Dienstag, 5. Mai 2015

... und dann weint der Himmel.

Córdoba hat einen großen modernen Bahnhof.
Wer mit großem Gepäck reist,
wird hier wie am Flughafen durchleuchtet.
Das soll es jetzt gewesen sein?
Gerade habe ich meinen Anflug von Heimweh überwunden, und schon ist der letzte Tag unserer Rundreise mit dem Al-Andalaus angebrochen. 

Als ich mich am Samstagmorgen in den wärmenden Bademantel unseres Hotels auf Schienen hülle, um der morgendlichen Kälte zu entkommen, sind unsere Koffer längst gepackt. 
Gut, wirklich ausgepackt waren sie nie, aber nun sind sie tatsächlich abreisebereit - bis auf Kleinigkeiten, die sich gegen Mittag noch flott verstauen lassen. 
Heute haben wir eine halbe Stunde länger Zeit. 
Das Glöckchen bimmelt etwas leiser als in den vergangenen Tagen. 
Wir aber sind wieder längst wach, weil wir die Party frühzeitig mit bleiernen Gliedern verlassen haben. 
Endlich nehme ich das Summen der Wand nicht mehr wahr. 
Jetzt habe ich mich an die Umgebung gewöhnt und könnte glatt noch eine Woche dranhängen. 
"Unglaublich, wie schnell so eine Woche vorbei ist", stellen auch unsere Reisefreunde am Frühstückstisch fest. 
Das Schinkenomelette ist heute besonders dunkelbraun.
 Ja, es haben wirklich alle gefeiert. 
Es schmeckt trotzdem. 
Seneca
Um 10 Uhr brechen wir schließlich zu unserem letzten Programmpunkt auf. Córdoba erwartet uns. 
Die Spanier in unserer Reisegruppe sind warm eingemummelt. 
Regen prophezeien sie. 
Als unser Bus uns vor der Altstadt abliefert, ist es tatsächlich trüb. 
Der Himmel hat genau dieses trostlose Nuance von hellem Grau, die jedes Foto mit meiner Kamera zum Glücksspiel werden lässt. 
Unser Busfahrer Sergio verteilt Stockschirme mit Renfe-Logo. 
"Ach, ich schlepp doch keinen Schirm mit mir rum!", beschließt meine Mama. 
Ich nehme einen. 
Stockschirme sind doch so schöne Spazierstöcke. 
Vor dem Tor des Almodovar lernen wir unsere Stadtführerin kennen. 
Stadtmauer
Wieder teilen wir uns eine Führung mit unseren US-amerikanischen Mitreisenden. 
Auch heute werden Verstärker und Kopfhörer ausgegeben. 
Nachdem wir das Tor durchquert haben, wird sich auch zeigen, wie hilfreich diese Technologie ist. 
Denn trotz des trüben Wetters ist Córdobas Altstadt angefüllt mit Touristen. 
Weil neben dem Tor eine unübersehbare Statue des Philosophen Senecas aufgestellt wurde, ist er, berühmter Sohn der Stadt, der erste, über den wir etwas erfahren.
Eine Auffrischung des Lateinunterrichts kann nie schaden.
Die Decke der Synagoge
"Im Jahre 65 n. Chr. starb er in Rom", endet unsere Stadtführerin und winkt uns, ihr zu folgen. 
"Er wurde ermordet", flüstert ein Teilnehmer. 
"Na und?", gibt seine Frau zurück: "Wenn man ermordet wird, stirbt man auch."
Liegt es am Wetter? 
Irgendwie ist die Stimmung trüb. 
Ihm - Seneca, nicht unserem bewanderten Teilnehmer - wurde übrigens die Selbsttötung befohlen. 
Na ja, auch eine Form der Ermordung. 
Durch Córdobas enge Gassen werden wir zunächst zu einer Synagoge geführt. 
Nein, nicht zu einer, sondern zu der Synagoge.  
Ganze drei Synagogen gibt es noch in Córdoba, diese aber gilt als ausgemachte Kostbarkeit mit ihren Stuckverzierungen im Mudéjarstil. 
Nach zwei Tagen Führungspech haben wir heute eine großartige Stadtführerin. 
Sie kennt sich aus in Stadtgeschichte und Architektur, leiert aber keine einstudierten Texte herunter. 
Die Frauengalerie
Geduldig beantwortet sie Fragen, interagiert und gestaltet ihre Führung lebendig. 
Als wir in einem der malerischen Innenhöfe Córdobas eintreffen, ist das Wetter nur noch Nebensache: 
Blau bemalte, bunt bepflanzte Terrakottatöpfe vor den weiß getünchten Mauern heben die Stimmung. 
"Damals waren die Töpfe rot", erinnert sich Mama. "Ich habe ein Foto davon gemacht."
Feinster Stuck überall in der Synagoge
Unsere Stadtführerin gibt ihr recht. 
Nun haben wir zweimal Fotos vom selben Ort - in rot und in blau.
Nach kurzen Stopps an Statuen illustrer Persönlichkeiten erreichen wir schließlich unser Hauptziel, die Mezquita-Moschee. 
Vor der Besichtigung bleibt uns etwas Zeit für eine Toiletten- und Shoppingpause. 
Es müssen sich erst alle Gruppen zusammenfinden, bevor wir geschlossen die "Moschee-Kathedrale" betreten können. 
In der Zwischenzeit fängt es doch an zu regnen. 
An Platz zum Aufspannen des zugeigenen Stockschirms fehlt es aber.
So zeichnen sich bereits Nässeflecken auf den Kapuzen ab, als wir die heiligen Hallen betreten. 
Weil ich seinen Schuh nicht gestreichelt habe,
werde ich wohl nie weise werden.
Mama erinnert sich, dass es damals, bei ihrem ersten Besuch, viel heller war. 
Damals drang das Licht von außen ungehindert durch die Fenster.
Heute sind sie mit Holzläden geschützt, die, kunstvoll durchbrochen, nur wenig Licht ins Innere lassen. 
Eine gewisse mystische Stimmung ist in diesem Symbol der Koexistenz der Religionen nicht zu verleugnen.
In unerwartet krassem Gegensatz zu der weißen, geradezu cleanen Kathedrale Granadas atmen Bögen, Gebetsnischen, Altäre, Decken ... in Córdobas bedeutendster Attraktion Geschichten, die sich an einem Tag gar nicht erfassen lassen. 
Mein Genick schmerzt vom vielen Hochschauen. 
Deko-Ideen auch für daheim.
Das Gießen muss man üben!
Die Unendlichkeit der Bogenkonstruktion fasziniert mich, und ich muss aufpassen, dass ich den Anschluss an unsere Gruppe nicht verliere. 
Inzwischen haben uns unsere amerikanischen Mitreisenden wieder verlassen und besichtigen die Anlage auf eigene Faust. 
Umso besser für unsere Führerin, denn nun muss sie nicht zwischen den Sprachen hin- und herspringen und kann sich voll auf uns konzentrieren. 
Zwischen Schlichtheit und Prunk verbringen wir etwas mehr als eine Stunde. 
Als wir das Haus verlassen, regnet es in Strömen.
Uns steht noch Freizeit zur Verfügung. 
Was aber tun bei diesem Wetter?
Nur knapp dreieinhalb Stunden Zeit blieb uns in Córdoba. 
Zu wenig  für diese interessante Stadt.
Mein Elan verlässt mich. 
Ich habe keine Lust, im Regen herumzurennen, Fotos zu schießen und pitschnass hechelnd am Treffpunkt anzukommen.
Hierher muss ich zurückkehren, nehme ich mir vor, aber wahrscheinlich ist das nur ein weiterer Punkt auf meiner so viele Reiseziele umfassenden Löffelliste.
Der Glockenturm der Mezquita
Mit unserer üblichen Gesellschaft setzen wir uns in aller Ruhe in ein Restaurant, trinken Wein und Kaffee und gönnen uns ein paar Tapas. 
In Córdoba wird heute gefeiert: in der Kathedrale eine Hochzeit, im Restaurant eine Taufe. 
Hier könnte ich stundenlang sitzen.
 
