Freitag, 12. Februar 2016

Ausgelesen - Teil 2


 
(c) Fischer,
Bildlink zu amazon

Mary Kay Andrews
Mit Liebe gewürzt

Regina Foxton fällt aus allen Wolken: Ihre Kochsendung soll abgesetzt werden. Und noch tiefer fällt sie, als sie den Grund erfährt: Ihr Produzent und Lebensgefährte Scott hat ein Verhältnis mit der Frau des wichtigsten Sponsors. Doch die nächste Chance wartet bereits, denn die passionierte Fernsehköchin könnte es ins nationale TV schaffen. Im Weg steht ihr aber Tate Moody, der junge Wilde unter den TV-Köchen. Ausgerechnet mit ihm darf Gina nun in einem Kochduell auf einer Insel antreten.

"Mit Liebe gewürzt" ist ein kurzweiliger Schlagabtausch zwischen zwei sehr gegensätzlichen Köchen und Menschen, die der Leser aber vom ersten Augenblick an zusammen sehen möchte. Schwungvoll erzählt Mary Kay Andrews Ginas Aufbruch in ein neues Leben vor der rauen, stürmischen Kulisse einer wenig besuchten Insel in Gegenwart von Figuren, die nicht vor Klischees gefeit und vielleicht sogar ganz bewusst einen Hauch überzeichnet sind. Ein Roman fürs Herz, und weil Liebe bekanntlich auch durch den Magen geht, gibt's zusätzlich Südstaaten-Rezepte zum Nachkochen.




 
(c) Blanvalet,
Bildlink zu amazon

Cristina Caboni
Die Rosenfrauen

Elena Rossini hat Träume - sie will Matteo nicht nur in seinem Geschäft zur Seite stehen, sondern auch eine Familie mit ihm gründen. Aber ihre Rechnung hat sie ohne ihn gemacht, denn er betrügt sie. Enttäuscht und einigermaßen perspektivlos zieht sie sich in den Florentiner Palazzo ihrer Familie zurück. Ihre Freundin Monique holt sie nach Paris, wo die begnadete Parfümeurin endlich ihre Bestimmung finden soll. Doch bisher hat sich Elena diesem Erbe hartnäckig entzogen. Zu viel Kummer hat die Suche nach dem "Perfekten Parfüm" ihren Ahninnen bereitet. Aber nun beginnt auch Elena, danach zu suchen und die Geschichte der Rossini-Frauen zu erforschen. An ihrer Seite: der stille Rosenzüchter Cail, der sich von Elenas Geheimnissen nicht vertreiben lässt.

Mit "Die Rosenfrauen" ist der Italienerin Cristina Caboni ein wundervolles Debüt gelungen, das die Seele ergreift und das Herz leicht macht. Mit viel Feingefühl bringt sie ihre Figuren einander näher, lässt sie sich weiterentwickeln und beweist zudem ohne lästiges Infodumping profundes Wissen rund um Düfte und Parfüms, die untrennbar mit ihrer Geschichte verbunden sind und das Band zwischen schwer lastender Vergangenheit und hoffnungsvoller Zukunft spinnen. Eine leidenschaftliche Geschichte über Wendepunkte, Freundschaft und Glück.





(c) Limes,
Bildlink zu amazon

Jennifer Niven
All die verdammt perfekten Tage

Seit dem Unfalltod ihrer Schwester existiert Violet nicht mehr. Ihre Leidenschaft, das Schreiben, liegt brach, sie steigt in kein Auto mehr ein, in der Schule hat sie noch Schonzeit. Als sie vom Glockenturm ihrer Schule in die Tiefe blickt, ist es ausgerechnet der freakige (Theodore) Finch, der sie überzeugt, nicht zu springen. Als er sich ihr später als Partner für ein Schulprojekt aufdrängt, ist kaum daran zu denken, dass er es sein wird, der sie zurück ins Leben führt. Auch während sie gemeinsam im Rahmen dieses Projektes ihren Heimatstaat Indiana erkunden, ahnt sie nicht, dass der unkonventionelle Finch sich nach dem Sterben sehnt. 

"All die verdammt perfekten Tage" wandert auf dem schmalen Grat zwischen Lebensbejahung und Ausweglosigkeit. Hineingeboren in eine dysfunktionale Sackgasse, verkörpert Finch bedrückend drastisch jene Menschen, die nicht zu retten sind, weil sie nicht gesehen werden oder sich nicht zu erkennen geben. In tief in die Seele blickenden, klugen Ich-Erzählungen schildert Jennifer Niven, wie die beiden Jugendlichen in Liebe zueinander finden und gleichzeitig fatal auseinander driften. So erzählt sie eine kraftvolle Geschichte voller bezaubernder Augenblicke, die zugleich so voller Schmerz ist, dass die Taschentücher beim Lesen parat liegen sollten. Eine Geschichte, die berührt und appelliert.


Ausgelesen

Momentan fehlt mir die Zeit zum Bloggen, unter anderem, weil es da ein gewisses Büchlein gibt, das fertig werden will. Dass ich über meine Lektüre nichts schreibe, heißt aber nicht, dass mein Book Seat dauerhaft leer ist. Deshalb habe ich mich entschlossen, von meinem Prinzip, ausführliche Rezensionen zu schreiben, abzuweichen und meinen Lesestoff der letzten Wochen einfach mal zusammenzufassen.

