Mittwoch, 8. Oktober 2014

... über "Napoleon & T-Kex" von Annika Langa

Annika Langa

Napoleon und T-Kex


Spannendes Abenteuer für Dino-Fans


(c) Franckh Kosmos Verlag, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Es heißt, im schwedischen See Storsjön wohne ein Ungeheuer. Als der elfjährige Napoleon Larsson, genannte Nappe, an einem Sommerabend eine Reportage darüber sieht, kann der aufgeweckte Junge nicht ahnen, dass er bald selbst in ein ungeheures Abenteuer verwickelt werden würde. Die vermeintlichen Forscher sind nämlich skrupellose Trophäenjäger. Ohne mit der Wimper zu zucken, töten sie das Wesen. Sein Junges jedoch entgeht ihren Fängen und wird von Nappe und seinen Freunden Jonas und Khaya gefunden. Das Tierchen ist mitnichten ein Ungeheuer, sondern ein waschechter Dinosaurier. Eifrig kümmern sich die Freunde das keksliebende Urzeittier, geben ihm den abgefahrenen Namen Elvis T-Kex Presley und wollen mehr über es herausfinden. Doch alle Heimlichkeit und Vorsicht nützen nichts - es dauert nicht lange, bis die "Monsterjäger" den Freunden und ihrem geheimnisvollen Fund auf der Spur sind. Nun heißt es für Nappe, Jones, Khaya und ihren väterlichen Freund Boris, sich etwas einfallen zu lassen ... 

Meine Meinung: 
Annika Langas "Napoleon und T-Kex" verströmt äußerlich schon jede Menge Spannung. Mit Ausnahme eines sonnig daherkommenden Keksmondes in Türkis, Grautönen und Schwarz gehalten, ist der Umschlag einigermaßen mysteriös und verspricht eine abenteuerliche Geschichte. Meinem Sohn war die Umschlaggestaltung allerdings zunächst zu düster, ja fast ein wenig gruselig, sodass es eine Weile dauerte, bis er sich auf die Geschichte einließ. 
Das anfängliche Zögern wurde wettgemacht von einer ordentlichen Schriftgröße, die sich angenehm lesen lässt. Alle Kapitel sind zudem mit Kapitelillustrationen versehen, die sich zwar wiederholen, aber doch die Textmenge einigermaßen auflockern. Weitere Illustrationen gibt es allerdings nicht. 
Für ihre Geschichte wählte die Autorin zwei Perspektiven: Nappes Ich-Erzählung erlaubt dem jungen Leser, mühelos in seinen Alltag mit seinen Eltern, die er liebevoll "Ellies" nennt, und seinen Freunden einzutauchen. Dabei lernt er einen auf den ersten Blick eigentümlichen Jungen - wer heißt denn schon Napoleon? - kennen, der sich nach und nach als neugieriger, entschlossener und mutiger Held entpuppt. So unterstützt Nappe seine Erzählung mit Archiveinträgen, in denen er seine Rechercheergebnisse festhält, die für den Leser nicht nur informativ sind, sondern ihn auch auf kindliche Weise für Umweltschutzthemen sensibilisieren. Außerdem spricht Nappe den Leser immer wieder direkt an, womit er zu einer wunderbaren Identifikationsperson wird, mit der man gern mitfiebert.
Daneben wird der Leser in Drittperspektive mit den "Bösen" der Geschichte in Berührung gebracht. Annika Langa beobachtet ihre Monsterjäger einigermaßen distanziert und stellt dem Drahtzieher einen eher einfach gestrickten Sidekick zur Seite, womit Nachdenken und Abwägen angeregt werden. 
Gut gefiel uns auch, dass Annika Langa ihre kindlichen Protagonisten nicht auf sich allein stellt. Durch die Figur des Boris, der den Stempel des Eigenbrötlers weghat, erhalten sie wertvolle Unterstützung. Denn so sehr sich die drei Freunde auch für das Tier einsetzen, so sehr bringen sie sich auch in Gefahr - und es gibt durchaus Situationen, in denen einem gehörig die Muffe gehen kann -, so schön ist es doch auch zu lesen, dass sie sich eben nicht wie unrealistische Superhelden aus der Bredouille herausschaufeln, sondern einer erwachsenen Figur vertrauen können. Nappe und seine Freunde sind nicht super cool, sondern gewitzte Kids, die sich nicht um Vorurteile scheren, und mit ihren Macken einfach herrlich normal sind. So darf Nappe auch ruhig ein bisschen für seine Freundin Khaya schwärmen, ohne dass übermäßig darauf herumgehackt wird. Annika Langa zeigt ihre Protagonisten fast ein bisschen ländlich, manchmal sogar ein bisschen unmodern (O-Ton meines Sohnes), aber doch so sympathisch, dass man gern einen Abenteuersommer mit ihnen verbringen möchte.
Neben Spannung (mit nur unwesentlichen Längen) sorgt schließlich das keksknuspernde Dinosaurier-Baby mit eigentümlichen Lauten und Verhaltensweisen für vergnügliche Lesemomente. Wer braucht schon Nessie, wenn er Elvis T-Kex Presley haben kann ...
Annika Lange ist es mit ihrem ersten Roman "Napoleon & T-Kex" gelungen, Abenteuerspaß und Wissensvermittlung kurzweilig zu verknüpfen, und dank Iris Schuberts angenehmer Übersetzung haben wir jetzt richtig Lust auf Kinderbücher außerhalb des englischen und deutschen Sprachraums. 

