Dienstag, 30. Juni 2015

... über "En finir avec Eddy Bellegueule" von Edouard Louis

Edouard Louis

Mechanismen des Unerträglichen. 
Ein Schrei, den nicht jeder hören will. 
 
Zum Inhalt:
Von klein auf passt Eddy nicht dazu. Nicht zu den anderen Kindern, nicht zu seiner Familie. Mit femininen Zügen ausgestattet, ist er früh schon als Schwuchtel verschrien, hat in der Schule Schläge einzustecken und kann in seinem ärmlichen Elternhaus, in dem es keine Türen für Privatsphäre gibt, Geschlechterrollen klar abgesteckt sind und von früh bis spät der Fernseher läuft, weder Verständnis noch Hilfe erwarten, ist er doch geradezu abstoßend für sie und Quell der Schande. Eddy will ausbrechen aus seinem sozialen Milieu, der Armut und der täglichen Gewalt. Ein erster früher Fluchtversuch scheitert, doch Eddy findet einen neuen Weg ...

Meine Meinung:
„En finir avec Eddy Bellegueule“, in Deutschland bei S. FISCHER unter dem Titel „Das Ende von Eddy“ erschienen, ist der autobiografische Roman des noch jungen Schriftstellers Édouard Louis. Äußerlichsowohl in der französischen Originalausgabe des für seine einheitliche Umschlaggestaltung bekannten Verlags Seuil als auch in der deutschen Ausgabe wie ein pädagogisches Fachbuch anmutend, bedarf es doch eines gewissen Interesses, nach dem Roman, der in Frankreich ein Überraschungserfolg war, zu greifen. 
"En finir avec Eddy Bellegueule" entpuppt sich als Roman, der oft von so stark distanzierter Außenbetrachtung durchzogen ist, dass die Abgrenzung zur Autobiografie erschwert wird. Mit Anfang 20 reflektiert Eddy Bellegueule, inzwischen zu Édouard Louis geworden, seine Kindheit im französischen Norden. Wo Armut und Arbeitslosigkeit dominieren, zeichnet der junge Mann ein geradezu klischeehaftes Bild seiner ehemaligen Heimat, erzählt vom erdrückenden Dorfleben mit seinem vorgezeichneten Denken und seinen festgefahrenen Rollenbildern. 
Der Legende um Louis’ Beststeller zufolge sei sein Manuskript zunächst unter anderem abgelehnt worden, weil man seinen Schilderungen kaum Glauben schenken könne. 
Dabei sind es doch gerade seine Schilderungen von ländlichem Miefs über gelebte Kleingeistigkeit bis hin zur hausgemachten Ausweglosigkeit, die dem Leser, der schon mal den Fuß vor die Tore der Großstadt gesetzt hat, nicht unbekannt sein und hier besonders eindrücklich ins Bewusstsein rücken dürften. 
Mit der Akribie eines Soziologen analysiert Louis das Umfeld seiner Kindheit, oft aber fehlt ihm Raum für persönliche Emotionalität. Der Eddy, der der Autor selbst war, bleibt hinter der Distanz zurück, wirdabsichtlich, möchte man meinenmit analytischen Betrachtungen von Herkunft, Gegebenheiten, aus denen so gar keiner ausbrechen will, und Gewalt unterdrückt. 
Nähe bezieht Louis’ Roman aus Einschüben wörtlicher Rede. Ohne Punkt und Komma, nur in Kursivdruck deutlich gemacht, flicht der Autor die Sprache seines Dorfes, seiner Eltern, seiner Mitmenschen ein. Sie strotzt vor Argot, mangelnder Bildung. Deutlich ist sie, hart und bringt die Authentizität, die der Roman benötigt, um nicht an seiner eigenen Analytik zu ersticken, und gerade an dieser Stelle würde ich im Nachgang tatsächlich gern noch die deutsche Übersetzung lesen. 
Ein großer sprachlicher Knalleffekt bleibt dennoch aus. Der junge Autor ergeht sich nicht in Wortgewalt, sondern bleibt trotz seiner Ausflüge in den schnoddrigen Argot, mit dem er aufgewachsen ist, erstaunlich nüchtern. 
Nach vielen Seiten, die Eddys Leidensweg eingebettet in bisweilen als Entschuldigung anmutende Geschichten über Vater und Mutter schildern, schwenkt Louis schließlich über zu seiner sich von Anfang an andeutenden Suche nach seiner Sexualität. 
Ist er homosexuell, wie ihm die Schmährufe und Schläge glauben machen wollen? 
Welche „Neigung“ hat er? 
Ist er der, für den ihn alle anderen halten? 
Kann er sein wie die anderen? 
Will er überhaupt dazugehören? 
Auf seiner Suche nach seinem Platz macht Eddy ‒ und wir lesen hier von einem Kind, das noch nicht zum Lycée übergewechselt ist ‒ alles mit, lässt alles mit sich machen. 
Hat der aufgeschlossene Leser bislang vielleicht wissend genickt, denn komasaufende Jugendliche, Gewalt auf dem Schulhof, die angeblich keiner sieht, oder Lehrer, die Flausen in Kinderköpfen demontieren, dürften wahrlich keine unbekannten Größen sein, so schabt Louis nun heftig an der Grenze des Erträglichen. 
Szenen, in denen das Kind bei heimlichen Treffen in einem Hangar von seinem eigenen Cousin zu Geschlechtsverkehr gezwungen wird (und Gefallen daran findet (?)), lasten schwer und werfen die Frage auf, wie viel Direktheit Louis’ Schrei nach Veränderung und Toleranz überhaupt benötigt, um gehört zu werden. 
Wie abgestumpft mag der Leser wohl sein, wenn er mit voyeuristischem Blick durch ein Brennglas jenseits der Romantik aufgeschreckt werden muss? 
Mit Eddy stolpern wir von jenen homoerotischen Erfahrungen zu einem arrangierten Beziehungsversuch mit der 18-jährigen (!) Freundin seiner Schwester. Und immer wieder stellt sich die Frage, wo Autobiografie endet und Fiktion beginnt. 
Der Wunsch, „mit Eddy abzuschließen“ ‒ aus Lesersicht durchaus zweideutig zu verstehen ‒, keimt mit jedem Bild, mit jedem Anflug von peinlicher Berührtheit und von sogar von Wut und Unverständnis. 
Dem Autor gelingt es, seinen vermeintlichen Schicksalsweg zu verlassen. In Fiktion oder Realität setzt er zur Flucht an, bis er den Weg findet. Zu einer weiterführenden Schule mit Internat, eine Zugreise von seinem Dorf entfernt. 
Doch kann er nun wirklich befreit über den Zuruf „Schwuchtel“ lachen?
Wir erfahren es nicht, denn Louis endet seinen Epilog abrupt. 
Was bleibt, sind die Mythen rund um den Bestseller eines jungen französischen Autors, der mit Eddy abgeschlossen hat, aber ‒ ohne dass an dieser Stelle die Unfähigkeit der Eltern entschuldigt werden soll ‒, tragische Figuren in einer Milieustudie der Ausweglosigkeit und ein schales Gefühl von einem Tropfen auf dem heißen Stein zurücklässt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 3 (12. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch, aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
  • ISBN-10: 3100022777
  • ISBN-13: 978-3100022776
  • Originaltitel: En finir avec Eddy Bellegueule