(c) Loewe,
Bildlink zu amazon

Kari und Tui T. Sutherland
Magic Park: Das Geheimnis der Greifen

Nach dem Verschwinden seiner Mom sind Logan und sein Dad ins verschlafene Xanadu gezogen. Als er unter seinem Bett ein golden gefiedertes Wesen findet, ist es in dem Nest dann doch nicht mehr so langweilig. Das Flügeltier ist nämlich ein Greifenbaby und dem örtlichen magischen Tierpark entflohen, der von der Familie von Logans Mitschülerin Zoe betreut wird und natürlich streng geheim ist. Weil Logan das seltsame Geplapper des Fabelwesens aber verstehen kann, ist er plötzlich mitten drin in einem unerwarteten Abenteuer. 

Ein kurzweiliger Reihenauftakt, der Lust auf mehr macht. Junge und Mädchen arbeiten trotz allerlei Stolpersteine zusammen, um die ausgebüchsten Fabelwesen wieder einzusammeln, ohne dass der magische Tierpark auffliegt. In fantastischem Setting mit eigensinnigen, amüsanten - menschlichen wie fabelhaften - Figuren wird auch die Hintergrundgeschichte um Logans Mom nicht vergessen und der Weg für weitere spannende Geschichten und Begegnungen mit Greifen, Einhörnern und Co. geebnet. Mit 312 großzügig bedruckten Seiten nicht zu lang und nicht zu kurz und für lesefaule Jungs im Alter zwischen 11 und 13 Jahren kein allzugroßer Brocken. 





(c) Bastei Lübbe,
Bildlink zu amazon

Rachel Hore 
Jene Jahre in Paris

Als Fay Mitte der 1950er Jahre auf Klassenfahrt nach Paris reist, ahnt sie nicht, dass diese Reise ihr Leben verändern soll. Die Glockenschläge der Notre-Dame versetzen die junge Britin in Schockzustand, überhaupt kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie nicht zum ersten Mal in Paris weilt. Wenige Jahre später, ihre Mutter befindet nach einem Zusammenbruch in einem Sanatorium, findet sie konkretere Anhaltspunkte: einen Kinderrucksack mit ihrem Namen und die Adresse eines Pariser Konvents. Inzwischen Violinistin, nutzt sie eine Konzertreise in die französische Hauptstadt, um mehr zu erfahren. Was sie findet, sind ein Stück verlorene Kindheit inmitten der Besatzungszeit und die Geschichte einer großen wie tragischen Liebe. 

Auf zwei Zeitebenen erzählt Rachel Hore die Geschichte ihrer Protagonistin Fay und die ihrer Eltern, letztere ist dabei größtenteils Hörensagen. So einfühlsam und mitnehmend "Jene Jahre in Paris" auch erzählt ist, so leidet der Roman doch auch unter der Tatsache, dass Fays Mutter  Kitty als zutiefst traumatisierte Gestalt selbst kaum zu Wort kommt und die Erzählungen mitunter recht unpersönlich wirken. Die aufkeimende Liebe zwischen Fay und Adam überfrachtet zudem stellenweise den Roman, insbesondere dann, wenn Adam in aktuelle Geschehnisse Anfang der 1960er Jahre verwickelt wird, die zwar als Parallele zu Fays Vater zu verstehen sind, aber unnötige Schwere mitbringen. Wer gern Kriegsschicksale liest und ein Faible für den Schauplatz Paris hat, ist mit Hores Roman sicherlich gut beraten, mich stimmte er aber eher schwermütig und ließ mich aufgrund einiger Längen öfter zu anderer Zwischenlektüre greifen.




(c) Piper,
Bildlink zu amazon

Nicolas Barreau
Eines Abends in Paris

Von seinem Onkel übernahm Alain Bonnard ein Programmkino in Paris. Seit einiger Zeit kommt regelmäßig eine junge Frau in rotem Mantel zu seiner Liebesfilmreihe. Immer sitzt sie auf demselben Platz. Irgendwann fasst sich Alain ein Herz und spricht sie an. Einen wunderbaren Abend verbringen sie miteinander, wollen sich in der nächsten Woche wiedersehen. Doch Mélanie taucht nicht auf. Während ein berühmter amerikanischer Regisseur und seine französische Muse aus heiterem Himmel Alains Kino als Drehort für ihren nächsten Film auswählen, macht sich der junge Mann auf die Suche nach der Frau seiner Träume. 

Mein erster Barreau hat mich nicht vom Sofa geworfen. Und dabei war der Einstieg wirklich vielversprechend. Mit lebendiger Leidenschaft stellt der Autor seinen cineastischen Hauptcharakter vor; selten habe ich mich mit einer - noch dazu männlichen - Hauptfigur so stark identifizieren können, so treffend weiß Barreau seine Sprache zu wählen. Herrlich romantisch zeichnet er auch Alains Begegnung mit Mélanie, voller Einfühlungsvermögen und Authentizität. Aber dann kam Hollywood nach Paris und die zarte Beziehung, die so abrupt abbricht und zur Suche nach Gründen und der großen Liebe wird, konnte mich nicht mitreißen. Einfach so, wie auch Mélanie so mir nichts dir nichts ohne Erklärung verschwindet. Streckenweise habe ich mich sogar gelangweilt. Glücklicherweise krankt "Eines Abends in Paris" nicht an Vorhersehbarkeit und weiß am Ende doch noch zu überraschen. Insgesamt schade, aber ich werde dem Autor gern noch einmal eine Chance geben. 

