteten Namen der Protagonisten gewöhnungsbedürftig.
Trotz allem ist die Liebesgeschichte an sich nicht unbedingt veraltet und nach wie vor ansprechend.

Veken, Karl / Kammer, Katharina:
Die unromantische Annerose
Tagebuch einer Achtzehnjährigen

Verlag Neues Leben, Berlin
1964

Aus dem Inhalt:

Annerose ist fast achtzehn und steht kurz vor dem Abitur. Ihr Leben besteht in erster Linie aus der Schule, dem Internat, den üblichen FDJ- und Produktionsaktivitäten. Mit "Jungs" hat sie nichts zu schaffen.
Ihr Zimmer teilt sie sich mit Helga und Kriemhild, Mädchen, die unterschiedlicher nicht sein können, aber trotzdem zusammengewachsen sind.
Helga ist die kühle, intelligente Naturwissenschaftlerin, während Kriemhild nach einer Schauspielkarriere strebt, die Schule als notwendiges Übel betrachtet und zahlreiche Männerbekanntschaften pflegt. Annerose scheint den Ruhepol im Dreiergespann darzustellen, ohne den die beiden anderen Mädchen sicherlich aufeinanderprallen würden. 
Als unromantisch gilt sie, weil sie eben keine Romanze hat und wohl auch nichts davon versteht. Sie ist ruhig und verträumt, macht sich Gedanken um ihre Zukunft und ist gleichzeitig ein Mensch, dem man sich gern anvertraut.
Ihr Schulkamerad Gert ist sogar in sie verliebt, und sie ist darüber ebenso schockiert, weil sie nicht wie er empfindet, wie geschmeichelt, weil er der erste Mann ist, der "Ich liebe dich" zu ihr sagt.
Die Novelle beginnt an einem schönen Märztag, den ich durchaus als romantisch bezeichnen würde, und Annerose ist auf dem Weg zur Schule, als plötzlich eine ältere Dame auf dem restlichen Eis, das den Gehweg vereinzelt bedeckt, ausgleitet und stürzt, sich dabei vermutlich den Arm bricht. Für die gut erzogene Abiturientin steht fest, der Dame muss geholfen werden. Kurzentschlossen springt sie auf die Fahrbahn und hält das erstbeste Auto an.
Die Insassen sind ein junger Gefreiter und ein Offizier, die selbstverständlich sofort hilfsbereit einspringen und sowohl Annerose als auch die Verletzte zum Krankenhaus fahren, mit dem Ergebnis, dass Annerose zu spät zur Schule kommt und netterweise von den beflissenen Vertretern der Nationalen Volksarmee hingefahren wird.
Annerose verliebt sich sofort in das Paar grauer Augen, das sie im Rückspiegel mustert.  
Auf diese eine Zufallsbegegnung folgt die nächste, und der Besitzer dieser imposanten Augen kann sogar ein Viertelstündchen für's Zivilleben abknapsen und einen Kaffee mit Annerose trinken. Für sie hat der Retter in der Not nun einen Namen: "Lothar". 
Noch bevor sich die zarte Beziehung entspinnen kann, begegnet Annerose anlässlich des Sanitätslehrgangs der Laborantin Lotti und erkennt sie als jene Rothaarige, die sich während ihrer Viertelstunde mit Lothar nach ihm umgedreht hatte. 
Dass die Eifersucht, die sich unbeabsichtigt in Annerose breitmacht, durchaus berechtigt ist, zeigt sich später.
Während Lothar und Annerose sich näherkommen, ereignen sich in Anneroses Freundeskreis einige Wirrungen und Katastrophen.
Heinrichs Vater flieht aus der DDR und will den Sohn, den alle eher misstrauisch beäugen, denn er ist hochmütig und hält mit seinen Ansichten über den Kommunismus nicht hinter dem Berg, mitnehmen. Der entscheidet jedoch im letzten Moment, dass er sich wenigstens von seiner Mutter, einer Opernsängerin, die sich mit ihrer Vergänglichkeit konfrontiert sieht, verabschieden. Doch die Mutter begeht, als sie vom Vorhaben des Ehemannes erfährt, Selbstmord und wird von Heinrich und Annerose aufgefunden. Aus Mitleid küsst sie ihn, was nur dazu führt, dass er zu der irrigen Auffassung gelangt, sie könne ihn lieben, denn ein so unromantischer Mensch wie Annerose küsse schließlich nicht jeden.
Das nächste Ereignis betrifft Kriemhild. Die unterhält nämlich eine Beziehung mit einem verheirateten Musiker und wird von ihm schwanger. Wieder kommt das Thema Republikflucht auf, doch Annerose und Helga setzen alle Hebel in Bewegung, damit Kriemhild das Schicksal, im "Westen" von solchen einem flatterhaften Typen sitzen gelassen zu werden, erspart bleibt. Dann kommt die Zusage der Theaterhochschule Leipzig und für Kriemhild bricht eine Welt zusammen.
Zu allem Überfluss kann Anneroses Vater Lothar nicht leiden und hält ihn für einen Stänker.
Und dann, als sie endlich zueinander gefunden zu haben scheinen, tritt Lotti auf den Plan und entpuppt sich als Lothars Ex, und sie ist schwanger mit Lothars Kind.
Im Grunde ist es nun Annerose, die Lothar sagt, was er zu tun hat, nämlich Lotti heiraten, eben tun, was moralisch richtig ist. 
Beide wissen, dass sie einander lieben, aber Annerose absolviert schließlich ihr Abitur allein. Heinrich, der immer der Einzelgänger war, wird fast zu einem Freund, und nach der Abschlussfahrt nach Weimar trennen sich die Wege der jungen Menschen. Annerose geht nach Leipzig, um Germanistik zu studieren, und hat den Traum, dass eines Tages 3 Bücher von ihr in der Staatsbücherei stehen. 
Dann erreicht sie ein Brief von Lothar, in dem er ihr gesteht, dass er mit Lotti nicht zusammensein kann, es sogar unmoralisch wäre, sie zu heiraten. Er schreibt ihr, dass er nicht Lottis Mann sein kann, aber nur zwischen den Zeilen, mit denen er ihr sagt, dass er an sie denken musste und daran, wie sehr es sie geschmerzt haben muss, ihre Beziehung aufzugeben, ist zu lesen, dass er Annerose noch immer liebt. Er bittet sie, zum Bahnhof zu kommen.
Annerose weigert sich zunächst, denn sie will in ihrer neuen Heimat Leipzig keinen Ort haben, der sie an Lothar erinnert, und doch will sie wissen, ob sie, die sie sich als neue Annerose bezeichnet, und Lothar noch etwas verbindet.
Am Ende rennt sie zum Hauptbahnhof, will sich verstecken, damit sie ihn sehen kann, ein letztes Mal, aber dann sieht sie ihn, wie er nach ihr Ausschau hält. Sie läuft dem Zug nach, bis er die Halle verlässt, sieht Lothars strahlendes Gesicht und fragt sich, ob ihr Glück nun zu Ende ist oder erst beginnt.

