Donnerstag, 17. April 2014

... über "Liebe in echt: Was du über Romantik, Küsse und Traumprinzen wissen solltest" von Mara Andeck

Mara Andeck

Fragen und Antworten rund um die Liebe - auch für die Großen

(c) Boje - Bildlink zu amazon

Inhalt und Meinung:
Wir  leben in einem aufgeklärten Zeitalter, aber was wissen wir schon über die Liebe, ein Thema, das Herzen hüpfen lässt, aber jede Menge Fragen aufwirft?
Mara Andeck, aus deren Feder unter anderem die ebenfalls bei Boje erschienenen drei Bände von Lilias Tagebüchern stammen, hat sich dieses komplexen Themas in einem Sachbuch für Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren angenommen. Herausgekommen ist eine ausgewogene Mischung aus amüsanten Anekdoten und interessanten und hilfreichen Informationen. 
Mit Illustrationen von Constanze Guhr wirkt das Buch rein äußerlich zunächst wie ein typischer Mädchenroman. Nur der in kleinerer Schrift gehaltene Untertitel im erfrischend grünen Herz verrät, dass es sich um einen Ratgeber handelt. Bunt mit lebendigen Zeichnungen versehen ist dieser aber alles andere als bierernst, sondern bietet auch dann abwechslungsreiche Lektüre, wenn es um die ernsteren Aspekte der Liebe geht.
So thematisiert Autorin Mara Andeck eben nicht nur die verklärt-romantische Seite, die der jugendlichen Leserin aus entsprechenden Romanen bekannt sein dürfte, sondern räumt mit Vorurteilen auf und regt zum Nachdenken an. Neben Forschungsergebnissen jüngeren Datums - ja, auch in der Liebe wird geforscht - gibt sie Einblicke in historische Vorstellungen der Liebe und ihre Wandlung von Gilgamesch über Platon, mittelalterliche Minnesänger (="Berufsverliebte") und Sagengestalten bis hin zu Mark Twain. 
Dass Statistiken nicht der Weisheit letzter Schluss sind, wird ebenso angesprochen wie Flirten, Verliebtheit vs. Liebe, Bausteine der Liebe, Suche nach dem passenden Deckel, Beziehungen, Pubertät, Sex und nicht zuletzt auch Trennungen und deren Verarbeitung. Dabei spricht die Autorin ihre Leserinnen häufig direkt an, bezieht sie unmittelbar ein und gibt ihnen Gelegenheit, eigene Schlüsse zu ziehen und die Erkenntnisse auf die eigene Situation anzuwenden.
Zum Schluss runden ein Flirt-Test mit zugehöriger Auswertung, Rezepte für ein Candlelight-Dinner und "Fundstellen für Referate" Andecks erhellende Ausführungen über die Liebe, die Liebe ist, "egal, wen man liebt", ab.

Fazit: 
Liebevoll gestaltetes Sachbuch, das die Aspekte des komplexen Themas Liebe ausgewogen und abwechslungsreich näherbringt und nicht nur der Zielgruppe Interessantes und Neues bietet, sondern auch Erwachsenen Spaß machen und den Kopf zurechtrücken kann.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 192 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe (Boje); Auflage: Aufl. 2014 (13. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3414823799
  • ISBN-13: 978-3414823793
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
  • Neupreis: 14,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 

Mittwoch, 16. April 2014

... über "Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" von Katherine Hannigan

Katherine Hannigan
Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

Warmherzig, einfühlsam, besonders

(c) Carl Hanser Verlag - Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Für die meisten bedeutet Delaware - Delly - Pattinson hauptsächlich eines: Ärger. Die Elfjährige baut sich ihre Welt zurecht, und wenn sie dabei im Polizeiauto eine Freifahrt nach Hause bekommt, ist es erst einmal auch nicht schlimm. Sie erlebt Abenteuer, erfindet eigene Wörter und ist ständig auf der Suche nach einem "Überraschenk". Als es fast schon zu spät ist und die Erwachsenen Delly beinahe aufgeben wollen, kommt eine neue Schülerin in ihre Klasse. Ferris Boyd, dünn und knabenhaft, spricht kein Wort und darf nicht berührt werden. Hungrig nach einem neuen Projekt folgt Delly neugierig der Neuen und muss nun lernen, dass sie nicht überall Türen einfach einrennen kann. Auch mit Unterstützung ihres kleinen Bruders RB lernt Delly, Fragen zu stellen und zuzuhören, selbst wenn kein einziges Wort gesprochen wird. Nach und nach entspinnt sich zwischen den drei Kindern eine besondere Freundschaft, bis Delly eine erschütternde Entdeckung macht ... 