Ich verstehe, warum meine Mama diese Reise mit mir unternehmen wollte. 
Warum sie mir all das zeigen wollte. 
Ich weiß, dass ich all das auch mit meiner Familie teilen will. 
Einen Luxuszug brauche ich dazu aber nicht. 
Dieses Erlebnis gehört uns allein - mir und meiner Mama. 

Zum letzten Mal fährt uns Sergio zurück zum Zug. 
Innenansichten
Zum letzten Mal stützt er lächelnd meine Mama beim Aussteigen. 
Sie behauptet zwar, sein Griff sei federleicht, aber ich bin überzeugt, dass er uns im Stolperfall alle auffangen würde.
Es fühlt sich an, als verabschiedete man ein Familienmitglied. 
Zum letzten Mal steigen wir auch in den Al-Andalus. 
Unsere Kabine ist bereits aufgeräumt. 
Die Betten laden nicht mehr zum Schlafen ein. 
Die Koffer stehen bereit. 
Wir verstauen letzte Kleinigkeiten und gehen ein letztes Mal durch fünf Schlafwagen, den Salonwagen und den Barwagen nach vorn in den Restaurantwagen.
Auf der Fahrt wird das Mittagessen serviert. 
Ein letztes Mal vier Gänge.
Zu Hause werde das viele Fleisch nicht vermissen, aber das Lächeln des Teams, das immer auch die Augen erreicht. 
Gegen 16:15 erreichen wir Sevilla, wo unsere Reise am Montag begonnen hat.
Rezeption
Ein letztes Mal nehmen wir auf den rot bezogenen Sofas des Barwagens Platz, schießen ein letztes Foto. 
Dann geben wir unseren Schlüssel ab. 
Auf dem Bahnsteig warten wir auf unsere Koffer. 
Das komplette Team - zumindest der Rest, der nicht mit Koffertragen beschäftigt ist - steht zur Verabschiedung bereit. 
Händeschütteln, Umarmungen, Abschiedsworte in vier Sprachen ... eines der mitreisenden Mädchen sieht aus, als hätte es den schlimmsten Allergieanfall aller Zeiten. 
Meine Mama nimmt die Kleine in die Arme. 
Du lieber Himmel, jetzt schießt auch mir das Wasser in die Augen!
Eine Reise mit dem Al-Andalaus ist eben doch etwas Besonderes!

Eine knappe Stunde später checken wir wieder im NH Sevilla Viapol ein. 
Noch eine Nacht bleibt uns Andalusien erhalten, und nur weil ein Abenteuer beendet ist, heißt das ja nicht, dass uns nicht noch neue erwarten. 

**Ende des 6. Tages, aber daheim sind wir noch lange nicht**

Impressionen aus Córdoba:








Weil es regnet, verbringen wir die anschließende Freizeit bei Schinken und Wein.
Das letzte Mittagessen im Al-Andalus:

Entrée: eine schlichte Krokette
Erster Gang: ein Kartoffelsalat mit Ei und Garnelen auf Salatbett und mit Salatdach, dazu ein Spritzerchen Paprikajus
Fazit: sehr lecker und was zum Nachkochen
Hauptgang: gebratene Scheibe vom Stierschwanz mit Paprikaschaum
Laut Menükarte sollte es dazu gebratene Artischocken, aber die hat der Koch wohl vergessen.
Geschmackserlebnis: zartes Fleisch, allerdings viel unessbares Drumherum.
Paprikaschaum (von gerösteter Paprika für mehr Pepp) muss ich daheim mal probieren.
Zuhause folgt aber definitiv eine Fleischpause.
Ochsenschwanz und Co. brauche ich nicht unbedingt in meinem Alltag.
Nachtisch: Blätterteigstück mit Birne, dazu Vanilleeiscreme
Sehr lecker.

Samstag, 2. Mai 2015

Der Abschied steht bevor ...

Blick auf die Plaza mit Parador und Capilla
Stimmt nicht. 
Ich habe doch schon Heimweh gehabt. 
Damals auf unserer Kalifornientour, nur war es nicht so schlimm wie heute. 
Bei unserem üppigen Mittagessen beschleicht mich nämlich wieder eine seltsame Melancholie, und für einen Moment habe ich nicht übel Lust, den Tag nach dem Essen zu beenden. 
Unser Guide soll uns den ganzen Tag über begleiten und uns die Zwillingsstädte Baeza und Úbeda näherbringen. 
Ob es nun daran liegt, dass ihm das in Baeza nur mäßig gelungen ist, oder ob das Mittagessen eine ausgiebige Siesta fordert, nach dem Essen bin ich jedenfalls allein. 
Meine Mama, unsere Tischbekanntschaft und der gesamte Rest der deutschen Gruppe nimmt das Angebot an, zum Zug zurückzukehren. 
Da kann ich doch jetzt nicht auch noch kneifen! 
Kurzzeitig überlege ich allerdings, ob ich mich nicht einer anderen Gruppe anschließen soll - die Franzosen sind von ihrem Guide nämlich hin und weg. 