"Die unromantische Annerose" ist in der Ich-Form quasi als undatiertes Tagebuch geschrieben und erzählt von einer jungen Liebe, die eigentlich im Keim erstickt wird.
Lothar und Annerose haben kaum Zeit, einander kennenzulernen.
Ihre Beziehung scheint, weil sie sich durchaus durchzusetzen wissen, so intensiv, und gleichzeitig kann man aus heutiger Sicht das Pflichtbewusstsein beider, das letztendlich zur Trennung führt, nicht mehr nachvollziehen.
Andererseits fühlt man mit Annerose mit und versteht gut, dass sie glaubt, Lothar sei ihr Partner für's Leben. Obwohl er ihre erste Liebe ist, hat man das Gefühl, dass es tatsächlich "etwas werden könnte", denn Annerose bleibt ein eigenständiger Mensch und wirft sich Lothar nicht zu Füßen. Vermutlich imponiert genau das dem jungen Mann, sodass er sie letztendlich nicht aufgeben kann.
Es schlägt einem das Herz schneller, wenn Annerose am Ende auf dem Bahnsteig steht und genausowenig wie der Leser weiß, ob es einen neuen Anfang geben kann.

Als Kritik ist vorzubringen, dass sämtliche Figuren klischeehaft präsentiert werden. Annerose sieht ebenso mausgrau aus, wie sie sich verhält, ihr Vater ist der Vorzeigegenosse, während Heinrich sowieso als potenzieller Republikflüchtling gilt, Gert ist der Künstler, der sich außerhalb seiner Kunst nicht zurechtfindet, Molek wirkt mit seiner leichten Geburtsbehinderung wie ein Quotencharakter und Lotti wird äußerlich schon so beschrieben, dass man ihr nichts Gutes zutrauen kann.
Heinrich muss zwangsläufig "die Kurve" kriegen und sich gegen die Flucht entscheiden, alles andere wäre verwerflich. Ein wenig verwunderlich ist, dass Kriemhild für ihr Verhältnis mit einem verheirateten Mann nicht verurteilt wird, denn sie wird ausschließlich als Opfer präsentiert, und letztendlich sind alle auf ihrer Seite, um ihr Mut zu machen, dass sie die Schauspielausbildung auch mit Kind absolvieren könne. In ihrem Fall wird die Tatsache, unehelich ein Kind zu erwarten, heruntergespielt, sodass es schon fast unglaubwürdig scheint, dass ausgerechnet Annerose Lothar in eine Beziehung mit Lotti zurückzwingt, weil ein uneheliches Kind unterwegs ist. Während Kriemhilds Affäre künftig lediglich eine finanzielle Verantwortung auferlegt wird - schließlich ist er ja bereits verheiratet - soll Lothar nun auch moralische Verantwortung übernehmen und Lotti heiraten.
Dass er es am Ende nicht kann, ist eine ungemeine Erleichterung, aber ob Annerose doch noch zu ihrem Glück findet, steht in den Sternen.

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