Meine Meinung: 
Katherine Hannigan richtet sich mit ihrem zweiten Roman an LeserInnen zwischen 11 und 13 Jahren, was dem Buch rein äußerlich meiner Meinung nach nicht anzusehen ist. Das gefällt mir, denn "Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" ist ein wunderbares Buch für die Zielgruppe, aber auch für Erwachsene. Gestalterisch unauffällig werden hier Inhalt und Äußeres treffend verknüpft. Die Protagonistin hat tatsächlich einen rötlichen Schopf und ließe sich problemlos in genau dieser Haltung am Ast eines Baumes finden. Zudem finden sich die tanzenden Buchstaben des Titels auch im Buch wieder, sodass hier eine stimmige Brücke geschlagen wird. 
Mit ihrer Hauptprotagonistin Delaware stellt Hannigan zunächst eine komplizierte Gestalt vor. Als vorletztes von sechs Kindern, die nach Bundesstaaten bzw. Städten benannt sind, tanzt sie in der bunten Pattinson-Familie einigermaßen aus der Reihe. Anfänglich bietet Delly wenig Sympathiepotential. Sie hat sich mit ihrer Schwester in der Wolle, hat kein Problem damit, ihren Freunden mal eins auf die Mütze zu geben, ist Dauergast im Polizeiauto und darf in der Schule oft genug auf die Strafbank. Eigentlich ein Kind zum Verzweifeln. Zumindest aus Sicht eines Erwachsenen. Schnell wird aber klar, dass Delly gar keinen Ärger machen will, sondern nicht nachvollziehen kann, was sie falsch macht. Und so geht es wahrscheinlich im wahren Leben so manchem Kind. Erst als Dellys Mutter Clarice, die ihre Kinderschar zumeist allein mit bemerkenswerter Ruhe, wenn auch mit nicht unbekannten Strafmaßnahmen wie Hausarrest, managt, in aller Öffentlichkeit in Tränen ausbricht, bewegt sich etwas in der Elfjährigen. Denn genau das möchte sie nie wieder erleben müssen: die Erschöpfung und unverkennbare Enttäuschung ihrer Ma, die sie von ganzem Herzen liebt. Die Pattinsons sind keine Bilderbuchfamilie, wodurch es schlussendlich einfacher wird, die auf den ersten Blick eigenbrötlerische, Unfrieden stiftende Delly ins Herz zu schließen. Auch wenn sie in ihren ersten Begegnungen mit der Neuen, Ferris Boyd, gewiss einen nervigen Eindruck macht, so ist sie doch auf erfrischend authentische Weise gleichermaßen unbedarft wie aufgeweckt. Und eben unfertig und entwicklungsfähig, womit sie Identifikations- und schlussendlich sogar Heldenpotential bietet.
Dass mit jener Ferris etwas nicht stimmen kann, wird zwar unverblümt präsentiert, die Aufklärung aber schrittweise und behutsam geliefert. Der junge Leser darf im Verlauf der Geschichte ebenso wachsam und neugierig bleiben wie Delly. Unliebsame Details bleiben ausgespart, lassen Raum für eigene Gedanken und entbehren dennoch nicht der notwendigen Emotionalität und Tiefe. Erfreulicherweise zeichnet Hannigan das zweite Mädchen nicht ausschließlich schwarz und weiß, macht es nicht ausschließlich zu einer bedauernswerten Person, sondern stattet es mit liebenswerten Stärken aus, die sich nicht nur in Szenen mit Delly und RB, sondern auch im Kontakt mit Nebencharakteren zeigen. Dort dürfen sich dann auch die Nebenfiguren mit all ihren Schwächen - und Dummheiten - als normale Charaktere zeigen, die es nun einmal im realen Leben gibt und die oft genug Ziel von Angriffen oder Ausgrenzung sind. Obwohl wir nur wenige Dinge über das zarte Mädchen, das nicht sprechen will, aber die weltbeste Basketballspielerin ist, erfahren, gewinnt es durch Dellys Augen an lebhafter Präsenz, selbst wenn es nur zusammengekauert lesend in einer Ecke sitzt. Dellys Neugier wandelt sich zu echter Freundschaft und dem Bedürfnis, die neue Freundin beschützen zu wollen. Damit erhalten alle Figuren Gelegenheit, sich im Laufe der Geschichte weiterzuentwickeln und in sich und anderen Neues zu entdecken. Das gilt für die Kinder ebenso wie für die Erwachsenen. Dellys Wandlung hat Auswirkungen auf ihr Verhältnis mit ihrer Familie und ihrem gesamten Umfeld, wobei die Autorin ein gutes Händchen beweist, diese Veränderungen behutsam und allmählich einzuflechten, um die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte zu erhalten.
"Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" ist ein Roman, der die kleinen Schritte zelebriert, ohne langatmig zu sein, und Charaktere nachvollziehbar handeln lässt, selbst wenn sie, wie Delly, auf den ersten Blick einen verschrobenen Eindruck vermitteln. Es stimmte mich lediglich traurig, dass es in dieser Geschichte trotz der vertrauensvollen Atmosphäre, die nach und nach entsteht, eines Kindes bedurfte, um die Wahrheit über ein anderes Kind zu entdecken. Erwachsenen sind offenere Augen zu wünschen!
Und nicht zuletzt hat Übersetzerin Susanne Hornfeck die Aufgabe, Dellys besondere Wortschöpfungen fantasievoll und dennoch lesbar ins Deutsche zu übertragen, bravourös gemeistert und dem ruhigen, beobachtenden Stil der Autorin, der aus personaler Erzählperspektive knappen Feststellungen vor Schnörkeln den Vorzug gibt, treffsicher Rechnung getragen. Ein Glossar mit Delly-ismen (Dellexikon) rundet Katherine Hannigans 272 Seiten starken Roman ab.  

