Freitag, 30. April 2010

... über "Nightwalker - Jägerin der Nacht" von Jocelynn Drake

Vielen Dank an Egmont Lyx für das Rezensionsexemplar!


Jocelyn Drake
Jägerin der Nacht 01: Nightwalker
(Original: Nightwalker: The First Dark Days Novel)
Übersetzung: Antje Görnig
Sprache: Deutsch
Verlag: Lyx (2009)
407 Seiten
ISBN-13: 9783802582516
ISBN-10: 3802582519

Aus dem Inhalt:

"Mit ihren sechshundert Jahren gehört Mira zu den ältesten Vampiren Nordamerikas. Sie besitzt zudem eine Gabe, die sie von allen anderen Nachtwandlern abhebt: die Macht über das Feuer. Mira wacht über die jüngeren Vampire in ihrer Domäne und sorgt dafür, dass der Frieden mit den Gestaltwandlern gewahrt wird. Eines Tages kommt der attraktive Vampirjäger Danaus in die Stadt und tötet Vampire, die unter ihrem Schutz stehen. Als sie ihm im Kampf gegenübersteht, muss sie jedoch feststellen, dass Danaus kein gewöhnlicher Sterblicher ist. Und er ist nicht gekommen, um Mira ein Ende zu bereiten. Stattdessen bringt er unheilvolle Neuigkeiten: Die Naturi, grausame, archaische Elfenwesen, die einst von der Erde verbannt wurden, sind zurückgekehrt, um Menschen und Vampire zu vernichten! Noch sind es nur wenige, doch die magischen Siegel, mit denen die Naturi in einer anderen Welt gefangen gehalten werden, drohen zu brechen. In Mira erwachen schreckliche Erinnerungen – vor vielen Jahren wurde sie von den Naturi gefangen genommen und grausam gefoltert. Obwohl sie eigentlich Feinde sein müssten, verbündet sich Mira mit dem geheimnisvollen Danaus. Sie begeben sich auf die Suche nach den Ältesten der Vampire, denn nur mit deren Hilfe können sie dem gefürchteten Feind entgegentreten."
(Umschlagtext der Klappenbroschur)

Meine Meinung:

Obwohl mich das Cover ein wenig an „Feuerkind“ erinnert, wirkt es auf mich insgesamt eher, als stelle es eine in einen Bluttopf gefallene Dame dar. Die Stadt, über die sie zu wachen scheint, wird erst auf den zweiten Blick sichtbar. Die Motivation des unschuldig weißen Hintergrundes verschließt sich mir vollkommen. Ohne Titel würde ich das Buch angesichts der Umschlaggestaltung nicht unbedingt der Urban Fantasy zuordnen, schon gar nicht einem Vampirroman, der sich eindeutig mit Nachtwandlern befasst. In diesem Zusammenhang hätte ich mir eine dunklere Gestaltung vorgestellt. Im Vergleich gefällt mir das Cover des amerikanischen Originals besser, da dort beide Protagonisten berücksichtigt sind und auch die Nachtkomponente deutlicher wird.

„Nightwalker – Jägerin der Nacht“ ist ein Roman, der mich dank der Ich-Perspektive, die auch hier sehr gut geeignet ist, in die Protagonistin hineinzublicken, bis zum Ende gefesselt, aber auch gespalten hat, und nachdem ich die Lektüre beendet habe, bin ich noch immer unentschlossen, ob ich ihn lieben oder hassen soll. Das liegt vor allem an der Protagonistin Mira.

Zunächst einmal lockt der Klappentext dem Attribut „attraktiv“, und der Fan moderner Vampirromane aus weiblicher Feder dürfte an dieser Stelle hellhörig werden und sich wenn schon keine zarte Romanze wenigstens sinnliche Begegnungen erhoffen.
Toughe Vampirin trifft attraktiven Vampirjäger – das mutet auf den ersten Blick leicht nach Buffy und einer sich anbahnenden "verbotenen" Beziehung an, aber der Leser wird schnell eines Besseren belehrt.

