Montag, 12. April 2010

... über die Büchersammelsucht

Ja, ja, das Internet ist doch etwas Schönes. Täglich, wenn nicht sogar stündlich, ach, was sage ich, sekündlich, trifft man auf Neues, worüber man nachdenken und philosophieren kann.

Bevor ich über Umwege auf Alexandras Blog „Der Bücherwahnsinn“ und ihre Frage nach der Sammelsucht stieß, habe ich mir keinerlei Gedanken gemacht, ob ich vielleicht von der Büchersammelsucht befallen bin.

Einen leisen Verdacht hege ich natürlich seit dem Augenblick, an dem wir feststellten, dass unsere Regale nicht mehr ausreichen. Zu unserer Verteidigung müssen wir sagen, dass der Platz auch von einer Menge Fachbüchern eingenommen wird.

Ich bin also in mich gegangen und zu dem Schluss gekommen, dass ich doch einer Form der Büchersammelsucht erlegen bin. Und die sieht so aus, dass ich seit geraumer Zeit aus nicht nachvollziehbarem Grund jedes Buch, das ich mir einmal ausgeliehen habe, ebenfalls besitzen muss. Darüber hinaus ist es mir nicht möglich, mich von einem Buch, das sich einmal in meinem Eigentum befindet, zu trennen, selbst beim größten Schund könnte ich Tränen des Verlustes vergießen, wenn ich den leeren Platz im Bücherregal beschaue, und das obwohl er dringend gebraucht würde.

Dieses „das Buch muss ich auch haben“-Gefühl kam mit einem Jugendbuch auf.
Als Kind habe ich mich hauptsächlich in der örtlichen Bücherei herumgetrieben, weil die Buchhandlung in meiner Heimatstadt nicht besonders viel hergab und zudem so manches Buch extra vorbestellt werden musste, und selbst das klappte nicht immer.
Trotzdem setzten meine Eltern immer Himmel und Hölle in Bewegung, um Aufbewahrenswertes zu ergattern, während ich gleichzeitig geschult wurde, dass man im Leben eben nicht alles haben müsse. Ich fürchte, in Sachen Büchern ist dieser Erziehungspart an mir vorbeigerauscht wie ein Orkan.

Besagtes Jugendbuch, Christa Grasmeyers „Aufforderung zum Tanz“, fand ich in der Bücherei und verliebte mich. Ich war damals 12, und das Buch stand definitiv in der Altersgruppen-Reihe, in der ich eigentlich noch nicht lesen durfte. Ich meine, dieses Buch zählte wohl in die Kategorie "ab 14". Normalerweise stand damals eine Altersempfehlung im Buch, aber eine solche kann ich nicht darin finden. Für 12-Jährige war es jedenfalls nicht gedacht.
Das hatte schließlich einen Grund, denn in „Aufforderung zum Tanz“ geht es nicht nur um die harte Ausbildung zur Tänzerin, sondern auch um die erste Liebe, die erste Beziehung, den ersten Sex, den ersten Betrug und das Ende der ersten Liebe.
Zum Inhalt will ich mich gar nicht lange auslassen, denn da das Buch noch immer zu meinen Lieblingsbüchern zählt, werde ich an anderer Stelle näher darauf eingehen.

Meinem guten Draht zur Bibliothekarin sei Dank durfte ich das Buch ausleihen, und das tat ich dann nicht nur einmal. Man frage mich bitte nicht, wie oft ich das Buch gelesen habe, aber vielleicht war es nicht oft genug, denn zitieren kann ich daraus nicht, denke aber, dass ich alle 2 Jahre auch heute noch danach greife.
Jeder Gang, das Bücherei-Eigentum zurück an seinen Platz zu tragen, tat mir damals schon fast körperlich weh.

Und dann kam Tag X: Ich belegte einen guten Platz in der Russisch-Olympiade und damit einen Büchergutschein über 15 Mark, den ich in der nächsten Kreisstadt einlösen durfte. Bei nächster Gelegenheit habe ich mich also in den stinkenden Omnibus geschwungen und bin in den Buchladen gedüst.
Ach, war das schön.
Dort duftete es immer nach Papier und ein wenig nach Räucherstäbchen, ein bisschen wie Sandelholz, aber gerade verhalten genug, dass man sich wohl fühlte. Ganz ehrlich, ich wäre gern in diesen Laden eingezogen.

Mein Herz machte einen Satz, denn im Jugendbuchregal stand doch tatsächlich meine „Aufforderung zum Tanz“. Auf meinen Gutschein musste ich dann noch etwas draufzahlen, aber trotzdem bin ich mit einer Beute von 5 Büchern nach Hause gefahren.