Fazit: 
Warme und emotionale Geschichte um drei besondere Freunde, die zu Helden werden dürfen, eine Geschichte, die zu Tränen und Lächeln berührt und dabei glaubwürdig und unübertrieben ist und uns lehrt, dem Schweigen zuzuhören. Empfehlenswert nicht nur für Kinder!

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (3. Februar 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Susanne Hornfeck
  • ISBN-10: 3446245138
  • ISBN-13: 978-3446245136
  • Altersempfehlung: 11 - 13 Jahre
  • Neupreis: 14,90 €
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich. 

Donnerstag, 3. April 2014

... über "Antoinette kehrt zurück" von Olivia Vieweg

Olivia Vieweg

Ernstes Thema in beeindruckend bedrückenden Bildern

(c) Egmont Graphic Novel - Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Antoinette hat sich ein neues Leben aufgebaut. Weit weg von ihrem Kuhkaff lebt sie nun in Los Angeles, ist als Creative Director in einer Agentur erfolgreich und hat sich einen nicht unbekannten Schauspieler geangelt. Von ihrer Vergangenheit lösen kann sie sich nicht, so sehr sie sie auch verleugnet. So beschließt sie, sich ihren Dämonen zu stellen, und kehrt zurück nach Harzberg, in die Hölle ihres alten Lebens ... 