Palacio de Vázquez de Molina

Dann aber entschließe ich mich, doch mit unserem - nun meinem - Guide spazieren zu gehen. 
Und das klappt erstaunlich gut. So allein mit ihm wird der Rundgang zu einem kleinen Sprachkurs für ihn, und ich erfahre doch Einiges über die Gebäude, die ich zu sehen bekomme. 
Vor allem vor der  Sacra Capilla del Salvador kommen wir ins Plaudern, denn Juan Vázquez de Molina, nach dem der gesamte Platz benannt ist, hat sich, selbst nicht adlig, sondern "nur" Staatssekretär Philipps II., diese Kapelle als Familienkapelle und -ruhestätte errichten lassen, obwohl ihm ein solches Privileg standesgemäß gar nicht zustand. 
Kirche Santa María de los Reales Alcázares
Flugs ehelichte er, damals schon nicht mehr der Jüngste, wenn man die durchschnittliche Lebenserwartung im 16. Jh. bedenkt, ein adliges Mädchen, um sich das Kapellenbaurecht zu sichern. 
Steinreich wie er war - immerhin erhielt er als königlicher Sekretär einen Anteil an den wertvollen Schiffsladungen, die aus Amerika eintrafen (1 von 100 Schiffen) -, hatte die Familie der blutjungen Braut händereibend eingewilligt. 
Dass er aber dann doch stolze siebzig Lenze erreichen sollte, damit hatte man nicht gerechnet. 
Die Fertigstellung seiner Kapelle erlebte de Molina allerdings nicht.
Palacio de Vázquez de Molina
Wir verlieren uns in Fassadendetails, die ich hier endlich mal in Ruhe fotografieren kann. Christliche Motive hier, heidnische Motive da, römische Gottheiten, Wappenträger, Totenköpfe vom Stier, heroische Darstellung des Erbauers ...  
So eine Privatführung hat schon Vorteile!  
Eine Besichtigung des Interieurs hingegen ist nicht geplant und wohl zeitlich auch nicht zu schaffen, denn der nächste Programmpunkt ist Úbedas Wassersynagoge. 
Detail der Santa Maria de los Reales Alcázares
Deshalb bekomme ich auch die Eingangsseite der Kapelle nicht mehr zu sehen, weil wir uns durch die Gassen direkt zum nächsten Ziel bewegen.
Unscheinbar versteckt sich die Wassersynagoge in einem Gebäude, das von außen nichts anderes als ein Wohnhaus ist. 
Ihre Innenräume sind eng und klein, sodass wir zunächst warten müssen, bis die englische und französische Führung in den nächsten Raum vorgedrungen sind. 
Fotografiert werden darf hier leider nicht. 
Ich muss gestehen, dass ich zwar schon in einigen Moscheen und Kathedralen war, aber noch nie in einer Synagoge. 
Ich habe noch nicht einmal eine sinnvolle Begründung dafür. 
Ebenfalls Santa Maria de los
Reales Alcázares
Über Úbedas jüdische Geschichte ist wenig bekannt, außer, dass auch hier, wie in Andalusien üblich, Juden eine gewisse Zeit mit Christen und Moslems friedlich coexistierten. 
In Úbeda wohl aber in so geringer Zahl, dass es kein jüdisches Viertel gibt. 
Und so wurde die Synagoge auch erst im Zuge von Bauarbeiten entdeckt. 
Es förderte nämlich jemand einen Schmuckstein zu Tage, der dann den Stein ins Rollen brachte und Bauamt und Archäologen auf den Plan rief. 
Und dann war es Essig mit dem Plan, dort Ferienwohnungen zu errichten. 
Es wurde weiter ausgegraben, bis 2010 das Haus für Besucher zugänglich gemacht werden konnte. 
Mein Guide sieht mich besorgt an. 
Ein Tor der Capilla, aber nicht
der Eingang
Er meint, in der Synagoge sei es kalt. 
Meine kurzen Ärmel betrachtet er mit Skepsis. 
Dabei ist heute ein ausgesprochen warmer Tag. 
Bereits im Olivenmuseum habe ich die Jacke weggepackt. 
Auch Herkules schmückt die Capilla
Über den Raum des Inquisitors betreten wir das Haus - das mit der Inquisition muss ich mir noch mal genauer zu Gemüte führen -, müssen aber zunächst in die Lagerräume hinuntersteigen, um nicht mit den anderen Gruppen zu kollidieren. 
Riesige Amphoren sind in den Boden eingelassen und vermitteln ein Bild vergangener Lagerhaltung. 
Gottheiten im Portalbogen
Die Anlage ist so schmal und verwinkelt, dass ich unseren Weg kaum nachvollziehen kann. 
Schließlich stehen wir in dem Raum, dem die Synagoge wohl ihren Namen verdankt. 
Mein Privat-Guide erzählt mir, man habe hier unter Schutt Wasser vorgefunden. 
Der Versuch der Trockenlegung scheiterte. 
Und das gleich mehrfach.
Am nächsten Tag war das Wasser immer wieder da. 
Also grub man weiter und stieß dabei auf das rituelle Reinigungsbad. 
Detail an der Capilla
Offenbar bewegt sich unter dem Gebäude ein unterirdischer Bach. 
In den Grund unter der Synagoge sind Treppen eingehauen, die zu einem viereckigen Loch führen, in dem eine Person Platz findet, um die spirituelle Reinigung vorzunehmen. 
Dass in die Decke über mir eine verglaste Öffnung eingelassen ist, nehme ich noch gar nicht wahr bzw. ich schaue zielstrebig in die falsche Richtung, weil ich nicht kapiere, was mir mein Guide vermitteln will. 
Erst als wir hinauf in den Saal der Synagoge steigen, erkenne ich, dass man von dort hinab zum Bad schauen kann. Mehr noch, in der Tür zum Synagogensaal befand sich eine Öffnung, die das Sonnenlicht direkt hinunter zum Wasser leitete. Ein wenig Mystik umfängt mich. Auch ein Teil der zur Synagoge gehörenden Brunnen ist heute noch zu sehen, zwei davon noch mit Originalumrandung. 
Löwen hüten den Weg vom Palacio
Vázquez de Molina zur Santa-Maria-Kirche.
Ich mag solche kleinen Sehenswürdigkeiten abseits der Hauptstraßen. Leider finde ich auch hier keinen Führer auf Deutsch - erfreulicherweise hat die Synagoge aber einen mehrsprachigen Blog
Ein Türmchen der Capilla
Auf dem Rückweg trödeln wir ein bisschen. 
Wir haben noch Zeit, zwar nicht genug für die Capilla, aber doch für ein paar Ortsansichten, denn unser Bus wird extra vom Bahnhof zurückkehren und uns abholen. 
Also gibt es noch ein Denkmal hier, ein Anekdötchen da, und nebenbei erfahre ich noch was über die horrenden Flatratepreise, die meinen Guide in seinem Wohnort, der Provinzhauptstadt Jaén, aufgrund einer frechen Anbieterbindung davon abhalten, die neuen Sprachlern- und -übungsmethoden im Internet zu nutzen. 
Knapp achtzig Euro im Monat wollen auch erst einmal verdient werden! 
Als wir uns verabschieden, hat er eiskalte Hände. 
Spanier!
 