Dienstag, 5. Mai 2015

... und dann weint der Himmel.

Córdoba hat einen großen modernen Bahnhof.
Wer mit großem Gepäck reist,
wird hier wie am Flughafen durchleuchtet.
Das soll es jetzt gewesen sein?
Gerade habe ich meinen Anflug von Heimweh überwunden, und schon ist der letzte Tag unserer Rundreise mit dem Al-Andalaus angebrochen. 

Als ich mich am Samstagmorgen in den wärmenden Bademantel unseres Hotels auf Schienen hülle, um der morgendlichen Kälte zu entkommen, sind unsere Koffer längst gepackt. 
Gut, wirklich ausgepackt waren sie nie, aber nun sind sie tatsächlich abreisebereit - bis auf Kleinigkeiten, die sich gegen Mittag noch flott verstauen lassen. 
Heute haben wir eine halbe Stunde länger Zeit. 
Das Glöckchen bimmelt etwas leiser als in den vergangenen Tagen. 
Wir aber sind wieder längst wach, weil wir die Party frühzeitig mit bleiernen Gliedern verlassen haben. 
Endlich nehme ich das Summen der Wand nicht mehr wahr. 
Jetzt habe ich mich an die Umgebung gewöhnt und könnte glatt noch eine Woche dranhängen. 
"Unglaublich, wie schnell so eine Woche vorbei ist", stellen auch unsere Reisefreunde am Frühstückstisch fest. 
Das Schinkenomelette ist heute besonders dunkelbraun.
 Ja, es haben wirklich alle gefeiert. 
Es schmeckt trotzdem. 
Seneca
Um 10 Uhr brechen wir schließlich zu unserem letzten Programmpunkt auf. Córdoba erwartet uns. 
Die Spanier in unserer Reisegruppe sind warm eingemummelt. 
Regen prophezeien sie. 
Als unser Bus uns vor der Altstadt abliefert, ist es tatsächlich trüb. 
Der Himmel hat genau dieses trostlose Nuance von hellem Grau, die jedes Foto mit meiner Kamera zum Glücksspiel werden lässt. 
Unser Busfahrer Sergio verteilt Stockschirme mit Renfe-Logo. 
"Ach, ich schlepp doch keinen Schirm mit mir rum!", beschließt meine Mama. 
Ich nehme einen. 
Stockschirme sind doch so schöne Spazierstöcke. 
Vor dem Tor des Almodovar lernen wir unsere Stadtführerin kennen. 
Stadtmauer
Wieder teilen wir uns eine Führung mit unseren US-amerikanischen Mitreisenden. 
Auch heute werden Verstärker und Kopfhörer ausgegeben. 
Nachdem wir das Tor durchquert haben, wird sich auch zeigen, wie hilfreich diese Technologie ist. 
Denn trotz des trüben Wetters ist Córdobas Altstadt angefüllt mit Touristen. 
Weil neben dem Tor eine unübersehbare Statue des Philosophen Senecas aufgestellt wurde, ist er, berühmter Sohn der Stadt, der erste, über den wir etwas erfahren.
Eine Auffrischung des Lateinunterrichts kann nie schaden.
Die Decke der Synagoge
"Im Jahre 65 n. Chr. starb er in Rom", endet unsere Stadtführerin und winkt uns, ihr zu folgen. 
"Er wurde ermordet", flüstert ein Teilnehmer. 
"Na und?", gibt seine Frau zurück: "Wenn man ermordet wird, stirbt man auch."
Liegt es am Wetter? 
Irgendwie ist die Stimmung trüb. 
Ihm - Seneca, nicht unserem bewanderten Teilnehmer - wurde übrigens die Selbsttötung befohlen. 
Na ja, auch eine Form der Ermordung. 
Durch Córdobas enge Gassen werden wir zunächst zu einer Synagoge geführt. 
Nein, nicht zu einer, sondern zu der Synagoge.  
Ganze drei Synagogen gibt es noch in Córdoba, diese aber gilt als ausgemachte Kostbarkeit mit ihren Stuckverzierungen im Mudéjarstil. 
Nach zwei Tagen Führungspech haben wir heute eine großartige Stadtführerin. 