Meine Meinung: 
"Antoinette kehrt zurück" ist eine Graphic Novel und wird der Definition des thematischen Anspruchs und erzählerischen Komplexität (siehe wikipedia) durchaus gerecht. Letzterem vielleicht nicht auf den ersten Blick. 
Die noch vergleichsweise farbenfrohe Umschlaggestaltung mit signalroten Mohnblumen und ebenso signalrotem Rücken und einem ernsten mädchenhaften Gesicht mit weit aufgerissenen Augen, durch das ein fast schon stereotypes Dorf, das jedes beliebige sein könnte, hindurchschimmert, lässt bereits erahnen, dass die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, nicht ganz so farbenfroh sein wird. In der Tat ist sie es nicht. Entsprechend ist der Innenteil in erdigen Ocker-, Gelb- und Brauntönen gehalten, die der Geschichte um Antoinette einen tristen, beinahe schmutzigen Touch verleihen. 
Als Kind war Antoinette Opfer ihrer Mitschüler. Jemand, der verzweifelt dazugehören will, aber zeitlebens in seinem Kuhkaff einen Stempel weg hat. Und um den loszuwerden, schluckt und erträgt die Heranwachsende das Mobbing und lässt sich auf die Spiele ihrer Mitschüler ein. 
Die Konsequenzen zeigt Olivia Vieweg in ihrer Graphic Novel, in der Gegenwart und Rückblenden in schnellem Wechsel abgebildet sind. Ihre Figuren, einschließlich der Ich-Erzählerin Antoinette, wirken jung, als sei zwischen der "alten" und der "neuen" Antoinette kaum Zeit vergangen. In schnelle Bleistift-Outlines gebannt wird der Zerrissenheit der Protagonistin Rechnung getragen, sie hinein in das erdrückend miefige Ambiente des fiktiven Ortes Harzberg (obwohl es ein echtes Harzberg gibt) gebannt, das erschreckend authentisch wirkt mit seinen Fachwerkhäusern, aber auch mit den beinahe klischeehaften und doch nicht aus der Luft gegriffenen Kindern, die nicht nur triezen, sondern handfeste Traumata verursachen und als Erwachsene die Dinge kleinreden.
In Kombination mit dem wenigen, stark auf Dialoge konzentrierten Text entsteht der Eindruck einer klassischen Kurzgeschichte, die nicht alles offenlegt, nicht jeden Schritt verfolgt, dafür aber mit Wendungen überrascht, die nicht jedem gefallen müssen und unter Umständen überzeichnet und krass daherkommen können. 
Dafür aber ist trotz Bilderflut auf 84 Seiten genug Raum für Kopfkino, das sich auch nach der Lektüre längst nicht abschalten lässt. 
Am Ende des Buches bietet die Autorin und Illustratorin in einer Skizzensammlung Einblicke in die Entstehung ihrer Graphic Novel, die mich zum Nachdenken brachte und mir Lust auf mehr grafisch aufbereitete Geschichten machte. 

Fazit: 
Beklemmende Graphic Novel, die in ausdrucksstarken Bildern auf ein wichtiges Thema aufmerksam macht, sich aber auch nicht vor Extremem scheut und sicherlich so manchen Leser im Zwiespalt zurücklassen dürfte. Prädikat: empfehlenswert.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 96 Seiten
  • Verlag: Egmont Graphic Novel; Auflage: 1 (6. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3770455002
  • ISBN-13: 978-3770455003
  • Neupreis: 14,99 €
Mehr von und zur Autorin und Illustratorin Olivia Vieweg: 

Montag, 24. März 2014

... über "Töchter des Mondes - Sternenfluch" von Jessica Spotswood

Jessica Spotswood

Farbenfrohe, magische Fortsetzung

(c) Egmont Ink - Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
(Es handelt sich um den zweiten Band von Jessica Spotswoods Reihe "Töchter des Mondes", sodass Spoiler nicht vollständig zu vermeiden sind.)
Mit fast siebzehn hat Cate Cahill eine schwere, wichtige Entscheidung gefällt. Um ihre Schwestern Maura und Tess und auch die Liebe ihres Lebens, Finn, zu schützen, ist sie der Schwesternschaft beigetreten, selbst wenn es auf der ganzen Welt keinen Ort zu geben scheint, an dem Cate und ihre Schwestern je sicher sein können. Unter dem Deckmantel einer religiösen Gemeinschaft lernt die junge Hexe nun, ihre Magie zu beherrschen, erlebt aber, selbst aus privilegiertem Hause, als barmherzige Schwester nunmehr auch hautnah die Schattenseiten der Herrschaft der unerbittlichen Bruderschaft. Nicht nur potenzielle Hexen werden unerbittlich verfolgt und bestraft, Frauen generell werden gnadenlos unterdrückt. Ein weiterer Umstand, der der gebildeten, aufgeschlossenen Cate zu schaffen macht, und die Lage spitzt sich zu: Neue Gesetze verbieten den Frauen, außerhalb zu arbeiten, die Armut im Neuengland kurz vor der Jahrhundertwende wird zunehmend geschürt. Bildung für Frauen wird verboten, Bücher öffentlich verbrannt. Immer mehr - vermeintlichen - Hexen wird der Prozess gemacht. Hunger und Unmut bringen das Land gefährlich zum Schwelen. Doch auch in der Schwesterschaft, in der sich Cate zunächst nur schwer einleben kann, herrscht Unsicherheit. Während die aktuelle Führung der Schwesternschaft einen vorsichtigen Kurs fährt, so manches Mal auch Hexen opfert, um die Schule und die Schwestern  nicht zu gefährden, will die nächste Generation an die Spitze und aktiv werden. Einem Aufstand wird der Weg bereitet. Noch ist aber unklar, wer von den drei Cahill-Schwestern die in der Prophezeiung angekündigte Hexe ist, die entweder die Welt retten oder düsteres Unheil senden soll. Um ihre Schwestern in Sicherheit zu wissen, lässt Cate sie schließlich ebenfalls nach New London kommen. Maura, die Mittlere, aber hadert mit Cates abwartender, vorsichtiger Haltung. Sie hält sich für die Angekündigte und will die Hexen mit allen Mitteln an die Macht bringen ... 