 







(c) Fischer,
Bildlink zu amazon
Jill Mansell 
Wer zweimal träumt

Vor achtzehn Jahren warfen ihr Vater und ihre Stiefmutter sie aus dem Haus. Doch nun ist der Griesgram, der sie offenbar nie wirklich geliebt hat, tot, und völlig überraschend erbt Lara ihr Elternhaus. Mit ihrer Tochter kehrt sie zurück nach Bath. Hier ist nicht ihre alte Freundin Evie, die ihren Verlobten im letzten Moment vor dem Altar stehen lässt, sondern auch ihre Jugendliebe Flynn. Ihn hat sie damals Hals über Kopf verlassen. Zurück in der alten Heimat geht Lara alten Geheimnissen auf die Spur und kann vor allem auch Flynn nicht aus dem Weg gehen.

"Wer zweimal träumt" ist eine vorhersehbare Liebesgeschichte, der es trotzdem nicht an Charme fehlt. Dafür sorgen neben ungekünstelten Dialogen unter anderem auch die Handlungsstränge der Nebencharaktere, die durch ihre eigenen Höhen und Tiefen gehen, ohne den Hauptstrang nachhaltig zu stören. Dessen erstes "Geheimnis" ist nämlich schon bald keines mehr, sodass die Geschichte um Lara und Flynn an sich nicht viel hergeben würde, auch wenn Mansell ihrer Protagonistin schweres Gepäck auf den Rücken schreibt. Seinen liebenswerten, verkorksten Nebenfiguren und ihren Verknüpfungen mit den Hauptfiguren verdankt der Roman schlussendlich Dynamik und Kurzweil. Ein Roman zum Schmunzeln und Seufzen, der Regentage heller macht. 



 

Samstag, 21. November 2015

... über "Big Game - Die Jagd beginnt" von Dan Smith

von Dan Smith

Zu viel Hollywood

(c) Chicken House, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Oskari steht zu seinem dreizehnten Geburtstag ein großes Ritual bevor: Die Nacht vor dem großen Tag soll er allein in den Wäldern seiner Heimat verbringen und mit dem traditionellen Jagdbogen seines Dorfes ein nach Möglichkeit großes Tier erlegen. Nur schafft er es bereits bei der Verabschiedung an der "Schädelstätte" nicht, den riesigen Bogen ordentlich zu spannen. Mit einigem Muffensausen setzt er sich also auf das alte Quad seines Dads und braust durch die Wälder, um den geheimen Jagdplatz seines Dads zu erreichen. Doch dann kommt alles anders. Oskari rutscht mit dem Quad vom Weg und nur einen Augenblick später dröhnt ein riesiger Hubschrauber über ihn hinweg. Was der Junge dann beobachtet, passt keineswegs in seinen Wald. Er gibt Fersengeld, aber schon kurz darauf bricht der Himmel über ihm ein und zwischen brennenden Wrackteilen und Bäumen liegt eine Rettungskapsel. Darin: der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ...