Es steht die letzte Nacht im Zug bevor. 
Während des Abendessens befinden wir uns bereits auf dem Weg nach Córdoba. 
Und alle Zeichen stehen auf Abschied. 
Obwohl noch eine Besichtigung in Córdoba geplant ist, ist die Reise so gut wie zu Ende. 
Deshalb soll Party gemacht werden. 
Es gibt Partyspielchen, wie eine Auslosung des "Sexiest passenger" und Polonäse, und Tanz. 
Meine Mama wagt ein Tänzchen, und ich springe erbleichend hinterher. 
Nur für den Fall, dass die künstliche Hüfte ... 
Brechend voll ist der Barwagen. 
Das Personal feiert mit - mit ordentlich Rhythmus im Blut.
Habe ich früher bei Pauschalreisen immer ordentlich den Altersdurchschnitt gedrückt, halte ich heute nicht durch. 
Mein Schulbusrhythmus eben. 
Kurz nach Mitternacht zieht es uns zu unserer Kabine und ein letztes Mal schlafen wir im Al-Andalus, der bereits in Córdoba eingetroffen ist, ein.

**Ende des 5. Tages**

Das Abendessen nach dem üppigen Mittagsmahl ist auch an diesem Tag wieder too much, aber köstlich:

Entrée: kaltes helles Tomatensüppchen - angenehm würzig
Erster Gang: Avocadocreme mit Thunfischtartar, obenauf ein Gurkenscheibchen und Salatblatt - eine super Kombination, aber viel zu nahrhaft nach dem deftigen Mittagessen
Hauptgang: Sirloin-Steak vom Kalb mit Kürbiscreme, dazu etwas gebratener Lauch und Rosmarinöl - super zart, und Kürbiscreme kommt jetzt auch auf meinen Speiseplan

Nachtisch: Apfelkompott mit Frischkäsemousse
... und weil es das letzte Abendessen war gab es für die Damen eine rote Nelke und für die Herren eine weiße. Wir haben sie nicht mitgenommen, sondern zu unserem Tischsträußchen ins Wasser gesteckt.





Dienstag, 28. April 2015

Ersäuf den Freitagsblues in Olivenöl!