Sie kennt sich aus in Stadtgeschichte und Architektur, leiert aber keine einstudierten Texte herunter. 
Die Frauengalerie
Geduldig beantwortet sie Fragen, interagiert und gestaltet ihre Führung lebendig. 
Als wir in einem der malerischen Innenhöfe Córdobas eintreffen, ist das Wetter nur noch Nebensache: 
Blau bemalte, bunt bepflanzte Terrakottatöpfe vor den weiß getünchten Mauern heben die Stimmung. 
"Damals waren die Töpfe rot", erinnert sich Mama. "Ich habe ein Foto davon gemacht."
Feinster Stuck überall in der Synagoge
Unsere Stadtführerin gibt ihr recht. 
Nun haben wir zweimal Fotos vom selben Ort - in rot und in blau.
Nach kurzen Stopps an Statuen illustrer Persönlichkeiten erreichen wir schließlich unser Hauptziel, die Mezquita-Moschee. 
Vor der Besichtigung bleibt uns etwas Zeit für eine Toiletten- und Shoppingpause. 
Es müssen sich erst alle Gruppen zusammenfinden, bevor wir geschlossen die "Moschee-Kathedrale" betreten können. 
In der Zwischenzeit fängt es doch an zu regnen. 
An Platz zum Aufspannen des zugeigenen Stockschirms fehlt es aber.
So zeichnen sich bereits Nässeflecken auf den Kapuzen ab, als wir die heiligen Hallen betreten. 
Weil ich seinen Schuh nicht gestreichelt habe,
werde ich wohl nie weise werden.
Mama erinnert sich, dass es damals, bei ihrem ersten Besuch, viel heller war. 
Damals drang das Licht von außen ungehindert durch die Fenster.
Heute sind sie mit Holzläden geschützt, die, kunstvoll durchbrochen, nur wenig Licht ins Innere lassen. 
Eine gewisse mystische Stimmung ist in diesem Symbol der Koexistenz der Religionen nicht zu verleugnen.
In unerwartet krassem Gegensatz zu der weißen, geradezu cleanen Kathedrale Granadas atmen Bögen, Gebetsnischen, Altäre, Decken ... in Córdobas bedeutendster Attraktion Geschichten, die sich an einem Tag gar nicht erfassen lassen. 
Mein Genick schmerzt vom vielen Hochschauen. 
Deko-Ideen auch für daheim.
Das Gießen muss man üben!
Die Unendlichkeit der Bogenkonstruktion fasziniert mich, und ich muss aufpassen, dass ich den Anschluss an unsere Gruppe nicht verliere. 
Inzwischen haben uns unsere amerikanischen Mitreisenden wieder verlassen und besichtigen die Anlage auf eigene Faust. 
Umso besser für unsere Führerin, denn nun muss sie nicht zwischen den Sprachen hin- und herspringen und kann sich voll auf uns konzentrieren. 
Zwischen Schlichtheit und Prunk verbringen wir etwas mehr als eine Stunde. 
Als wir das Haus verlassen, regnet es in Strömen.
Uns steht noch Freizeit zur Verfügung. 
Was aber tun bei diesem Wetter?
Nur knapp dreieinhalb Stunden Zeit blieb uns in Córdoba. 
Zu wenig  für diese interessante Stadt.
Mein Elan verlässt mich. 
Ich habe keine Lust, im Regen herumzurennen, Fotos zu schießen und pitschnass hechelnd am Treffpunkt anzukommen.
Hierher muss ich zurückkehren, nehme ich mir vor, aber wahrscheinlich ist das nur ein weiterer Punkt auf meiner so viele Reiseziele umfassenden Löffelliste.
Der Glockenturm der Mezquita
Mit unserer üblichen Gesellschaft setzen wir uns in aller Ruhe in ein Restaurant, trinken Wein und Kaffee und gönnen uns ein paar Tapas. 
In Córdoba wird heute gefeiert: in der Kathedrale eine Hochzeit, im Restaurant eine Taufe. 
Hier könnte ich stundenlang sitzen.
 