Meine Meinung: 
Meinem Sohn, der aktuell von einem Bogenschießvirus befallen ist, fiel ein passendes Buch in die Hände. Ohne je von dem gleichnamigen Film gehört zu haben, sprach ihn der Umschlag mit den übergroßen Lettern auf schwarzem Grund an. Und weil das Buch ohne Alterzuordnung unter "Kinderbücher" im Buchladen herumlag, haben wir es gekauft.
Ein Fehler dahingehend, dass mein Sohn zwei Jahre unter dem empfohlenen Lesealter liegt. Das ist nämlich, passend zum Alter des Protagonisten, mit 12 bis 17 Jahren angesetzt. Nach der Lektüre sind wir allerdings beide überzeugt, dass Smiths Roman wohl besser bei Lesern ab 14 aufgehoben ist. 
Gespickt ist die Geschichte mit Aktion, Gefahr, Adrenalin, das ein Kind zum Superhelden macht, und auch mit einer ganzen Menge Leichen. 
Zu Beginn verspricht "Big Game" eine naturverbundene Story über den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Mit erfolgreich absolviertem Jagdritual zählen die Jugendlichen in Oskaris finnischem Dorf nämlich zu den Erwachsenen. Dabei ist Oskari ein Durchschnittsjunge, der schon von Kindesbeinen an mit seinem Dad durch die Wälder zog und ganz sicher mal ein guter Jäger wird. Nun ist er aber auch noch ein Kind und kein Kraftprotz, sodass er dem Ritual entsprechend verunsichert entgegenblickt. Nach dem Tod seiner Mutter hat er einen besonderen Erfolg nötig, und er will auch keineswegs seinen Dad enttäuschen. Der steht nämlich ganz oben auf der Liste der Top-Jäger. Als es Oskari nicht gelingt, den traditionellen schweren Jagdbogen komplett zu spannen, sinkt ihm verständlicherweise der Mut. Doch Oskari ist mit Traditionen aufgewachsen und glaubt, wie seine Mom ihm schon immer sagte, daran, dass es da draußen ein Tier geben muss, das für ihn bestimmt ist. Das alles deutet auf eine Geschichte von Selbstfindung, Selbstvertrauen und Naturverbundenheit hin. 
Hollywood lässt aber nicht lange auf sich warten. Hätte ich das Impressum hinten im Buch zuerst gelesen (meinen Sohn interessiert ja so etwas ohnehin nicht), wäre mir eine gewisse Vorahnung nicht erspart geblieben. Dort wimmelt es nämlich von "Based on ..." So basiert Smiths Roman nicht nur auf der Originalgeschichte von Jalmari Helander und Petri Jokarinta, sondern auch auf Helanders Drehbuch und dem gleichnamigen Film. Es ist damit nicht verwunderlich, dass Oskari und sein Umfeld von Beginn an eher den Eindruck machen, es handele sich um amerikanische Ureinwohner. Finnland kommt erst später im Zuge der Begegnung mit dem US-Präsidenten zur Sprache. Das Setting ist austauschbar und entbehrt einer lokalen Färbung. Oskari könnte genauso gut durch die Rockies wandern. 
Spätestens als Oskari mit seiner Tarndecke zum Landeplatz des riesigen Hubschraubers robbt und Terroristen mit ihren Gewehren beobachtet, rutschen wir hinein in ein Action Movie, das flott mit seiner ersten Leiche seinen Lauf nimmt. Oskari muss zum Erwachsenwerden gar keinen großen Hirsch erlegen, nein, er darf den Präsidenten der freien Welt retten. Auf geht es mit unbrauchbarem, schwerem Jagdbogen und Campingequipment mit dem Präsidenten durch den Wald, Attentäter sind den beiden auf den Fersen. Selbstverständlich ist der Junge in seinem Element und der Staatschef ziemlich hilflos. Pathetische Dialoge, atemberaubende Actionsequenzen - Zwölfjähriger hängt mit Kühltruhe am Hubschrauber, springt hohe Wasserfälle hinab, schwimmt durch eiskalte Seen -, erschossene Secret-Service-Agenten und liquidierte Air-Force-One-Besatzung pflastern den Leseweg, und selbstverständlich blieb der Feuerball, als das Präsidentenflugzeug nebst Begleitflugzeugen vom Himmel geholt wurde, unbemerkt. Pläne werden vereitelt und so ganz ohne Handy und Fähigkeit im Umgang mit vorhandenen Waffen gestaltet sich die Flucht der beiden ungleichen Protagonisten konfliktreich, aber auch ziemlich ziellos. Nur gut, dass es die SEALs gibt ... 
Das wird zwar rasant und routiniert spannend erzählt, vom erhofften Bogenschützen oder Naturburschen lesen wir jedoch nicht genug. Leider bleiben Oskari und der Präsident ziemlich blass und die Beweggründe der Attentäter gewohnt plakativ.
Mein Sohn hat sich somit beim Lesen nicht nur ziemlich gefürchtet, immerhin schwamm Oskari nicht nur metaphorisch zwischen Toten, sondern bleibt einigermaßen enttäuscht zurück. Sein Fazit: "Da hätten wir auch ins Kino gehen können, und daheim hätt' ich dann ein gutes Buch gelesen."

Fazit:
Schnell zwischendurch zu lesendes Action-Spektakel, das vermitteln will, das man nie glauben soll, man sei nicht gut genug, aber die Belanglosigkeit nur selten verlässt. Nur Actionfans zu empfehlen, die gerne das "Buch zum Film" lesen. 

Gesamteindruck: 
2 von 5 Weißdornzweigen
 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Chicken House (24. April 2015)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Birgit Niehaus
  • ISBN-10: 3551520739
  • ISBN-13: 978-3551520739
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 17 Jahre
  • Ladenpreis: 15,99 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.  

Donnerstag, 5. November 2015

... über "Kräuter der Provinz" von Petra Durst-Benning

Petra Durst-Benning
Köstliche Lektüre 
(c) Blanvalet, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Therese ist Wirtin der Goldenen Rose und Bürgermeisterin von Maierhofen. Beschaulich eingebettet in eine Wohlfühllandschaft liegt das Dorf im schwäbischen Allgäu, aber wie so manch anderer kleiner Ort leidet auch Maierhofen unter der Abwanderung der Jungen, und dem lokalen Gewerbe droht das Aus. Sorgenvoll blickt Therese auch in ihre eigene Zukunft - erst kürzlich erhielt sie die Diagnose: Krebs. Doch bevor sie sich um sich selbst kümmern kann, will sie das Schicksal Ihres Dorfes in die richtigen Bahnen gelenkt wissen. Als sie im Fernsehen sieht, dass ihre Cousine Greta Roth einen Werbepreis gewinnt, kommt ihr eine Idee: Maierhofen soll eine Imagekampagne bekommen. Nur hatte Therese zuletzt als Kind Kontakt zu Greta und die Gemeindekassen sind sowie leer. Also entsinnt Therese einen Plan, um die Städterin Greta wieder in die Provinz zu locken. Aber wird sie damit Erfolg haben?