Der Roman startet ein wenig in Comic-Manier mit einer Kreatur, der Vampirin Mira, die im Dunkel der Nacht auf ihre Beute lauert, in diesem Fall Danaus, der fleißig Miras Vampirgemeinde dezimiert und sich zu seinem Ziel, Mira, vorarbeitet, die er früher oder später tot sehen möchte.
Ein ordentlicher Kampf folgt auf dem Fuße. Es geht flott zur Sache, es wird kräftig zugehauen und Blut fließt, und wir erleben umgehend Miras besondere Macht. Während der Vampir üblicherweise seine Probleme mit dem Feuer hat, kann sie es erschaffen und macht eindrucksvoll von ihrer Gabe Gebrauch.

Das eigentliche Problem, das der Geschichte zugrunde liegt, wird ebenso rasch geklärt, wie der Kampf beendet, und diese Bedrohung ist der Part des Plots, der mir am meisten Schwierigkeiten bereitet hat. Die „Bösen“ in Jocelynn Drakes Welt sind nämlich Elfenwesen, die sogenannten Naturi, und damit stößt die Autorin mein Fantasy-Bild gewaltig um.
Die Darstellung dieser Gestalten ist so abgrundtief böse, dass ich es schwer hatte, meine Vorstellung feingliedriger, zarter Naturwesen aus meinem Kopf zu verscheuchen.

In der Tat darf der Leser nicht zimperlich sein, denn bei Jocelynn Drake fließen Schweiß und Blut, und Verstümmelungen stehen auf der Tagesordnung.
Der Autorin gelingt es, das Geschehen in eine sehr anschauliche Sprache zu verpacken, sodass sich die Action-Szenen trotzdem angenehm lesen lassen und weder übertrieben noch aufgesetzt wirken. 

Wie der Titel „Nightwalker“ besagt, entführt uns Jocelynn Drake mit ihren Vampiren wieder in die Welt der Nacht. So lässt sie auch ihre Protagonistin auf Reisen in einer Kiste schlafen, die sie selbst durchaus auch einmal „Sarg“ nennt.
Ihre Nachtwandler, Vampire, trinken Blut, schlafen am Tag, haben mentale Fähigkeiten, die erfrischenderweise längst nicht universell einsetzbar sind und durchaus einige Anstrengung erfordern, wirken aber trotz ihrer traditionellen Charakteristik nicht langweilig. Eine interessante Vorstellung ist, dass die Vampire ihren Herzschlag und Atem reproduzieren können, um den Menschen zu täuschen, auch wenn dies mit großem Kraftaufwand verbunden ist. Darüber hinaus sind sie in der Lage, sich für das menschliche Auge unsichtbar zu machen, ohne tatsächlich unsichtbar zu sein. Trotzdem sind Drakes Nachtwandler keine gefühllosen, toten Hüllen, wie Mira selbst (in Bezug auf die Menschen) äußert: „Wir empfinden Schmerz und Freude. Wir empfinden Trauer und Liebe genau wie ihr.“
Ebenso herrscht eine gewisse Organisation in der Vampirgesellschaft, und Konvent und Triade verleihen dem Plot einen Hauch von "Charmed".
Damit sind Drakes Vampire zwar nichts Besonderes, werden aber dank der Verbindung mit heidnischer Magie, Elfenwesen, die aus dem Fantasy-Genre herüberschwappen, und eben Miras außergewöhnlicher Macht und den geheimnisvollen Themis, von denen wir noch mehr erfahren wollen, trotzdem nicht in Schema F gepresst.

Obwohl Mira seit Jahrhunderten ein Vampir ist, ist auch sie von Gefühlen geprägt, für meine Begriffe wird sie allerdings von einer solchen Vielzahl von Emotionen erfüllt, dass sie am Ende weder Fisch noch Fleisch ist.
Im Grunde stellt sie eine toughe Protagonistin dar, die aber mit menschlichen Schwächen glänzt, wodurch sie – eigentlich – sympathisch sein müsste. Mira wird als starke Persönlichkeit präsentiert, die jedoch von deutlicher Furcht durchzogen ist. Sie fürchtet sich vor Danaus, vor dem Tod, und sie fürchtet sich auch vor Jabari, einem Ältesten, der eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt.
Die Erinnerungen an die Jahrhunderte zurückliegende Folter durch die Naturi, womit ihr aufgezeigt wurde, dass es mächtigere Wesen als den Vampir gibt, nagen an ihr, und man fragt sich unwillkürlich, ob es vampirische Psychiater gibt, die sich eines solchen Falls annehmen können, immerhin ziehen sich ihre Erinnerungen an Machu Pichu und die dortigen Geschehnisse wie ein roter Faden durch die Geschichte.
Vermutlich rührt auch daher Miras „Mitgefühl“ für die menschlichen Opfer, die die Naturi bei ihren Plünderungen schrecklich verstümmelt und ausgeweidet zurücklassen.
Diese Vielzahl der Charakterzüge macht Mira in meinen Augen zu einem vergleichsweise widersprüchlichen Charakter, insbesondere scheint mir ihr schnippisches, geradezu aufwieglerisches Verhalten gegenüber Jabari zu Ende des Buches vollkommen unangemessen und nicht nachvollziehbar.