Fazit
Ein etwas anderes Dinosaurierabenteuer für Leser zwischen 10 und 12 Jahren mit sympathischen Protagonisten und einem knuffigen Dinobaby, in dem Spannung, Witz und ernstere Themen nicht zu kurz kommen. Eine empfehlenswerte Lektüre auch für Mädchen und (mitlesende) Eltern.

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Franckh Kosmos Verlag; Auflage: 1 (7. Juli 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Iris Schubert
  • ISBN-10: 3440138534
  • ISBN-13: 978-3440138533
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Ladenpreis12,99 € (D)

Sonntag, 7. September 2014

In eigener Sache


(c) Manuela Wirtz - Bildlink zum E-Book bei Amazon

Der wunderbare Film "Das Beste kommt zum Schluss" mit Jack Nicholson und Morgan Freeman hat Herausgeberin Manuela Wirtz zu einer Kurzgeschichtensammlung inspiriert. 

Ende letzten Jahres stellte sie uns (potenziellen) Teilnehmern also die Aufgabe, unsere fiktiven oder persönlichen Lebensträume in Kurzgeschichten festzuhalten, einen Ausschnitt unserer Löffel-Listen zu präsentieren, mit Dingen, von denen wir träumen oder die wir vielleicht sogar bereits verwirklichen konnten. 
Was zunächst nicht ganz so schwierig klang - ich meine, wer hat denn keine Träume, von denen er berichten könnte-, entpuppte sich als echte Herausforderung, vor allem, weil Manuelas Ausschreibung explizit zu einem In-sich-Gehen und der Suche nach ganz eigenen Emotionen aufforderte. 
So verlor ich einige Fingernägel, bis ich mich traute, meine Geschichte "Ein neuer Tag" einzureichen, die mir Sekunden nach dem Absenden schon wieder viel zu profan, dann wieder zu persönlich, dann wieder unpassend vorkam. 
Nun ja ... sie ist mit dabei, und ich freue mich, dass ich nun an dieser Stelle verkünden kann, dass die Anthologie "Die Löffel-Liste" bereits im Sommer erschienen ist. 
(Ich bin zu spät dran, aber ich glaube, ich muss eine neue Löffel-Liste mit virtuellen und technischen Lebensträumen verfassen, denn in den vergangenen Monaten stand ich doch arg mit meinem Blog im Clinch.) 
Die Sammlung ist ein - und ja, ich bin parteiisch - echtes Gemeinschaftswerk, denn die Herausgeberin hat uns Autoren in alle Schritte mit einbezogen, von der Textarbeit bis hin zum Umschlag. Das hat auch zu einem besseren Kennenlernen beigetragen, und ich fühle mich rundum wohl zwischen all den fantasievollen Beiträgen, die auch zum Nachdenken anregen wollen. 