Ich bin satt. 
Kurz nach 6 Uhr weckt mich das Ruckeln des Zuges, der sich von Granada in Richtung Linares-Baeza in Bewegung setzt. 
Heute will ich nicht aufstehen. 
Ein Gefühl von Sättigung, ja Übersättigung, presst mich auf meine Liege. 
Nicht nur viel gegessen haben wir in den vergangenen Tagen, sondern auch viel gesehen. 
Von Eindrücken erfüllt bin ich, sodass ich Gefahr laufe, überzuquellen, wenn noch mehr folgen. 
Ich schiebe das Rollo hoch und sehe aus dem Fenster. 
In rotgoldenes Licht getaucht, rast die Landschaft an uns vorbei. 
Seit der Geburt meines Sohnes war ich höchstens vier Tage allein unterwegs, zu Weiterbildungen, nicht etwa zu purem Privatvergnügen. 
Es ist Freitag. 
Seit genau einer Woche bin ich fort, und seit genau einer Woche habe ich kein Wort mehr mit meinem Sohn gewechselt. 
Er lebt seinen Kinderalltag, so habe ich erfahren. Lernt Skateboard fahren mit seinem Kumpel, und nachts kuschelt er sich in mein Bett. 
Nur anrufen will er mich nie. 
Mein Mikrokosmos fehlt mir. 
Ich, die ich mich kaum an Heimweh erinnere, will plötzlich nach Hause. 
Täglich sitze ich mir den Hintern an meinem Heimarbeitsplatz breit und bin es nicht mehr gewöhnt, den Tag mit so vielen anderen Menschen zu teilen, und schon gar nicht, dass es fünfzehn Menschen gibt, die sich jeden Tag um mich und die anderen kümmern. 
Offenbar werde ich alt. 
Es bereitet mir Mühe, meine Eindrücke zu sortieren und abzuschalten. 
Nach einer Woche schwebe ich in einer seltsamen Unentschlossenheit zwischen Reiselust, bleierner Müdigkeit und ungekanntem Heimweh. 
Trotzdem ist es der Moment, an dem endlich Urlaubsfeeling eintritt. 
Pauschalreisen sind immer so durchorganisiert, so angefüllt mit Programmpunkten, dass ich eine ganze Weile brauche, um mir wirklich bewusst zu werden, dass ich im Urlaub bin. 
Wann mache ich denn schon Urlaub? 
Eine Woche der vergangenen Sommerferien haben wir an der Ostsee verbracht. 
Ansonsten finden wir immer wieder Hindernisse, die uns erfolgreich von echtem Urlaub abhalten. 
Mal ein Ausflug hier, ein Ausflug da, nur nichts, von dem man lange zehren könnte. 
Gerne würde ich heute blau machen, aber dann sage ich mir: Es ist doch alles bezahlt, und ich bin einmal hier. 
Schon immer habe ich Sorge gehabt, ich könnte etwas verpassen. 
Tief in mir drin, weiß ich, dass ich alles sehen und erleben will, auch wenn ein anderer Teil von mir nach Ruhe schreit. 
Fertig für die Probe
Ich bin schon ein seltsamer Mensch, denke ich mir, während ich die unzähligen Olivenbäume an mir vorbeistreifen sehe.
Überhaupt ist es heute im Bus etwas ruhiger, als wir in das ländliche Gebiet um Baeza fahren. 
Nach alten Gemäuern und städtischem Flair fühle ich mich auf einmal heimischer. 
Nicht, dass es bei uns im Südharz auch nur annähernd so aussieht wie hier. 
Es ist einfach diese ländliche Ruhe, die ich vermisse und die mich immer wieder erdet nach dem Überborden der Stadt und all dem Prunk, den Historisches auch mit sich bringen kann. 
Unsere Fahrt führt uns zu einem Olivenölmuseum, zum Museo de la Cultura del Olivo de la Hacienda La Laguna. 
Nun bekomme ich doch wieder Appetit. 
Ich erinnere mich noch an eine Führung durch eine Olivenöl-Manufaktur in Italien, aber nicht an Details. 
Das muss auf jener Sommerreise gewesen sein, die als Heuschnupfenschleier durch meine Erinnerung schwebt. 
