Freitag, 2. Juni 2017

... über "Die Galerie der Düfte" von Julia Fischer



Frühlingsfrisch duftend und voll blühender Leidenschaft. Eine zauberhafte Einladung zum Wegträumen. 

(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu Amazon
Zum Inhalt:
München betreibt die Mitzwanzigerin Johanna Stern-Reiter, angeschmiegt an die elterliche Apotheke, ein Geschäft, in dem sie mit feinen Sinnen erfolgreich Pflanzenwässer und Naturkosmetik kreiert und verkauft. Von einem besonderen Aqua, mit dem sie aufwuchs, inspiriert, wünscht sie es sich sehnlich, Düfte der ehrwürdigen Florentiner Officina Profumo di Santa Maria Novella in ihrem fantasievollen Sortiment führen zu dürfen. Doch Johanna erntet eine mechanische Absage nach der anderen. Schließlich folgt sie einem kleinen Stups und reist nach Florenz, um die Geschäftsführung der jahrhundertealten Firma persönlich von ihrer „Sternwarte“ zu überzeugen. Bald schon steht sie Kopf und Nase der Officina gegenüber und bringt beide gehörig durcheinander. Während Co-Geschäftsführer Luca Fortini völlig hingerissen von der schönen jungen Frau vorsichtige Annäherungsversuche unternimmt, hat Johanna nur Augen für seinen Bruder Sandro, den Duftexperten. Wie schon ihre Mutter in den 1980ern verfällt Johanna nachhaltig nicht nur dem Charme der Arnostadt ...

Meine Meinung:
Passend zu einer Jahreszeit, in der uns jeden Tag neue Düfte frisch die Nasen kitzeln oder - bisweilen unerträglich - die Luft schwängern, um Bienen zu locken, ist Julia Fischers "Die Galerie der Düfte" erschienen. Ein Sommer-Muss für alle die Sprache und Liebesromane ohne Kitsch mögen.
Bereits im Prolog verlockt uns die Autorin detailreich, aber intensiv mit Florentiner Stadtansichten, die mitnehmen und neugierig machen, ohne das Geschehen zu überfrachten. Nicht alltägliche, mit ihren Synonymketten vielleicht nicht immer gefällige, aber nicht minder bildreiche und schöne Sprache verleihen der Liebesepisode des Prologs geradezu ätherisches Flair. Eine Stimmung, die verliebt macht in die toskanische Stadt und das Strohfeuer von Leidenschaft. Trotzdem tropft kein Kitsch in den Arno.
Wer flotte Handlungseinstiege mag, sollte geduldig sein und die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. In ihrer Gegenwartshandlung, die 2011 beginnt, erdet uns Julia Fischer nämlich wieder. Trotz allerlei Duftbeschreibungen, die ein gewisses Faible erfordern und in einem Roman um Düfte unverzichtbar sind, wird Johannas Geschichte greifbarer. Julia Fischers Sprache bleibt schön, wird aber mit gut platzierten Dialogen nahbarer, weniger detailliert und passt sich stets der Stimmung an. Mit jeder Szene, jedem Handlungsort und jeder Figur wird deutlich, dass dieser Roman ein Herzblutbuch ist. Nichts erweckt den Eindruck simpler Bildersuche, sondern sprüht vor Leidenschaft für Thema und Figuren. Fachthemen sind kompetent verpackt, ohne abgehoben zu wirken und den Leser auf der Strecke zu lassen. Orte werden lebendig, ohne den Protagonisten die Schau zu stehlen. Alles fügt sich zu einer Einheit, in der alles seinen Platz hat.
Vermeintlich Vorhersehbares wendet sich und lässt die Herzen höher schlagen.
Leicht skurril angehauchte Figuren geben dem Roman, der, wenngleich voller Licht, durchaus auch Schattenmomente thematisiert, immer wieder lebendige Leichtigkeit und animieren zum Schmunzeln.
Johanna ist als herrlich unaufdringliche, besonnene Hauptfigur dargestellt, die genauso individuell wie ihr Kleidungsstil ist, weiß, was sie will und zudem von einem intakten Umfeld profitiert. Wie sehr habe ich diese vermeintlich eigenständigen Heldinnen Mitte Zwanzig satt, die schlussendlich doch nur all ihre Individualität an der Brust eines starken Mannes aushauchen. Schon fast befremdlich schön, hat Johanna in dieser Hinsicht erst einmal nicht viel Glück. So trifft sie ungebunden in Florenz ein, wo Lucas und Sandro um sie buhlen.
Oh Gott! Nicht noch ein Liebesdreieck!
Doch, wenn es richtig funktioniert!
Julia Fischer spielt nämlich mit der Liebe, lässt uns für den einen oder anderen Fortini Partei ergreifen, zeichnet die männlichen Parts so nuanciert, wie die Liebe nun mal ist. Nicht schwarz und weiß.
So werden Entscheidungen und Verhaltensweisen nachvollziehbar und glaubhaft. Und keine Figur fällt aus ihrer Rolle. Nebenfiguren sind keine Statisten, sondern echte Sympathieträger, wenn auch nicht auf den ersten Blick: Da sind der schüchterne Niklas, der ein bisschen in Johanna verliebt ist, die hypochondrische Mechthild, die Johanna den nötigen Tritt in den Hintern gibt, um nach Florenz zu reisen, Buchhändler Korn, der gar nicht so steif ist, wie er tut, und über einen schier unerschöpflichen philosophischen Zitatfundus verfügt, und, und, und. Sie alle wachsen ans Herz, holen den Leser mitten ins Geschehen und tragen nicht zuletzt auch dazu bei, dass die Dreiecksgeschichte überhaupt nicht aufgebauscht wird.
Überhaupt ist "Die Galerie der Düfte" eine sehr harmonische Geschichte – freilich nicht konfliktfrei, denn Konflikte sind die Würze guter Geschichten – aber erwachsen und unaufgeregt erzählt. Ein Roman der leisen Töne, dem es dennoch nicht an Kraft fehlt. Vielleicht weht auch ein sanfter Hauch von Magie zwischen den Zeilen.