Inhaltsverzeichnis:
Delfine bringen Glück – Ursula Dittmer   
Ein neuer Tag – Sinje Blumenstein   
Fortmachen – Maryanne Becker   
Meerwert + Meerzeit – Gerrit Fischer   
Alte Sünden – Marlene Geselle   
Reisen, der ewige Wunsch zu schweben – Bernd Lange   
Sturmtänzer - Herr LÿÐmann   
Mars – Anke Höhl-Kayser   
Die Straße der Tränen
Manu Wirtz
I want to be a part of it – Pamela Menzel   
Löffel in gute Hände abzugeben – Carsten Koch   
Eine Reise an das Ende der Welt – Sylvia Hubele   
Die Tour – Harald Herrmann


"Die Löffel-Liste: 13 bunte Lebensträume" ist als illustrierte Printausgabe und natürlich auch als E-Book erhältlich. Gern kann die Anthologie bei uns Autoren erworben werden, dann signiert und mit Lesezeichen. 
Wie Spaß beim Löffeln!

Donnerstag, 4. September 2014

... über "Schuld" von Grit Poppe


Authentische, nachhallende Geschichtsaufbereitung für Jugendliche und Zeitreisende

(c) Dressler, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
DDR 1988: Die fünfzehnjährige Jana erlebt einen Wechsel - Umzug, neue Schule … und mit der neuen Schule lernt sie auch Jakob kennen. Jakob, den Unangepassten, der so gar nicht in ihre linientreue Welt passt. Doch alle Umgangsverbote von Janas Eltern können nicht verhindern, dass sich die Jugendlichen verlieben. Und Jakob, dessen Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben, öffnet Jana die Augen. Durch ihn lernt sie, das Land, in dem sie lebt, zu hinterfragen, kritischer zu sein. Jakob scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen, er schwimmt gegen den Strom, wiegelt auf, und schon bald verschwindet er im Gefängnis. Jana versteht die Welt nicht mehr, und eines Tages macht sie eine erschütternde Entdeckung. Trägt sie möglicherweise die Schuld an Jakobs Schicksal? Wird sie ihn je wiedersehen?