Das spanische Olivenöl und seine Herstellung sind mir heute, da ich seltsamerweise keinerlei Allergieansatz verspüre, somit willkommen.
Was unsere deutschsprachige Führung anbelangt, haben wir eine Pechsträhne. 
Hätte ich nur halb so viel Selbstvertrauen wie unsere Guides, wäre ich sofort beim nächsten Stadtführerlehrgang dabei. 
Enthousiasmus und Witz können leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich unser Guide erst wieder in sein Metier einarbeiten muss. 
An dieser Stelle muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass die Gegend, in der wir uns heute bewegen, für den deutschsprachigen Touristen offenbar kaum Material bereithält. 
Das Ölivenölmuseum stellt seine Exponate zwar auch auf Deutsch vor, bietet aber keine deutschsprachigen Führungen. 
In Baeza und Úbeda später bekomme ich im Souvenirshop nicht einmal einen deutschen Reiseführer. 
Schade, denn beide Orte sind seit 2003 Welterbestätte und bieten zusammen um die 150 Sehenswürdigkeiten. 
Was zunächst recht klein aussieht, entpuppt
sich als ein recht umfangreiches Museum.
Unsere erste Anlaufstelle, das Olivenölmuseum, aber macht trotzdem Spaß. 
Zunächst gibt es nämlich eine Olivenölverkostung - meine erste. 
In einem ziemlich nüchternen Raum, der mit seinen Fliesen eher an ein Schwimmbad erinnert, nehmen wir wie Schüler an Tischreihen Platz. 
Vor uns aufgestellt sind 3 numerierte Becherchen mit einem Schluck Öl. 
Dazu gibt es ein Bewertungsblatt (das etwas für die Übelsetzungs-Pinnwand ist, wir wursteln uns aber durch). 
Hier wird verkostet.
Nach Anweisung erwärmen wir nun das erste Becherchen in der Hand und kosten mit spitzen Lippen. 
Hm! 
Meine alljährliche Heuschnupfenplage hat mir noch nicht den Geschmackssinn verdorben. 
Fruchtige Milde breitet sich auf meiner Zunge aus, im Abgang zeigt sich das Öl dann ein ganz klein wenig bitter. 
Sehr angenehm. 
Links zu sehen: riesige Tanks.
Wir tun so, als wären wir Profis, und vergeben Geschmacksnoten. 
"Igitt, das ist ja ranzig!", empört sich meine Mama, die hinter mir sitzt, als wir Öl Nr. 2 probieren. 
Meine Probe ist keineswegs ranzig. 
Dieses Öl ist bei angenehm grasigem Duft - vielleicht wird das Duftempfinden hier auch von der leicht grünlichen Farbe der Flüssigkeit beeinflusst -, recht bitter und überrascht mit scharfem Abgang. 
Mein Fall ist es dennoch nicht. 
Öl Nr. 3 riecht nach nichts. 
Ich will es schon für Rapsöl halten, als man uns vom Kosten abhält und offenbart, dass es sich um industrielles Olivenöl aus dem Supermarkt handelt. 
Der hauseigene Olivengarten
Ich koste trotzdem. 
Es riecht nach nichts, es schmeckt nach nichts. 
Nach der Probe geht es hinüber zum Museum, das mit Originalstücken und Nachbildungen der Olivenölgewinnung gestern und heute nachspürt. 
Dazu gehört auch ein Garten mit einer Vielzahl verschiedener Olivenbaumarten (ich habe mir die Zahl nicht gemerkt, meine aber, es sind ganze 30 Arten). 
Überall wird die Olivenölkultur lebendig. 
Kein Wunder, denn in Andalusien gibt es 66 Millionen Olivenbäume, sodass statistisch gesehen 1,4 Bäume auf einen Einwohner entfallen. 
Aufbewahrung früher
20 % der weltweiten Olivenölproduktion werden allein in diesem Landstrich gedeckt. 
Als wir nach Baeza aufbrechen, begleiten uns Olivenbäume wieder en masse. 