Wer Lust hat, an lauen Sommerabenden gemächlich zwischen Florenz und München zu schweben und Teil einer sanft erzählten, bezaubernden Geschichte mit nuancenreichen, glaubhaften Figuren und einnehmenden Szenerien zu werden, wird sich in „Die Galerie der Düfte“ verlieben.

Gesamteindruck
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:

Broschiert: 368 Seiten
Verlag: Knaur HC (2. Mai 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426653842
ISBN-13: 978-3426653845
Taschenbuch: 14,99 € (D)
E-Book: 12,99 € (D)
Hörbuch (gekürzt): 9,95 € 



Dienstag, 23. Mai 2017

... über "Das Haus der schönen Dinge" von Heidi Rehn

Das Haus der schönen Dinge

von 
Heidi Rehn

Ein breit angelegter historischer Roman, der ein Kaufhaus zum wahren Protagonisten macht und in lebendigen Bildern das Schicksal seiner Inhaber schildert. Aufschwingend bunt bis betrüblich karg - "Das Haus der schönen Dinge" ist so wechselhaft wie die deutsche Geschichte, in die der Roman eingebettet ist. Mitunter sorgen erzwungene Zeitsprünge und beobachtende Beschreibungen für eine Distanz, die nicht jedem Leser gefallen dürfte.


(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Kurz vor der Jahrhundertwende zum 20. Jh. eröffnet der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl, frisch zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt, ein Kaufhaus am Münchner Rindermarkt. Dank der innovativen Ideen seiner Frau Thea und Jacobs Sinn fürs Geschäftliche wird es bald zur ersten Adresse für die betuchtere Gesellschaft. Die mittlere Tochter Lily wuselt bereits als Halbwüchsige mit großer Leidenschaft im Geschäft herum, während ihrem großen Bruder Benno so gar nichts daran gelegen ist, in des Vaters Fußstapfen zu treten, und Nesthäkchen Sepp eher kränkelt und später eigenen Interessen folgt. So gern man sich aber auch bei Hirschvogls mit den neuesten Kreationen aus den Modemetropolen einkleiden lässt und sich bei Theas beliebten Veranstaltungen sehen lässt, so kann doch nichts darüber hinwegtäuschen, dass jüdische Kaufleute missgünstig beäugt werden. Und so kommt der Tag, an dem die Kaufhausfamilie vor einer schweren Entscheidung steht ...