Meine Meinung:
Pünktlich zum bevorstehenden 25. Jahrestag des Mauerfalls ist nach „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ nun Grit Poppes dritter Jugendroman zum Thema DDR erschienen, und grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass auch nach dieser Zeit Alltag und Gegebenheiten für eine Zielgruppe aufbereitet werden, die zwangsläufig nicht live dabei gewesen sein kann.
Da ich, aufgewachsen in der DDR, zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade dreizehn Jahre alt war, habe ich natürlich mein eigenes Bild, das gerade in Bezug auf die in diesen Romanen thematisierten Schattenseiten sehr lückenhaft ist. Daher denke ich, dass Grit Poppes „Schuld“ neben der eigentlichen jugendlichen Zielgruppe auch noch uns ehemalige Jugendliche als Zielgruppe hat, die sich mithilfe ihres Romans noch einmal auf Zeitreise begeben.
Beide Adressaten bedient die Autorin gut.
Zu Beginn führt sie den Leser in den DDR-Alltag ein, der - nach meiner Erfahrung - authentisch beschrieben ist. Gepflogenheiten in der Schule und Nennungen von Produktnamen rufen Erinnerungen wach.
Dennoch legt die Autorin auch Wert darauf, dass die Jugendliche zunächst auch mit zeitlosen Problemen konfrontiert wird, um die heutige Leserschaft nicht unterwegs zu verlieren. So hadert Jana mit dem Umzug vom Land in die Stadt, hat den Stempel des Dorftrampels weg und passt, so ohne „Action“-Make-up in ihrer Rüschenbluse erst einmal nicht so recht ins Bild.
Der rebellische Jakob bietet einen typischen Gegenpart zu dem gut erzogenen, auf den ersten Blick etwas biederen Mädchen, und auch wenn eine solche Paarung in der Literatur nicht gerade brandneu ist, so gelingt es der Autorin doch sehr gut, die entstehende Beziehung zwischen den Jugendlichen glaubhaft zu gestalten.
Erfreulicherweise verzichtet sie dabei auf rosarote Wölkchen und unpassendes Anschmachten. Die zum Teil nüchterne Darstellung des Verliebens erinnerte mich geringfügig an DDR-Jugendliteratur, die in dieser Beziehung mitunter etwas „unheimelig“ sein konnte. Das soll aber gar kein Makel sein, denn ich genoss dieses Hineingleiten in eine Beziehung über ernste, geradezu erwachsene Dialoge, verbunden mit Szenen, die sich buchstäblich ins Leserherz hineinspielen, ohne kitschig zu sein. Im Gegenteil, da Jakob ohne Umschweife als jemand eingeführt wird, der sich in der DDR eingesperrt fühlt und etwas bewegen möchte, schwebt von Beginn an eine Gefahr über den beiden Protagonisten, die den Leser vorsichtig werden lässt. Dennoch ist Jakobs Verhaftung ein Schock, und die darauf folgenden Darstellungen zeigen sich auf erschütternd ungeschönte Weise, dass man durchaus immer einmal einen Moment zum Durchatmen braucht.
Um ihre Geschichte aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten, bedient sich Grit Poppe mehrerer Zeitebenen und Erzählinstanzen. Eingeleitet wird „Schuld“ mit einer Ich-Erzählung aus dem Jahr 1992, erzählt von einer jungen Frau, die gerade ihre Stasiakte gelesen hat und sich nun auf eine Suche begibt.
Die Vorgeschichte dazu - zurück im Jahr 1988 bis hin zum Mauerfall - folgt dann in personaler Erzählweise, die Janas Erlebnisse im Wechsel zu Jakobs schildert und somit hautnahe Eindrücke bietet, die nachhallen.
Auf diese Weise erzählt Grit Poppe eine eindrückliche Geschichte, in der die Protagonisten eine nachvollziehbare, starke Entwicklung durchleben, eine Geschichte über großes Unrecht und Verrat an Stellen, wo man ihn nicht erwartet. Obwohl mir hier und da ein paar Graustufen fehlten und mir die Schuldfrage etwas zu absolut erscheint, konnte mich die runde Geschichte von Grit Poppes „Schuld“ nicht zuletzt auch dank des Hoffnungsschimmers, den der Roman dennoch zu entfachen weiß, überzeugen, sodass ich die beiden früheren Romane, die ich bislang noch nicht kenne, gern auf meine Wunschliste setze.

Fazit:
Realistischer Jugendroman über eine Jugendliebe, die am Unrechtssystem der ehemaligen DDR zu zerbrechen droht, mit glaubhaften Charakteren und authentischen Hintergründen.
Erschütternd, mitreißend, wichtig.  

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:

  • Broschiert: 336 Seiten
  • Verlag: Dressler (21. Juli 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3791516345
  • ISBN-13: 978-3791516349
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Neupreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

Montag, 18. August 2014

... über "Der eiserne Sommer" von Angelika Felenda

Angelika Felenda 

Lebendiges Krimidebüt mit historischem Flair 

(c) Suhrkamp nova - Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 

Am Vorabend des Ersten Weltkrieges wird am Isarufer die Leiche eines jungen Mannes geborgen. Was auf den ersten Blick nach einem unglücklichen Trunkenheitsunfall aussieht, mündet für Kommissär Sebastian Reitmeyer in komplizierten Ermittlungen. Bald führen ihn die Spuren in die homosexuellen Kreise Münchens und schließlich auch in die höhere Gesellschaft, in der er sich ein selbst bewegte. Bei einem Toten bleibt es nicht, und als es Reitmeyer endlich gelingt, die losen Fäden zu verknüpfen, sind ihm die Türen verschlossen ... 