Meine Meinung:
Zahlreiche Romane sind bereits aus Petra Durst-Bennings Feder geflossen, „Kräuter der Provinz“ ist jedoch das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Angesichts des recht aufgeräumten Covers mit seinem ländlichen Kochbuchlook war ich noch nicht überzeugt. Nach dem zweiten Blick hat sich der Griff zur Lektüre allerdings gelohnt.
Mit „Kräuter der Provinz“ legt Petra Durst-Benning nämlich einen warmherzigen Roman vor, der heimelige Herbstlesestunden beschert und stellenweise ganz schön für Magenknurren sorgt.
Dass ich mich mit den Kräutern der Provinz so zu Hause gefühlt habe, ist vor allem den Protagonistinnen zu verdanken. Wir haben es hier nicht mit gekünstelten jungen Hüpfern zu tun, sondern mit Frauen, die in ihren Vierzigern an einem Wendepunkt in ihrem Leben angekommen sind.
Da ist zum einen Therese, die als Herz des Romans und des Handlungsortes Maierhofens eingeführt wird. Obwohl sie krankheitsbedingt über weite Strecken der Handlung nicht einmal anwesend ist, hält sie doch alles zusammen. Sie ist die Initiatorin der Geschichte, und der Autorin gelingt es ausgezeichnet, Therese präsent zu halten, selbst wenn sie keine eigenen Szenen bekommt. So entkommt der Roman auch übermäßiger Trübsal und konzentriert sich auf Wünsche und Träume und deren Umsetzung.
Dafür soll nun Thereses Cousine Greta zuständig sein. 
Werbefrau Greta Roth - die Rot zu ihrem Markenzeichen gemacht hat und bislang zu den ganz Großen in ihrer Werbeagentur zählte - hat sich nun aber ganz und gar nicht auf Landlust und dörfliches Image spezialisiert. Deshalb muss sie erst einmal überzeugt werden. So wird zunächst Hausmütterchen Christine nägelkauend auf die Reise nach Frankfurt geschickt. Mit Laugenbrezeln als Gruß stolpert die Hausfrau und von ihren Töchter wenig geschätzte Mutter in Gretas Wohnung und Leben, um sie nach Maierhofen zu locken. Mit Erfolg: Wenig später reist Greta im schicken Auto mit Navi - weil es im Reisebüro kein Pauschalangebot gab - an und bekommt einen Kulturschock.
Ohne dass die Lektüre langweilig wird, erleben wir denselben Ort, den wir bereits auf den ersten Seiten kennenlernen durften, noch einmal - durch Gretas Augen. Und das ist ebenso ernüchternd wie amüsant.
Wir begleiten Greta, um das Dorf und seine Bewohner kennenzulernen. Kartoffelbäuerin Roswitha, die schon zeitig vorgestellt wird, Metzgermeister Edy, der ein tierisches Problem mit seinem Beruf hat, Jessy, die Likör-Frau, Aussteigerin und Sennerin Madara, Sam, der mürrische Koch in der Goldenen Rose … sie alle haben Träume und Ideen, die im Laufe der Geschichte herausgekitzelt werden. Und sie alle haben besonderen Sinn für ursprünglichen Genuss - etwas, das der Städterin Greta abhanden gekommen ist.
Neben den urwüchsigen, aber auch kreativen Köstlichkeiten lockt in Maierhofen auch noch eine ganz andere Versuchung, auf die Greta in ihrem „Alter“ beinahe nicht mehr zu hoffen gewagt hätte …
Petra Durst-Benning zeichnet ein lebendiges Bild des Landlebens mit seinen Sorgen, aber auch den bunten Festen, die den ländlichen Raum so manches Mal zusammenhalten. Allerdings ist der Maierhofen vergleichsweise groß und nach meinem Verständnis eher eine Kleinstadt, sodass ich mein persönliches Dorferleben nicht unbedingt darin wiederfinden kann. Aber die Vorstellungen von einem Dorf dürften wohl genauso bunt sein wie die Dörfer selbst … sodass Maierhofen durchaus all jene kleinen Orte repräsentieren darf, in denen vor allem die Menschen in mittlerem Alter dafür kämpfen, dass den Jungen eine Lebensgrundlage erhalten bleibt und die Orte nicht von der Bildfläche verschwinden. Von Ambiente allein lässt es sich schließlich nicht leben. Dass das nicht einfach ist, klingt in „Kräuter der Provinz“ ebenso an wie der Appell, dass es darauf ankommt, Träume wirklich in die Hand zu nehmen und Ideen gemeinsam umzusetzen. In sich hineinhören und genießen können - Fähigkeiten, die es wert sind, zurückerlangt zu werden.
Trotz des ernsteren Handlungsstrangs um Thereses Krankheit ist „Kräuter der Provinz“ ein vornehmlich heimeliger Roman, in dem zwar Stolpersteine auf dem Weg liegen, aber ansonsten alles ziemlich glatt läuft. Gerade in Bezug auf kulinarische Neuerungen und den Verkauf selbst zu bereiteter Lebensmittel stelle ich mir gewisses Konfliktpotential vor (Besuche von der Lebensmittelkontrolle sind durchaus Realität).
Da das Wagen von Träumen aber im Mittelpunkt steht, ist es wohl eher folgerichtig, die Hürden zu minimieren und die Freude am Genießen zu vermitteln. Und das gelingt Petra Durst-Benning sehr gut mit untrüglichem Gespür für authentische Dialoge, die stets zur Situation und zu ihren Protagonisten passen, kleine Seufzermomente inklusive. 
„Kräuter der Provinz“ ist ein Wohlfühlbuch, das anregt, Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, und Mut macht, neue Wege zu beschreiten. Vielleicht hat es auch genau deshalb ein offenes Ende …

Wer sich am Ende nicht nur in Maierhofen und seine kochenden, backenden, kreativen Bewohner verliebt, sondern auch Lust bekommen hat, die angesprochenen Köstlichkeiten selbst auszuprobieren, wird auch in diesem Buch fündig. Abgeschlossen wird der Roman mit einer Reihe von „Genießertipps“, die den eigenen Küchenalltag aufpeppen.