Eine Presse
Baeza befindet sich auf einem 800-m-Hügel über dem Guadalquivir-Tal. 
Bereits früh war der Ort besiedelt, und unter den Römern erfuhr er einen ordentlichen Entwicklungsschub, lag er doch an der Silberstraße von den Minen in Sierra Morena zur Ostküste. 
Einst war Baeza sogar Hauptstadt der Provinz und Bischofssitz. 
1538 entstand hier eine eigene Universität, die Baezas Attraktivität erheblich steigerte, bevor die Stadt im 17. und 18. Jh. langsam an Bedeutung verlor. 
Verantwortlich war vor allem der Verlust von Ländereien, wodurch Baeza bald gezwungen war, landwirtschaftliche Produkte zu importieren, anstatt auf Eigenproduktion zurückzugreifen. 
Zahlreiche Modelle gibt es im Museum zu sehen.
Nicht zuletzt das verheerende Erdbeben in Lissabon im Jahre 1755 zog diese Gegend in Mitleidenschaft. 
Sowohl Baeza als auch Úbeda wurden erheblich beschädigt. 
Auch wenn heute allerorts Restaurierungsarbeiten zu beobachten sind, befindet sich doch so Manches in einem Zustand, dem man deutlich den Zahn der Zeit ansieht. 
Das Lagerhaus für Olivenöl
Nach einem Rundgang durch Baezas Altstadt - über die Plaza del Pópulo mit ihrem Löwenbrunnen und dem ehemaligen Schlachthof hinauf zur Antigua Universidad, wo der Dichter Antonio Machado, einst Französisch unterrichtete, weiter zu Santa-Cruz-Kirche und Jabalquinto-Palast und schließlich zur Plaza de Santa María - gehen wir an der Kathedrale, die wie so viele andere Kirchen hier auf den Fundamenten der ehemaligen Moschee errichtet wurde, schließlich noch zu einem Aussichtspunkt mit heute ziemlich diesigem Blick auf das Tal.
Der Löwenbrunnen
Als besonderer architektonischer Blickpunkt ist der Jabalquinto-Palast zu nennen, der die Universidad Internacional de Andalucía beherbergt. Auch die Machado-Sommeruniversität findet hier statt. Also, wenn ich Spanisch könnte ... 
Wir bummeln ziemlich und beäugen das alte "Graffiti" am Jabalquinto-Palast. 
Offenbar haben früher die Studenten sich mit ihren Initialen in Stierblut auf Universitäten und sonstigen Gebäuden verewigt. 
Es fällt schwer, die Löwen noch zu erkennen.
Auch Granadas Kathedrale blieb nicht verschont. 
Bräuche gibt es ...  
Und weil wir einen so langen Rundweg unternommen haben, sind wir auch die letzten, die wieder am Bus eintreffen, als es zum Mittagessen ins Parador nach Úbeda gehen soll. 
Eingerichtet in einem Haus, das einst extra für den Architekten der benachbarten Capilla del Salvador, einer bemerkenswerten Renaissance-Kapelle, befindet es sich direkt an der Plaza Vázquez de Molina und bildet damit den perfekten Ausgangspunkt für den nächsten Rundgang. 
Trotz meines Freitagsblues fotografiere ich viel, weshalb ich diesen Tag in zwei Teile trenne und dem Nachmittag in Úbeda einen gesonderten bebilderten Artikel widme.