Meine Meinung:

Der Kriminalroman „Der eiserne Sommer“ ist nicht nur der Auftakt einer Serie um Kommissär Reitmeyer, sondern auch der erste Roman der Autorin Angelika Felenda, die Geschichte und Germanistik studierte und als Literaturübersetzerin arbeitet.
Mit „Der eiserne Sommer“ ist der Autorin ein solides Krimidebüt gelungen, das in erster Linie mit lebendigen Figuren und lesenswertem historischem Flair überzeugen kann.
Ihren Kommissär legt sie weniger als brillanten mechanischen Ermittler denn als Menschen mit Vergangenheit und nachvollziehbarer Gegenwart an. So entsteht eine Figur, der man gerne über die Schulter sieht. Unaufdringlich verflechtet Felenda den Alltag des Ermittlers mit seinen beruflichen Wegen und zeichnet somit ein rundes Bild ihres Protagonisten, der beruflich und privat einigen Wirrungen ausgesetzt wird, die zeitgemäß allerdings leise und beinahe unter Wahrung der Etikette erzählt werden. Obwohl Reitmeyers Vorgeschichte bereits stark beleuchtet wird, bleibt er dennoch hinreichend verschlossen, um Lust auf mehr zu machen. Ermittler ohne Geschichte und Makel sind mir ohnehin ein Dorn im Auge.
Reitmeyers erster literarischer Fall verdeutlicht Moralvorstellungen und Lebensweisen seiner Zeit und nährt seinen Spannungsfaden aus der Grenzen, an die der junge Ermittler immer wieder stößt. Vor dem Hintergrund des aufkeimenden Krieges rückt die Geschichte in besonders prekäres Licht und bietet interessante Erkenntnisse, ohne jedoch besonders wendungsreich zu sein.
Dass es dennoch nicht langweilig wird, ist auch der Figur der Caroline zu verdanken. Als Aushilfsgerichtsmedizinerin eingeführt, stellt sich heraus, dass sie Reitmeyers Jugendschwarm war. Aber anstatt klischeehaft auf eine Welle der Wiederbelebung alter Schwärmerei zu reiten, wird die Medizinerin Caroline zu einer wichtigen, hilfreichen Figur, die nicht frei von Fehl und Tadel ist.
Geschickt führt die Autorin moralische, rechtliche und technische/wissenschaftliche Grenzen zueinander, um ein authentisches Bild der Polizeiarbeit vor hundert Jahren zu zeichnen, ohne sich in drögen Detaildarstellungen zu verlieren.
Ich empfand es sogar als höchst erfrischend, in diese etwas entschleunigte, ältliche Szenerie einzutauchen, in der sich Polizei und Verdächtige keine wilden Verfolgungsjagden liefern konnten und der Ermittler lediglich ein Fahrrad als fahrbaren Untersatz sein Eigen nennt. Unterstützt wird das historische Flair durch Dialoge, die glaubwürdig gestaltet sind, aber keineswegs verstaubt oder aufgesetzt daherkommen.   
Alles in allem erzählt Felenda eine runde Geschichte, die deutliches Interesse an ihrem Protagonisten Reitmeyer weckt und ihm, auch angesichts des historischen Settings, das ihn zwangsläufig nicht in München verharren lassen kann, Entwicklungsmöglichkeiten für weitere Geschichten bietet. Neugierig auf mehr bin ich nun allemal. 