Fazit:
Ein Wohlfühlroman mit authentischen Charakteren, die ihr Leben in die Hand nehmen und (wieder) lernen zu genießen.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (14. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734100119
  • ISBN-13: 978-3734100116
  • Ladenpreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

Freitag, 9. Oktober 2015

... über "Die Tochter des Malers" von Gloria Goldreich

Gloria Goldreich

Weil ich mich nicht kurz fassen konnte, stelle ich ausnahmsweise mein Fazit voran:
Als streng biografisch angelehnter Roman dürfte „Die Tochter des Malers“ Fans von Romanbiografien, die sich viele Informationen wünschen oder sich speziell für Chagalls familiäres Umfeld interessieren, gefallen. Autorin Gloria Goldreich bietet allerdings kontroverse Charaktere, die sie bewusst nicht von der Realität entfernt und die zum Teil erschreckend unsympathisch sind. Leider verliert sie auch so manches Mal ihre Protagonistin Ida Chagall aus dem Blick. Unnötige Längen und ein abfallender Spannungsbogen in Verbindung mit erzählerischen Schwächen sind die Folge. Dennoch erwarten den Leser interessante, lesenswerte Einblicke in die judenfeindliche Politik Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs und die boomende Nachkriegs-Kunstwelt, kleine Begegnungen mit Zeitgenossen und zeitlich angemessene Sprache und an die Kunst angelehnte Bilder, die durchaus Lust auf mehr von/über Chagall machen. 

(c) Aufbau-Verlag; Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:


Als Ida Mitte der 1930er zu einem Sommerlager für russische Emigranten aufbricht, hat sie nur die Liebe im Sinn. In den Armen des Jurastudenten Michel ist sie nicht die behütete Tochter des großen Marc Chagall. Für den Augenblick eines unbeschwerten Sommers tut sie, wonach ihr der Sinn steht. Zurück in Paris, folgt die Ernüchterung: Id(otschk)as und Michels Sommerliebelei ist nicht ohne Folgen geblieben. Idas Eltern sind entsetzt. Um einen Skandal zu vermeiden, macht man sich schlau, lässt die Tora auslegen und beschließt nicht nur ein avortement, sondern auch die Vermählung der Kinder. Mit nicht einmal zwanzig wird Ida ungewollt zur Ehefrau. Energisch nach ihrem Platz im Leben suchend, avanciert sie, jung und schön, zur Vertreterin der Kunst ihres schaffenswilden Vaters. Weiterhin untrennbar in den Mikrokosmos ihrer kleinen Familie eingebunden, reist sie für ihn, sorgt für die finanzielle Absicherung. Doch über Europa ziehen dunkle Wolken auf. Ida erkennt die drohende Gefahr. Nach all den Jahren, die das russisch-jüdische Ehepaar Chagall unstet verbrachte, seit es Russland hatte verlassen müssen, wähnt sich Chagall jedoch in Frankreich in Sicherheit. Von Paris weicht man gerade einmal in den französischen Süden aus, wo der Künstler sich selbstvergessen seinem Werk widmet, während Ida alles daran setzt, ihren Eltern die Ausreise zu ermöglichen. Aus dem viel gelobten Mädchen, das der berühmte Vater so gern in unschuldigem Weiß auf seine Gemälde bannte, wird eine Kämpferin. Eine junge Frau, die auch nach dem Krieg weiterkämpft … um Anerkennung und Unabhängigkeit gleichermaßen. Aber wann wird sie ihren eigenen Weg finden?

Meine Meinung:
Viel wurde über den Maler und Mystiker Marc Chagall geschrieben. Seine Lebensgefährtin, mit der er nach dem Tod seiner Ehefrau Bella sieben Jahre verbrachte, meldete sich zu Wort wie auch sein unehelicher Sohn und nicht zuletzt der Meister selbst in einer Autobiografie. So scheint es doch nur angemessen, dass sich ein/e Autor/in voll und ganz der Frau widmet, der er wohl nicht nur sein Leben, sondern auch zu großen Teilen Wohlstand und ständige Präsenz in den Kunsthallen dieser Welt verdankte: seiner Tochter Ida.
Gloria Goldreich, Expertin für jüdische Geschichte und vielfach ausgezeichnete Autorin, legt mit „Die Tochter des Malers“ eine detailliert recherchierte, auf strenge Einhaltung der Chronologie bedachte Romanbiografie vor, die gut zwei Dekaden im Leben Ida Chagalls überspannt. Mit hohem Anspruch und unverkennbarem Interesse an der Kunst und dem Wesen ihrer Figuren stellt sie dem Leser eine Frau vor, die, gefangen zwischen dem Drang, aus dem Schatten des berühmten Vaters zu treten, und dem Wunsch, sich stets und ständig der Liebe und Anerkennung ihres Vaters zu vergewissern, zu einer, so möchte man meinen, energischen und starken Frau heranreift. 
Auf dem Buchumschlag heißt es: "Schönheit ist das Leben ihres Vaters Marc Chagall. Doch sie sucht die Liebe." Vorsicht, wer hier nach Romanze lechzt. Den Aufdruck darf man durchaus zweideutig verstehen.
In ihren Erinnerungen „Sieben Jahre der Fülle - Leben mit Chagall“ (1987 im Diana-Verlag erschienen), die Goldreich im Vorwort zu ihrem Roman im Übrigen ausdrücklich empfiehlt, mutmaßt Virginia Haggard, Chagalls Lebensgefährtin, wie schwierig es gewesen sein muss, die Tochter eines berühmten Mannes zu sein. Ida sei nicht immer so geliebt worden, wie sie es brauchte, postuliert sie. Während Haggard jedoch Abstand davon nimmt, das Chagallsche Beziehungsgeflecht zu verteufeln, webt Goldreich einen Roman, in dem Sympathieträger zur Nadel im Heuhaufen werden.