Und diese Bücher gebe ich nie wieder her. Tatsächlich war dies das erste Mal, dass ich so viele Bücher ganz allein erstanden habe, und ich habe mich bei den nächsten beiden Russisch-Olympiaden ganz besonders angestrengt, um noch mal einen Gutschein zu ergattern (hat auch geklappt, nur beim letzten Mal gab es dann eine Medaille, die man ja schlecht als Lesestoff nutzen kann).

Trotzdem muss ich sagen, dass ich keine besondere Sammelvorliebe habe.
Nur in zwei Fällen würde ich mich wirklich ernsthaft als Sammlerin bezeichnen. Zum einen wären das Märchen, wofür mein Vater testamentarisch den Grundstein legte.
Selbstverständlich kann ich die Finger nicht von Reihen lassen. J. R. Ward und Co. können so viele Bücher verfassen, wie sie wollen, sie werden wohl alle die Statik unseres Heims auf die Probe stellen. Es kommt also nicht in Frage, eine Reihe nicht komplett im Regal stehen zu haben, das bringt die Reihensucht mit sich, aber als sammelwütig würde ich mich nicht bezeichnen.

Was ich allerdings ganz gezielt sammle, also Fall Nr. 2, sind Schauspieler-Autobiographien, zwar sammle ich da auch nicht alles, was sich am Markt tummelt, sondern wähle mit Bedacht aus.
Das Sammeln äußert sich aber auch darin, dass ich Bücher erstehe, die schon älter und damit etwas teurer sind.

Schuld an diesem Dilemma ist ein Buch, das eigentlich gar keine Autobiographie ist, sondern eher eine autobiographisch angehauchte, kolumnenartige kulturelle Betrachtung.
Es heißt: „Every Frenchman has one“ und stammt aus der Feder der hinreißenden Olivia de Havilland, die die meisten als Darstellerin der Melanie aus „Vom Winde verweht“ kennen dürften.
Ich liebe dieses Buch so sehr, dass ich es in meinem Roman sogar als Geburtstagsgeschenk für meine Protagonistin erwähnen musste.

Olivia de Havilland zog in den 1950er Jahren von den USA nach Frankreich, und in diesem Buch beschreibt sie sozusagen ihren Kulturschock. Dies tut sie auf so amüsante und zudem noch zeitlose Art und Weise, dass sich der Text auch noch mehr als vierzig Jahre nach Erscheinen wunderbar lesen lässt. Ich hatte Tränen in den Augen, als ich über ihre "falschen Freunde" las, die im Alltagsgespräch zu Missverständnissen führten. Ein Kapitel widmet sich der Umrechnung von Fahrenheit in Celsius, wenn das amerikanische Kind in Frankreich plötzlich Fieber bekommt. Was denn jeder Franzose hat, verrate ich vielleicht demnächst in einem gesonderten Beitrag.

Ich muss sagen, dass diese Sammelleidenschaft jüngeren Datums ist. Olivia de Havillands Buch fand erst vor etwa zwei Jahren zufällig zu mir.
Mein Faible für die Goldenen Jahre Hollywoods kann ich ohnehin nicht mehr verleugnen, wie meine DVDs verraten, und obwohl dieses Buch keine Autobiographie im eigentlichen Sinne ist, habe ich danach angefangen, gezielt Autobiographien zu kaufen. Heute stehen Lauren Bacall, Bette Davis, Joan Fontaine, Tony Curtis, Robert Wagner, Joan Crawford, mein all time favourite Eli Wallach und und und in meinem Regal, fast alle in gebundener Form und die meisten mit dem Bücherduft alter Zeiten. Es sind ein paar ganz schön alte Schinken dabei, unter anderem Joan Crawfords Autobiographie "A portrait of Joan" von 1962 (Co-Autorin Jane Kesner Ardmore), aber auch neuere, wie "Pieces of my heart" von Jonathan Hart, äh, Robert Wagner.
Auch von diesen Büchern gebe ich keines mehr her, und ich spare eisern für die Vervollständigung meiner Sammlung.

Leider warte ich, wie viele andere, händeringend und gespannt auf die lang angekündigte „echte“ Autobiographie von Olivia de Havilland, nicht wegen des potenziellen Hollywood-Tratsches oder der Aufklärung der vorgeblichen Fehde mit ihrer Schwester, sondern weil ich neben fundierten Informationen (schließlich hat die Aktrice das Studiosystem in den 40er Jahren mächtig aufgemischt) auf eine ebenso amüsante und kurzweilige Lektüre hoffe, die "Every Frenchman has one" bereits bot. 

Also gehöre auch ich zu den büchersammelsüchtigen Wesen, und ich denke, dass ich so schnell nicht davon geheilt werde.

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