Fazit:
Ruhig erzählter Kriminalroman, der vor interessanter, glaubwürdiger historischer  Kulisse zwar nicht mit klassischer Raffinesse besticht, aber Figuren mit Sympathiepotenzial bietet, die im Handlungsverlauf für Leben sorgen und kleinere Längen spielend überbrücken. Ein menschelnder, stilvoller Ermittlerkrimi, der auch ohne atemberaubende Wendungen und Action spannend und lesenswert ist. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen




Buchdaten: 
  • Taschenbuch: 435 Seiten
  • Verlag: Suhrkamp Verlag; Auflage: Originalausgabe (18. August 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3518465422
  • ISBN-13: 978-3518465424
  • Neupreis: 14,99 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.  

Freitag, 11. Juli 2014

... über "SEAL-Team 12: Gebrochene Versprechen" von Marliss Melton

Marliss Melton

Toughe Charaktere weichgespült

(c) Egmont Lyx - Bildlink zu Amazon
Wichtiger Hinweis: 
Spoilergefahr! Es handelt sich um den zweiten Band von Marliss Meltons SEAL-Team-12-Reihe, in dem die Handlung aus dem Reihenauftakt wieder aufgegriffen wird. Protagonisten treten erneut auf und der Fall des ersten Bandes wird hier zu einem Abschluss geführt. 
 
Zum Inhalt:
Das SEAL-Team 12 setzt alles daran, den Namen seinen Vorgesetzten Gabriel Renault wiederherzustellen. Noch immer ist der Verräter in den eigenen Reihen nicht gefasst und Renault steht unter falschem Verdacht. Eine wichtige Zeugin ist Hannah Geary von der DIA. Ihr Vorgesetzter war in der Lage, wertvolle Beweise zusammenzutragen. Doch bevor die Verteidigung eine Chance hat, diese in ihre Hände zu bekommen, ereilt ihn ein tödlicher Unfall, und kurze Zeit später ist auch Hannah verschwunden. Offenbar wurde sie entführt. Lt. Luther Lindström und Chief Westy McCaffrey erhalten vom FBI den Auftrag, Hannah zu finden und zu befreien. Genau im rechten Moment entkommt die DIA-Agentin jedoch aus eigener Kraft und fällt mit perfektem Timing in Lindströms kräftige Arme. Der ist beeindruckt von der klugen jungen Frau, und bald befinden sich Luther, Westy und Hannah auf nicht ungefährlicher Spurensuche. Immer mehr fühlen sich Luther und Hannah zueinander hingezogen, doch die Zeichen stehen nicht gut. Es hat sie nicht nur das gesuchte "Individuum" ins Visier genommen, sondern beide haben auch noch konträre Lebensvorstellung, die der wahren Liebe in die Quere kommen könnten. Denn Hannah will unbedingt zurück zur CIA und ihre Traumkarriere als Nachrichtenagentin antreten ... 