Ich verstehe, warum meine Mama diese Reise mit mir unternehmen wollte. 
Warum sie mir all das zeigen wollte. 
Ich weiß, dass ich all das auch mit meiner Familie teilen will. 
Einen Luxuszug brauche ich dazu aber nicht. 
Dieses Erlebnis gehört uns allein - mir und meiner Mama. 

Zum letzten Mal fährt uns Sergio zurück zum Zug. 
Innenansichten
Zum letzten Mal stützt er lächelnd meine Mama beim Aussteigen. 
Sie behauptet zwar, sein Griff sei federleicht, aber ich bin überzeugt, dass er uns im Stolperfall alle auffangen würde.
Es fühlt sich an, als verabschiedete man ein Familienmitglied. 
Zum letzten Mal steigen wir auch in den Al-Andalus. 
Unsere Kabine ist bereits aufgeräumt. 
Die Betten laden nicht mehr zum Schlafen ein. 
Die Koffer stehen bereit. 
Wir verstauen letzte Kleinigkeiten und gehen ein letztes Mal durch fünf Schlafwagen, den Salonwagen und den Barwagen nach vorn in den Restaurantwagen.
Auf der Fahrt wird das Mittagessen serviert. 
Ein letztes Mal vier Gänge.
Zu Hause werde das viele Fleisch nicht vermissen, aber das Lächeln des Teams, das immer auch die Augen erreicht. 
Gegen 16:15 erreichen wir Sevilla, wo unsere Reise am Montag begonnen hat.
Rezeption
Ein letztes Mal nehmen wir auf den rot bezogenen Sofas des Barwagens Platz, schießen ein letztes Foto. 
Dann geben wir unseren Schlüssel ab. 
Auf dem Bahnsteig warten wir auf unsere Koffer. 
Das komplette Team - zumindest der Rest, der nicht mit Koffertragen beschäftigt ist - steht zur Verabschiedung bereit. 
Händeschütteln, Umarmungen, Abschiedsworte in vier Sprachen ... eines der mitreisenden Mädchen sieht aus, als hätte es den schlimmsten Allergieanfall aller Zeiten. 
Meine Mama nimmt die Kleine in die Arme. 
Du lieber Himmel, jetzt schießt auch mir das Wasser in die Augen!
Eine Reise mit dem Al-Andalaus ist eben doch etwas Besonderes!

