Montag, 19. April 2010

... über "Darkyn 01 - Versuchung des Zwielichts" von Lynn Viehl

Lynn Viehl:
Darkyn 01. Versuchung des Zwielichts
(Originaltitel: If Angels Burn)
Übersetzung: Katharina Kramp

Broschiert: 390 Seiten
Verlag: Lyx (15. April 2010)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3802582691
ISBN-13: 978-3802582691


Aus dem Inhalt:

Alexandra Keller ist plastische Chirurgin und hilft mit Leib und Seele Bedürftigen. Als sie von Michael Cyprien, einem Multimillionär, nach New Orleans beordert wird, lehnt sie ab. Mit der Hartnäckigkeit des Unbekannten hat sie allerdings nicht gerechnet, denn der lässt sie kurzerhand auf sein Anwesen La Fontaine entführen, wo sie schließlich begutachten darf, weshalb der Patient Cyprien solches Interesse an ihren chirurgischen Fähigkeiten zeigt. Er ist vollkommen entstellt und hat das Problem, dass all seine Wunden so schnell heilen, dass eine rekonstruktive Operation nahezu unmöglich ist. Doch Alex ist mit dem Skalpell die Schnellste, und es gelingt ihr, den Fremden wieder in einen ansehnlichen Mann zu verwandeln. Dumm nur, dass sie dadurch in eine Welt gerät, von deren Existenz sie nichts ahnte.

Meine Meinung:

Langsam frage ich mich, ob die deutsche Buchbranche ausnahmslos auf dieselben Stockfotos zurückgreift, denn mittlerweile schleicht sich bei mir ein Gefühl der Langeweile ein, wenn ich die Umschlaggestaltung betrachte. Wie üblich wird im Hintergrund vor einem Mond geflattert, während ein Gesicht den Vordergrund ziert. In diesem Falle wieder ein Gesicht, das so gar nicht zu den Charakteren passen will.
Neu hingegen sind die Blüten, allerdings habe ich keine Kornblumen im Buch entdecken können.
Die Gestaltung der Kapitelköpfe hingegen gefällt mir recht gut.
Leider ist die Titelwahl eher eintönig und reiht sich in die Vielzahl der Versuchungs- und Zwielichttitel ein. Wirklich in Versuchung ist meines Erachtens im Roman nur der Bruder der Protagonistin, John Keller.

Von vornherein haltlos sind jedoch jegliche Trittbrettfahrervorwürfe, die aktuell häufig laut werden, denn das Original dieses Titels ist bereits 2005 erschienen. Allerdings kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass sich im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts bewährte Romanzen-Autorinnen verbündet und kollektiv beschlossen haben, das Genre der paranormalen Romanzen zu erschaffen.
Das Buch ist Anne Rice gewidmet, was nicht nur in der knappen Widmung zu Beginn, sondern auch im Textverlauf deutlich wird. Es gibt immer wieder kleine Verweise auf ihre Vampirromane, und mit dem Schauplatz New Orleans und dem religiösen Hintergrund werden unverkennbar Parallelen zu Anne Rice deutlich.

Ob es nun beabsichtigt war, sei einmal dahingestellt, aber der Charakter der Ärztin Alexandra Keller erinnerte mich oft stark an Shea O'Halloran Dubrinsky aus Christine Feehans Karpathianer-Reihe. Auch die Tatsache, dass es nicht mehr wirklich viele Darkyns gibt und Neuerschaffene aus unerfindlichem Grund nicht sonderlich alt werden, erinnert vage an das Feehansche Universum.

Daneben haben die Darkyn ihre eigene Charakteristik, so können sie von Kupfer verwundet und nur durch Enthaupten getötet werden. Die Darkyn-Werdung wird als eine Art schleichende Infektion beschrieben, die mit dem menschlichen Tod und anschließender Auferstehung als verdammtes Wesen endet. Damit wird der Protagonistin Alexandra die Möglichkeit gegeben, über weite Teile des Buches als Halbwesen, also nicht mehr wirklich Mensch, aber auch nicht Darkyn, zu verbringen und dabei die Stärken ihrer Darkyn-Seite zu nutzen. Im Zuge dessen erhielt sie die Gabe der Präkognition und nutzt sie, wie nicht anders zu erwarten, um den Schwachen zu helfen.

Die Darkyn sind hierarchisch organisiert, und an dieser Stelle muss ich als Manko einwerfen, dass dem Buch ein Glossar fehlt. Man wird unvorbereitet in eine neue Begriffswelt geworfen, und ich hatte ehrlich Mühe, mich zwischen Suzeräns, Highlords, Sygkenis, Tresoras und wie sie alle hießen, zurechtzufinden.