Meine Meinung: 
Marliss Meltons Reihenauftakt "Aus dem Dunkel" hatte mir Lust auf mehr vom SEAL-Team 12 gemacht. Immerhin blieb der Ausgang der Hintergrundgeschichte vage, und die harten Kerle mit dem weichen Kern kamen durch die Bank so sympathisch rüber, das ich weiterlesen musste. 
Im Fortsetzungsband kann Marliss Melton die Vorschusslorbeeren leider nicht komplett verdienen. 
Zum einen liegt das daran, dass es nach meinem Empfinden etwas zu früh für Luthers Story ist. Kaum hat er sich im Reihenauftakt von seiner Verlobten getrennt, wird ihm im zweiten Buch umgehend das ultimative Love Interest in die Arme gespült. Auch wenn Luther ein sehr ansprechender Charakter ist - besonnen, stark, mit Gespür für die Gefühle und Sorgen des anderen - habe ich ihm beim Lesen unbewusst den Stempel des Verzweifelten aufgedrückt, den er bis zum Schluss nicht mehr los wurde. Immer wieder hebt die Autorin hervor, er sei "auf der Suche" nach einer Frau und Hannah sei nicht die Frau, die er suche. Dabei wird der Grund einer solchen Suche nur bedingt deutlich, und das Einsamkeitsargument schreit förmlich nach Klischee. Nichtsdestotrotz verkörpert er den typischen Helden, an den man sich nur liebend gern anlehnen möchte. In dieser Geschichte kommt ganz klar der weiche Kern noch vor der harten militärischen Hintergrundstory. 
Erfreulicherweise wird Hannah als starke - mit sechsundzwanzig Jahren noch recht junge - Frau charakterisiert, die klug handelt und das eine oder andere Ass im Ärmel hat, das einem Mann, der von Vorurteilen gegenüber dem weiblichen Geschlecht erfüllt ist, schon mal die Kinnlade herunterklappen kann. Obwohl mit einigem Vitamin B gesegnet, weiß Sie sich zu helfen und erfolgt ein ehrgeiziges Karriereziel, wird aber ein ums andere Mal von ihrer Vergangenheit, dem schmerzlichen Verlust ihrer Eltern, ausgebremst.
Die zum Scheitern verurteilten Versuche der Hauptprotagonisten, sich voneinander fernzuhalten, sind amüsant zu lesen und sorgen für das nötige Knistern. Auch verliert die Autorin nicht aus den Augen, dass es in ihrer Geschichte um mehr als nur eine Romanze geht, denn schließlich muss ein heikler Fall gelöst werden, der nicht von zu viel Anhimmeln und Erotik ausgeknipst werden darf. Die Mischung ist dementsprechend ausgewogen, und die Autorin zeigt ein gutes Gefühl für Timing. 
Leider gestaltet sich der Fall um den Vorgänger-Helden etwas platt. Ich muss gestehen, dass mich allein schon die Bezeichnung "Individuum" für den gesuchten Verräter einigermaßen amüsiert hat. Außerdem ist dieser Handlungsstrang vorhersehbar und selbst ich, die ich doch sonst immer bis zum letzten Satz den Gärtner verdächtigte, hatte den wahren Übeltäter in Handumdrehen entlarvt. 
In einer weiteren Nebenhandlung setzte Marliss Melton außerdem meinen Hoffnungen auf eine eigene Story zwischen Sebastian und Leila ein jähes Ende. Wie bereits im ersten Band erhielt dieses Paar so viel Raum, dass die Haupthandlung mitunter gestört wurde. Allerdings habe ich den Eindruck, diese Romanze könnte nun auserzählt sein, denn Sebastian hatte sich im Reihenauftakt als lesenswerter Charakter in mein Herz geschlichen. 
Für umfassende Spannung und nie langweilige Lektüre sorgen schnelle Schauplatzwechsel, die nicht selten in der Nacht angesiedelt sind und einen Hauch von Gefahr mitbringen, aber auch kleine peinliche Szenen und tiefergehendere Dialoge. 
Im Endspurt hat es die Autorin meiner Meinung nach dann etwas mit Hollywood übertrieben und zudem Hannah so stark in Kompromisse gezwängt, dass sich mir ein zu weichgespültes Gesamtbild ergab. Warum der Roman im Deutschen "Gebrochene Versprechen" heißt, will sich mir im Übrigen nicht so ganz erschließen.
Trotzdem habe ich immer noch Lust auf mehr Geschichten vom SEAL-Team 12. Und das will was heißen, denn eigentlich hatte ich mir ja zum Grundsatz gemacht, Reihen künftig zu meiden!

Fazit: 
Zweiter Band einer Military-Romance-Reihe, der inhaltlich den Vorgängerband aufgreift, mit neuem, leidenschaftlicherem Paar und großen Gefühlen aufwartet, aber insgesamt weicher und vorhersehbarer ist und die im Reihenauftakt begonnene Geschichte zu einem etwas übereilten Abschluss bringt. Trotzdem empfehlenswert.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 336 Seiten
  • Verlag: Egmont LYX; Auflage: 1 (12. Januar 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Ralf Schmitz
  • ISBN-10: 3802584635
  • ISBN-13: 978-3802584633
  • Ladenpreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.
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