Eine knappe Stunde später checken wir wieder im NH Sevilla Viapol ein. 
Noch eine Nacht bleibt uns Andalusien erhalten, und nur weil ein Abenteuer beendet ist, heißt das ja nicht, dass uns nicht noch neue erwarten. 

**Ende des 6. Tages, aber daheim sind wir noch lange nicht**

Impressionen aus Córdoba:








Weil es regnet, verbringen wir die anschließende Freizeit bei Schinken und Wein.
Das letzte Mittagessen im Al-Andalus:

Entrée: eine schlichte Krokette
Erster Gang: ein Kartoffelsalat mit Ei und Garnelen auf Salatbett und mit Salatdach, dazu ein Spritzerchen Paprikajus
Fazit: sehr lecker und was zum Nachkochen
Hauptgang: gebratene Scheibe vom Stierschwanz mit Paprikaschaum
Laut Menükarte sollte es dazu gebratene Artischocken, aber die hat der Koch wohl vergessen.
Geschmackserlebnis: zartes Fleisch, allerdings viel unessbares Drumherum.
Paprikaschaum (von gerösteter Paprika für mehr Pepp) muss ich daheim mal probieren.
Zuhause folgt aber definitiv eine Fleischpause.
Ochsenschwanz und Co. brauche ich nicht unbedingt in meinem Alltag.
Nachtisch: Blätterteigstück mit Birne, dazu Vanilleeiscreme
Sehr lecker.

Samstag, 2. Mai 2015

Der Abschied steht bevor ...

Blick auf die Plaza mit Parador und Capilla
Stimmt nicht. 
Ich habe doch schon Heimweh gehabt. 
Damals auf unserer Kalifornientour, nur war es nicht so schlimm wie heute. 
Bei unserem üppigen Mittagessen beschleicht mich nämlich wieder eine seltsame Melancholie, und für einen Moment habe ich nicht übel Lust, den Tag nach dem Essen zu beenden. 
Unser Guide soll uns den ganzen Tag über begleiten und uns die Zwillingsstädte Baeza und Úbeda näherbringen. 
Ob es nun daran liegt, dass ihm das in Baeza nur mäßig gelungen ist, oder ob das Mittagessen eine ausgiebige Siesta fordert, nach dem Essen bin ich jedenfalls allein. 
Meine Mama, unsere Tischbekanntschaft und der gesamte Rest der deutschen Gruppe nimmt das Angebot an, zum Zug zurückzukehren. 
Da kann ich doch jetzt nicht auch noch kneifen! 
Kurzzeitig überlege ich allerdings, ob ich mich nicht einer anderen Gruppe anschließen soll - die Franzosen sind von ihrem Guide nämlich hin und weg. 