** Ende des Vormittags **

Es folgen einige Impressionen aus Baeza und im Anschluss natürlich unser Mittagessen im Parador:

Das ehemalige Schlachthaus
Wappen am ehemaligen Schlachthaus
 

Schon mal ein Blick zur Kathedrale
Vorher geht es aber in die Alte Universität

 

Ein erfrischender Patio
Als Erinnerung, dass Machado hier einst unterrichtete
In diesem Raum unterrichtete er Französisch, die Einrichtung ist allerdings eher naturwissenschaftlich orientiert.

Santa-Cruz-Kirche
Front des Jabalquinto-Palastes, der von vorne gar nicht so riesig aussieht.
Im Übrigen ist er mit höchst schlüpfrigem Stuck verziert.

Ein Aufgang im Palast
Weniger schlüpfriger Stuck
Im Patio des Palastes
Universität - der Palast ist doch größer als gedacht
Plaza de Santa Maria - dieser Brunnen ist schon stark verwaschen
Wir spazieren um die Kathedrale - ein anderes Zeitalter eröffnet sich
Kathedralenansichten
 

Eine diesige Aussicht auf Olivenbäume
 Das reichhaltige Mittagessen: 

Entrée: links: Salmorejo, die kalte Tomatensuppe, mit Olivenöl und Serrano-Schinken,
rechts: kalte Knoblauchsuppe - beides LECKER!
Erster Gang: Blätterteigkonstruktion mit Spinat, Garnele und Käse überbacken, dazu ein süßlicher Tomatenjus
Hauptgang: Keule vom Zicklein mit Kartoffelgratin -
ein Gericht, das die Geister spaltet.
Offenbar zählt es zu den Standardgerichten des Parador (mit knapp 25 Euro ziemlich happig).
Das Fleisch ist zart und gut gewürzt, der Kartoffelgratin aber ist zu schwer und zudem zu laff.
Ich lasse ihn liegen.
Nachtisch: Olivenöleis (super lecker!) und AOVE-Royal-Biscuitstück -
insgesamt ein enormes Sattmachermenü.
Kein Wunder, dass nun fast alle eine Siesta brauchen.



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