Dass die Territorien der Darkyn Jardin, also Garten, heißen, passt wiederum zu der Tatsache, dass ihnen Blumenduft anhaftet.
Während Michaels Rosenduft und Alexandras Lavendelnote für mich olfaktorisch noch nachvollziehbar sind, muss ich passen, wenn es um Geißblatt geht.
Sicherlich will die Autorin kein Geruchsmeisterwerk nach dem Vorbild von „Das Parfum“ erschaffen, aber ich hätte mir an mancher Stelle eine detailliertere Duftbeschreibung gewünscht, um die Wahrnehmung der Protagonisten besser nachvollziehen zu können, schließlich ist der Duft der „Attrait“, die Anziehungskraft, der Darkyn. Die Vorstellung von verschiedenen, wirklich sehr intensiv blumig duftenden Vampiren ist für mich allerdings eher übelkeitserregend als verlockend.

Apropos Übelkeit: Der Leser muss schon Einiges vertragen können. Zwar driftet die Erzählung nicht weit ab, Gore- und Horrorfans werden vermutlich enttäuscht, aber die Beschreibungen der Operationen verlangen schon einige Resistenz.

Von fremden Begriffen einmal abgesehen, liest sich der Text flüssig, vor allem wenn der Leser der französischen Sprache mächtig ist. Hin und wieder wird nämlich französisch parliert, und nicht in jedem Fall folgt eine deutsche Erklärung auf dem Fuße. Das gilt auch für lateinische Passagen, die vornehmlich am Anfang in Kirchenszenen vorkommen und daran schuld waren, dass ich sozusagen nur quer las, wann immer mir ein lateinischer Satz unter die Augen kam.

An einer Stelle musste ich sogar lachen, und zwar nicht aufgrund der Story, sondern dort erklärt die Übersetzerin in einer Anmerkung, dass es sich bei Morticia (in der Szene wird auf die Kleidung einer Person Bezug genommen) um eine Gestalt aus der Addams Family handelt. Ich fragte mich unwillkürlich, wer denn nach Auffassung von Übersetzerin/Lektor der Adressatenkreis dieses Romans ist, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass erwachsene Leser - ein Jugendroman ist „Versuchung des Zwielichts“ keinesfalls - die Addams Family nicht mehr kennt. Ich hätte der Leserschaft doch so viel Hintergrundwissen zugetraut. Auf der anderen Seite aber soll Otto-Normal-Leser Sätze, wie: „J’ai honte de ce que j’ai fait à toi, mais j’ai voulu que tu restasses avec moi …“ (man beachte die veraltete Subjonctif-Konstruktion) verstehen, auch wenn dieser eher von nebensächlicher Bedeutung ist.

Auch darf der Leser keine liebreizende Romanze erwarten.
Alexandra Keller ist eine überaus starke, eigenständige und damit durch und durch sympathische Protagonistin, die dem 700 Jahre alten Michael Cyprien mächtig vor den Karren fährt.
Es ist nachvollziehbar, dass sie für die Darkyn von unschätzbarem Wert ist, genau wie Shea für die Karpathianer oder Dr. Jane für die Black Dagger, aber dazu muss sie ja keine Bindung mit ihrem Erschaffer eingehen.
Umso erstaunlicher ist zum Ende des Buches hin die Erkenntnis, dass sie einander lieben.
Ja, warum, wieso, weshalb denn überhaupt? Es gibt kein vorsichtiges Hineingleiten in eine Beziehung. Man liebte sich nicht zart, schmachtete nicht voreinander hin, sondern es wurde schlussendlich, als man es kaum mehr für möglich gehalten hätte, „gefickt“ und Körperflüssigkeiten ausgetauscht, die die Darkyn-Werdung Alexandras noch beschleunigten.

Von der angepriesenen sündhaften Erotik habe ich nicht viel gelesen. Sündhaftigkeit und gewissen Zündstoff birgt der Charakter des John.

Insgesamt gesehen ist „Versuchung des Zwielichts“ keine Stand-alone-Geschichte, und insbesondere die letzten Seiten bereiten auf die Fortsetzung vor.

Ich denke, dass wir allen wichtigen Charakteren dieses Buches wiederbegegnen werden.

Meines Erachtens ist „Versuchung des Zwielichts“ ein solider Reihenauftakt, der sprachlich nicht zimperlich daherkommt, mit einer starken Protagonistin aufwartet, aber definitiv nichts für Romanzen-Shipper ist.

Lesenswert, aber kein Muss im dunklen Wald der Vampirliteratur.

4 von 5 Weißdornzweigen




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