Palacio de Vázquez de Molina

Dann aber entschließe ich mich, doch mit unserem - nun meinem - Guide spazieren zu gehen. 
Und das klappt erstaunlich gut. So allein mit ihm wird der Rundgang zu einem kleinen Sprachkurs für ihn, und ich erfahre doch Einiges über die Gebäude, die ich zu sehen bekomme. 
Vor allem vor der  Sacra Capilla del Salvador kommen wir ins Plaudern, denn Juan Vázquez de Molina, nach dem der gesamte Platz benannt ist, hat sich, selbst nicht adlig, sondern "nur" Staatssekretär Philipps II., diese Kapelle als Familienkapelle und -ruhestätte errichten lassen, obwohl ihm ein solches Privileg standesgemäß gar nicht zustand. 
Kirche Santa María de los Reales Alcázares
Flugs ehelichte er, damals schon nicht mehr der Jüngste, wenn man die durchschnittliche Lebenserwartung im 16. Jh. bedenkt, ein adliges Mädchen, um sich das Kapellenbaurecht zu sichern. 
Steinreich wie er war - immerhin erhielt er als königlicher Sekretär einen Anteil an den wertvollen Schiffsladungen, die aus Amerika eintrafen (1 von 100 Schiffen) -, hatte die Familie der blutjungen Braut händereibend eingewilligt. 
Dass er aber dann doch stolze siebzig Lenze erreichen sollte, damit hatte man nicht gerechnet. 
Die Fertigstellung seiner Kapelle erlebte de Molina allerdings nicht.
Palacio de Vázquez de Molina
Wir verlieren uns in Fassadendetails, die ich hier endlich mal in Ruhe fotografieren kann. Christliche Motive hier, heidnische Motive da, römische Gottheiten, Wappenträger, Totenköpfe vom Stier, heroische Darstellung des Erbauers ...  
So eine Privatführung hat schon Vorteile!  
Eine Besichtigung des Interieurs hingegen ist nicht geplant und wohl zeitlich auch nicht zu schaffen, denn der nächste Programmpunkt ist Úbedas Wassersynagoge. 
Detail der Santa Maria de los Reales Alcázares
Deshalb bekomme ich auch die Eingangsseite der Kapelle nicht mehr zu sehen, weil wir uns durch die Gassen direkt zum nächsten Ziel bewegen.
Unscheinbar versteckt sich die Wassersynagoge in einem Gebäude, das von außen nichts anderes als ein Wohnhaus ist. 
Ihre Innenräume sind eng und klein, sodass wir zunächst warten müssen, bis die englische und französische Führung in den nächsten Raum vorgedrungen sind. 
Fotografiert werden darf hier leider nicht. 
Ich muss gestehen, dass ich zwar schon in einigen Moscheen und Kathedralen war, aber noch nie in einer Synagoge. 
Ich habe noch nicht einmal eine sinnvolle Begründung dafür. 
Ebenfalls Santa Maria de los
Reales Alcázares
Über Úbedas jüdische Geschichte ist wenig bekannt, außer, dass auch hier, wie in Andalusien üblich, Juden eine gewisse Zeit mit Christen und Moslems friedlich coexistierten. 
In Úbeda wohl aber in so geringer Zahl, dass es kein jüdisches Viertel gibt. 
Und so wurde die Synagoge auch erst im Zuge von Bauarbeiten entdeckt. 
Es förderte nämlich jemand einen Schmuckstein zu Tage, der dann den Stein ins Rollen brachte und Bauamt und Archäologen auf den Plan rief. 
Und dann war es Essig mit dem Plan, dort Ferienwohnungen zu errichten. 
Es wurde weiter ausgegraben, bis 2010 das Haus für Besucher zugänglich gemacht werden konnte. 
Mein Guide sieht mich besorgt an. 
Ein Tor der Capilla, aber nicht
der Eingang
Er meint, in der Synagoge sei es kalt. 
Meine kurzen Ärmel betrachtet er mit Skepsis. 
Dabei ist heute ein ausgesprochen warmer Tag. 
Bereits im Olivenmuseum habe ich die Jacke weggepackt. 
Auch Herkules schmückt die Capilla
Über den Raum des Inquisitors betreten wir das Haus - das mit der Inquisition muss ich mir noch mal genauer zu Gemüte führen -, müssen aber zunächst in die Lagerräume hinuntersteigen, um nicht mit den anderen Gruppen zu kollidieren. 
Riesige Amphoren sind in den Boden eingelassen und vermitteln ein Bild vergangener Lagerhaltung. 
Gottheiten im Portalbogen
Die Anlage ist so schmal und verwinkelt, dass ich unseren Weg kaum nachvollziehen kann. 
Schließlich stehen wir in dem Raum, dem die Synagoge wohl ihren Namen verdankt. 
Mein Privat-Guide erzählt mir, man habe hier unter Schutt Wasser vorgefunden. 
Der Versuch der Trockenlegung scheiterte. 
Und das gleich mehrfach.
Am nächsten Tag war das Wasser immer wieder da. 
Also grub man weiter und stieß dabei auf das rituelle Reinigungsbad. 
Detail an der Capilla
Offenbar bewegt sich unter dem Gebäude ein unterirdischer Bach. 
In den Grund unter der Synagoge sind Treppen eingehauen, die zu einem viereckigen Loch führen, in dem eine Person Platz findet, um die spirituelle Reinigung vorzunehmen. 
Dass in die Decke über mir eine verglaste Öffnung eingelassen ist, nehme ich noch gar nicht wahr bzw. ich schaue zielstrebig in die falsche Richtung, weil ich nicht kapiere, was mir mein Guide vermitteln will. 
Erst als wir hinauf in den Saal der Synagoge steigen, erkenne ich, dass man von dort hinab zum Bad schauen kann. Mehr noch, in der Tür zum Synagogensaal befand sich eine Öffnung, die das Sonnenlicht direkt hinunter zum Wasser leitete. Ein wenig Mystik umfängt mich. Auch ein Teil der zur Synagoge gehörenden Brunnen ist heute noch zu sehen, zwei davon noch mit Originalumrandung. 
Löwen hüten den Weg vom Palacio
Vázquez de Molina zur Santa-Maria-Kirche.
Ich mag solche kleinen Sehenswürdigkeiten abseits der Hauptstraßen. Leider finde ich auch hier keinen Führer auf Deutsch - erfreulicherweise hat die Synagoge aber einen mehrsprachigen Blog
Ein Türmchen der Capilla
Auf dem Rückweg trödeln wir ein bisschen. 
Wir haben noch Zeit, zwar nicht genug für die Capilla, aber doch für ein paar Ortsansichten, denn unser Bus wird extra vom Bahnhof zurückkehren und uns abholen. 
Also gibt es noch ein Denkmal hier, ein Anekdötchen da, und nebenbei erfahre ich noch was über die horrenden Flatratepreise, die meinen Guide in seinem Wohnort, der Provinzhauptstadt Jaén, aufgrund einer frechen Anbieterbindung davon abhalten, die neuen Sprachlern- und -übungsmethoden im Internet zu nutzen. 
Knapp achtzig Euro im Monat wollen auch erst einmal verdient werden! 
Als wir uns verabschieden, hat er eiskalte Hände. 
Spanier!
 