Meine Meinung: 
Den ersten Band von Jessica Spotswoods Reihe um die Töchter des Mondes habe ich schon vor einiger Zeit gelesen, sodass sein Inhalt nicht mehr ganz so präsent war, als ich endlich Gelegenheit fand, die Fortsetzung zu lesen. In ebenso schöner Aufmachung wie der Vorgänger durfte "Sternenfluch" nämlich auf keinen Fall in meinem Regal fehlen. Wie sich herausstellte, war der lange Leseabstand aber kein Hindernis, denn, obwohl "Sternenfluch" einige Wochen nach den Ereignissen des Auftaktromans einsetzt, fiel es mir nicht schwer, mich wieder in die Handlung einzufinden. 
Da die Geschichten aufeinander aufbauen, sollten die Bände auf jeden Fall in Folge gelesen werden.
Wie bereits in "Cate" ist auch in "Sternenfluch" Cate Cahill, die älteste der Cahill-Schwestern, Hauptcharakter und führt als Ich-Erzählerin durch ihre Geschichte. Sie ist weiterhin eine sehr reflektierte Person, die zu Beginn des Buches aber ziemlich überfordert ist. Die Arbeit bei den Schwestern ist ihr wichtig, sie hilft Bedürftigen gern, quält sich aber gleichzeitig mit einem schlechten Gewissen aufgrund ihrer eigenen guten Herkunft und ihrem stark ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sorgen um ihre Schwestern, vor allem um die Jüngste, Tess, lassen sie nicht los, und sie vermisst Finn, den sie so liebt und der ihretwegen in die Bruderschaft eingetreten ist, um ihres Standes würdig zu sein. Nur mit Mühe lebt sie sich bei den Schwestern ein, und nachdem sie im ersten Band quasi eine Mutterrolle innehatte, wird hier immer wieder deutlich, dass Cate trotz aller Besonnenheit und reifen Charakterzüge eben doch erst sechzehn Jahre alt ist und von der Situation einigermaßen überfordert wird. Angst, Erwartungen nicht gerecht zu werden, und Angst vor zu viel Verantwortung werden da deutlich. So ist das erste Romandrittel von abwartender Haltung geprägt, gleichzeitig erhalten wir aber auch Einblicke in Cates Magie. Bereits im ersten Band war es der Autorin wunderbar gelungen, magische Vorgänge anschaulich zu schildern. Wenngleich die Magie auch hier wieder etwas zu selbstverständlich erscheint, eher aus dem Inneren entspringt und keine ausschweifenden Zaubersprüche benötigt, so zeigt sich in "Sternenfluch" häufig auch deren Kehrseite. Magie ist eben doch Arbeit, nicht jede ihrer Formen fällt Cate leicht, und eins ums andere Mal verausgabt sie sich. In dieser Hinsicht bekommt Spotswoods Fortsetzung eine angenehme realistische Nuance, die "Sternenfluch" vielschichtiger macht. Cate lernt, entwickelt sich weiter und erschließt sich die Magie, die ihr am besten liegt. Mit allem Schmerz, der damit verbunden sein mag. Natürlich ist Magie weiterhin gefährlich und muss vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen werden. Mit dieser Thematik spielt die Autorin auch in ihrer Fortsetzung, bedient sich ihrer, um ihre Handlung mit Wendepunkten voranzutreiben.
Gleichzeitig versorgt die Autorin ihre vierzehn- bis siebzehnjährigen Leser mit zielgruppengerechten Themen. Durch farbenfrohe Beschreibung von Kleidung und Ausstattung und vergleichsweise moderne Charakterzeichnung ist auch "Sternenfluch" nicht so angestaubt, wie das Setting kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert vielleicht den einen oder anderen befürchten lassen mag. Für einen anschaulichen Erzählstil in nunmehr sommerlicher Färbung hat sich die Autorin entschieden und bleibt sich nach dem herbstlich angehauchten ersten Band treu. Die Übersetzung des zweiten Bandes lag erneut in den Händen von Stefanie Lemke, die im Deutschen eine leicht zu lesende, zielgruppenangemessene Sprache findet. Einzig das gehäuft auftretende Adverb "eh" erschien mir etwas deplatziert, fiel jedoch angesichts vielfältiger Szenen, in denen Cate mit bildhaften, lebendigen Beschreibungen die Magie in sich heraufbeschwört oder von ihren Gefühlen für Finn erzählt, kaum ins Gewicht.
Mehr ins Gewicht als im Auftaktroman fällt nun auch eben dieser junge Mann. Hatte in "Cate" noch ein angedeutetes Liebesdreieck dominiert, ist nun Cates Entscheidung klar, ihre Gefühle in Anbetracht der kurzen Zeit zwischen den beiden Romanen überraschend gereifter, erwachsener. Mit Finn hat ihr die Autorin einen Partner für die Zukunft zur Seite gestellt, jemanden, der keine Fragen stellt, wenn es nicht nötig ist, jemanden, der eigenständig denkt und handelt und Cate akzeptiert und unterstützt.  Er bekommt mehr Kontur und sticht unter den übrigen Männern, die mehr oder minder schwarz gezeichnet sind, positiv heraus. Da "Sternenfluch" nur ein Übergangsband ist, sind jedoch Verwicklungen an der Tagesordnung, die die Wartezeit bis zur Fortsetzung nicht gerade einfach machen. 
Jessica Spotswood lässt mehrere Figuren aus "Cate" auch im zweiten Band auftauchen, etwa Sachi und Rory, aber auch Paul, der einen kleinen, hilfreichen Auftritt bekommt, und Elena, Brenna und Patentante Zara, die wir nun persönlich kennenlernen dürfen. Hinzu kommt allerdings auch eine Vielzahl neuer Personen, die meines Erachtens dem Roman nicht immer gut tun und ihn stellenweise erheblich überbevölkern, aber für den zentralen Plan dieses Fortsetzungsbandes von Bedeutung sind. 
Und für dessen Umsetzung bietet die Autorin dann auch Einiges auf, lässt intrigieren, baut ordentlich Spannung auf und fordert unerwartete Opfer.
Auf die Fortsetzung freue ich mich jedenfalls.