Danaus zeigt sich als ziemlich undurchsichtiger Protagonist. Seine im Klappentext angepriesene Attraktivität ist eher nebensächlich, dafür ist er umso geheimnisvoller und für mich als Leserin wesentlich interessanter als Mira. Die Erkenntnis, dass er am Ende in den Kreis der Nachtwandler gehört, kam trotzdem überraschend.

Über die gesamte Lektüre hinweg ist klar, dass „Nightwalker – Jägerin der Nacht“ ein Reihenauftakt ist.
Es gibt viele Charaktere, mir waren es schon fast zu viele, dass nun ausgerechnet der Mensch Michael dem Plot und dem Bösen zum Opfer fiel, ging mir dann aber doch gegen den Strich, denn ich konnte mich des Eindruckes nicht erwehren, dass er schlichtweg den Weg räumen musste, ohne zu Ende erzählt zu sein.
Die Werwölfe wirken am Anfang hineingequetscht und hatten offenbar lediglich die Aufgabe, die enorme Macht der Naturi zu verdeutlichen.
Nicht alles scheint endgültig geklärt, und man hat oft das Bedürfnis, noch mehr zu erfahren. Insbesondere die Naturi sind mir in ihrem Ansinnen, die Welt von Menschen und Nachtwandlern zu befreien, noch deutlich zu eindimensional, auch wenn sich am Ende des Romans das Bild vor allem in Bezug auf das besondere Interesse an Mira zusammenzufügen beginnt.

Insgesamt betrachtet bietet „Nightwalker – Jägerin der Nacht“ von allem ein Bisschen: Die Charaktere haben, salopp gesagt, „was drauf“ und sie sind eingefügt in eine Welt aus normaler Urbanität und uralter, unfassbarer Magie.
Es bestehen nicht nur Berührungen, sondern auch Überschneidungen von Menschen- und Vampirwelt (Miras „Leibwächter“ sind Menschen), die eine ordentliche Portion Normalität, aber auch deutliches Konfliktpotenzial mitbringen.
Freunde von flotten Kampfszenen im Comicstil werden auf ihre Kosten kommen, während all jene, die eine Romanze erwarten oder erhoffen, vermutlich enttäuscht sind, denn mit Ausnahme vereinzelter sinnlicher Anflüge, passiert in dieser Hinsicht nichts.

Gut gefallen hat mir überdies die kleine Weltreise, auf die uns die Autorin schickt. Der Ausgangsort Savannah mutete zunächst ein wenig langweilig an, da auch Raven Hart ihre Vampirreihe dort ansiedelt.
Diese Location wird aber schnell verlassen, und die Vorstellung von „kalten“ Vampiren im heißen Ägypten war interessant.
Der Aufbruch zu neuen Abenteuern am Ende des Romans lässt auf eine weitere Weltreise hoffen.

Abschließend darf ich mich als Fan von Antje Görnig outen, die mir bereits die Lektüre von Katie MacAlister versüßte und auch Jocelynn Drakes Roman mit einer wunderbaren, von reichem Wortschatz geprägten Sprache übertragen hat, sodass auch hier eine angenehme Lektüre gewährleistet ist.

Weil „Jägerin der Nacht“ wohl im Zusammenhang zu sehen ist, aber trotz kleiner Widersprüchlichkeiten keine Sekunde langweilig war und neugierig auf mehr macht, gestatte ich mir folgende Wertung:
Anspruch: 3 von 5
Brutalität: 4 von 5
Erotik: 2 von 5
Gefuehl: 1 von 5
Humor: 0 von 5
Spannung: 4 von 5

Mein Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen


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