Es steht die letzte Nacht im Zug bevor. 
Während des Abendessens befinden wir uns bereits auf dem Weg nach Córdoba. 
Und alle Zeichen stehen auf Abschied. 
Obwohl noch eine Besichtigung in Córdoba geplant ist, ist die Reise so gut wie zu Ende. 
Deshalb soll Party gemacht werden. 
Es gibt Partyspielchen, wie eine Auslosung des "Sexiest passenger" und Polonäse, und Tanz. 
Meine Mama wagt ein Tänzchen, und ich springe erbleichend hinterher. 
Nur für den Fall, dass die künstliche Hüfte ... 
Brechend voll ist der Barwagen. 
Das Personal feiert mit - mit ordentlich Rhythmus im Blut.
Habe ich früher bei Pauschalreisen immer ordentlich den Altersdurchschnitt gedrückt, halte ich heute nicht durch. 
Mein Schulbusrhythmus eben. 
Kurz nach Mitternacht zieht es uns zu unserer Kabine und ein letztes Mal schlafen wir im Al-Andalus, der bereits in Córdoba eingetroffen ist, ein.

**Ende des 5. Tages**

Das Abendessen nach dem üppigen Mittagsmahl ist auch an diesem Tag wieder too much, aber köstlich:

Entrée: kaltes helles Tomatensüppchen - angenehm würzig
Erster Gang: Avocadocreme mit Thunfischtartar, obenauf ein Gurkenscheibchen und Salatblatt - eine super Kombination, aber viel zu nahrhaft nach dem deftigen Mittagessen
Hauptgang: Sirloin-Steak vom Kalb mit Kürbiscreme, dazu etwas gebratener Lauch und Rosmarinöl - super zart, und Kürbiscreme kommt jetzt auch auf meinen Speiseplan

Nachtisch: Apfelkompott mit Frischkäsemousse
... und weil es das letzte Abendessen war gab es für die Damen eine rote Nelke und für die Herren eine weiße. Wir haben sie nicht mitgenommen, sondern zu unserem Tischsträußchen ins Wasser gesteckt.





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