Fazit: 
Zweiter Band um die Cahill-Hexen, der sich behutsam den Facetten seiner Figuren widmet, liebe- und schmerzvoll von der ersten großen Liebe erzählt, gefährliche Geschwisterrivalität streut und mit deutlichem Statement für Gleichberechtigung und Selbstbestimmung ein heftiges Aufbegehren gegen eine von Männern dominierte Welt vorbereitet. Unentschlossenheit und Figurenfülle dämpfen jedoch stellenweise die Magie.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 




Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 384 Seiten
  • Verlag: Egmont INK; Auflage: 1 (9. August 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Stefanie Lemke
  • ISBN-10: 3863960254
  • ISBN-13: 978-3863960254
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
  • Neupreis: 17,99 € (D) 
  • Auch erhältlich als E-Book. 

Samstag, 22. März 2014

... über "Whisper Island - Wetterleuchten" von Elizabeth George

Elizabeth George

Whisper Island - Wetterleuchten


Langatmig vor sich hin plätschernde Geschichte mit paranormalem Touch


(c) Egmont Ink - Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
(Es handelt sich um den Folgeband nach Sturmwarnung: Whisper Island - Spoiler sind daher nicht ganz zu vermeiden.)
Becca - ehemals Hannah - bleibt auf der Flucht. Obwohl Ihr Stiefvater den Weg nach Whidbey Island, wo sie sicher sein sollte, gefunden hatte, konnte sie ihm entgehen, sodass er unverrichteter Dinge wieder abreisen musste. Doch Ruhe kehrt längst nicht bei der Jugendlichen ein. Allein lebt sie in den dichten Wäldern, versteckt in einem Baumhaus, das dem Großvater ihres Freundes Seth gehört. Recht erfolgreich gelingt es ihr, ihre Spuren zu verwischen und dennoch am normalen Inselleben teilzunehmen. Nach - vom Bruch mit ihrem Freund Derric einmal abgesehen - ereignislosen Monaten steht ein besonderer Tag bevor: Wie jedes Jahr wird die schwarze Robbe Nera vor der Küste erwartet, was alljährlich gefeiert wird. Diese Ereignis ruft natürlich Fremde auf den Plan. Meeresbiologin Annie installiert sich auf der Insel, begierig auf die große Entdeckung. Bald zeigt sich, dass der ehrgeizigen Forscherin nicht zu trauen ist, und nach und nach kommen Becca und ihre Erzfeindin Jenn einem langjährigen Geheimnis auf die Spur ... 