Antihelden aus dem wahren Leben

Zwar ist Ida eine der seltenen literarischen Gestalten, die (zunächst) eine echte Entwicklung durchlaufen. Dennoch täuscht ihre über weite Teile ihrer Geschichte omnipräsente Stärke nicht darüber hinweg, dass ihr Freistrampeln zunächst nur Makulatur ist und einem großen Schlag entgegendriftet.
Auf den ersten Seiten, die aufgrund von Zeit- und Ebenenwechseln etwas kompliziert sind, deutet die Autorin Familien- und Fluchtkontext an, der dem Leser als Interpretationsgrundlage dienen darf. Schlägt er dieses Angebot aus, mag Idas Entwicklung zu einer Person, die - im Grunde sogar ungefragt - enorme Verantwortung übernimmt, „aus heiterem Himmel“ erscheinen. Denn nicht immer lassen sich die zeitlichen Übergänge und Ereignisse und die Verhaltensweisen schlüssig nachvollziehen.
Ida Chagall ist kein Romancharakter, mit dem es sich leicht mitfühlen lässt, ganz gleich, wie unsympathisch wir ihren Vater Marc Chagall präsentiert bekommen.
Wir erleben ihn als egozentrischen Künstler, der, wenngleich nicht praktizierender Jude, in Fatalismus versinkt, sich wie ein Kind von den Frauen in seinem Leben abhängig macht und sie dabei in Abhängigkeit verstrickt, während er nicht wahrnimmt, wie sie an ihrer Aufopferung zu zerbrechen drohen. Oder doch? Wir erfahren es nicht, denn Goldreichs Romanbiografie mangelt es an Grautönen.
So mutet Idas Leben wie ein Fulltime-Job für Chagall an. Von Beginn an steckt sie in einem Geflecht von Abhängigkeit. Alles dreht sich um Chagall, der sich mehr Sorgen macht, dass seine Bilder den Krieg überstehen, als um seine eigene Tochter (und den Schwiegersohn, den er gar nicht will, aber sich selbst aufzwingt). Bella, Idas Mutter und Chagalls ewige Inspiration der großen Liebe, ist stets bestrebt, ihm alles mundgerecht zu richten, ihn zu besänftigen, während sie selbst unverkennbar kränkelt und Russland hinterhertrauert. Ihre Rolle übernimmt schließlich Ida. Einst Muse und Modell wird sie zur Elternfigur, die immer auf engstem Raum mit ihrem Vater lebt, ihn bei seinen Kunstvertretern in aller Welt vertritt, Ausstellungen mitorganisiert und ihm schlussendlich neue Frauen an die Seite stellt. Dabei bleibt Ida, die als wiederholt als wunderschön und clever beschrieben wird, oft auf der Strecke. Und mit ihr auch die Menschen, die ihr Leben - ohne Chagall - teilen möchten.

Abhängigkeiten

Positiv fällt dabei auf, dass Idas Weg zunächst durchaus glaubhaft geschildert wird. Zu Beginn begegnen wir einem unsicheren Mädchen, das noch seinen Weg sucht. Idas künstlerisches Talent liegt noch brach, wird, verständlicherweise, rasch mit kritischem Blick bedacht. Am liebsten hätte sie es, dass ihr die Kunst einfach zuflöge, wie sie es bei ihrem Vater zu sehen glaubt. Aufgrund ihrer Intimitäten mit Michel schliddert sie in eine von ihren Eltern erzwungene Ehe. Sie orientiert sich neu, sorgt sich um die Kunst ihres Vaters, denn sie glaubt, sein Schaffen zu verstehen. Bis der Krieg brüsk ihre Jugend und Unbeschwertheit unterbricht. Der Kampf ums Überleben der Chagalls rückt in den Mittelpunkt, Ehemann und Schwiegereltern verkommen immer mehr zu Randfiguren. Dann Exil in New York. Eine Übergangslösung, in der sich die Eltern unwohl fühlen, sich weigern, die neue Lebenssituation anzunehmen, drei Brocken Englisch zu lernen, während die Tochter in ihren Zwanzigern die Mutter spielt, alles managet und schließlich versucht, die verlorene Jugend nachzuholen. Sie gibt Partys, stürzt sich in eine Affäre, entfremdet sich weiter von ihrem Ehemann, der - glücklicherweise - ein Freund bleibt. Doch nie ist Ida unabhängig. Marc Chagall ist das ewige Zentrum allen Interesses. Mit Chagall verdient sie ihr Geld. Lange lebt sie mit Chagall, sorgt für ihn, spricht ihm geradezu die Selbständigkeit ab und mischt sich, als sei es eine Selbstverständlichkeit, in sein Leben ein.
Und spätestens dann steht Ida Marc in nichts nach - sie ist weder sympathisch noch hat sie großartiges Identifikationspotential. Sie liegt wie ein Käfer auf dem Rücken und strampelt, weil es ihr vielleicht doch ganz gut gefällt, und der Leser kann es kaum noch erwarten, dass sie auf die Beine kommt.