Meine Meinung: 
Heidi Rehns historischer Roman rund um ein fiktives Kaufhaus, das symbolhaft all jene jüdisch geführten Kaufhäuser verkörpert, die den Schrecken der Geschichte zum Opfer gefallen und für immer verloren sind, ist ambitioniert angelegt und anders, als ich ihn erwartet hätte. Denn sein unangefochtener Protagonist ist tatsächlich das Hirschvogl am Rindermarkt, das Haus der schönen Dinge. Heidi Rehn erzählt seine Geschichte, verknüpft mit der Geschichte seiner Inhaber, die eng mit ihm verwoben und dennoch fast nur ein Accessoire sind. Wir begegnen einer Vielzahl von Personen, angefangen beim engeren Kreis der Münchner Hirschvogl-Familie, der um sporadisch auftretende Verwandte aus In- und Ausland und langjährige und neue Freunde, aber auch authentische, zeitgenössische Persönlichkeiten ergänzt wird. Die Handlung nimmt 1897 ihren Anfang und endet 1952. Von Anfang an dabei bleiben Lily und ihre Freundin Cäcilie, zwangsläufig müssen wir von Figuren Abschied nehmen, andere neu kennenlernen und mit den Veränderungen der Figuren und des Kaufhauses vor dem realen Zeitgeschehen mithalten.
Mit "großen Erwartungen" beginnt der Roman bereits in einer Zeit des Umbruchs - die Jahrhundertwende steht bevor, das Leben wird moderner, und die Frauen der Hirschvogl-Familie sind erstaunlich ideenreich und geschäftstüchtig, was nicht überall Anklang findet. Besonders Thea zeigt sich kühn und schwingt sich in modischen Bloomers aufs Velociped ungeachtet des Spotts und der Kritik. Tochter Lily eifert ihr nach. Obwohl ihre Figur neben dem Kaufhaus eine Konstante des gesamten Romans ist, steht ihre Darstellung der ihrer Mutter nach. So faszinierend und interessant "Das Haus der schönen Dinge" auch zu lesen ist, so leidet der Roman doch an seiner Breite. Seine etwas mehr als 600 Seiten decken einen geschichtlich ereignisreichen Zeitraum, der zu Abstrichen in der Handlung und Figurenzeichnung führt. Als "opulent, dramatisch und emotional" angekündigt, bleiben gerade die Emotionen besonders auf drei Vierteln des Romans mitunter auf der Strecke. 
Während diese Zeit des Aufbaus und Aufschwungs noch recht ausführlich geschildert wird, sind immer wieder Zeitsprünge erforderlich, um den enormen Handlungszeitraum zwischen zwei Buchdeckel zu bannen. Zeitangaben in der Kapitelüberschrift und Rückblenden auf erzähltes und nicht erzähltes Geschehen helfen, sich zurechtzufinden. Allerdings fällt es nicht immer leicht, sich für Figuren zu erwärmen, Sympathien oder Antipathien zu entwickeln. Einige von ihnen erleben wir als Randfiguren buchstäblich zu marginal und nur durch die Augen der Hauptfiguren, ganz gleich, in welchem Maße sie zu deren Entwicklung beitragen müssen. Feinheiten, wie Jacobs unproblematischer Umgang mit Schweinebraten, den er gern in Begleitung seines Freundes Alois genießt, Lilys unaufgeregter Umgang mit Kunden und ihre Loyalität gegenüber dem großen Bruder, der sich nichts aus ihrer Freundin Cäcilie macht, Theas aufrechte Haltung gegenüber offenen Anfeindungen, und, und, und machen sie jedoch nahbarer. Dennoch liest sich "Das Haus der schönen Dinge" teilweise wie ein Bericht. Geschuldet ist dies Heidi Rehns Vorliebe zur Substantivierung, die trotz lebendiger Dialoge mit dialektischen Einfärbungen eine Distanz entstehen lässt, die ich als ungewöhnlich, aber keineswegs störend empfinde. 
Im Gegenteil: Die Rolle des Beobachters gefiel mir ausgenommen gut. Gern streifte ich durch das Kaufhaus, das wahrlich opulent dargestellt ist und eine Einkaufswelt lebendig macht, die uns heute nur aus alten Filmen bekannt sein dürfte. Auch genoss ich Heidi Rehns subtile und kluge Analyse des Zeitgeschehens, mit der sie erinnert und unaufdringlich mahnt. Mit den" großen Enttäuschungen" endet die Geschichte schließlich dicht erzählt und spart weder an Dramatik noch Emotionalität, jedoch stets in ausgewogenem Maße, ohne zu dick aufzutragen.
Neben einem Familienstammbaum im Umschlag (mit einem kleinen Zahlenfehler, der sich in einer nächsten Auflage flugs korrigieren lässt) und einer Werbeanzeige des Hirschvogl noch vor Beginn des eigentlichen Romans rundet ein Glossar am Ende mit zeitgenössischen Ausdrücken, Dialektbegriffen und Persönlichkeiten von Rang und Namen dieses insgesamt gelungenen historischen Romans. 

Leseempfehlung für alle, die sich für die erste Hälfte des 20. Jh.s. interessieren. 

4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 


  • Taschenbuch: 656 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426519372
  • ISBN-13: 978-3426519370
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • E-Book: 9,99 €
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...