Meine Meinung: 
Band 1 von Elizabeth Georges Geschichte um die paranormal begabte Becca King konnte mich kaum überzeugen, dennoch blieb eine gewisse Neugier erhalten, wie die Autorin ihre Protagonistin denn aus der Bredouille holt und ob sie die Kurve bekommt. 
Dazu legt George den Folgeband ihrer für Leser ab 14 Jahren ausgelegten Reihe, die in Folge gelesen werden sollte, recht komplex an. Auf mehreren Erzählebenen werden verschiedene Handlungsstränge entwickelt. So folgt sie abwechselnd der tragenden Protagonistin Becca, dann wieder Jenn, die man beim besten Willen nicht als Freundin bezeichnen kann, dann Derric und schlussendlich einer geheimnisvollen Ich-Erzählerin Cilla, die sich in sehr kurzen, verwirrenden Einschüben zu Wort meldet. Dabei dauert es sehr lange, bis die Figuren zueinander finden und die Geschichte an Fahrt gewinnt. 
Nach mehreren Leseanläufen blieben die Attribute uninspiriert, unentschlossen, langatmig haften. Wie bereits beim Reihenauftakt "Sturmwarnung" hielt sich der Eindruck, die Autorin wolle sich schlicht und ergreifend einmal am Jugendgenre versuchen, wofür sie alle greifbaren Themen in eine Geschichte quetscht. Da ist die erste Liebe bzw. ein Anflug davon, der zunichte gemacht wird, weil der Angebetete eine andere toll findet. Da ist die Mitschülerin, zu der eine so tiefe Feindschaft besteht, dass man eigentlich nur noch schwarz sehen möchte, was eine mögliche Annäherung anbelangt. Daneben klingen erster Sex, aber auch das Finden der eigenen Sexualität an und allgemeine Schulsorgen werden ebenfalls thematisiert. Dazu müssen aber auch die Konsequenzen einer lange Jahre zurückliegenden Ölpest genauso verpackt werden wie Beccas Fähigkeiten und ihre Angst, vom Stiefvater gefunden zu werden. Gepimpt wird "Wetterleuchten" zusätzlich mit einer weiteren Prise paranormaler Würze. Da ich nach Band 1 vom paranormalen Gehalt von Georges Geschichte arg enttäuscht war, habe ich den Hinweisfaden erst sehr spät zusammengesponnen, sodass es George tatsächlich gelungen ist, mich in dieser Hinsicht zu überraschen. Dafür, dass die Auflösung von sehr langer Hand vorbereitet wurde, war mir der magische Höhepunkt dann doch etwas zu kurz. So kommt mir auch in "Wetterleuchten" Paranormales wieder nur als Ausrede vor, "um irgendwie ins Schema der aktuell so beliebten paranormalen YA-Geschichten zu passen".
Positiv anzumerken ist, dass die Autorin der Charakterisierung ihrer Protagonistin treu bleibt. Becca begegnet uns somit auch im Fortsetzungsband als besonnene, abwägende Person, die aufmerksam gegenüber ihrer Umgebung ist, auch wenn sie sie mit ihrer AUD-Box oft genug ausblenden muss, um von den vielen fremden Gedanken nicht überwältigt zu werden. Auch lässt sie sich nicht vom offensichtlichen Hass, den ihr Jenn entgegenbringt abschrecken, sondern nähert sich ihr an und gewinnt sie schließlich auch als Verbündete. Becca hinterfragt und lässt nicht locker und wirkt damit älter, als sie ist. Waren die verwirrenden Gedankenfetzen, die sie dank ihrer Fähigkeit wahrnimmt, im ersten Band noch etwas ausgewalzt worden, so spielen sie in der Fortsetzung nur eine untergeordnete Rolle, kommen erst im letzten Drittel wieder stärker zum Tragen. Überhaupt dominiert Becca "Wetterleuchten" nicht in dem Maße, wie man es von einem Hauptcharakter erwarten würde. Auch die drohende Gefahr durch den Stiefvater, der zwar weg von der Insel, aber nicht aus der Welt ist, sowie die ungeklärte Abwesenheit und Stille der Mutter bleiben weitestgehend