Längenkrankheiten

Gloria Goldreichs Romanbiografie bietet sicherlich hohen Anspruch, der sich zum einen in der Thematisierung von Chagalls Kunst und Leben vor dem Hintergrund des Judentums und zum anderen auch in einer möglichst authentischen Darstellung der Personen äußert. Damit verbunden ist auch die Annäherung an die Person seiner Tochter, um die es zumindest im großen WWW ziemlich still ist.
Die Autorin ist bestrebt, Ida Chagall und ihrem Wirken gerecht zu werden, und versucht, sie möglichst lebensnah in all ihrer Vitalität, Schönheit und Klugheit darzustellen. Kontrovers als literarische Figur vorgestellt, weckt sie doch einige Emotion, und sei es nur ein unverständiges Kopfschütteln.Vielleicht soll man Ida gar nicht lieb gewinnen und vielleicht soll man ebenso atemlos durch das Buch hecheln wie sie durch ihr Leben? Nur sind mehr als fünfhundert Seiten eine ganz schön weite Strecke, auf der man auch mal ein Energieleckerli benötigt. Zum Beispiel Atmosphäre ... 
Goldreich wählt zwar größtenteils gut funktionierende Bilder, die sie der Kunst entnimmt und in Dialoge einpflanzt, doch es gelingt ihr nicht immer, Atmosphäre zu erschaffen. Nah an die wahre Biografie angelehnt, wechseln die Schauplätze häufig. Im Gegensatz zu den nichtfiktiven Figuren, die oft starke Emotionen in Bezug auf einen Ort empfinden, hat der Leser kaum Gelegenheit, sich ebenso in Orte zu verlieben oder in ein bestimmtes Flair einzutauchen. Wohnräume sind nüchtern dargestellt, dienen ihrem Zweck, über allem hängt der Geruch von Terpentin, der geradezu symbolhaft alles und jeden überschattet. 
Schade für all jene, die sich angesichts des - im übrigen inhaltlich durchaus stimmigen Covers  - Einblicke in die lebendige Pariser Kunstwelt erhoffen.
Dem englischen Titel „The Bridal Chair“ entsprechend punktet die Autorin allerdings mit dem "Hochzeitsthron", dem physisch existenten Bild, das Chagall anlässlich Idas Hochzeit mit Michel malte. Gekonnt hält sie ihn als roten Faden in ihrem Roman aufrecht und platziert ihn als treffsicheren Begleiter in Idas Geschichte.
Nicht so treffsicher geht die Autorin allerdings mit ihrer Erzählperspektive um. Während sie stellenweise die personale Erzählperspektive bewusst und gekonnt wechselt, um Ida durch die Augen einer Nebenfigur zu betrachten und ihr mehr Tiefe zu verleihen, stolpert sie an anderer Stelle über ihren eigenen Kunstgriff und verliert ihre eigentliche Hauptfigur fast aus den Augen. So erzählt sie beispielsweise viel zu viel über Virginia Haggard, die, so sehr sie der Autorin auch ans Herz gewachsen sein mag, Ida Chagall als Hauptfigur nicht in den Schatten stellen sollte. Der Leser gewinnt rasch den Eindruck, die Autorin habe womöglich Mühe gehabt, Prioritäten zu setzen. Damit entstehen Längen, die den Lesefluss stören.
Mit 576 Seiten breit angelegt, leidet die „Die Tochter des Malers“ außerdem an blassen Aufzählungen von Ereignissen und Episoden in Ida Chagalls Leben, die für den Leser nicht von Belang sind und dem Spannungsbogen nicht gut tun. So sind zeitliche Übergänge oftmals wenig elegant überbrückt und mit „traumlosen Nächten“ angefüllt. Beziehungen enden abrupt, andere befinden sich ohne nennenswerte Vorzeichen in voller Fahrt. Dem aufmerksamem Leser dürften auch zeitliche Ungenauigkeiten nicht entgehen. Insbesondere im letzten Dritte entsteht der Eindruck, dass der Autorin die Puste ausgeht. Vieles wird schnell und harsch abgehandelt, und nicht zuletzt wirkt das Ende, obwohl es zweifellos der Prämisse des Romans entspricht, überraschend brüsk.
Nichtsdestotrotz hat „Die Tochter des Malers“ eine willkommene Nebenwirkung: Der Roman macht Lust, parallel zur Lektüre nach Chagalls Bildern zu stöbern und mehr über die Personen zu erfahren. Nach Anne Girards "Madame Picasso" bleibt nun abzuwarten, welche Frau aus dem Leben eines Künstlers uns der Aufbau-Verlag noch präsentieren wird.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen




Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (21. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746631823
  • ISBN-13: 978-3746631820
  • Neupreis: 12,99 € (D)
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...