außen vor. Viel Raum erhält Jenn, die sich in unschönem Ton über Becca äußern darf. Fettarsch, Fettkuh sind Spitznamen der ersten Wahl und verleihen Jenns Passagen einen derart aufgesetzten, missgünstigen Klang, den ich nach einer Weile nicht mehr hören wollte, ganz gleich, wie authentisch er auch Jenns Ressentiments widerspiegeln mag. Ein weiterer Handlungsstrang ist Derric gewidmet, der das neue Schuljahr mit neuer Freundin und neuen Erfahrungen erleben darf. Für den Fortgang der Geschichte tut er allerdings nichts. Hatte er in "Sturmwarnung" noch ein Geheimnis mit Becca geteilt, das beide zusammengeschweißt hatte, erscheint er hier beinahe als Beiwerk. Eines, das man nicht vergessen soll, das aber auch keine sonderliche Funktion hat. 
Unruhe bringen die Meeresbiologin Annie, die als "Gaststar" des Romans mit den Gefühlen der Inselbewohner spielen und sich in ihren Zielen ebenso ehrgeizig wie undurchsichtig zeigen darf, und Cilla, die Orientierungslose, die Stumme, die ebensowenig auf die Insel zu gehören scheint wie Becca. Eine Unruhe, die "Wetterleuchten" mit der nötigen Weiterentwicklung gegenüber dem Auftaktband ausstattet und bessere Einblicke in die Köpfe der Inselbewohner ermöglicht. Als Folgeband hilft "Wetterleuchten" zu verstehen, dass Whidbey Island tatsächlich ein sicherer Ort für Becca ist, auch wenn sie weiterhin auf der Suche nach ihrem Platz auf der Insel und inmitten ihrer Bewohner befindet. Nichtsdestotrotz störe ich mich weiterhin daran, wie leicht es für Becca ist, eben diese Menschen an der Nase herumzuführen und zu belügen. Es kommt schlichtweg - vorerst - niemand dahinter, dass dort ein Mädchen allein im Wald lebt und von seiner Mutter weit und breit keine Spur ist. Allein die Vorstellung, den Winter in einem Baumhaus zu verbringen, erscheint mir doch reichlich weit hergeholt - aber natürlich ist es beinahe schon ein Luxusbaumhaus mit Holzofen. Auch fehlt es "Wetterleuchten" an Flair. "Sturmwarnung" habe ich noch als Geschichte mit lokaler Färbung in Erinnerung, mit einer Becca, die mit dem Rad über die bewaldete Insel fährt, die man beim Lesen beinahe mit allen Sinnen spüren kann. Der Folgeband, der sich nun dem Wasser widmet, hat zwar immer noch die radelnde Becca - und wirft ihre schmelzenden Pfunde ins Feld - kann aber trotz Robbe und nicht ganz ungefährlichen Tauchgängen noch lange nicht den Atem rauben.
Insgesamt krankt "Wetterleuchten" am undankbaren Dasein eines Übergangsbandes und kann neben dem Cliffhanger von "Sturmwarnung" kaum Fragen auflösen, sondern bleibt in Bezug auf seine Hauptprotagonistin weiterhin vage. Genauso vage ist aber auch mein Interesse an einer Fortsetzung. 

Fazit: 
Zweiter Band einer paranormal angelegten Reihe für jugendliche Leser, der seiner gedankenhörenden Protagonistin treu bleibt, aber mit typischen Jugendthemen, Umweltproblematik und paranormalen Überraschungen zu viel erzählen will und mit unwichtigen Nebenhandlungen vor sich hin mäandert, sodass die Spannung erheblich gemindert und die reihenüberspannende Handlung aus den Augen verloren wird.





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 448 Seiten
  • Verlag: Egmont INK; Auflage: 1 (17. Oktober 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Bettina Arlt und Ann Lecker
  • ISBN-10: 3863960025
  • ISBN-13: 978-3863960025
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 14 Jahren
  • Neupreis: 19,99 € (D)
  • Auch als Hörbuch erhältlich. 
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